Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Rückzug auf Raten – und Anraten

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Christine Lambrechts Rücktritt – warum ist der Leitungsjob im Verteidigungsministerium eine »Herkulesaufgabe«?

  2. Studie zu Fleischkonsum und Klima – wieso müssen wir doch nicht alle Vegetarier werden?

  3. Terrorverdacht in Castrop-Rauxel – wie knapp wurde ein Giftanschlag an Silvester verhindert?

1. Auf die Nachfolgerin oder den Nachfolger von Christine Lambrecht warten schwer lösbare Aufgaben

Grundsätzlich ist eine gewisse Sorgfalt bei der Berufswahl eine wichtige Voraussetzung für ein halbwegs geglücktes Leben. Der Job von Politikerinnen und Politikern erscheint mir oft besonders undankbar. Heute ist die SPD-Politikerin Christine Lambrecht von ihrem Amt als Verteidigungsministerin, in dem sie viele Fehler und oft eine unglückliche Figur machte, zurückgetreten.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen schienen sich in den vergangenen Wochen und Monaten zu wundern, warum sich Lambrecht das Ministerinnenamt überhaupt angetan hat. Manche urteilten extrem harsch über die Politikerin. Ich muss gestehen, dass Lambrecht mir manchmal ein bisschen leid tat. Über ihre ungeschickte, holprige Performance kann man in Abwandlung einer alten Theaterkritikerbosheit vielleicht sagen: Manchmal schien es, als stottere sie sogar beim Zuhören.

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz hat Lambrecht heute laut einer Regierungssprecherin für »gute Arbeit« gedankt und versprochen, zeitnah über die Neubesetzung des Postens im Verteidigungsministerium zu entscheiden. Bis dahin versieht Lambrecht ihren Job formal weiter.

Die scheidende Ministerin Lambrecht hatte ihren Rückzug vom Amt nicht vor Kameras verkündet, sondern schriftlich bekannt gegeben. »Die monatelange mediale Fokussierung auf meine Person lässt eine sachliche Berichterstattung und Diskussion über die Soldatinnen und Soldaten, die Bundeswehr und sicherheitspolitische Weichenstellungen im Interesse der Bürgerinnen und Bürger Deutschlands kaum zu«, heißt es in der Erklärung. Die wichtige Arbeit der Soldatinnen und Soldaten müsse im Vordergrund stehen. Deshalb stelle sie ihr Amt »zur Verfügung«, wie es in solchen Fällen stets formuliert wird.

Wer folgt Lambrecht im Amt? Als eine Favoritin gilt die Wehrbeauftragte Eva Högl, gleichfalls eine SPD-Politikerin. Der Bundeswehrexperte Carlo Masala hat gegenüber dem SPIEGEL zum Jobprofil des Ministeramts gesagt, der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Lambrecht brauche vor allem Durchsetzungsfähigkeit und die Talente des antik-mythischen Helden Herkules: »Er oder sie muss die Bundeswehr ins 21. Jahrhundert führen, sie umfassend einsatzfähig machen, den Beschaffungsprozess grundlegend reformieren und gleichzeitig die Bedürfnisse der Soldaten nicht aus dem Blick verlieren.«

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • US-Ökonom Abraham Newman – »Der Einmarsch Russlands hat Europa zurück in die Arme der USA getrieben«: Sanktionen funktionieren dann, wenn sie an den »Würgepunkten« der Weltwirtschaft ansetzen. Europa ist an diesen Stellen viel mächtiger, als es selbst glaubt, sagt der Forscher Abraham Newman .

  • Angst vor neuer Mobilmachung – wie viele Männer schickt Putin noch in den Krieg? Ab nächster Woche wolle Moskau weitere 500.000 Männer mobilmachen, meldet die Ukraine. Der Kreml dementiert. Doch auch in Russland mehren sich Gerüchte, dass Soldaten für eine Offensive im Frühjahr aufgestellt werden .

  • Kämpfe um Bachmut – die brutale Taktik der Wagner-Truppen im Donbass: Nach heftigen Kämpfen steht Russland kurz vor der Eroberung der ukrainischen Kleinstadt Soledar. Davon könnte besonders Wagner-Chef Jewgenij Prigoschin profitieren. Er hat Rekruten rücksichtslos in die Gefechte geschickt. 

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Laut einer Analyse des Naturschutzbundes ist es nicht nötig, dass alle Menschen vegetarisch leben – es würde genügen, den Fleischkonsum zu halbieren

Viele Menschen, die sich um das Klima und die Natur der Zukunft sorgen, essen mit schlechtem Gewissen. Auch ich gehöre dazu. Weil ich einer der Menschen bin, die sich nicht für eine ausschließlich vegetarische Ernährung begeistern können und immer noch hin und wieder – mit Genuss – Fleisch verzehren. Heute hat mein Kollege Jonas Schaible eine neue Analyse  im Auftrag des Naturschutzbundes Deutschland vorgestellt. Die wichtigste Erkenntnis: Es ist ausdrücklich nicht notwendig für ein ökologisch sinnvolles Zusammenleben, dass alle Menschen vegan oder vegetarisch leben.

Anbauflächen und renaturierte Gebiete könne man »nur dann maximal effizient nutzen, wenn weiter Tiere gehalten werden. Nur eben weniger«, zitiert Jonas einen Agrarexperten des Naturschutzbundes.

Derzeit isst jeder Deutsche im Schnitt mehr als 50 Kilogramm Fleisch pro Jahr, etwas mehr als ein Kilogramm pro Woche. Für die Artenvielfalt und eine Verringerung der Treibhausgasemissionen wäre es offenbar sinnvoll, wenn diese Menge auf gut 400 Gramm pro Woche sinken würde. »Das ist mehr als eine Portion vom oft zitierten Sonntagsbraten«, schreibt der Naturschutzbund.

Wenn der Fleischkonsum wirklich sinkt, würden große Flächen frei, die sich anders nutzen lassen, ohne dass dadurch die Lebensmittelversorgung leidet. Nach den Berechnungen der Studie könnten zum Beispiel zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland für Artenvielfalt reserviert und etwa trockengelegte Sumpfflächen wieder zurückverwandelt werden. Die Tierbestände würden beträchtlich reduziert werden, die deutsche Landwirtschaft könnte wohl ohne Sojaimporte auskommen. Allerdings würden nicht bloß die Erträge an Getreide, Raps, Kartoffeln und Fleisch sinken, sondern auch die Einnahmen der Bäuerinnen und Bauern.

Heute wurde bekannt, dass sich deutsche Lobbyisten von Bauernverband und Fleischwirtschaft gegen Pläne von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir zur artgerechteren Schweinehaltung sperren – natürlich geht es auch dabei unter anderem um Geld.

Wie groß ist also die Bereitschaft der Landwirte, sich, wie in der Naturschützeranalyse empfohlen, auf eine niedrigere Produktivität einzulassen? »Für viele deutsche Bäuerinnen und Bauern klingen die Zahlen wahrscheinlich erst einmal erschreckend, weniger Produktion bedeutet erst einmal weniger Umsatz«, sagt mein Kollege Jonas. »Aber dass sie künftig auch dafür bezahlt werden müssen, dass sie Klima, Arten und Menschen schützen, ist politisch schon lange klar. Das erwarten sie. Das ist ihnen versprochen, es muss passieren. Umgekehrt kann man dann auch erwarten, dass sie sich für Veränderungen öffnen.«

3. Die Terrorverdächtigen von Castrop-Rauxel planten offenbar einen Giftanschlag an Silvester – im Auftrag des IS

Das Leben des Menschen sei eine »fortwährende Ablenkung«, hat der Schriftsteller Franz Kafka behauptet. Vermutlich wäre es sonst noch schwerer auszuhalten. Wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und anderer schlimmer Sorgen haben viele Menschen die Bedrohung durch islamistische Terrororganisationen wie den IS verdrängt. Als am 7. Januar in Castrop-Rauxel Spezialkräfte der Polizei die Wohnung von zwei aus Iran stammenden Brüdern durchsuchte und sie verhaftete, war das nicht der Aufmerksamkeit möglicherweise abgelenkter deutscher Behörden zu verdanken.

Aufmerksam gemacht wurde das Bundeskriminalamt Ende Dezember auf die 25 und 32 Jahre alten Terrorverdächtigen, wie es hieß, »im Rahmen des internationalen Nachrichtenaustausches«. Nach Informationen des SPIEGEL kam der Hinweis vom FBI.

Heute wurde bekannt, dass die beiden Brüder nach einer weiteren, wohl bereits dritten Durchsuchung in Castrop-Rauxel im Verdacht stehen, »im Auftrag des IS« mit Giftstoffen einen Anschlag auf eine größere Menschenmenge an Silvester geplant zu haben.

Dazu wollten sich die Verdächtigen Rizin oder Cyanid beschafft haben, was offenbar nicht oder nicht rechtzeitig gelang. Bei der erneuten Durchsuchung fanden die Ermittler offensichtlich Hinweise darauf, dass einer der Brüder den letzten notwendigen Grundstoff namens »Iron Powder« im Netz bestellt hatte und die Lieferung am 6. Januar erwartete. Was genau und in welcher Menge in der Wohnung gefunden wurde, ist unklar.

Mit dem Fund vom vergangenen Donnerstag komme jetzt anscheinend doch noch Bewegung in eine Sache, die manche schon mangels Masse als Ente abgetan hatten, sagt mein mit dem Fall vertrauter Kollege Tobias Großekemper. »Dass es den Hinweis eines ausländischen Dienstes braucht, um mitzubekommen, dass da in Castrop-Rauxel etwas vor sich geht, was man dringend genauer betrachten sollte, ist die eine Sache. Dass es dann aber zwei Durchsuchungsbeschlüsse braucht, um bei der dritten Durchsuchung etwas zu finden, das verfahrensrelevant ist, die andere. Es gibt Kollegen, die sorgen sich, was wohl bei einer vierten Durchsuchung gefunden werden könnte.«

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Verbliebene Aktivisten verlassen Tunnel: Tagelang hatten sie unter der Erde ausgeharrt: Fünf Tage nach Beginn der Räumung von Lützerath haben zwei Klimaaktivisten einen Tunnel unter dem Kohledorf verlassen.

  • Fachleute warnen vor Verwässerung der akademischen Standards beim Quereinstieg an Schulen: Die Basisqualifikation für Lehrkräfte darf nicht gesenkt werden, fordern Philologenverband und Universitäten: Masterabschluss und zwei Fächer sollen Standard bleiben. Bei den Kultusministern gibt es längst andere Diskussionen.

  • Bitcoin erholt sich von Absturz: Noch vor drei Wochen kostete ein Bitcoin weniger als 16.000 Dollar. Nun befindet sich die Kryptowährung wieder im Aufwind. Experten warnen Privatanleger aber vor Goldgräberstimmung.

  • Gina Lollobrigida ist tot: »Gina nazionale« wurde in den Fünfzigerjahren zum Weltstar und zum Sexsymbol des Nachkriegskinos. Nun ist die italienische Schauspielerin gestorben.

  • Australierin bricht Weltrekord mit 150 Marathonläufen in 150 Tagen: Sie lief am Meer, durch Regenwälder, über unbefestigte Straßen und Autobahnen: Erchana Murray-Bartlett ist in fünfeinhalb Monaten 150 Mal die Marathondistanz gelaufen – ihre Füße schwollen dabei um eine ganze Schuhgröße an.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Am Sonntagabend um 21 Uhr hatten wir ein Abkommen«: Zwei Aktivisten hatten sich in einem Tunnel in Lützerath verschanzt, am Montag kamen sie freiwillig heraus. Matthias Schranner verhandelte mit ihnen und sagt: »Das Rezept war, keinen Druck aufzubauen.« 

  • »Der Einmarsch Russlands hat Europa zurück in die Arme der USA getrieben«: Sanktionen funktionieren dann, wenn sie an den »Würgepunkten« der Weltwirtschaft ansetzen. Europa ist an diesen Stellen viel mächtiger, als es selbst glaubt, sagt der Forscher Abraham Newman .

  • Wie Ägypten mit Megabauprojekten in der Wüste sein Geld versenkt hat: Ägyptens Währung stürzt ab, der Wirtschaft droht der Kollaps. Dafür ist Präsident Sisi verantwortlich, sagt Politanalyst Maged Mandour. Dessen Megabauprojekte verschärften die Probleme .

Was heute weniger wichtig ist

Wettbewerbsverfluchung: Cate Blanchett, 53-jährige Hollywoodschauspielerin, hat einen wichtigen Preis gewonnen und das System der höchst beliebten Verleihungszeremonien streng kritisiert. Als sie bei der Vergabe der US-Kritikerpreise Critics Choice Awards für ihre Rolle als Dirigentin in »Tár« als beste Hauptdarstellerin prämiert wurde, nannte sie die Preisshows »im Fernsehen übertragene Pferderennen«. Es sei auch in ihrem Fall falsch, dass eine einzelne Person als beste Hauptdarstellerin auf der Bühne stehen dürfe. »Warum sagen wir nicht, dass es einen ganzen Haufen weibliche Leistungen gibt, die in Übereinstimmung und im Dialog miteinander sind?«

Mini-Hohlspiegel

Aus der Südwestpresse

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Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich an die Glanzzeit der nun gestorbenen Schauspielerin Gina Lollobrigida erinnern und den unverwüstlichen und wunderbar farbenfrohen Film »Der Glöckner von Notre Dame« ansehen. Er ist in der ZDF Mediathek gratis zu sehen und auch im Angebot aller möglichen Streamingdienste enthalten.

Mein Kollege Hans Jürgen Schlamp würdigt in seinem Nachruf Lollobrigida , die Tochter eines Tischlers aus dem kleinen Ort Subiaco östlich von Rom, unter anderem mit der nüchternen und völlig korrekten Feststellung: »Für viele in den Fünfziger- und Sechzigerjahren war sie die schönste Frau der Welt.«

Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

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