Anna Clauß

Die Lage am Abend Tausche Sport-Star gegen Waffenhändler

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Leiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Freigelassene Griner und But – was ist über den Austausch bekannt?

  2. Maskenpflicht in Bus und Bahn – wer blickt noch durch?

  3. WM in Katar – gehören tote Arbeiter auf Baustellen zum natürlichen Lauf des Lebens?

1. Ein ungleicher Tausch

Im ersten Moment klingt es wie eine gute Nachricht: Russland hat heute die seit Februar inhaftierte US-Basketballerin Brittney Griner freigelassen. »Sie ist in Sicherheit. Sie sitzt in einem Flugzeug. Sie ist auf dem Weg nach Hause«, schrieb US-Präsident Joe Biden bei Twitter.

Die weniger gute Nachricht: Gleichzeitig mit Griner kam ein Mann auf freien Fuß, der den Spitznamen »Händler des Todes« trägt. Das russische Außenministerium bestätigte, dass sich der russische Waffenhändler Wiktor But, der bislang in einem US-Gefängnis eine 25-jährige Freiheitsstrafe absaß, wieder in Russland befindet.

Es ist ein ungleicher Gefangenenaustausch: Griner hatte bei ihrer Festnahme am Moskauer Flughafen Scheremetjewo Cannabisöl dabei und beteuert, es sei ihr ärztlich gegen Schmerzen verschrieben worden, außerdem ist es in ihrem US-Heimatstaat Arizona legal. But ist ein Krimineller mit Verbindungen zu internationalen Terrorgruppen und womöglich Geheimdiensten.

Neun Jahre Haft in einer Strafkolonie für eine Sportlerin, die Vape-Kartuschen mit geringen Mengen Cannabisöl im Gepäck mitführte? Leider wurde dieses offensichtliche Unrecht heute noch übertroffen von einer unmenschlichen Urteilsvollstreckung aus Iran. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Irna ist erstmals seit Beginn der Massenproteste vor annähernd drei Monaten ein Demonstrant hingerichtet worden.

Sein Name ist Mohsen Shekari. Er wurde 23 Jahre alt. Sein Vergehen gemäß der Rechtsauffassung eines islamischen Revolutionsgerichts: »Kriegsführung gegen Gott«. Schwer vorstellbar nach Nachrichten wie diesen, dass es einen gerechten Gott überhaupt irgendwo gibt.

2. Der gesunde Menschenverstand

Sachsen-Anhalt ist das erste Bundesland, in dem ab heute die Maskenpflicht im Öffentlichen Nahverkehr entfällt. Bayern zieht ab Samstag nach. Keine Ahnung, was gilt, wenn ich nächste Woche mit der Münchner S-Bahn ins Büro fahren will. In den Zügen der Deutschen Bahn herrscht überregional, soweit ich weiß, noch Maskenpflicht und die Münchner S-Bahn wird, soweit ich weiß, von der Deutschen Bahn betrieben.

Das unübersichtliche und nervige Wirrwarr ums Masketragen wäre ein gutes Thema, das heute auf der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin hätte besprochen werden können. Die Länderchefinnen und -chefs wollen offenbar aber vor allem über die Energiekrise und die Folgen des Kriegs in der Ukraine beraten. Was, zugegeben, wichtiger ist, als zum tausendsten Mal vergeblich um ein einheitliches Vorgehen gegen Corona zu ringen. Schon am Montag konnten sich die Gesundheitsminister der Länder nicht auf eine Linie bei Maskenpflicht und Isolationsrichtlinien einigen.

Vermutlich werde ich beim Betreten der nächsten S-Bahn einfach mein Gehirn einschalten, statt auf klare Ansagen aus der Politik zu warten. Mein Verstand sagt eindeutig: Maske auf! Zum Beispiel, wenn ich Meldungen wie diese lese, dass die Zahl der akuten Atemwegsinfekte derzeit ungewöhnlich hoch sei.

Viele Kinderpraxen und Kinderstationen sind überfüllt. Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) sorgt für eine enorme Infektionswelle; die seit Jahren unterfinanzierten und durch Personalmangel unterbesetzten Kinderkliniken sind am Limit.

Wenn ich auch nur ein bisschen dazu beitragen kann, die aktuell hohe Infektionslast in der Bevölkerung vielleicht ein bisschen zu senken, indem ich in vollen Zügen, Bussen, Bahnen oder Fliegern eine Maske trage, dann tue ich das. Der gesunde Menschenverstand ist, richtig angewandt, jeder Coronaverordnung überlegen.

3. Natürlicher Teil des Lebens

Die K.-o.-Runde der Weltmeisterschaft in Katar ist in vollem Gange – lesen Sie hier den Favoritencheck vor dem Viertelfinale . Getrübt wird die Fußballbegeisterung allerdings durch einen weiteren Todesfall im Umfeld der WM. Wie die Fifa bestätigt, ist ein Arbeiter auf der Baustelle eines Teamhotels ums Leben gekommen.

WM-Cheforganisator Nasser Al-Khater äußerte sein Bedauern, zeigte sich aber auch verärgert über die Berichterstattung.

»Ich meine, der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, sei es bei der Arbeit oder im Schlaf. Natürlich ist ein Arbeiter gestorben. Unser Beileid geht an seine Familie. Aber ich meine, es ist schon seltsam, dass Sie sich bei Ihrer ersten Frage darauf konzentrieren wollen.«

»Katar kompakt«-Kolumnist Felix Dachsel hat gestern, am spielfreien Tag, die WM boykottiert:

Noch trauriger als diese WM sind spielfreie Tage bei dieser WM. Ich saß im Hotel und schaute »Morgenmagazin«. Der Moderator stand mit Olaf Thon, unserem Weltmeister von 1990, im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Im Hintergrund hatte man Palmen und lustige Sessel aufgestellt. Es sah alles exakt so aus wie bei einer Weihnachtsfeier, bei der die Kolleginnen der Personalabteilung mal etwas Neues ausprobieren wollten. Es fehlten nur lustige Sonnenbrillen und ein Fotoautomat. Ich saß auf dem Bett und fühlte mich wie Bill Murray, aber ich war nur ich, und das Hotel war das Intercity-Hotel.

Der »Morgenmagazin«-Moderator sprach jetzt mit gesenktem Mikrofon auf Englisch mit einem Musiker, der eingeladen war. Er zeigte auf Olaf Thon und sagte: »Champion«. Es ist gekonnte und ich denke gewollte Ironie, dass die ARD ihre WM-Berichterstattung aus einem Museum sendet. Es kam noch ein kurzer Film aus Brasilien, in Brasilien schauen sie bei 38 Grad Fußball, in Badehose.

Ich scrolle durch die Fußballnachrichten aus dem deutschen Winter. Flick bleibt Bundestrainer, Thomas Müller denkt an Rücktritt (ich dachte, er ist schon zurückgetreten?), Fredi Bobic fordert irgendwas vom DFB. Jetzt sitze ich in meinem Büro beim SPIEGEL, draußen bietet der Dezember eine Mischung aus Regen und Schnee an. Morgen spielt Messi, immerhin.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Bürger müssen sich auf Verspätungen bei Steuerbescheiden einstellen: Die Entlastungspakete der Ampelkoalition bescheren der Verwaltung viel Arbeit. Besonders betroffen sind die Finanzämter – der Steuer-Gewerkschaft zufolge werden das die Bürger schon bald spüren.

  • Ehemaliger Theranos-Manager muss fast 13 Jahre ins Gefängnis: Elizabeth Holmes’ Bluttests sollten die Gesundheitsbranche revolutionieren, entpuppten sich jedoch als Betrug. Nun muss auch ihr einstiger Geschäftspartner Ramesh »Sunny« Balwani in Haft – länger als sie.

  • Klimaaktivisten blockieren Start- und Landebahn am Münchner Flughafen: Eine der beiden Landebahnen in München war zeitweise dicht, weil Vertreter der »Letzten Generation« sich ans Rollfeld geklebt hatten. Nun sind sie in Gewahrsam. Auch am Berliner Airport BER drangen Aktivisten aufs Gelände vor.

  • Bundestag sperrt verhaftete Ex-AfD-Abgeordnete aus: Die frühere AfD-Bundestagsabgeordnete und Richterin Birgit Malsack-Winkemann darf den Bundestag nicht mehr betreten. Dass sie bis zum Mittwoch überhaupt noch einen Hausausweis besaß, war wohl kein Zufall .

Meine Lieblingsgeschichte heute: Adventskalenderitis

Dieses Jahr ist eingetreten, was Elternkolumnistin Judith Horchert immer verhindern wollte: »Mein Kind besitzt drei Adventskalender, in unserem Haushalt gibt es vier weitere.« Wie konnte es so weit kommen?  Eigentlich wollte Judith vermeiden, »dass sich die Zahl der Türchen und damit auch der Erwartungen immer höher schraubt«. Dass Kleinigkeiten nicht mehr geschätzt werden. Dass die gespannte Vorfreude auf die verheißungsvollen Päckchen verblasst, weil morgens erst mal mehrere Adventskalender »abgearbeitet« werden müssen.

Ein harmloser Countdown zum Fest hat sich nicht nur in ihrer Familie zu einer Art Adventskalenderitis entwickelt: Lakritzkalender, Gewürzkalender, Teekalender, Sektkalender, Nagellackkalender, Spielzeugkalender, Sexspielzeugkalender, Chipskalender, Whiskeykalender, Rätselkalender, Werkzeugkalender, Nusskalender, Hustenbonbonkalender, Rubbelloskalender, Parfumkalender, Edelsteinkalender.

»Vielleicht bringe ich nächstes Jahr ein eigenes Modell auf den Markt: den Wohlstandsverwahrlosungsadventskalender. Falls das Wort auf die Verpackung passt«, schreibt Judith. 168 Türchen werden in ihrer Familie bis Weihnachten geöffnet. Das sei zwar pervers, aber sie weiß natürlich: »Wir können uns glücklich schätzen. Oder, wie mein Vater früher zu sagen pflegte: Na, wenn das unsere einzigen Sorgen sind!«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Warum wir uns im Job mit den falschen Leuten umgeben: Berufliche Beziehungen sind wichtig. Aber zwei Forscher haben herausgefunden: Wir knüpfen meist Netzwerke, die unsere Leistung eher mindern als mehren. Warum das so ist und wie es anders geht, lesen Sie hier.

  • Wie Asylsuchende in der EU willkürlich inhaftiert werden: Container, Kastenwagen, eine Baracke: Grenzschützer in mehreren EU-Staaten sperren Migranten in inoffizielle Haftstätten – das zeigen Recherchen des SPIEGEL und seiner Partner. Fotos und Videos belegen die illegale Praxis .

  • Der Bundeshaushalt wird woke: Finanzminister Lindner trimmt den Bundesetat auf fortschrittlich. Künftig will er besonders darauf achten, dass die Ausgaben der Regierung Nachhaltigkeitsziele befördern. Was ist sein Plan? 

  • »Wir müssen präzise und schnell sein, das geht nicht analog«: Die Digitalisierung in Deutschland kommt nur schleppend voran, Volker Wissing sieht einen Grund im mangelnden Veränderungswillen vieler Bürger und Behörden. Was die Ukraine besser macht .

  • Mutmaßliche Rechtsterroristen wollten weitere Soldaten und Polizisten rekrutieren: Die mutmaßliche »Reichsbürger«-Terrorgruppe hat nach SPIEGEL-Information um die Unterstützung weiterer Soldaten und Polizisten geworben. Bei ihrem Großeinsatz fanden Ermittler zudem große Mengen an Waffen und Bargeld .

Was heute weniger wichtig ist

Theron-Theorie: Die Kinder von Charlize Theron, 47, hadern offenbar mitunter mit dem Job ihrer Mutter. »Sie denken: Wir wissen, dass du arbeitest, aber wir wissen nicht zu hundert Prozent, was du tust«, sagte die in Südafrika geborene Theron in einem Gespräch mit dem »Hollywood Reporter«  über die sieben und zehn Jahre alten Mädchen. Ihre jüngere Tochter gehe etwa davon aus, dass sie nicht in der Lage sei, einen festen Job zu behalten. Die ältere Tochter wiederum weise sie beim Anblick ihrer Werbeplakate zurecht. »Wir laufen durch einen Flughafen, und sie sagt: ›Oh mein Gott, du bist auf einer verdammten Wand ohne Oberteil, Mama. Das ist so peinlich. Zieh ein Shirt an!‹«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Gutachterinnen haben die Studienlage geprüft und ausgewertet, wie gut der Nutzer einzelner Wirkstoffe und Präparate ist, und welche Risiken womöglich damit verbunden sind.« 

Cartoon des Tages: Katastrophenwarntag

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie die ersten drei Folgen der sechsteiligen Dokureihe »Harry & Meghan« gucken, die seit heute Morgen beim Streamingdienst Netflix verfügbar sind. Auch wenn TV- und Royal-Kennerin Anja Rützel das Ergebnis »seifig«  findet.

Am Ende bleibe vor allem im Gedächtnis, wie oft Harry betont, Meghan »beschützen« zu wollen – vor den Elefanten beim Zelten in Botswana genauso wie vor der Presse. »Zusammen mit den reichlich eingewobenen Diana-Bezügen wirkt das, als sei er gefangen in einem echten Trauma; als sehe er in Meghan eine zweite Chance, seine Mutter zu retten.«

Warum er diese Geschichte ausgerechnet auf der Plattform erzählt, die das traurige Leben seiner Mutter in dem Serien-Megaerfolg »The Crown«  gerade als Unterhaltung aufarbeitet, man kann auch sagen ausschlachtet, bleibe unklar. Rützel: »Eventuell hat es mit sehr viel Geld zu tun.«

Einen schönen Abend wünscht
Ihre Anna Clauß

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