Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wie Trump das eigene Militär enthauptet

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Zahlen – Wie ist die Zwischenbilanz?

  2. Streitkraft – Was bedeutet Trumps Personalumbau im Pentagon?

  3. Boxsport – Gibt es ein System des sexuellen Missbrauchs?

1. Corona, die Zwischenbilanz

Das Virus in absoluten Zahlen: 21.866 neue Corona-Infektionen binnen 24 Stunden meldet das Robert Koch-Institut heute, deutlich mehr als gestern und auch mehr als vergangenen Donnerstag. Bringt der Shutdown also nichts? "Vorsicht bei solchen Interpretationen", sagt meine Kollegin Heike Le Ker aus unserem Gesundheitsteam. "Die Zahlen zeigen nur einen winzigen Ausschnitt des Infektionsgeschehens, sie schwanken stark." Wenn man etwa die letzten beiden Dienstage vergleicht, sinken sie. "Bis wir genauer wissen, wie gut die Maßnahmen wirken, dauert es wohl noch etwa eine Woche", sagt Heike. Das RKI jedenfalls äußert sich schon "vorsichtig optimistisch". (Hier lesen Sie mehr.)

Das Virus in Euro: Mit 3,4 Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen als noch im September erwartet können Bund, Länder und Gemeinden für das kommende Jahr rechnen. Die Steuerschätzer rechnen also mit etwas höheren Einnahmen als befürchtet – oder mit weniger Ausfällen, je nach Perspektive. (Der Journalist gilt schließlich als ein Mensch, den das Haar mehr interessiert als die Suppe.) Es bleibt nämlich dabei, dass die Corona-Hilfspakete riesige Löcher in die Staatskassen reißen. Erstmals seit der Finanzkrise 2009 sinken die Steuereinnahmen in diesem Jahr. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Das Virus an Schulen: An 3000 Schulen gibt es angeblich wegen Corona keinen Regelbetrieb mehr, weil einzelne Klassen oder Jahrgänge in Quarantäne seien oder Schulen im Wechselmodell unterrichteten. Über 300.000 Schülerinnen und Schüler sind laut Lehrerverband in Quarantäne. Diese Angaben kursieren, zusammen mit dem Vorwurf: Salami-Lockdown! "Vorsicht bei diesen Zahlen", warnt meine Kollegin Swantje Unterberg, die den Berichten nachgegangen ist. "Sie sind mindestens unvollständig. Die Angaben der Bundesländer lassen sich kaum vergleichen – aber leicht instrumentalisieren." Da sind zum einen Bildungspolitiker, die die Schulen offen halten wollen und sagen: Im Verhältnis zu 11 Millionen Schülerinnen und Schülern fallen die paar Quarantänefälle kaum ins Gewicht. Da sind aber auch Lehrerverbände, die fürchten, ihre Mitglieder werden an der Corona-Front Schule verheizt, und denen deshalb abschreckende Zahlen gelegen kommen. (Hier lesen Sie mehr.)

Zwei letzte Zahlen: Wie man 1,3 Milliarden Impfstoffdosen bei minus 70 Grad hält – das lesen Sie hier .

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2. Befehlerkultur

Der Präsident ersetzt nach der Wahlniederlage die Spitzen des Pentagons mit Loyalisten. Vor Trump gab es das nur in Tom-Clancy-Romanen und "24"-Episoden. Jetzt passiert es wirklich – der Noch-Oberbefehlshaber hat den Verteidigungsminister gefeuert und auch seine wichtigsten Staatssekretäre, unter anderem den für den militärischen Geheimdienst zuständigen und den Stabschef. "Die militärische Elite der USA ist seit Trumps Rachefeldzug im Pentagon extrem besorgt, denn statt erfahrener Offiziere hat der Präsident ihm absolut ergebene Jasager an der Spitze installiert, die jede auch noch so verrückte Idee umsetzen werden", sagt mein Kollege Matthias Gebauer.

Matthias hat gerade mit James Stavridis gesprochen, einem der bekanntesten Kommandeure der US-Streitkräfte. Nach einer steilen Karriere wurde der heute 65-jährige Stavridis 2009 zum Saceur ernannt, dem obersten Befehlshaber aller Nato-Truppen, und war dafür bis 2013 in Europa stationiert. Nach seiner Karriere bei der Marine war er als möglicher Vizepräsidentenkandidat von Hillary Clinton im Gespräch.

Über Trumps Manöver sagt Stavridis: "Es gibt einen drastischen militärischen Begriff dafür. Man spricht von einem Enthauptungsschlag, mit dem man dem Feind jegliche Führungsfähigkeit nimmt. Genau das hat Trump beim US-Militär angerichtet."

3. Boxerinnen, die zurückschlagen

Unter den 80.000 Mitgliedern der Boxsportvereine in Deutschland herrscht offenbar ein rauer Ton. Nicht einmal ein Fünftel der Aktiven sind Frauen, oft hören sie sexistische oder chauvinistische Sprüche der Männer, bis hin zu Vergewaltigungswitzen. Eine 18-jährige Boxerin erzählte meinem Kollegen Michael Fröhlingsdorf, dass ihr Coach aber weiter gegangen sei und ihr mehrfach zwischen die Beine gegriffen habe. "Das war Absicht. Ich weiß das, und mein Trainer weiß das auch", sagt die Boxerin.

Bei ihren Recherchen in der Boxsportszene stießen Michael und der Kollege Markus Sutera auf ein System des sexuellen Missbrauchs. Nachdem ihre Gesprächspartnerin und weitere Sportlerinnen sich an den Boxsportverband gewandt hätten, seien sie bedroht worden. Die jungen Frauen aber ließen sich nicht einschüchtern und gingen zur Polizei. "Sie wollen nicht weiter einstecken, sondern zurückschlagen", sagt Michael.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Großbritannien bestellt chinesischen Botschafter ein: Die britische Regierung sieht einen "klaren Verstoß" Chinas gegen die Autonomievereinbarung für Hongkong – und bittet den Vertreter in London zum Gespräch. Auch von der EU kommt scharfe Kritik.

  • EU-Beschwerdestelle leitet Untersuchung gegen Frontex ein: Frontex ist nach SPIEGEL-Recherchen in illegale Pushbacks von Flüchtlingen involviert. Die Bürgerbeauftragte der EU untersucht nun, ob die Kontrollmechanismen der Grenzschutzagentur versagen.

  • Lawrow kündigt Sanktionen gegen Deutschland und Frankreich an: Nach dem Giftanschlag auf den Kremlkritiker Alexej Nawalny hatte die EU Sanktionen gegen ranghohe russische Beamte beschlossen. Außenminister Sergej Lawrow will das nun mit gleicher Härte beantworten.

  • Cyberangriff auf Mitteldeutschen Rundfunk: Nach SPIEGEL-Informationen wurde der MDR am Samstag Opfer eines Hackerangriffs, der die Website zeitweise lahmlegte. Hinweise auf einen Zusammenhang zu den "Querdenken"-Protesten gibt es derzeit offenbar nicht.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Frank Zander wehrt sich

Sänger bei der Talkshow "MDR Riverboat": In diesem Moment herrschte Zander freies Berlin

Sänger bei der Talkshow "MDR Riverboat": In diesem Moment herrschte Zander freies Berlin

Foto:

imago images / STAR-MEDIA

Vielleicht passt niemand so gut zu Berlin wie Frank Zander. Nein, nicht zur Berliner Republik und nicht zur Party-Destination des Easyjetsets, sondern zum alten West-Berlin, das sich selbst genug ist und immer irgendwie durchwurstelt. Allein Zanders Geschäftsidee , personalisierte Geburtstagsständchen auf CD zu verkaufen – in alle Richtungen anschlussfähig: als selbstironisches Hipster-Geschenk genauso wie als ernsthafte Aufmerksamkeit für die Eckkneipenbetreiberin Siglinde in Tempelhof, an deren Tür "Raucherlokal. Personen unter 18 Jahren ist der Zutritt vom Gesetzgeber untersagt"-Schild hängt, wie ich aus sicherer Quelle weiß.

Jetzt hat Zander ein Problem, das viele Berliner kennen: Stress mit dem Vermieter, einem Immobilieninvestor aus München. "Ein erbitterter Streit, in dem beide Seiten zu groben Mitteln greifen und den Konflikt immer weiter eskalieren", sagt meine Kollegin Kim Staudt. "Zander setzt seine Popularität ein, nutzt die 'Bild'-Zeitung und inszeniert sich als volksnaher Kämpfer gegen großkapitalistische Miethaie." Der Münchner Hausbesitzer wiederum pocht auf die Rechtslage, setzt seine Anwälte ein und kündigt Zander schließlich, weil der ihn "Arschloch" nennt.

Der "Tagesspiegel"  mutmaßte bereits, Zander müsse seine Hymne "Nur nach Hause geh'n wir nicht" bald umtexten: "Nur zu Hause fliegt er raus". Kim sagt: "Es wirkt, als spielten Zander und der Vermieter einen Lehrbuchfall für Mediatoren nach", sagt Kim. "Wie man es auf keinen Fall machen sollte."

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Um den Briten-Trump wird es jetzt einsam: Die Niederlage des US-Präsidenten ist auch eine Niederlage für den britischen Premierminister Boris Johnson. Geht die Ära des Populismus in der Handelspolitik zu Ende? 

  • Wenn die Grundschule einen Sechsjährigen anzeigt: Ein Erstklässler erhält nach einem Konflikt im Hort eine polizeiliche Vorladung, ein Ermittlungsverfahren wird eingeleitet. Die Berliner Schulaufsicht hielt das Vorgehen für angemessen, Fachleute sind entsetzt .

  • "Hinter der Angst vor dem Virus steckt eine noch größere Angst": Für den 83-jährigen Dietmar Schmeiser ist die Covid-19-Pandemie nicht die erste große Krise. Hier spricht er über die Verarbeitung persönlicher Tiefs und erklärt, wie wir mit globalen Problemen umgehen sollten .

Was heute nicht so wichtig ist

Schwan ohne See

Schwan ohne See

Foto:

Ariel Cordova-Rojas / AP

  • Ein Schwan hat Schwein: Die New Yorkerin Ariel Cordova-Rojas, 30, wollte eigentlich nur ihren Geburtstag in einem Naturschutzgebiet in Queens feiern, rettete dann aber einem Schwan, acht Kilogramm, der unter einer Bleivergiftung litt, das Leben, wie die "New York Times" berichtet. Demnach hatte die Frau das Tier am Ufer entdeckt und bemerkt, dass es weder laufen noch fliegen konnte. Sie wickelte es in ihre Jacke, trug es fast zwei Kilometer. Dann brachte jemand die beiden mit dem Auto bis zur U-Bahnstation, dort stiegen Vogel und Vogelfinderin um und fuhren bis zur Tierklinik. Die Retterin sagte: "Die Wildtiere sind ebenso New Yorker wie wir, und es ist unsere Pflicht, uns gegenseitig zu beschützen."

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Das glichen Sie mit der Zahl der gemeldeten Corona-Fälle pro Tag ab."

Cartoon des Tages: Den Islam integrieren!

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie zu Ehren Neil Youngs, der heute 75 wird, einer Empfehlung meines Kollegen Andreas Borcholte folgen:

"An 'Onkel Neils', oder jetzt besser 'Opa Neils' Jubeltag setzt man sich am besten mit einem (natürlich alkoholfreien) Bier aufs Sofa, macht das Licht aus und hört – schön laut – einen seiner ewig besten Songs." Welchen? "'Cortez The Killer' natürlich. Siebeneinhalb heilige Minuten", sagt Andreas, dem in musikalischen Dingen absolut zu vertrauen ist. (Seine "Abgehört"-Kolumne erscheint immer freitags, Sie finden sie hier. Und mit einem anderen Young hat er auch noch gesprochen, mit Angus von AC/DC – das Interview lesen Sie hier). 

Young, wieder etwas älter

Young, wieder etwas älter

Foto:

Nils Meilvang/ dpa

In diesem Sinne: So Young, sorry Namenswitz, kommen wir nicht mehr zusammen.

Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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