Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Mit Satzzeichen Musik machen – ein Trauermarsch für Wolf Schneider

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Krieg in der Ukraine – was hat es mit dem russischen Abzug aus Cherson auf sich?

  2. Gedenken an Wolf Schneider – welche letzten Sätze rufen ihm seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler nach?

  3. Verbotenes Dänen-Trikot – geht es bei der Fifa nur um Leibchen oder auch um Leben?

1. Cherson feiert Russlands Abzug

Im ostukrainischen Cherson feiern die Einwohner den Abzug der russischen Truppen, sie hissen blau-gelbe Flaggen und applaudieren den anrückenden ukrainischen Soldaten, wie Nachrichtenagenturen melden; Hupkonzerte sind demnach zu hören. Die einzige Straßenverbindung zwischen der Stadt und dem russisch kontrollierten Ostufer des Flusses Dnjepr ist unterbrochen: Medienberichten zufolge ist die Antoniwkabrücke eingestürzt. Ob sie gesprengt wurde und von wem – bislang unklar.

Eine »Demütigung sondergleichen« sei die Befreiung Chersons für Russland, sagt die Verteidigungsexpertin Claudia Major, »eine große politische und militärische Niederlage«. Es war die einzige große Provinzhauptstadt, die Putins Truppen früh erobert hatten und lange halten konnten. Jetzt zeige sich: Sie haben keine Kontrolle über das Gebiet, das sie beanspruchen. (Hier finden Sie die Videoanalyse.)

Meine Kollegin Lina Verschwele hält seit März Kontakt zu einem ukrainischen Unternehmer aus Cherson. Er fürchte jetzt, schreibt sie, dass Russland die Stadt räume, um sie dann zu bombardieren. In seinem Keller habe er einen Schutzraum eingerichtet, Hunderte Liter Wasser abgefüllt. »Wir versuchen, uns zu trösten. Dass die ukrainische Armee mit solchen Angriffen rechnet und ihre Taktik darauf vorbereitet«, so der Unternehmer. »Wir haben die Koffer gepackt, um schnell ins Auto zu springen und nach Mykolajiw zu fahren, falls der Weg dorthin frei wird.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

2. Erste Sätze, letzte Sätze

»Qualität kommt von Qual.« »Gründe sind die Pest.« »Einer muß sich plagen, der Schreiber oder der Leser.« Jetzt sind sie wieder zu lesen, diese Hammersätze von Wolf Schneider, wie schon zu seinem 90. Geburtstag und zu seinem 80., aber jetzt stehen sie in Nachrufen: Der Journalist, Sprachkritiker und ehemalige Leiter der Henri-Nannen-Schule, der Hunderte Redakteure und Reporterinnen ausbildete, ist in der Nacht zum Freitag gestorben; er wurde 97 Jahre alt.

Wolf Schneider 2014

Wolf Schneider 2014

Foto:

Maria Feck / laif

Auch Dutzende meiner Kolleginnen und Kollegen haben bei Schneider das Handwerk gelernt. Ich habe sie gefragt, an welche Lektion sie sich erinnern – oder an welche Anekdote. Hier die Antworten:

  • »›1. Wieder u. immer noch etliche Schwächen im Text. 2. Und das Ganze unbrauchbar durch grobe Schlamperei. Bitte nochmal.‹ Das hat Schneider unter einen Text von mir geschrieben. Gelernt: Aufgeben ist keine Option.« (Jörg Blech)

  • »Texte sollen nützen und ergötzen, prodesse et delectare – Horaz via Schneider, welch ein perfektes Mantra, gerade für Wissenschaftsjournalisten! Was ich sehr liebe, aber seltener umsetzen kann: ›Mit einem Erdbeben anfangen und dann langsam steigern.‹« (Rafaela von Bredow)

  • »Drei Dinge, die ich nicht von ihm gelernt habe, aber an ihm studieren konnte: Arbeite nicht für Springer. Alter schützt vor Irrtum nicht. Der 8. Mai war/ist der Tag der Befreiung, nicht der Niederlage. Der Rest war Schreiben. Dafür: Danke!« (Markus Deggerich)

  • »Hinterfrage jedes Wort: Gute Texte haben kurze Sätze und eine klare Sprache – alles andere ist Eitelkeit und dem Leser nicht dienlich.« (Helene Endres)

  • »Ich habe in den Schreibübungen mit Schneider gelernt, -ü-b-e-r-f-l-ü-s-s-i-g-e- Adjektive zu vermeiden.« (Jan Friedmann)

  • »Wölfe bellen, aber sie beißen nicht.« (Jens Glüsing)

  • »Ein Rat für die tägliche Arbeit (und fürs Leben überhaupt): Erkläre nie, wirklich: NIE, warum etwas nicht funktioniert hat. Sorge dafür, dass es funktioniert. Und wenn’s nicht aufgeht, dann mach’s nächstes Mal halt besser.« (Hauke Goos)

  • »Mit Sätzen wie ›Ich bin Ihr Lehrer und Ihr Dienstvorgesetzter. Sie werden zugeben, dass dies eine starke Position ist‹ machte er klar, dass die Schule eine Schule ist und keine Universität. Sollte heißen: Hier wird nicht gelabert, nicht abgestimmt, hier widersetzt man sich nicht.« (Ansbert Kneip)

  • »Dass man eine grauenhafte Formulierung grauenhaft nennen darf.« (Martin Knobbe)

  • »Eine Geisel kann männlich, ein Gast weiblich sein; Nichtraucherzonen gelten auch für Frauen: Das sprachliche Geschlecht und das biologische müssen nicht übereinstimmen. Wissen viele nicht mehr. Dabei hat Schneider es über Jahrzehnte gepredigt.« (Alexander Kühn)

  • »Allgemeinwissen sollte man im Kopf haben, nicht alle Fakten nachschlagen müssen. Woran ich gescheitert bin: Den Anglizismus ›Airbag‹ in der Redaktion durch das schöne deutsche ›Prallsack‹ zu ersetzen.« (Nicolai Kwasniewski)

  • »Nie die Deadline reißen, immer die exakte Zeichenzahl liefern, stets den Pförtner grüßen. Bis jetzt hat das gereicht.« (Jonas Leppin)

  • »Dass viele von uns, die in den Achtzigern bei Schneider gelernt (und gelitten) haben, seine Lehrsätze bis heute mühelos aufsagen können, spricht für sich. Oder, besser: für Schneider. Handwerk vor Haltung, das war sein Ansatz.« (Walter Mayr)

  • »Wie schreibe ich ein Sachbuch? Reißen Sie alles Relevante aus Zeitungen und Zeitschriften raus, kleben Sie es nicht auf, heften Sie es nicht ab. Dann fangen Sie an. Das Jahr hat 52 Wochenenden. Freunde, die das nicht verstehen, sind es nicht wert, Freunde genannt zu werden.« (Martin U. Müller)

  • »Selbst auf TikTok ist Schneider ein Star; das erfolgreichste Reporterfabrik-Kurzvideo  seiner Sprachregeln hat fast 600.000 Abrufe. Einstieg: ›Ein Wort ist umso verständlicher umso weniger Silben es hat – und umso kraftvoller ist es auch.‹ Aus den Kommentaren: ›Kann er mal Hörbücher einsprechen? Seine Stimme und seine Betonungen sind echt nice.‹« (Jens Radü)

  • »Der Satz, der sich mir eingeprägt hat, war keine seiner Sprachregeln. Gleich zu Beginn seines Seminarblocks sagte er tief gebräunt und frisch aus seinem damaligen Wohnsitz Mallorca eingeschwebt: ›Ich kann nicht verhindern, älter zu werden – nur, dass es bei schlechtem Wetter geschieht.‹« (Marcel Rosenbach)

  • »Gehen Sie als Journalist nie im T-Shirt zu Interviews, das sind amerikanische Unterhemden, verdammt noch mal!« (Cordt Schnibben)

  • »Von Schneider habe ich gelernt: Wertschätzung für Verben. Misstrauen gegenüber Metaphern. Dass das Schlichte manchmal das Stärkste sein kann.« (Barbara Supp)

  • »Er schrieb mir am Ende meiner Ausbildung: ›Sie sollten beten, dass mich niemals jemand nach Ihnen fragt.‹« (Stefan Weigel)

  • »Man fährt zu Terminen so zeitig los, dass man auch nicht zu spät ist, wenn die Lichtmaschine des Autos auf der Strecke aufgibt. Das war Wolf Schneider passiert, und natürlich war er pünktlich gewesen. Also: vorausschauend fahren – und recherchieren.« (Marianne Wellershoff)

  • »›Mit Wolf Schneider starb ein großer Journalist‹ – dass so eine Formulierung schief ist, habe ich von Schneider gelernt. Denn wer ist der andere Journalist, der mit ihm gestorben sein soll?« (Martin Wolf)

  • Mir sagte er, wenn ich mich richtig erinnere, ich würde anscheinend (nicht scheinbar!) aus Berlin kommen – Berliner könnten keinem Witz aus dem Weg gehen, keinem guten, aber auch keinem schlechten.

»›Erstaune mich – ich warte.‹ Mit diesen Worten machte es sich der russische Ballet-Impresario Sergej Diaghilew einst vor Jean Cocteau bequem.« So beginnt das Kapitel »Der richtige Anfang« in dem von Schneider verfassten Standardwerk »Deutsch für Profis«. Der erste Satz jedes Textes, so die Lektion, muss fesseln; er hat »attraktiv zu sein um fast jeden Preis«. Denn Hörer und Leser wollen staunen, erschrecken, schmunzeln oder sich bereichert fühlen – und zwar schnell. (Ein Freund des szenischen Einstiegs, mit dem wir beim SPIEGEL viele Geschichten beginnen, war er allerdings nicht, denn auch die guten haben Schneider zufolge »nach den ersten dreihunderttausend Verwendungen die Originalität nicht mehr zur Verbündeten«.) Der Nachruf meines Kollegen Ansbert Kneip beginnt so: »Ein Nachruf besteht zu mindestens 51 Prozent aus Lob, auch bei einem Scheusal.« Natürlich eine Schneider-Weisheit.

3. Es geht um Leibchen und Leben

Der Fußball-Weltverband Fifa hat den Antrag der dänischen Nationalmannschaft abgelehnt, den Slogan »Menschenrechte für alle« auf Trainingstrikots zu tragen (hier mehr dazu). Ernsthaft? Das ist der Fifa schon zu politisch? »Dabei hätte man doch naiverweise denken können, Menschenrechte seien ein so universales Wort, dass niemand etwas dagegen haben kann«, schreibt mein Kollege Peter Ahrens aus unserem Sportressort in seinem Kommentar. »Ein Wort, hinter dem sich alle Menschen versammeln können. Sogar ein Fifa-Präsident. Falsch gedacht.«

Peter ruft die Spieler dazu auf, jetzt nicht einzuknicken, auch die aus anderen Teams. Denn die Fifa brauche sie: »Ohne die Spieler geht nichts, sie sind die Helden und Hauptdarsteller in der größten Show der Welt. Die Profis haben die Macht, und sie haben auch die Macht, die Gelegenheit zu Protest zu nutzen.« Die Fifa werde nicht wagen, einen der Superstars auf offener Bühne zu disziplinieren.

Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Kryptobörse FTX meldet Insolvenz an: Die angeschlagene Kryptobörse FTX hat in den USA Gläubigerschutz beantragt. Ihr Gründer Sam Bankman-Fried ist vom Chefposten zurückgetreten.

  • FDP fällt auf fünf Prozent ab: Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, müsste die mitregierende FDP laut dem Politbarometer um den Einzug ins Parlament bangen. Etwas besser sieht es für die Liberalen bei der ARD aus.

  • Vader Abraham ist tot: »Sagt mal, von wo kommt ihr denn her«: Mit den Zeilen aus seinem »Lied der Schlümpfe« erreichte er Berühmtheit. Nun ist Pierre Kartner alias Vader Abraham im Alter von 87 Jahren gestorben.

Meine Lieblingsmails heute: Ihr Kader für Katar

Gestern habe ich Sie gefragt, welche deutschen WM-Spieler aus welchen Jahren Sie nach Katar schicken würden. Das sind die besten Antworten:

  • »Alexandra Popp von 2022, einfach um zu schauen, was die Herren der Schöpfung aus Katar und der Fifa sagen würden.« (Mathias Muckel)

  • »Stefan Effenberg von 1994, weil er mit international verständlicher Geste der Weltöffentlichkeit zeigen kann, was er von klimatisierten Fußballstadien während einer Energiekrise hält.« (Klaus Auer)

  • »Lothar Matthäus von 1990, weil er dann kein ›WM-Experte‹ sein kann.« (Holger Kortüm)

  • »Paul Breitner von 1974, weil der den Scheichs mit der Mao-Bibel eine ganz andere Gesellschaftsform näherbringen würde.« (Jan Maida)

  • »Franz Beckenbauer von 1974, weil ein Kaiser die Sklaven schon einmal übersehen darf.« (Martin Burka)

Am häufigsten vorgeschlagen wurde Effenberg, immer mit ähnlichen Begründungen. Unter allen Einsendungen haben wir drei SPIEGEL+-Zugänge verlost, Sie werden informiert. Glückwunsch den Gewinnern und danke fürs Mitmachen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Die grüne Eiszeit: Annalena Baerbock und Robert Habeck galten als Traumduo, dann entzweite sie der Kampf um die Kanzlerkandidatur. In der Regierung hat ihre Rivalität nun eine neue Dimension erreicht. Droht den Grünen eine Zerreißprobe? 

  • Wenn die Minderheit die Wahl gewinnt: In den USA erhöhen Demokraten und Republikaner ihre Siegchancen, indem sie Wahlbezirke geschickt zuschneiden. Auch bei den Midterms galten vielerorts neue Grenzen. Haben sie die Wahl beeinflusst? 

  • Echt oder nicht? So behalten Sie den Durchblick: Tesla pöbelt auf Twitter gegen Elon Musk? George W. Bush scherzt mit Tony Blair über den Irakkrieg? Twitters blaue Häkchen sorgen für Verwirrung. Wie Sie dubiose Accounts mit offizieller Anmutung erkennen .

  • Klima, Kleber, Knast? In Berlin läuft ein Prozess gegen einen Aktivisten, der auch jene Autobahn blockiert haben soll, auf der ein Rettungsfahrzeug für die verstorbene Radfahrerin feststeckte. Ein Termin zwischen Slapstick und Verzweiflung .

  • Die Widerspruchsmaschine: Mit seiner Band Kolossale Jugend entwickelte er das Sprachinstrumentarium der Hamburger Schule, beeinflusste Blumfeld und Tocotronic. Nun ist der Sänger und Autor Kristof Schreuf im Alter von 59 Jahren gestorben .

Was heute weniger wichtig ist

Drei Pässe für ein Halleluja: Schauspieler Terence Hill, 83, mit bürgerlichem Namen Mario Girotti, Sohn einer Deutschen und eines Italieners, hat neben der italienischen und US-amerikanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und freut sich über den neuen Pass, wie er der »Bild« sagte: »Meine wundervolle Mutter und damit auch meine Muttersprache waren immer prägend für mich. Ich bin glücklich, dass ich nun diesen Ausweis habe.« Als Nachweis, dass er die Sprache beherrsche, habe ein Talkshowauftritt gereicht: »Die nette Beamtin hatte einen Besuch von mir in der Sendung von Markus Lanz gesehen.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der Begriff lässt vermuten, dass es allein eine einzige Wahrheit, eine ökonomische Vernunft und einen wirtschaftlichen Sachverstand gibt, die es nicht gibt.«

Cartoon des Tages: Twitter

Illustration: Chappatte

Und am Wochenende?

Könnten Sie anfangen, die neue Staffel »Die Discounter« zu gucken, die sich seit heute bei Amazon Prime streamen lässt. Meine Kolleginnen Katharina Hölter und Sophia Schirmer haben mit den Machern über Privilegien, Arbeitsmoral und Chefsein gesprochen. »Wir wollten natürlich wissen, wie sie das geschafft haben – mit Anfang 20 und ohne klassische Ausbildung eine so erfolgreiche Serie zu drehen«, sagt Sophia. »Vor allem aber wollten wir sie nach kritischen Punkten fragen, die uns beim Gucken aufgefallen sind: Warum kommen eigentlich fast nur männliche Promi-Gäste vor? Und wieso ist ausgerechnet der Schwule im Team derjenige, über den sich alle lustig machen?« (Lesen Sie hier das ganze Gespräch. )

Ein erholsames Wochenende. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

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