Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Corona-Lockdown - Der Schrecken der Leere

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Brexit-Drama - Es ist bald vorbei, ist es nicht?

  2. Corona - Wie lässt sich der Lockdown verhindern?

  3. Neue "Star Trek"-Staffel - Unendlich weiter?

1. Erst austreten, dann nachtreten

Der Brexit, diese unendliche Geschichte, die 2016 mit dem Austrittsbeschluss begann, steuert auf ein unschönes Ende zu: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson schwört sein Land auf einen harten Ausstieg ein: Sollte die EU ihren Ansatz in den Verhandlungen nicht grundlegend ändern, werde es einen Brexit ohne Handelsabkommen geben, sagte er heute.

Johnson polterte, die EU habe gut zehn Wochen vor dem Ende der Brexit-Übergangsphase offenkundig kein Interesse an einem Freihandelsabkommen wie mit Kanada. Er erwarte nun eine Beziehung wie mit Australien - also ohne Vertrag.

Es war ein Auftritt mit großer Geste nach tagelangem Hin und Her. Die EU und das Vereinigte Königreich hängen in der Schlussphase sehr komplizierter und sehr langwieriger Verhandlungen fest: Wenn Ihr nicht nachgebt, dann gehen wir eben, lautete Johnsons Botschaft. Allerdings hat er auch zuvor schon ein Ultimatum für eine Einigung gestellt. Es verstrich gestern ohne größere Konsequenzen.

2. Herbstgrauen

Beim Einkaufen heute in der Mittagspause nutzt eine Frau den Sicherheitsabstand hinter mir, um sich vorzudrängeln - eine Kinnträgerin, deren Maske im unteren Gesichtsfünftel hängt. Ich bitte Sie, Abstand zu halten. Eine andere Frau bittet sie, die Maske richtig aufzusetzen. Die Kinnträgerin sagt, sie sei Ärztin und informiere sich bei YouTube über die Pandemie. Immer aufgeregter wird sie: Wir steuerten auf eine Diktatur zu, wir müssten die Zahlen hinterfragen, Widerstand!

Auf solche Leute traf ich immer mal wieder in diesem Corona-Jahr. Was sich gerade ändert, so erlebe ich es, ist der Umgang mit den Kinnträgern und Masken-Muffeln: Bis vor wenigen Wochen hätten die meisten mit den Augen gerollt in einer ähnlichen Situation. Die Zahlen sind gut, ein paar Ignoranten hält man schon aus, das war die Stimmung. Jetzt schalten sich andere Kunden ein, die Lautstärke nimmt zu, es fallen Sätze wie: "Wäre ich der Ladenbesitzer, ich würde Ihnen Hausverbot erteilen."

Die zweite Welle türmt sich auf, diese Erkenntnis setzt sich durch. Und mit ihr wächst die Angst vor einem zweiten Shutdown, den niemand will. Im Alltag entladen sich Furcht und Frust, sie schlagen um in Gereiztheit und Wut. Auch in der Bundesregierung wächst die Sorge, hier ein paar Sätze von Kanzleramtschef Helge Braun aus den vergangenen Tagen:

  • "Die Vorsicht in der Bevölkerung muss insgesamt wieder steigen." (Vor gut einer Woche )

  • "In diesen Tagen entscheidet sich die Frage, ob wir in Deutschland die Kraft haben, den Anstieg der Infektionszahlen wieder zu stoppen." (Am Tag vor dem Corona-Gipfel im Kanzleramt)

  • Im Grunde müssten "alle mehr machen und vorsichtiger sein als das, was die Ministerpräsidenten gestern beschlossen haben". (Am Tag nach dem Corona-Gipfel)

  • "Wir tun im Augenblick nicht genug, um die Infektion unter Kontrolle zu halten." (Heute)

Braun hat vor seiner Politikkarriere als Arzt gearbeitet und weiß, wie wichtig Klarheit ist, damit eine Botschaft ankommt. Mein Kollege Martin Knobbe aus unserem Hauptstadtbüro beschreibt ihn als einen stets besonnenen Mann. "Wenn jemand wie Braun seinen Ton immer weiter verschärft, dann heißt das etwas", sagt Martin.

Um den Albtraum Lockdown geht es auch in der neuen SPIEGEL-Titelgeschichte , für die Kolleginnen und Kollegen aus fast allen Ressorts zusammengearbeitet haben. Wie konnte es dazu kommen, dass wieder ein Stillstand des Landes droht? Und welche Maßnahmen helfen im Kampf gegen die Pandemie?

3. Unendlich weiter

Wie jeder "Star Trek"-Fan weiß, verläuft 2020 noch ziemlich entspannt, jedenfalls verglichen mit dem, was noch kommt: In der Zeitrechnung der Science-Fiction-Serie bricht 2026 der Dritte Weltkrieg aus, er wird bis 2053 dauern. Zehn Jahre darauf wird es den ersten Kontakt geben zwischen Menschen und Außerirdischen - ein Schiff der Vulkanier landet auf der Erde. Damit geht alles los: die interstellare Raumfahrt, die Gründung der Sternenflotte und der Vereinten Föderation der Planeten. Aufbruch in die unendlichen Weiten, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen.

Nun erweist sich die Realität oft als deutlich freundlicher, als es sich die Drehbuchschreiber ausmalen (die "Eugenischen Kriege" von 1992 bis 1996 blieben jedenfalls aus). Allerdings gerät im "Star Trek"-Universum die Zeitlinie immer mal wieder durcheinander, was es bei 13 Kinofilmen und sieben Serien mit insgesamt Hunderten Folgen schwer macht, den Überblick zu behalten. (Bevor Sie eine Lesermail schreiben: Die beiden Zeichentrick-Serien und die für 2021 angekündigte Reihe "Strange New Worlds"  zählen für mich nicht.)

Jetzt startet die dritte Staffel von "Star Trek Discovery" bei Netflix (mehr über die Serie hier). Der Kniff: Commander Michael Burnham und ihre Crew reisen weit in die Zukunft, ins 32. Jahrhundert. Alles neu, kein Erzähl-Ballast: Unwahrscheinlich, hier irgendeinem Spock über den Weg zu laufen oder einer Ex-Geliebten von Commander Riker. Der Zeitsprung von 930 Jahren erlaubt es, nicht krampfhaft alte Geschichten weiterzuspinnen, sondern neue zu erfinden. Also auf in ein Jahrhundert, das noch nie ein "Star Trek"-Fan zuvor gesehen hat!

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Der eine punktet, der andere patzt: Statt auf gemeinsamer Bühne traten Donald Trump und Joe Biden bei konkurrierenden Veranstaltungen auf. Das Resultat war erhellend - doch nicht so, wie es sich der amtierende Präsident erhofft hatte.

  • Fukushima-Wasser soll ins Meer - wie gefährlich ist das? In Fukushima lagert seit Jahren verseuchtes Wasser, nun soll es ins Meer geleitet werden. Klingt verstrahlt. Doch das Problem ist ein anderes.

  • Sohn von mutmaßlichem Lübcke-Attentäter darf nicht zur Bundeswehr: Der Sohn des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübcke darf nicht bei der Bundeswehr antreten. Grund ist nach SPIEGEL-Informationen seine politische Gesinnung.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Gut und Börse

Ein Popsong, der sich auf den Rattenfänger von Hameln bezieht? Ein Musikvideo, in dem ein Nietzsche-Zitat an der Wand steht und das mehr als 600 Millionen Klicks einsammelt? Das sind nur zwei der Besonderheiten, die meinem Kollegen Jonas Lages begegnet sind, als er sich in die mir fremde Welt der südkoreanischen Boygroup BTS begeben hat.

BTS gilt derzeit als die größte Band der Welt. Im letzten Jahr machten sie 97 Prozent des Umsatzes ihrer Plattenfirma Big Hit Entertainment aus, der insgesamt bei rund 460 Millionen Euro lag. Die Firma legte am Donnerstag den größten Börsengang Südkoreas seit drei Jahren hin - mit einem Ausgabepreis von 100 Euro je Anteilsschein.

Jonas sagt: "Möglich gemacht hat das vor allem das innige Verhältnis der K-Pop-Männer zu ihren Fans." Die Botschaft der Band sei: Liebe dich selbst. "Und schon die Beatles, mit denen BTS nun gern verglichen werden, wussten ja: 'All you need is love.'"

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Hat sein Leben in der Hand: Der Moderator Klaas Heufer-Umlauf, 37, regelt so gut wie alles mit dem Mobiltelefon, wie er dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" sagte. "Ich organisiere mein ganzes Leben mit dem Handy. Meine Computer benutzte ich oft nur wie Schreibmaschinen", erzählt er. "Der Kalender sagt mir, wann ich wo hingehen muss, wen ich wann anrufen muss und sagt jeden Tag, was ich machen soll."

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Umgekehrt soll die Regel aber derzeit noch nicht gelten: Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern betont, Reisen ohne jegliche Isolatierung seien weiter zu risikoreich."

Cartoon des Tages: Große Einigkeit bei der Maskenpflicht!

Foto: Klaus Stuttmann

Und am Wochenende?

Könnten Sie wieder ein Experiment in der Küche unternehmen. Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die ihren Proviant im Zug in der ersten Stunde aufgegessen haben - egal, wie lang die Reise noch dauert. Unsere Köchin Verena Lugert saß sehr lange im Zug: Drei Tage und 16 Stunden fuhr sie mit der Transibirischen Eisenbahn von Moskau bis nach Irkutsk in Sibirien, im Gepäck ein paar Äpfel.

Am Abend des zweiten Tages war der Speisewagen leergekauft - nur Wodka hätte Verena Lugert noch ordern können. Als sie am Irkutsker Bahnhof ausstieg, war ihr minutenlang schwindlig vor Hunger.

Sie landete schließlich im dunkelgrünen Samtsessel eines Restaurants und bestellte Pelmeni, die kleinen sibirischen Fleischtäschchen, übergoss sie mit Butter, löffelte Saure Sahne drauf, schob die Pelmeni in den Mund, drückte sie an den Gaumen, bis sie platzten. "Ich weiß nicht, wann mir jemals ein Essen wieder so unglaublich gut geschmeckt hat", sagt sie. Hier ist ihr Rezept.

Mit Schmand und Verstand

Mit Schmand und Verstand

Foto: Helga Lugert / I LOVE FOOD

In diesem Sinne: Mut zum Teigling!

Ihnen ein schönes Wochenende. Am Montag und Dienstag schreibt hier meine Kollegin Patricia Dreyer.

Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

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