Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Mit deutscher Gründlichkeit im Stich gelassen

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Afghanistan – Warum neue bürokratische Hürden für Ortskräfte?

  2. NSU-Urteile – Bleibt es bei der Höchststrafe für Beate Zschäpe?

  3. Verkehrswende um 360 Grad – Warum steigen so viele Bahnfahrer aufs Auto um?

1. Gefährliche Bürokratie

Selbst in größter Not errichtet die deutsche Bürokratie neue Hürden bei der Rettung von Ortskräften aus Afghanistan – entgegen den Versprechen der Bundesregierung. So wollen die Entwicklungshelfer von der GIZ die erwachsenen Söhne ihrer Mitarbeiter nicht ausfliegen – sondern nur die sogenannte Kernfamilie. Dazu zählen sie die Ehefrau oder den Ehemann und minderjährige Kinder sowie »unverheiratete Töchter«, wie mein Kollege Maximilian Popp aus unserem Auslandsressort berichtet. Weitere Ausnahmen lässt die GIZ demnach nicht zu.

Die Organisation ist zwar als privatwirtschaftliches Unternehmen im Handelsregister eingetragen, arbeitet jedoch fast ausschließlich für deutsche Ministerien, allen voran für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Jetzt stehen Mütter und Väter, die der GIZ geholfen haben, vor der Wahl: Lasse ich meine volljährigen Söhne zurück, oder bleibe ich in Afghanistan und riskiere unser aller Leben? Natürlich muss bei so einer Rettungsoperation entschieden werden, wer mitfliegen darf und wer nicht. Natürlich wird irgendwo irgendwer schwierige Entscheidungen treffen müssen. Aber nach all den Fehleinschätzungen der vergangenen Wochen, nach all den Verzögerungen, nach all der organisierten Verantwortungslosigkeit im Umgang mit den afghanischen Helfern, nach all dem wäre deutlich mehr Großherzigkeit angebracht. Max sagt: »Offenbar hat die Bundesregierung nichts aus den Fehlern der vergangenen Wochen gelernt – das ist unverzeihlich.« (Wer was wann wusste und wer versagte, lesen Sie hier in der großen Rekonstruktion .)

Der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach wird das Zitat zugeschrieben: »Viele Leute glauben, wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben, brauchen sie ihn nicht mehr abzulegen.« Im Fall von Afghanistan könnte das Menschenleben kosten.

2. Zschäpes Höchststrafe

Die Rechtsterroristin Beate Zschäpe bleibt im Gefängnis – der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen sie heute bestätigt. Für Zschäpe war es wohl die letzte Chance, der lebenslangen Freiheitsstrafe zu entgehen. Verurteilt worden war sie als Mittäterin des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU), schuldig gesprochen des Mordes an zehn Menschen; die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Höchststrafe in Deutschland.

Zschäpes Anwälte sind enttäuscht, die Hinterbliebenen der Opfer reagierten erleichtert. Das Urteil ist jetzt rechtskräftig – 21 Jahre nach dem Mord an Enver Simsek, dem ersten Opfer des NSU, und fast zehn Jahre nach der Enttarnung seiner Mörder. »Der BGH beendet damit die juristische Aufarbeitung einer der widerwärtigsten Verbrechensserien der Republik«, sagt meine Kollegin Julia Jüttner. »Für die vielen Menschen, denen der NSU Leid zugefügt hat, mag es ein wichtiger Tag sein. Auch weil es gegen den wichtigsten Helfer André E., einen überzeugten Nationalsozialisten, noch eine Hauptverhandlung geben soll.« Aber echte Aufklärung – auch darüber, inwieweit die deutschen Sicherheitsbehörden an den Taten der Terrorzelle mitgewirkt haben könnten – kann jetzt nur noch eine leisten: Beate Zschäpe selbst. Sie teilte ihr Leben 14 Jahre lang im Untergrund mit den Männern, die Enver Simsek ermordeten und nach ihm neun weitere Menschen. Aus purem Hass.

3. Verkehrswende um 360 Grad

Unzählige Bus- und Bahnkunden haben sich in der Pandemie vom Nahverkehr verabschiedet und fahren mit dem Auto, zeigt eine neue Studie. Doch die Krise des Nahverkehrs geht weit über Corona hinaus, wie mein Kollege Felix Wadewitz aus unserem Mobilitätsressort berichtet. Die Verkehrswende insgesamt sei in Gefahr.

Als ich den Text lese, fühle ich mich ein bisschen ertappt. Vor der Pandemie kam ich ganz ohne Auto aus; die Anschaffung des Lastenrads war die größte Investition in die familiäre Mobilität. Doch im Lockdown wurde auch ich zum Auto-Abonnenten, was sich zumindest günstiger und nachhaltiger anfühlte als Kauf oder Leasing. Ist aber wahrscheinlich Quatsch. (Mehr zu Vor- und Nachteilen von Auto-Abos finden Sie hier.)

Ein bisschen moralische Selbstentlastung macht sich bei der weiteren Lektüre von Felix' Bericht breit: Offenbar lässt sich die Verkehrswende um 360 Grad nicht nur mit Corona erklären – sondern auch mit dem schlechten Angebot. Im Lockdown stieg nur ein Drittel von Bus und Bahn ins Auto um, im Frühjahr 2021 war es schon die Hälfte. Die Studie attestiert dem ÖPNV eine »strukturelle Krise«. »Dass viele Befragte den Nahverkehr aufgrund von Covid-19 meiden, ist nur die Hälfte der Wahrheit«, schreiben die Wissenschaftler. »Zur Wahrheit gehört, dass die fehlende Flexibilität und mangelnde Produktqualität starke Motive sind, den ÖPNV zu meiden.«

So fällt es den Anbietern bislang schwer, sich auf die – auch durch die Pandemie – veränderte Arbeitswelt einzustellen. Wer morgens im Homeoffice arbeitet und erst nachmittags ins Büro fahren will, bemerkt schnell, wie selten die Bahn außerhalb der Stoßzeiten vielerorts kommt. Und mittlerweile muss man, Verzeihung, billige Eigenwerbung, beim Autofahren nicht einmal mehr auf den SPIEGEL verzichten – fast alle Texte gibt es zum Hören. Seit dieser Woche auch die Lage-Newsletter. (Alle Vorteile eines SPIEGEL+-Abos finden Sie hier.)

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Ich lebe unter Polizeischutz – weil ich über Neofaschisten schreibe«: Er wird täglich bedroht: Der italienische Journalist Paolo Berizzi muss wegen seiner Recherchen in der rechten Szene von Leibwächtern beschützt werden. Hier erzählt er, warum er trotzdem weitermacht.

  • »Ich erlebe unsere Zeit als ziemlich unfrei«: Der Musiker, Schauspieler und Kabarettist Helge Schneider über seinen viel diskutierten Konzertabbruch, sein neues Album und die Frage, wie sich die Gesellschaft verändert hat. 

  • Ganz anders als die Champions League – und deshalb gut: Union Berlin steigt am Abend in die neue Conference League ein. Der Wettbewerb soll dem europäischen Fußball-Verband noch mehr TV-Geld bescheren, aber er ist auch etwas für Nostalgiker.

  • Sieben Städte, sieben Überraschungen: Noch ein paar Urlaubs- oder Ferientage übrig? Hier sind unsere gesammelten Ausflugstipps rund um sieben deutsche Städteziele – für Familien, Radler, Paddlerinnen, Wanderer und Naturfans. 

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

Evan Agostini / AP

  • Star-Nachwuchs: Die Schauspielerin Scarlett Johansson, 36, und ihr Mann, der Schauspieler und Komödiant, Colin Jost, 39, sind Eltern geworden. Für die Geburtsanzeige nutzte der Vater, wie es unter Prominenten und weniger Prominenten üblich ist, natürlich Instagram, allerdings, was eher unüblich ist, ohne ein Babyfoto zu veröffentlichen, sondern nur einen Schriftzug: »Ok ok, wir haben ein Baby bekommen. Sein Name ist Cosmo. Wir lieben ihn sehr.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Neuseeland lässt die 12- bis 15-Jährige impfen.«

Cartoon des Tages: Umfragewerte

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meiner Kollegin Hannah Pilarczyk folgen und »Promising Young Woman« anschauen, der heute in den Kinos anläuft. In dem Film kämpft Carey Mulligan gegen übergriffige Männer – mit ungewöhnlichen Methoden und herrlich boshaftem Humor.

»›Promising Young Woman‹ ist teils Thriller, teils schwarzhumorige Komödie – und teils Romanze«, schreibt Hannah. Im April gab es dafür den Oscar für das beste Originaldrehbuch. »Ein hochverdienter Preis und ein richtungweisender«, findet Hannah, denn der Film »befragt mit den Mitteln des Kinos das Kino selbst und die Rolle, die es beim Verharmlosen von Sexismus und Gewalt gespielt hat«. (Hier  mehr)

Ihnen einen erkenntnisreichen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.