Anke Dürr

Die Lage am Abend Trumps Pandemieberater: Dahinter steckt immer ein kluger Kopf

Anke Dürr
Von Anke Dürr, Ressortleiterin Leben

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Genialer Narr: Welche Wahrheit hätte Christoph Schlingensief hinter den Masken entdeckt?

  2. Neutraler Berater: Was hält Trumps Pandemieexperte von seinem Präsidenten?

  3. Geld oder Segen: Gibt es wirklich Leute, die nichts geschenkt haben wollen?

1. Die Wahrheit in der Übertreibung

Christoph Schlingensief ist tot. Diese Nachricht sollte Sie nicht erschrecken, sie ist heute genau auf den Tag zehn Jahre alt. Der Filmregisseur und Theatermacher, der Aktivist und große Künstler starb am 21. August 2010 an Lungenkrebs. Ich habe viele von Schlingensiefs Theateraufführungen gesehen, ich habe ihn mehrmals zu Interviews getroffen, auch, als er schon sehr krank war, und immer bewundert, wie schnell er im Kopf war mit seinen Assoziationen (manchmal wurde einem schwindelig dabei). Ich erinnere mich an eine Veranstaltung in Hamburg, bei der Schlingensief mit seinem schönsten Schwiegersohn-Lächeln die anwesenden Reeder und andere Reiche, von denen er Geld für sein Operndorf  haben wollte, als "Liebe Pfeffersäcke" ansprach. Und ich erinnere mich an den Moment, als die Nachricht von seinem Tod kam, es war ein Samstag, wir saßen auf einer Alsterwiese, die Kinder aßen gerade Eis, der Himmel war blau, als der Anruf kam. "Ich habe keinen Bock auf Himmel", hatte Schlingensief in unserem letzten Interview gesagt.

Schlingensief wurde als "heiliger Narr und genialer Wüterich verehrt und als zynischer Provokateur verachtet", schrieben wir schon 1997 über ihn, "dabei macht ihn sein Talent, die Ästhetik der Straße mit rigoroser Moral zu verbinden, zum vielleicht radikalsten demokratischen Künstler." Für Schlingensief war alles Politische privat, er nahm die Widersprüche der Welt stets so persönlich wie möglich. Krankheit war immer eins seiner Themen, auch schon vor seiner Krebsdiagnose. In der Berliner Volksbühne riss er sich einmal das Hemd vom Leib, um zu zeigen, wie ihm die deutsche Politik gefährliche Allergiepusteln auf die Haut brennt. 

Wie sähe wohl seine Kunstaktion zur Corona-Pandemie aus? Welches Masken-Drama  hätte er, zusammen mit der Kostümbildnerin Aino Laberenz, seiner Frau, zum Beispiel aus dem Paradox gemacht, dass noch vor Kurzem jeder als verdächtig galt, der sich verhüllte, egal ob aus politischen oder religiösen Gründen - und nun jeder eine potenzielle Gefahr ist, der das nicht tut? Es gehe ihm darum, "in der übertriebenen Situation mehr Wahrheit zu finden", sagt Schlingensief in einer Dokumentation der Filmemacherin Bettina Böhler, die anlässlich seines zehnten Todestages ins Kino kommt.

2. Die Neutralität der Wissenschaft

Christoph Schlingensief wuchs übrigens als Sohn eines Apothekers auf, genau wie Donald Trumps Pandemieberater Anthony Fauci. Das dürfte aber auch so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden sein. Im SPIEGEL-Gespräch  mit meinen Kolleginnen Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow betont der Wissenschaftler, er sei "völlig unpolitisch" und bedauert, dass es in den USA zu einer politischen Aussage geworden sei, ob man einen Mundschutz trägt oder nicht. "Masken dienen dem öffentlichen Gesundheitsschutz, sonst nichts", sagt Fauci. So wahr, so kompliziert. Obwohl um ihn herum der Wahlkampf tobt, der nicht zuletzt im Kampf gegen die Pandemie entschieden werden wird, betont Fauci, er sei "neutral". Auch zu Trump, der ihn zwischendurch als "Panikmacher" beschimpft hatte, äußert sich der 79-jährige Wissenschaftler bemerkenswert diplomatisch: Das Weiße Haus sei "ein komplizierter Ort" und der Präsident "ein kluger Mensch, er versteht die Dinge. Er hat seine eigenen Vorstellungen davon, drückt sie anders aus, aber er ist ein ziemlich kluger Kerl." 

Foto:

ALEXANDER DRAGO/ REUTERS

3. Die Macht des Geldes

"Chance 2000" hieß die Partei, die Christoph Schlingensief vor der Bundestagswahl 1998 gegründet hatte, nach 16 Jahren Helmut Kohl. Im August 1998 rief Schlingensief alle in Deutschland gemeldeten Arbeitslosen - das waren damals mehr als vier Millionen - dazu auf, mit ihm in den Wolfgangsee in Österreich zu steigen. Ziel war, den Wasserpegel so steigen zu lassen, dass dem damaligen deutschen Bundeskanzler, der an dem malerischen See gerade seinen Urlaub verbrachte, das Wasser möglichst bis zum Hals stehen sollte. Damals folgten dem Aufruf nur ein paar Hundert Leute, Kohl bekam nicht mal nasse Füße. An diese Aktion fühlte ich mich erinnert, als ich vom Aufruf des Vereins "Mein Grundeinkommen" las. Die Initiatoren suchen nach Freiwilligen, die gern drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro "bedingungsloses Grundeinkommen" erhalten wollen - und sich als einzige Gegenleistung regelmäßig von Wissenschaftlern befragen lassen müssen. Binnen 70 Stunden meldeten sich eine Million Bewerber. Am Ende ist dann hoffentlich die Frage geklärt, ob Geld nicht doch glücklich macht. Zur Frage der Akkumulation von Kapital und immateriellen Werten hat Schlingensief gesagt: "Ich glaube, dass in der Anhäufung von Schwachsinn mehr Wahrheit liegt als in der Anhäufung von Wahrheit."

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Was heute sonst noch wichtig ist

Foto: Mareen Fischinger / Westend61 / imago images
  • Jeder dritte Patient überlebt künstliche Beatmung nicht: In Deutschland starben bislang zwar weniger Menschen an Covid-19 als etwa in Belgien oder Großbritannien. Eine neue Studie zeigt jedoch: Bei Patienten, die ins Krankenhaus mussten, sind die Verläufe überall ähnlich.

  • Behörden schätzten Berliner Autobahnattentäter als ungefährlich ein: Die deutschen Sicherheitsbehörden stuften die Gefährlichkeit des Berliner Autobahnattentäters falsch ein. Im Asylverfahren 2016 wurden nach SPIEGEL-Informationen mögliche Terrorkontakte geprüft - Ergebnis: "Keine Bedenken."

  • Erwischt: Der frühere Chefstratege Donald Trumps sammelte bei Spendern Millionen für die umstrittene Grenzmauer zu Mexiko. Was Stephen Bannon sonst noch damit finanziert hat, interessiert nun die Gerichte.

  • Harry Jeske ist tot: Mit der DDR-Rockband Puhdys spielte Harry Jeske zahllose Konzerte. 1997 musste er krankheitsbedingt aussteigen. Nun ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

  • Deutsche Ärzte dürfen angeblich zu Nawalny: Es gibt offenbar Bewegung bei der Rettung des um sein Leben kämpfenden Alexej Nawalny: Deutsche Ärzte haben angeblich Zugang zu dem Kremlkritiker bekommen, der in einer Klinik in Sibirien liegt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Was die Hisbollah mit dem mysteriösen Fall der "Rhosus" verbindet: Die Explosion in Beirut ging von einer Schiffsladung aus. Recherchen des SPIEGEL und des Journalistennetzwerks OCCRP zeigen nun: Es gab Verbindungen des Reeders zur Bank der Hisbollah .

  • Wenn Trump versucht, die Wahl zu stehlen: Der US-Präsident droht offen damit, eine Niederlage am 3. November nicht zu akzeptieren. Der Albtraum der amerikanischen Verfassungsväter könnte Wirklichkeit werden: ein Staatsstreich, organisiert im Weißen Haus .

  • Warum Autokäufer wochenlang auf ihre Wagen warten: Wer ein neues Auto kauft, braucht derzeit Geduld - zu groß ist das Corona-Chaos in den Zulassungsbehörden. Händler und Hersteller laufen jetzt Sturm und fordern eine digitale Lösung.

  • Die fünf ungelösten Fragen der deutschen Corona-Politik: Test- und Masken-Pannen in Bayern, Kritik an Gesundheitsminister Spahn: Vor dem Herbst ringt die Politik um eine Strategie gegen die Pandemie .

Was heute nicht so wichtig ist

Foto:

Facundo Arrizabalaga / dpa

  • Die Qual der Wahl: Herzogin Meghan, US-Amerikanerin, hat es gewagt, ihre Mitbürgerinnen zur Wahl aufzurufen. Wählen zu gehen gilt für ein Mitglied der Royal Family - das Meghan immer noch ist - als fast so unfein wie sich selbst die Autotür zu öffnen. Es ist halt ein bürgerlicher Brauch. Manche sagen sogar ein Recht. Wen sie selbst wählen wird, hat die Frau von Prinz Harry aber nur angedeutet.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Umweltschützer waren vor Gefahren durch Schwermetalle."

Cartoon des Tages: Böswillige Vorurteile

Foto: plassmann / Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie natürlich im Kino den Film über Christoph Schlingensief anschauen, siehe oben. Oder zu Hause, falls Sie gestern keine Zeit dafür hatten, die Startsendung des neuen SPIEGEL-Literaturtalks "Spitzentitel", der von nun an immer donnerstags um 14.30 Uhr gezeigt wird und auf der SPIEGEL-Seite abrufbar ist. Mein Kollege Volker Weidermann hat sich zum Auftakt die wegen ihrer Nähe zu Verlagen und Ansichten der politischen Rechten umstrittene Schriftstellerin Monika Maron eingeladen. Sehr gut gelaunt und präzise argumentierend spricht Weidermann mit Maron über ihren neuen Roman "Artur Lanz" und ihre Vorstellung von Männlichkeit, ihre Thesen als Islamkritikerin, aber auch über ihren Blick auf andere gesellschaftliche Phänomene. Besonders komisch fand ich den Moment, in dem Weidermann behauptete: "Jogger sind doch harmlose Leute"; Maron antwortete voller Inbrunst: "Nee, das kann man nicht sagen! Wenn Sie im Schöneberger Volkspark spazieren gehen würden mit einem Hund wie ich - da denken Sie, Sie sind auf einer Jogger-Autobahn!"

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Anke Dürr

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

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