Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Verstörung der CDU

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Union in der Krise – Was hilft bei schwarzem Filz?

  2. Internet im ICE – Schafft die Bahn den Anschluss

  3. Netflix-Gemeinschaften – Teilen Sie Ihr Passwort noch?

1. Black out

Zur Morgenroutine gehört bei vielen der Blick auf die aktuellen Coronazahlen und Pandemiemeldungen: Ist die Inzidenz wieder gestiegen? (Heute: ja.) Sieht RKI-Chef Wieler uns am Beginn einer dritten Welle? (Heute: ja.) Gibt es neue Lieferprobleme bei den Impfstoffen? (Heute: ja.)

Diese Woche gesellte sich der Blick in die Politikschlagzeilen dazu: Wieder ein Abgeordneter unangenehm aufgefallen? Einer zurückgetreten? Zum Start ins Superwahljahr produzieren CDU und CSU ihren größten Skandal seit 20 Jahren. Die neue SPIEGEL-Titelgeschichte »Schwarzer Filz« schildert, wie es so weit kommen konnte und wie der neue Parteichef Armin Laschet droht, in den Affärenstrudel zu geraten. (Hier entlang, bitte .)

Heute um 18 Uhr endete die Frist der Unionsfraktionsspitze im Bundestag: Alle Abgeordneten von CDU und CSU sollten bis dahin schriftlich versichern, sich nicht an Maskengeschäften bereichert zu haben. Alle haben unterschrieben. Eine solche Eh­ren­er­klä­rung könne man nur als Far­ce be­zeich­nen, findet meine Kollegin Christiane Hoffmann aus unserem Hauptstadtbüro. »Sie ist si­cher nicht ge­eig­net, ver­lo­re­nes Ver­trau­en in die Re­gie­rungs­par­tei wie­der­her­zu­stel­len.« Die de­mons­tra­ti­ve Ent­rüs­tung füh­ren­der Uni­ons­po­li­ti­ker habe et­was Schein­hei­li­ges, »so­lan­ge alle Be­mü­hun­gen, Ne­ben­tä­tig­kei­ten und Lob­by­kon­tak­te voll­stän­dig of­fen­zu­le­gen, von der Uni­on blo­ckiert wer­den«. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Union ihre Routinen umstellt.

2. Lok-Down

Zur Morgenroutine gehört bei uns in der Redaktionskonferenz meist ein kurzer Rückblick aufs eigene Tun: Hatten wir alle wichtigen Nachrichten? Waren die Schlagzeilen angemessen? Wo sah die Konkurrenz besser aus als wir? Vor ein paar Tagen fiel die Sitekritik jedoch aus: Der Kollege, der dran gewesen wäre, hatte sich über das WLAN im ICE eingewählt.

Die kleine Störung im Betriebsablauf war für uns nicht weiter schlimm. Bei der Bahn steht die wackelige Internetanbindung für: Der Konzern bekommt's einfach nicht hin. Schon vor der Coronakrise steckte er in der Krise, in der Pandemie fehlen auch noch die Fahrgäste – Endstation Schuldenfalle.

»Jetzt tritt die Bahn die Flucht nach vorn an«, sagt mein Kollege Gerald Traufetter. Noch sind ihre Züge leer, doch ab Juni will sie den XXL-ICE auf die Strecke schicken, einen ICE mit 13 statt 12 Waggons (Abergläubige zurückbleiben, bitte!). Gerald hat den Zug in Berlin-Rummelsburg besichtigt, 374 Meter, 918 Sitzplätze. Zu groß für die meisten Werkhallen; die sollen jetzt ausgebaut werden. »Der Clou aber sind die neuartigen Antennen, mit denen endlich das Bandbreitenproblem gelöst werden soll«, sagt Gerald. Das leidige Verspätungsthema könnte sich dann auch erledigen: »Wenn die Leute im Zug arbeiten oder Filme streamen können, dann ist ihnen vielleicht egal, ob sie etwas später ankommen. Ein Kalkül, das aufgehen könnte«, sagt Gerald.

3. Weg, Schauer!

Zur Abendroutine gehört für viele der Blick ins Netflix-Programm: Irgendwas dabei, was ich noch nicht kenne? Manche Nutzerinnen und Nutzer dürften allerdings um ihren Seriennachschub bangen – jedenfalls die, die sich einen Zugang teilen. Nach dem Motto: »18 Euro pro Monat sind viel Geld – es sei denn, wir teilen uns das.«

Denn Netflix hat angefangen, im Rahmen eines angeblich kleinen »Tests«, manche Zuschauer offensiv darauf hinzuweisen, dass Accounts nur innerhalb eines Haushalts geteilt werden dürfen, WG okay, Wohnheim nicht. Bislang hatte das weder die Nutzer, noch Netflix groß interessiert. Jetzt scheint der Dienst nicht mehr, gnihi, zuschauen zu wollen.

»Vermutlich hofft das Unternehmen, dass manche Mitschauer kalte Füße bekommen und eigene Abos abschließen«, sagt mein Kollege Markus Böhm aus unserem Netzwelt-Ressort. Dafür spricht: Netflix bittet Betroffene des Tests denkbar nett vor die Tür, wenn sie ihre Verbindung zum Accountinhaber nicht nachweisen wollen oder können – mit einem kostenlosen Probemonat, den der Dienst sonst nicht mehr anbietet.

Einen Tweet, wie ihn der offizielle Account einst absetzte, wird es wohl von dem Streamingdienst nicht mehr geben: »Liebe ist es, ein Passwort zu teilen.«

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Deutsche Ölimporte aus den USA steigen um 76 Prozent: Die Vereinigten Staaten sind in den vergangenen Jahren zur größten Ölmacht der Welt aufgestiegen. Für Deutschland sind sie mittlerweile der drittwichtigste Lieferant.

  • Infektionen bei Kindern und Jugendlichen steigen »sehr rasant« an: Die Inzidenz unter Kindern explodiert, bei einem Ausbruch sind mehr von ihnen betroffen – RKI-Chef Wieler bezeichnete eine Schließung von Krippen und Schulen als »guten Weg« für den Infektionsschutz.

  • Rätsel um Verbleib Nawalnys: Alexej Nawalny ist nach Angaben seiner Anwälte erneut verlegt worden. Über seinen aktuellen Haftort schweigen die russischen Behörden. Nun fordern seine Anhänger eine Ausweitung der Sanktionen – auch gegen Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Nach ihm die Sinnflut

Abiturarbeiten

Abiturarbeiten

Foto: Christina Stohn / DER SPIEGEL

Gute Lehrerinnen und Lehrer, das gilt für die Schule wie das Berufsleben, verstehen sich darauf, eine gewisse Ehrfurcht zu erzeugen. Neulich schrieb mir mein Kollege Martin Doerry: »Bitte verzeihen Sie meine Mäkelei, ich habe Urlaub und vielleicht ein bisschen zu viel Zeit: Im ersten Satz Ihres Abend-Briefings schreiben Sie ›gerade Mal‹. Es muss aber heißen ›gerade mal‹.« Da saß ich schnell wieder sehr gerade am Schreibtisch, um den Fehler zu korrigieren.

Seine erste SPIEGEL-Titelgeschichte schrieb Martin Doerry im April 1988: »Tollhaus Schule« lautete die Überschrift auf dem Cover, es ging um Unterrichtsstörungen in deutschen Klassenzimmern. Später arbeitete er als Kultur- und Politikressortleiter, 16 Jahre lang war er stellvertretender Chefredakteur. Nun, wenige Tage vor seinem Ruhestand, erscheint sein vorerst letzter Text.

Diesmal geht es um die Probleme deutscher Schülerinnen und Schüler mit der Rechtschreibung. Ein Zufallsfund von alten Abiklausuren auf dem Dachboden eines Gymnasiums in Gaienhofen am Bodensee stand am Anfang seiner Recherchen. Die Schule gab ihm die Möglichkeit, die Arbeiten aus den Achtzigerjahren mit aktuellen Prüfungstexten zu vergleichen. »Die jungen Leute machen heute leider deutlich mehr Fehler«, sagt Doerry, »andererseits besitzen sie digitale Kompetenzen, von denen frühere Generationen nur träumen konnten.«

In seiner Geschichte lässt er dann auch noch einen Schulleiter zu Wort kommen: »Wenn ich ständig in den großen Zeitungen und Magazinen Fehler finde, dann denke ich mir, man möge bitte bei den Schülern keine anderen Maßstäbe anlegen als bei Redakteuren oder Journalisten.« Wen er nur meint?

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Lass uns Strip-Poker spielen«: Die Vorwürfe gegen Andrew Cuomo verdichten sich. Immer mehr Frauen beschuldigen den Gouverneur von New York der sexuellen Belästigung. Nun droht ihm ein Impeachment – durch die eigenen Demokraten .

  • Bistum Essen musste mehr als fünf Millionen Euro ans Finanzamt nachzahlen: Fehlerhafte Steuererklärungen, vernichtete Belege: Im Bistum Essen herrschte über Jahre finanzielles Chaos. Das geht aus einem internen Bericht hervor, der dem SPIEGEL vorliegt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt .

  • Hoch im Westen: Der VfL Bochum träumt nach elf Jahren in der Zweitklassigkeit von der Rückkehr in die 1. Bundesliga. Wie ein Verein versucht, sich zwischen Corona und Kommerz treu zu bleiben .

  • »Ich rate Eltern, ganz früh Taschengeld zu geben«: Stefanie Kühn ist Finanzberaterin, ihre 15-jährige Tochter Silvi erklärt in YouTube-Videos ETFs, Aktien und Rendite. Hier sprechen die beiden darüber, wie Kinder am besten lernen, mit Geld umzugehen .

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

Matthias Wehnert / imago images / Future Image

  • Gesichtspunkte: Ralf Moeller, 62, Schauspieler, betätigt sich derzeit nicht nur als Kritiker der hiesigen Coronapolitik in Sendungen wie der von Maybrit Illner; nein, er spricht auch über Hautprobleme in seiner Jugend. »Bei der Polizei bin ich durchgefallen, weil ich zu viele Pickel hatte, Akne«, sagte er der »Augsburger Allgemeinen«. »Da haben sie mir gesagt, warte noch mal ein halbes Jahr und bewirb dich dann noch mal.« So lange habe er aber nicht warten wollen und seine Lehre als Schwimmmeister in Recklinghausen angefangen, die ihm später seine Bodybuilderkarriere eröffnet habe. »Ich habe nie auf die Dinge gewartet, sondern habe sie immer in die Hand genommen.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Die Thronfolgerin und ihr Gatte hätten sich bereits am Mittwoch wegen Anzeichen einer Erklärung bei Victoria in Quarantäne begeben, daraufhin seien dann die Infektionen festgestellt worden.«

Cartoon des Tages: Flucht nach vorn

Foto:

Thomas Plaßmann

Und am Wochenende?

Könnten Sie den neuen »Polizeiruf« gucken. Mein Kollege Christian Buß hat ihn schon gesehen; er sagt, er sei so heftig durchgeschüttelt worden wie schon lange bei keinem »Tatort« oder »Polizeiruf« mehr. »Die Episodenhauptdarstellerin Luise Heyer spielt eine Hilfsarbeiterin, die erst gedemütigt wird und dann alle ihre Peiniger mit leuchtenden Augen abknallt«, sagt Christian. »Es war mir ein bisschen unheimlich, wie ich auf einmal mit der Mörderin mitgegangen bin, wie ich ihr Glück des Mordens mitempfunden habe.«

Luise Heyer als Sabine: Sensationeller Entfesselungsakt

Luise Heyer als Sabine: Sensationeller Entfesselungsakt

Foto:

Christine Schroeder / NDR

Er fühlte sich an die großen aufwühlenden Klassenkampf-»Tatorte« mit Götz George als Schimanski in den Achtzigern erinnert. Neben der ultraharten Handlung gebe es aber auch ein paar bewegende Musikauftritte: »Wenn Bukow und König auf der Beerdigung im Vollsuff bei einem Karaoke-Auftritt Rio Reisers ›Halt Dich an Deiner Liebe fest‹ singen, möchte man, dass dieser Moment nie aufhört.« (Hier die ganze Rezension.)

Ein schönes Wochenende. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.