Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Eine Ministerin zum Fremdschämen

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend,

die drei Fragezeichen heute:

  1. »Krieg, tolle Menschen, Dankeschön«: Hat die Verteidigungsministerin den Bezug zur Realität verloren?

  2. Silvesterrandale: Lässt die Politik Feuerwehrleute und Rettungskräfte im Stich?

  3. Papstbegräbnis: Was unterscheidet Benedikt XVI. von seinem Vorgänger?

1. Fremdschämen für Lambrecht

Wie viele Peinlichkeiten, Fehler und Versäumnisse kann sich ein Mitglied der Ampelregierung erlauben, bis Olaf Scholz die Geduld verliert? Diese Frage stellt sich in Berlin, nachdem Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) ihre Pannenserie gleich bei der ersten Gelegenheit in 2023 fortgesetzt hat.

Sollten Sie das von Lambrecht veröffentlichte Instagram-Video mit ihrer Silvesteransprache noch nicht gesehen haben: Man sieht die Ministerin beim desolaten Vortrag auf einem Platz in Berlin, im Hintergrund pfeifende Raketen und explodierende Böller. »Mitten in Europa tobt ein Krieg«, sagt Lambrecht und man denkt, dass sie sich in diesem Moment vielleicht in Kiew, Odessa oder Charkiw wähnt. Aber nein, die Ministerin hat andere Assoziationen: »Damit verbunden waren für mich ganz viele besondere Eindrücke, die ich gewinnen konnte, viele, viele Begegnungen mit interessanten und tollen Menschen. Dafür sage ich ein herzliches Dankeschön.« Der Rest der Neujahrsbotschaft geht im Sirenengeheul und Geböller unter.

Krieg, tolle Menschen, Dankeschön, Tatütata: Man fragt sich, ob die Ministerin den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben könnte. In den sozialen Medien sorgte das Video für Spott und Kritik. Ex-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) griff auf Twitter einen englischsprachigen Kommentar auf: Ob dem Bundeskanzler »eigentlich die Wirkung Deutschlands in Europa und der Welt völlig egal« sei.

Meine Kolleginnen und Kollegen im Hauptstadtbüro haben heute mit Vertretern der Ampelparteien über den Fall gesprochen. Tenor: Wir sind peinlich berührt, dürfen es aber nicht laut sagen. Lambrecht wäre gut beraten, ihre Öffentlichkeitsarbeit neu aufzustellen, sagt der FDP-Verteidigungspolitiker Marcus Faber. »Ich finde das Setting etwas unglücklich«, so Marie-Agnes Strack-Zimmermann, ebenfalls FDP. Hans-Peter Bartels, Ex-Wehrbeauftragter der SPD und mittlerweile Präsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, sagt: »Warum dieses Video sein musste, versteht, glaube ich, in der Bundeswehr niemand.«

Meine Kollege Konstantin von Hammerstein , der die Bundeswehr gut kennt und die Ministerin seit ihrem Amtsantritt begleitet, schrieb bereits vor einigen Tagen in einem Leitartikel: »Lambrecht ist die Falsche im Amt der Verteidigungsministerin. Solange wie in ihrem Falle Verzagtheit und Lethargie triumphieren, kommt die Zeitenwende über das Redemanuskript des Kanzlers nicht hinaus.«

Ich glaube, dass Konstantin recht hat. Das Problem ist nicht mehr nur eine Ministerin zum Fremdschämen, sondern auch ein Kanzler, der keine Kraft zeigt, sie endlich rauszuschmeißen.

2. Ist die Berliner Feuerwehr rassistisch?

Bundeskanzler Olaf Scholz hat die gezielten Angriffe auf Einsatzkräfte in der Silvesternacht heute »auf das Schärfste« verurteilen lassen. Wie Vizeregierungssprecherin Christiane Hoffmann weiter erklärte, sei die Ampelregierung bestürzt. Der Rechtsstaat dürfe nicht zulassen, dass Einsatzkräfte diesen Übergriffen ausgesetzt seien, sagte sie. Ähnlich hatte sich zuvor Bundesinnenministerin Nancy Faeser geäußert. Auf strengere Gesetze will die Ministerin aber verzichten.

Und damit zurück zu anderen Themen. Bis nächstes Jahr Silvester wieder mit Raketen und Böllern auf Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizistinnen geschossen wird?

Ich muss gestehen, dass ich der Politik ihr Empörungsritual am Neujahrstag nicht mehr abkaufe. Geben Sie im Suchfeld auf spiegel.de einfach mal die Worte »Silvester« und »beschossen« in Verbindung mit »Polizei« und »Feuerwehr« ein; Sie werden unter anderem finden: »Berliner Feuerwehr mit Schusswaffen bedroht« (1. Januar 2018), »Beschossen, beworfen, gebissen« (1. Januar 2019), »LKA ermittelt nach Angriff auf Polizisten wegen versuchten Mordes«. (1. Januar 2020).

Einige glauben, die Gewalt ließe sich durch ein generelles Böllerverbot stoppen, so heute etwa Berlins Kultursenator Klaus Lederer. Tatsächlich dürfte die Kombination aus Alkohol, Menschenmassen und frei verkäuflichen Raketen bei einigen zur Enthemmung führen. Andererseits haben Abermillionen friedliche und gutgelaunte Menschen auch dieses Jahr wieder Raketen abgefeuert, ohne auch nur im Traum daran zu denken, dabei auf andere Menschen zu zielen.

Andere glauben, dass sich womöglich der Hass auf die Polizei entlade, die bei einigen Berlinerinnen und Berlinern aus Migrantenfamilien als rassistisch gelte. Ich halte die pauschale Behauptung, Polizisten seien Rassisten, für infam und falsch. Aber selbst wenn es so wäre, erklärt es nicht, warum sich die Gewalt auch gegen Feuerwehrleute, Sanitäter und Notärzte richtet. Oder gelten Berliner Löschkräfte neuerdings auch als rassistisch?

Die Gewerkschaft der Feuerwehrleute hat heute gefordert, alle Fahrzeuge mit Kameras auszustatten, um Angriffe besser zu dokumentieren. In den sozialen Netzwerken kursiert allerdings auch ein Video, in dem ein Vermummter direkt neben mehreren Einsatzkräften den albanischen Doppeladler mit seinen Händen formt und dann eine Waffe abfeuert – vor laufender Kamera.

Ich fürchte, dass gegen den Autoritätsverlust des Staats nur noch mehr Polizeipräsenz hilft, härteres Durchgreifen und auch härtere Strafen.

3. Abschied von Benedikt XVI.

Seit heute Morgen können sich Gläubige in Rom von dem früheren Papst Benedikt XVI. verabschieden. Sein Leichnam wurde im Petersdom aufgebahrt. Schon in der Nacht hatten sich Schlangen gebildet. Allerdings wird längst nicht mit einem so großen Andrang wie 2005 beim Vorgänger-Papst Johannes Paul II. gerechnet, als etwa eine Million Menschen nach Rom kamen.

Am Donnerstag soll Benedikt nach einem Trauergottesdienst in die Krypta des Petersdoms gebracht werden. Seine letzte Ruhestätte wird das frühere Grab eines Vorgängers sein, der nach der Seligsprechung 2011 neben die Pieta Michelangelos verlegt wurde. Aus Deutschland wollen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zur Beisetzung fahren.

Ob Benedikt auch so schnell selig gesprochen wird wie sein Vorgänger? Die Sympathie für ihn hielt sich ja eher in Grenzen, mit guten Gründen. Mich hat vor allem sein Rücktritt beeindruckt. Zu wissen, wann man besser aufhört, ist keine kleine Leistung. Für mich hat Benedikt das Papstamt dadurch auch nicht entwertet, sondern menschlicher gemacht.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Zweite Drohnennacht in Kiew, Selenskyj spricht von »verängstigten Russen«: Die russische Armee hat erneut Luftangriffe auf Kiew geflogen, Drohnentrümmer verletzten einen jungen Mann. Und: Präsident Selenskyj nennt den Gegner »erbärmliche Terroristen«. Die wichtigsten Entwicklungen.

  • »Es ist eine Tragödie, die niemals verziehen werden kann«: Ziel anpeilen, Mörser laden, feuern: Für die ukrainischen Soldaten an der Ostfront gingen die Kämpfe auch über den Jahreswechsel weiter. Wenigstens gab es eine kleine Feier mit etwas Sekt.

  • Deutschland verzichtet auf Rohöl aus Russland: Erst kein Öl mehr per Tanker, jetzt auch nicht mehr per Pipeline: Deutschland importiert wegen des Ukrainekriegs den Energieträger nicht mehr aus Russland.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Aktivisten blockieren Zufahrtsstraße mit brennender Barrikade: Lützerath soll abgebaggert werden, doch Klimaaktivisten wollen um die Siedlung kämpfen. Ihr Camp wird wohl demnächst geräumt – nun formiert sich der Widerstand.

  • Belgien beantragt Aufhebung der Immunität zweier EU-Abgeordneter: Es geht um den Bestechungsskandal: Die belgischen Behörden wollen gegen zwei Abgeordnete ermitteln – wofür nun die Aufhebung der Immunität beantragt wurde. Medienberichten zufolge handelt es sich um zwei Sozialdemokraten.

  • Feuerwerksfirma Weco bedauert frauenfeindliche Sprüche: Sexistische Sprüche in Knallbonbons sorgten zwischen den Jahren bei Sänger Jan Delay und anderen für Empörung. Jetzt bittet der Hersteller Weco um Entschuldigung – und stellte die Witze als Altlast dar.

  • »Ich hätte gerne meinen Vater zurück«: Ein Gespräch mit Oprah Winfrey, eine Netflix-Doku – und noch immer ist offensichtlich nicht alles gesagt: Kurz vor der Veröffentlichung seiner Memoiren erscheint ein Interview mit Prinz Harry. Im Trailer dazu teilt er aus.

  • Kosmisches Rätsel gelöst: Dafür hatte die Wissenschaft bisher keine Erklärung: Die Galaxien um die Milchstraße liegen nahezu auf einer Linie. Das widerspricht eigentlich dem kosmologischen Standardmodell.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Die Schönheit des Qualms

Zigarettenreklame, circa 1890

Zigarettenreklame, circa 1890

Foto: Transcendental Graphics / Getty Images

Falls Sie gerade versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen, sollten Sie die nun folgende Textpassage besser nicht lesen. Es könnte nämlich sein, dass Sie dabei allzu große Lust bekommen, sich eine Zigarette anzuzünden. Oder eine Pfeife oder Zigarre. Der Text stammt vom kürzlich verstorbenen Hans Magnus Enzensberger und handelt von der Schönheit des Qualms:

»Nur auf der Erde gelingt es, zu rauchen. Anderswo, auf dem Mond oder im Weltraum, fehlt es dazu an Luft und an Wärme. Auch muß ein Lichtstrahl da sein, damit das Auge dem blauen Faden folgen kann, wie er zuerst senkrecht aufsteigt, sich alsbald verzweigt und unberechenbare Wirbel erzeugt, die sich nie wiederholen, weil die Brownsche Bewegung der Moleküle immer neue Figuren hervorruft. Das Nikotin ist nur ein Nebeneffekt des Tabaks. Entscheidend sind die träumerischen Absencen des Rauchers.«

Mein Kollege Hauke Goos zitiert die Enzensberger-Passage in der jüngsten Folge seiner Kolumne , die sich mit der Schönheit der deutschen Sprache beschäftigt. Er schreibt: »‘Nur auf der Erde gelingt es, zu rauchen‘ ist auch deshalb ein großer Satz, weil er aus dem Rauchen etwas Erstrebenswertes macht.«

Enzensberger, der selbst ein starker Raucher war, wurde übrigens 93 Jahre alt. Ich will damit nicht die Gefahren des Rauchens relativieren, ich bin froh darüber, dass ich mir seit vielen Jahren keine Zigarette mehr angesteckt habe. Aber wie Hauke schreibt: »Das Leben als brownsche Bewegung zu begreifen, als Spiel, in dem das meiste zufällig und unberechenbar ist, ist ein beneidenswert schönes Konzept.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wenn Sie sich ergeben möchten, wählen Sie bitte die… Mit einer Hotline und Drohnen versucht die Ukraine, russische Soldaten zum Aufgeben zu überreden. Offenbar hat die ungewöhnliche Methode Erfolg – was viel über die Moral in Putins Armee aussagt .

  • Wie Strom (hoffentlich) bald günstiger wird: Elektrizität war 2022 absurd teuer. Nun will die Regierung im neuen Jahr das System reformieren. Welche Ansätze gibt es? Und was bringen sie? 

  • So räumen Sie Ihre digitale Fotosammlung auf: Der Handyspeicher ist voll, die Festplatte quillt über und Sie finden das Foto vom Hochzeitstag nicht mehr? Mit ein paar Tricks und ein wenig Disziplin schaffen Sie Ordnung im Fotochaos .

Was heute nicht ganz so wichtig ist

Abgelaufen: Ein »6 aus 49«-Lottospieler in der Region Mansfeld-Hettstedt in Sachsen-Anhalt hat es endgültig versäumt, seinen Millionengewinn abzuholen. Der oder die Unbekannte hatte im Dezember 2019 bei einer Sonderauslosung einen Volltreffer gelandet, sich aber nicht gemeldet. In der Silvesternacht lief nun die Dreijahresfrist ab. Der Betrag fließt zurück in den Topf. Eine Sprecherin von Lotto Sachsen-Anhalt sagte, nie zuvor sei bei ihnen ein so hoher Gewinn verfallen.

Mini-Hohlspiegel

Antwortmöglichkeit in einer Online-Umfrage des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz zum Warntag 2022

Antwortmöglichkeit in einer Online-Umfrage des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz zum Warntag 2022

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Mein Kollege Wolfgang Höbel hat sich auf Netflix den neuen Film »Weißes Rauschen«  mit Greta Gerwig (»Lady Bird«), Adam Driver (»Star Wars«) und Deutschlands Theaterstar Lars Eidinger angesehen. Offenbar mit Freude und Genuss. Wolfgang nennt den Film »ein kreischend buntes, intelligentes und komisches Abenteuer«.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Don DeLillo, einem Bestseller der Achtzigerjahre. Es geht um das Leben amerikanischer Kleinstadtbewohner, das durch einen mysteriösen Chemieunfall aus den Fugen gerät. Allerdings hat sich Regisseur Noah Baumbach teils deutlich von der Buchvorlage entfernt. Wolfgang schreibt : »Für Menschen wie mich, die DeLillos Roman verehren, mag Baumbachs Film eine milde Enttäuschung sein. Auf alle anderen Zuschauerinnen und Zuschauer dürfte er die Wirkung einer Riesenpackung mit Süßigkeiten haben, deren Verkäufer sich genau an die Weisheit von Homer Simpson gehalten haben: Wir sind in Amerika, hier kann jeder essen, was er will – solange er zu viel davon isst. «

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich

Alexander Neubacher

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