Die Lage am Abend Hat Merkel ihre CDU-Rasselbande nicht im Griff?
Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:
Aufmüpfige Länderchefs – gefährden CDU-Politiker Angela Merkels Pläne für strengere Coronabeschränkungen?
Mangel an bezahlbaren Immobilien – wieso sind Sozialwohnungen in vielen Städten knapp?
Macho-Reservat Fußballplatz – warum wollen immer weniger Frauen Schiedsrichterinnen werden?
1. CDU-Landespolitiker wenden sich gegen Angela Merkels Pläne für strengere Maßnahmen – die von Wissenschaftlern dringend gefordert werden
Armin Laschet
Foto: Tobias Schwarz / AFPWer ein Machtwort spricht, der sollte auch auf den Gehorsam seiner Zuhörerinnen und Zuhörer hoffen dürfen. Es war ein strenger Ton, kombiniert mit einem freundlichen, ein wenig erschöpften Gesicht, den Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern Abend bei ihrem Fernsehauftritt in der Sendung von Anne Will anschlug. Die Kanzlerin kritisierte die Länder für ihren laxen Kurs in der Pandemie und kündigte an, notfalls mit bundeseinheitlichen Regeln schärfere Maßnahmen durchzusetzen und dafür zum Beispiel »das Infektionsschutzgesetz noch mal anzupacken«.
Hat das Machtwort geholfen? Aus der notorisch uneinigen Rasselbande der Länderchefinnen und Länderchefs gab es aber heute diverse Stimmen, die als frecher Widerspruch gegen Merkels Ankündigung zu werten sind – zumal von Männern aus ihrer Partei. Der CDU-Parteivorsitzende Armin Laschet, zugleich Länderchef von Nordrhein-Westfalen, und Tobias Hans, CDU-Ministerpräsident im Saarland haben klar gegen Merkel Stellung bezogen. Sie wollen Öffnungen und Modellprojekte umsetzen, obwohl Experten wie der Saarbrücker Pharmazieprofessor Thorsten Lehr angesichts der zunehmenden Verbreitung der Coronavirusmutante B.1.1.7 vor extremem Anstieg der Infektionszahlen warnen: »Das ist ein Pulverfass, auf dem wir sitzen«, sagt Lehr.
Die Kanzlerin soll bei der heutigen CDU-Präsidiumssitzung nicht zum ersten Mal von einer »Zäsur« gesprochen haben. Neben Politikern aus ihrer eigenen Partei kritisieren erwartungsgemäß auch Politikerinnen und Politiker aus anderen Lagern ihre Ankündigung, Unterstützung für ihren Kurs bekommt Merkel bislang nur von der CSU, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sagte über mehr Kompetenzen in Bundeshand, er sei »da sehr dafür und offen«. In der Sache scheint ein Durchgreifen der Kanzlerin durchaus geboten. In den leider sehr plausiblen Infektionsvorhersagen von Wissenschaftlern wie dem Berliner Mobilitätsforscher Kai Nagel heißt es, im schlimmsten Szenario werde es im Mai in Deutschland bis zu 230.000 Neuinfektionen geben – pro Tag.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Laschet und Hans widersprechen Merkel im Umgang mit Öffnungen
2. Die Bauwirtschaft boomt, doch bezahlbarer Wohnraum wird knapper – weil viele Städte aus dem kommunalen Wohnungsbau ausgestiegen sind
Kreuzberger Zentrum
Foto: Joko / imago imagesZu den Branchen, in denen trotz der Pandemie ordentlich Geld verdient wird, gehören der Handel mit Immobilien und der Wohnungsbau. Die Zahl der Baugenehmigungen in Deutschland ist auf Rekordniveau, trotz oder sogar wegen Corona. Ich finde das erfreulich. Doch trotz des Booms gibt es in vielen Städten immer weniger Wohnungen, die sich auch Menschen mit niedrigen Einkommen leisten können. Mein Kollege Jens Radü hat die Studie eines Analyseunternehmens über den Wohnungsmarkt in 26 deutschen Städten ausgewertet – und berichtet von erstaunlichen, keineswegs mehr immobile Gerechtigkeit versprechenden Ergebnissen. So ist die Zahl der Sozialwohnungen in Leipzig offenbar zwischen 2011 und 2019 um 90 Prozent gesunken. In Dresden ging der Bestand um 89 Prozent zurück.
Die von Jens genutzte Analyse zeigt, wo es in Deutschland deutlich zu wenig geförderten Wohnraum gibt. Städte mit hohem Bedarf sind zum Beispiel Bochum, Duisburg oder Bremen. Viele finanziell klamme Städte sind aus der Wohnraumförderung ausgestiegen, ganze Blocks wurden an Investoren verkauft. In München gibt es zwar seit den Neunzigerjahren einen verpflichtenden Anteil von 30 Prozent Sozialwohnungen bei Baugenehmigungen, dafür können sich dort Normalverdiener ohne Wohnberechtigungsschein die Quadratmeterpreise oft nicht mehr leisten und müssen in die Randgebiete ziehen. Laut der Prognose der Experten wird der Bestand an Sozialwohnungen in den untersuchten Städten insgesamt bis 2030 weiter schrumpfen.
Ich habe Jens gefragt, was ihn an den Ergebnissen der Studie am meisten überrascht hat. Er habe nicht gewusst, sagt er, »dass Städte wie Dresden oder auch Berlin zwischenzeitlich komplett aus dem kommunalen Wohnungsbau ausgestiegen sind – trotz Rekordzuzug in diesen Städten. Die Folge: Jetzt fehlt geförderter Wohnraum an allen Ecken.« Immerhin hat der Bund im Jahr 2020 ein Förderprogramm aufgelegt, um den Sozialwohnungsbau in den Ländern anzuschieben, aber das wird sich wohl erst im nächsten Jahrzehnt auf den Markt auswirken. »Bis dahin«, sagt Jens, »sieht es in Städten wie Frankfurt oder Berlin düster aus für alle, die beim Mieten-Run nicht mitmachen können.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: In diesen Städten fehlen bezahlbare Wohnungen
3. Nur wenige Frauen wollen derzeit Fußballschiedsrichterinnen werden – weil sie in der männerdominierten Fußballwelt immer noch wenig akzeptiert sind
Als die Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus kürzlich von ihrem Job zurücktrat, wurde sie als Pionierin gewürdigt, ich fand sie auch wegen ihrer schlagfertigen Sprüche toll. »Die Zustimmungsrate für das, was ich tue, ist berechenbar«, hat Steinhaus zum Beispiel einmal gesagt. »Elf sind dafür, elf sind dagegen.«
Meine Kollegin Victoria Kunzmann porträtiert sehr eindrucksvoll die Schiedsrichterin Franziska Wildfeuer, die es demnächst als Nachfolgerin von Steinhaus in die Bundesliga und die Champions League der Männer schaffen könnte. Und sie berichtet von einem »sexistischen Grundrauschen«, das nach wie vor auf vielen Fußballplätzen Deutschlands zu vernehmen sei. »Während Männerenklaven in der Gesellschaft immer mehr verblassen, zählt der Deutsche Fußball-Bund seit Jahren immer weniger weibliche Unparteiische«, heißt es in der Geschichte. »Franziska Wildfeuer muss sich nicht nur gegen 50.000 männliche Kollegen durchsetzen, sondern auch gegen ein antiquiertes Geschlechterbild, das sich in kaum einem Bereich so hartnäckig hält wie im Fußball.«
Die Schiedsrichterin Wildfeuer mag ihre Arbeit trotzdem. Sie nennt die Schiedsrichterei eine »Schule fürs Leben«, in der sie durch Fleiß und Ehrgeiz zur Klassenbesten wurde. Sie hat mit zwölf Jahren ihren ersten Referee-Lehrgang belegt und trainiert sechs Tage in der Woche. Seit 2017 pfeift die 27-Jährige in der Frauenbundesliga. Nach Steinhaus' überraschendem Rücktritt im vergangenen Jahr wird Wildfeuer nun auch bei internationalen Partien eingesetzt.
Ich habe meine Kollegin Victoria gefragt, wie man ihrer Meinung nach mehr Frauen motivieren könnte für die Schiedsrichterinnenarbeit. »Mädchen und Frauen fühlen sich den Fußballern auf dem Platz oft körperlich unterlegen, weil sie glauben, sie hätten weniger Kondition und Schnelligkeit«, sagt sie. »Und dann kommt die Psyche dazu. Viele sind von den Emotionen auf dem Platz eingeschüchtert, von vielen großen, lauten Männern.« Körperliche Zweifel ließen sich leicht kompensieren; was die Psyche angeht, empfiehlt Victoria ein Auftreten, wie sie es bei Wildfeuer beobachtet hat: Die sei zweifellos imstande, laute Männer zur Ruhe zu bringen, »indem sie sehr analytisch, sehr sachlich ist«.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Sie soll die nächste Bibiana Steinhaus werden
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Was heute sonst noch wichtig ist
Die »Ever Given« fährt wieder: Das Ziehen, Schieben und Baggern hatte letztlich Erfolg: Das riesige Containerschiff »Ever Given« hat wieder Fahrt aufgenommen. Eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt ist wieder frei.
Papst Franziskus gewährt Erzbischof Heße Auszeit: Erzbischof Stefan Heße hatte seinen Amtsverzicht angeboten – nun hat ihm der Papst seine Zustimmung zu einer Auszeit erteilt. Zuvor hatte ein Gutachten den Hamburger Geistlichen schwer belastet.
Vorstandsgehälter 2020 deutlich gesunken: Einer Studie zufolge sind die Vergütungen der Dax-Vorstände im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Am Hungertuch nagen müssen die Betroffenen aber nicht.
RTL holt Hape Kerkeling ins Fernsehen zurück: Neuaufstellung mit vertrauten Namen: RTL arbeitet weiter am Umbau seines Programms und holt Hape Kerkeling aus der Showgeschäftspause zurück. Der Entertainer soll in einer Serie die Hauptrolle spielen.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Debatte über Klasse – Her mit den Empörungsromanen!
Mein Kollege Volker Weidermann schreibt über die beschämende Tatsache, dass in Schulen in Deutschlands ärmeren Stadtteilen die Toiletten oft in schrecklichem Zustand sind – und über die Leerstellen der deutschen Gegenwartsliteratur. »Deutschland ist ein ungerechtes Land. Das Geld ist nicht gerecht verteilt«, so Volker. In deutschen Romanen komme das noch zu selten vor. Er stellt fest, dass in Nachbarländern wie Frankreich in den letzten Jahren aufrüttelnde Romane der sozialen Empörung, der grundsätzlichen Veränderungsbereitschaft geschrieben wurden. »Wir hier in Deutschland wollen das auch! Wir brauchen das!«, lautet Volkers Appell. Einen Anfang mache der neue Textsammelband »Klasse und Kampf«, findet er. »Da sind geniale, gut geschriebene, verzweifelte, empörte, aufwiegelnde Texte drin.«
Lesen Sie hier das Essay von Volker Weidermann: Her mit den Empörungsromanen!
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Was wir aus einem hundert Jahre alten Forschungsaufsatz lernen können: Der Hygieniker George Soper veröffentlichte 1919 in »Science« seine Lektionen zur Spanischen Grippe, sie sind erstaunlich aktuell. Was sah er als größte Gefahr?
Warum Singles oft die glücklicheren Menschen sind: Von der Wiege bis zur Bahre wird uns eingeredet, das einzig Wahre sei, zu zweit zu sein. Ist der Mensch wirklich so ein lückenhaftes Wesen?
In diesen Städten fehlen bezahlbare Wohnungen: Eine Analyse zeigt, wo es in Deutschland deutlich zu wenig geförderten Wohnraum gibt. Zum Teil sind die Bestände um 90 Prozent geschrumpft. Dabei ist Geld nicht einmal das Hauptproblem.
»Wollen Sie mal eine dritte Welle sehen?« Christian Stiehler leitet das Gesundheitsamt im Kreis Saalfeld-Rudolstadt. Er kämpft mit seinem Team gegen steigende Fallzahlen, Coronaleugner und manche Forderung der Politik. Unser Reporter hat ihn begleitet.
Kampf um das Millionenrennen: Nach dem Sieg beim America's Cup hofft Neuseeland, erneut Austragungsort zu werden. Es geht um Millionen Dollar und Tausende Jobs. Aber auch die Briten ringen um das wichtigste Rennen der Welt.
Was heute nicht so wichtig ist
Gallischer Tierfreund: Asterix, ewig jugendlicher Junggeselle, stürzt sich in ein neues Abenteuer. »Asterix und der Greif« heißt der heute für den 21. Oktober angekündigte neue Band. Es ist der 39. insgesamt und der fünfte des Autorenduos Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Zeichnungen). Viel wird noch nicht verraten, nur, dass ein alter Freund die Hilfe von Asterix, Obelix und natürlich Idefix benötigt. Wer weiß, wie Idefix in einem früheren Abenteuer auf die Sphinx reagiert hat, kann sich ungefähr ausmalen, wie er den Greif anknurrt – ein Fabelwesen, halb Adler, halb Löwe und mit den Ohren eines Pferdes. Der Texter Ferri nennt den Greif »ein durch und durch rätselhaftes Geschöpf«.
Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »In der Debatte geht es vor allem um Deutsche, die gerade nach Mallora geflogen sind.«
Cartoon des Tages: Die dritte Welle
Und heute Abend?
Könnten Sie »Wie klaut man eine Million?« auf Arte ansehen. Einen wunderbar gut gelaunten Filmklassiker von William Wyler aus dem Jahr 1966, mit der bezaubernden Audrey Hepburn und Peter O'Toole in den Hauptrollen. Es geht nicht bloß um das Handwerk der Fälschung von Kunstwerken berühmter Maler, sondern auch um die Kunst, ein glückliches und elegantes Dasein zu leben. Ursprünglich sollte der Film im Original »How to Steal a Million Dollars and Live Happily Ever After« heißen.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel
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