Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Angst vor dem Drosten-Szenario

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Frühjahr – Droht ein schwerer Verlauf?

  2. Merz-Manöver – Wie scheiterte das Geheimtreffen mit Laschet und Röttgen?

  3. AfD – Wie unverdächtig wollen sie wirken?

1. Schwerer Jahresverlauf

Viele hoffen aufs Frühjahr: Wärme und Sonne kehren zurück, das Virus verschwindet weitgehend oder lässt sich wenigstens kontrollieren. Aufmerksame Drosten-Hörer ahnen jedoch schon länger: Es ist nicht ausgemacht, dass sich die Erfahrung des letzten einigermaßen sorgenfreien Sommers wiederholt. Vor einem »schlimmen Szenario« warnt der Virologe jetzt im Gespräch  mit meinen Kolleginnen Rafaela von Bredow und Veronika Hackenbroch aus unserem Wissenschaftsressort:

Radgeber

Radgeber

Foto:

Julia Steinigeweg / DER SPIEGEL

»Wenn die alten Menschen und vielleicht auch ein Teil der Risikogruppen geimpft sein werden, wird ein riesiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und vielleicht auch rechtlicher Druck entstehen, die Corona-Maßnahmen zu beenden. Und dann werden sich innerhalb kurzer Zeit noch viel mehr Leute infizieren, als wir uns das jetzt überhaupt vorstellen können. Dann haben wir Fallzahlen nicht mehr von 20.000 oder 30.000, sondern im schlimmsten Fall von 100.000 pro Tag. Das sind dann zwar eher jüngere Leute, die seltener schwere Verläufe haben als ältere. Aber wenn sich ganz viele junge Menschen infizieren, dann sind die Intensivstationen trotzdem wieder voll, und es gibt trotzdem viele Tote.«

Zu diesen Patienten mit schwerem Verlauf könnten dann auch 50-jährige Lehrerinnen, 30-jährige Busfahrer und 40-jährige Newsletter-Autoren gehören. Leider können wir uns wohl nicht darauf verlassen, dass sich das Virus bei gutem Wetter zurücknimmt. »Ich fürchte, jetzt wird es eher so sein wie in Spanien, wo im Sommer die Fallzahlen nach Beendigung des Lockdowns schnell wieder gestiegen sind, obwohl es sehr heiß war. Auch in Südafrika, wo derzeit Sommer ist, bewegen sich die Fallzahlen auf hohem Niveau«, sagt Drosten.

Was helfen könnte: Jetzt die Infektionen massiv senken, nicht nur unter den Wert von 50 pro Hunderttausend, sondern wirklich in Richtung null, als Ziel wenigstens. Mein Kollege Sebastian Fischer fordert: »Wenn wir auf die 0 zielen, dann endet der Dämmerzustand schneller und kommt das Leben schneller zurück. Lieber vier harte Wochen mit Öffnungsperspektive als vier weitere Dämmermonate ohne Ziel.« (Den ganzen Kommentar lesen Sie hier.) Wir machen gerade einen großen Fehler, findet Sebastian: »Wissend, dass sich die britische Mutation ausbreitet, bekämpfen wir sie nicht entschieden genug.«

Klar, niemand weiß es sicher. Aber wie sagt Christian Drosten: »Mit meinen wissenschaftlichen Einschätzungen zur Pandemie habe ich, glaube ich, grundsätzlich nicht ganz falschgelegen.« Es ist an der Zeit, nicht nur seinen Podcast zu hören, sondern auch auf seinen Rat.

2. Der Phantom-Merz

Hat er den Schuss nicht gehört? So lässt sich die Kommentarlage auf Zeitungsseiten, in sozialen Medien und an Abendbrottischen zusammenfassen über das Angebot von Friedrich Merz, »in die jetzige Bundesregierung einzutreten und das Bundeswirtschaftsministerium zu übernehmen« – gemacht vor einer Woche, kurz nachdem er im Kampf um die Parteispitze gegen Armin Laschet unterlegen war. (Seit heute ist das Ergebnis auch per Briefwahl bestätigt.)

Foto: Michael Kappeler / picture alliance/dpa/dpa-pool

Die­ Aus­sa­ge ließ Merz nicht nur als schlech­ten Verlie­rer da­ste­hen, sie wird sei­nem Riva­len Ar­min Laschet auch den Kampf um die Kanzler­kan­di­da­tur erschwe­ren, wie meine Kollegin Melanie Amann sowie meine Kollegen Flo­ri­an Gath­mann, Chris­toph Hick­mann und Veit Me­dick berichten. Sie recherchier­ten, was bei einem Geheimtreffen der drei CDU-Kan­di­da­ten Laschet, Merz, Röttgen passierte, und be­schrei­ben, wie­so die lang ge­plan­te Aus­spra­che mit ei­nem Eklat en­de­te. Veit sagt: »Statt nach der Wahl Ei­nig­keit her­zu­stel­len, wur­de wie­der sicht­bar, wie tief die Ris­se in der Par­tei tat­säch­lich sind.«

3. Rechtsfragen

Aufmerksamkeit kommt der AfD eigentlich immer gelegen, nur bitte keine vom Verfassungsschutz: Jetzt versucht die Partei, gerichtlich zu verhindern, dass sie vom Bundesamt als Verdachtsfall eingestuft wird (was es erlauben würde, Telefone zu überwachen, auffällige Mitglieder zu observieren und V-Leute einzusetzen). Die Partei klagt deshalb vor dem Verwaltungsgericht Köln gegen das dort ansässige Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV).

AfD-Chef Meuthen auf Parteitag im November 2020

AfD-Chef Meuthen auf Parteitag im November 2020

Foto:

Rolf Vennenbernd / dpa

Alle bisherigen Versuche schlugen fehl, durch vermeintlich gemäßigte Statements und den Ausschluss offen rechtsextremer Mitglieder etwas weniger bräunlich zu erscheinen. »Trotzdem ist die Entscheidung der Verfassungsschützer delikat«, kommentiert meine Kollegin Ann-Katrin Müller. »Die AfD wurde von 5,9 Millionen Wählern demokratisch in den Bundestag gewählt, zudem in alle 16 Landtage.« Kann man die größte Oppositionspartei beobachten und sich gleichzeitig auf demokratische Prinzipien berufen? Noch dazu in einem Wahljahr?

»Man kann«, findet Ann-Katrin. »Wenn demokratische Freiheiten gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung eingesetzt werden, zählt der Schutz des Systems mehr als die Freiheit Einzelner.«

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Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

Mein Lieblings-SPIEGEL: der aktuelle

Die Macht auf der Welt verteilt sich neu: Chi­na steht nach einem Jahr Pandemie bes­ser da als die meis­ten an­de­ren Na­tio­nen und weiß die­sen Vorsprung zu nutzen, wie mein Kollege Bernhard Zand berichtet. In unserer Titelgeschichte be­schreibt er die Ver­än­de­run­gen und ihre Fol­gen für die nahe Zukunft.

Bernhard lebt und ar­bei­tet seit Kur­zem in Hong­kong, acht Jah­re lang be­rich­te­te er aus Pe­king, traf Regime­kri­ti­ker, Wirt­schafts­füh­rer, hoch­ran­gi­ge Poli­ti­ker. Vor knapp fünf Jah­ren be­geg­ne­te er im Pa­zifik auf dem Flug­zeug­trä­ger USS »John C. Stennis« dem Mann, der seit Mitt­woch wie kein an­de­rer das Ver­hält­nis zwi­schen Chi­na und dem Rest der Welt be­ein­flus­sen wird: Joe Bi­den, da­mals Vize­prä­si­dent, nun Prä­si­dent der USA.

Bi­den will eine Ko­ali­ti­on der De­mo­kra­ten ge­gen den Ri­va­len Chi­na schmie­den. »Da­bei wird es vor al­lem dar­auf an­kom­men«, sagt Bernhard, »wie gut die Euro­pä­er mit der neu­en US-Füh­rung zusammenarbeiten.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

EDUARDO MUNOZ/ REUTERS

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Treueschwur der Feuerwerksfrau Andrea Hall«

Cartoon des Tages: WANTED

Foto: Klaus Stuttmann

Und am Wochenende?

Könnten Sie mit ihrer Familie und ihrem Freundeskreis besprechen, zu welchem Messenger Sie umziehen. »Sie kommen in Wellen, die Nachrichten, es sei Zeit, WhatsApp zu verlassen und zu weniger datenhungrigen Apps zu wechseln«, schreibt meine Kollegin Janne Knödler. Welche Alternativen es gibt und für wen sie sich eignen, erklärt Janne in diesem Überblick  – von Signal bis Telegram, von Threema bis iMessage.

Dort könnten Sie dann darüber chatten, mit welchem James Bond Sie sich die Zeit vertreiben (natürlich »Goldfinger« oder »Casino Royal«), bis der neue endlich anläuft. Der Starttermin für »No Time to Die« ist nämlich schon wieder verschoben, wie heute bekannt wurde – in den Oktober (hier mehr dazu.)

In diesem Sinne: Teilen Sie anderen Ihre Wertchatzung mit.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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