Anna Clauß

Die Lage am Abend Chaos Royale

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Ressortleiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Chaos Royale – Lässt sich die Pandemie noch dieses Jahr besiegen?

  2. Australian Open – Wird Novak Djoković starten oder abgeschoben?

  3. Duke of York – Warum verstößt die Queen ihren Lieblingssohn?

1. Impfen statt schimpfen

Rund 60.000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag, eine deutschlandweite Rekordinzidenz von 470: Die Omikron-Wand ist da. Dennoch sieht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ein Ende der Pandemie kommen. Im Bundesrat sagte er heute, Deutschland habe die Möglichkeit, die Pandemie noch in diesem Jahr zu beenden. Wie genau?

Man muss weder ein Genie sein, noch muss man die gemeinsame Pressekonferenz von Charité-Chefvirologe Christian Drosten, RKI-Chef Lothar Wieler und Karl Lauterbach heute verfolgt haben, um zu wissen: Das wirksamste Mittel im Kampf gegen das Virus sind Impfungen. Mit der Frage, ob und wie sie verpflichtend für alle Bürger dieses Landes werden sollen, ringt die Politik schon die ganze Woche.

Auch der SPIEGEL widmet sich in seiner aktuellen Titelstory der Impfpflicht . Das Heft-Cover zeigt Karl Lauterbach als 007 in verzagter Mission. Er will die Lizenz zum Impfen, nur umsetzen sollen sie andere. Hier finden Sie einen Link, der sich in 24 Stunden vermutlich von selbst zerstört, mit Cover-Vorschlägen, die wir nicht gedruckt haben.

Darunter zum Beispiel die Titelzeile »Regier an einem anderen Tag«. Denn das Chaos um die Einführung einer Impfpflicht offenbart die Führungsschwäche der neuen Regierung. In seiner ersten Regierungsbefragung diese Woche sagte Olaf Scholz, er sei zwar für die allgemeine Impfpflicht, wolle aber keinen eigenen Gesetzentwurf vorlegen. Er begründete das mit der »Gewissensentscheidung«, die die Abgeordneten zu treffen hätten. Die Mitglieder des Parlaments müssen nun fraktionsübergreifend Gruppenanträge einbringen (hier mehr dazu, wie das Verfahren funktioniert).

»Scholz' Erklärung sollte verschleiern, dass er seine eigene Koalition nicht davon überzeugen kann, für eine allgemeine Impfpflicht zu stimmen. Er stilisierte seine Not zur Tugend«, schreibt meine Kollegin aus dem SPIEGEL-Hauptstadtbüro Valerie Höhne. Aber sie hat auch gute Nachrichten: »Damit ist der Bundestag zur momentan wichtigsten Instanz der Pandemiepolitik geworden.« In Krisen schlägt oft die Stunde der Exekutive, aber wenn die Krise zum Dauerzustand wird, gehören so wichtige Entscheidungen wie die über die Einführung einer Impfpflicht in die Hände des Parlaments, findet Valerie .

Wie heftig mittlerweile nicht nur in der Politik um den richtigen Weg aus der Krise gerungen wird, zeigt ein Vorfall aus Dresden. Um die dortige Uniklinik vor Coronaleugnern zu schützen, die einen Protest-»Spaziergang« geplant hatten, stellten sich Medizinstudenten vor das Gebäude. Sie trugen weiße Kittel und Schilder mit der Aufschrift »Impfen statt Schimpfen«. Da sie dabei allerdings gegen die sächsische Corona-Verordnung und das Versammlungsgesetz verstoßen haben sollen, wurden sie von der Polizei eingekesselt und angezeigt. »Chaos Royale« – auch das ein Cover-Titel, der diese Woche vielleicht gut gepasst hätte.

2. Kein Finale in Sicht

Die Causa des Tennisstars Novak Djoković bewegt die Welt. Falls Sie die Hintergründe noch nicht kennen, finden Sie hier einen Überblick zu den Schlüsselmomenten eines der kuriosesten Fälle der Sportgeschichte.

Heute hat der australische Einwanderungsminister Alex Hawke von seinem ministeriellen Ermessen Gebrauch gemacht und das Visum des 34-jährigen Serben drei Tage vor Beginn der Australian Open  aus Gründen des öffentlichen Interesses widerrufen. Djoković kann die Entscheidung allerdings noch vor Gericht anfechten.

Eine Teilnahme des Titelverteidigers an den Montag beginnenden Australian Open ist damit zwar noch nicht ausgeschlossen, weil er weitere Rechtsmittel einlegen kann, aber unwahrscheinlich geworden. Djoković ist nicht gegen das Coronavirus geimpft und deswegen eine umstrittene Person in dem Land, das seit Beginn der Pandemie harte Regeln aufgestellt hat.  Der ärmste Kerl in dem ganzen Spiel heißt übrigens Miomir Kecmanović. Das findet zumindest mein Kollege Peter Ahrens aus dem Sportressort. Vor zwei Tagen wurde ihm der Weltranglistenerste in der ersten Runde der Australian Open zugelost , aber der 68. der Weltrangliste hat immer noch keine Ahnung, ob er nun gegen Novak Djoković  anzutreten hat oder nicht. Eine vernünftige Vorbereitung auf sein Grand-Slam-Turnier sei dadurch unmöglich.

»Und da Kecmanović Serbe ist und sein potenzieller Gegner der Volksheld des Landes, kann er sowieso nur etwas falsch machen – falls es trotz des erneut entzogenen Visums für den Tennis-Superstar doch noch zur Erstrundenpartie kommt«, schreibt Peter. Auf diese Partie würde dann nicht nur ganz Serbien, sondern die gesamte Welt schauen. Kecmanović ist wirklich nicht zu beneiden. 

3. Der verlorene Sohn

Die Queen hat ihren Lieblingssohn verstoßen. Andrew Albert Christian Edward, Duke of York, der Welt bekannt als Prinz Andrew, ist seit bald drei Jahren in einen widerwärtigen Kriminalfall verwickelt, der »das Zeug dazu hat, das Platinjubiläum der englischen Königin in ein Debakel zu verwandeln – und die gesamte königliche Familie dauerhaft in Misskredit zu bringen«. So beschreibt die Lage der Londoner SPIEGEL-Korrespondent Jörg Schindler. 

Der Buckingham-Palast erklärte am Donnerstagabend: »Mit Einverständnis und Billigung der Queen« sei der Duke of York, also Andrew, von all seinen militärischen Ehrentiteln und Schirmherrschaften entbunden worden. Er werde weiterhin keine Aufgaben mehr im Namen der Königin übernehmen und müsse seine juristischen Auseinandersetzungen fürderhin »als Privatperson« bestreiten.

Im Raum steht der Verdacht, dass der Prinz Teil des Netzwerks um den inzwischen verstorbenen pädokriminellen Multimillionär Jeffrey Epstein gewesen sei. Und dass er sich selbst vor rund 20 Jahren des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen schuldig gemacht habe.

Damit befindet sich das Königreich in einer Art Doppelkrise: Auch die Regierung Ihrer Majestät kommt wegen ihres Chefs Boris Johnson und wegen diverser Lockdownpartys nicht aus den Schlagzeilen. Gerade berichteten Medien von zwei weiteren illegalen Feten, die Regierungsbeamte 2020 ausgerichtet haben sollen.

Normalerweise würden Königshaus und Regierung es vermeiden, gleichzeitig in die Bredouille zu geraten, urteilt Alastair Campbell, Ex-Stabschef des früheren Premierministers Tony Blair. Nicht ohne Schadenfreude fügte er hinzu: »Das ist ja ein schönes Bild, das sich die Welt gerade von Global Britain macht.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

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Was heute weniger wichtig ist

Szene aus dem YouTube-Video mit dem Song »Baby Shark«

Szene aus dem YouTube-Video mit dem Song »Baby Shark«

Ein Ohrwurm schreibt Geschichte: Das Video »Baby Shark« hat als Erstes die Zehn-Milliarden-Marke auf YouTube geknackt und ist damit das meistgesehene Video der Plattform. Das Video zeigt zwei Kinder, die den »Baby-Hai-Tanz« vorführen. Im Hintergrund schwimmt eine animierte Haifamilie. Im Verlauf des Songs versuchen die Haie, die Kinder zu jagen. Sie scheitern jedoch, und die Kinder feiern ihren Triumph. Falls Sie trotz der offenbar überragenden Bekanntheit des Hai-Hits noch nie von ihm gehört haben: Mir geht's genauso. Hinter dem Mond lebe ich jedenfalls lieber als unter Wasser.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Irrsinn mit Plüsch-Koaola

Cartoon des Tages: Testsieger

Und am Wochenende?

Sein Satz »In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein«, löste einst einen Skandal aus. Nun ist der Universalkünstler Herbert Achternbusch ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Natürlich in Bayern, genauer gesagt in München.

»Der Regisseur, Autor und Maler Herbert Achternbusch war als bayerischer Rebell ein Star der westdeutschen Kulturwelt und geriet dann ein wenig in Vergessenheit – natürlich zu Unrecht«, schreibt mein Kollege Wolfgang Höbel in seinem Nachruf, der mich sehr berührt hat.

Obwohl ich seit zehn Jahren in München lebe, ist mir Achternbuschs Werk nicht vertraut. Also bat ich Wolfgang um einen Tipp, welchen Achternbusch-Film ich mir heute Abend anschauen könnte. Er antwortete: »Das Problem ist, dass Achternbusch so vergessen ist, dass keiner seiner Filme derzeit in einem Streamingdienst zu kriegen ist. Kein einziger! Man muss sich also schon DVDs besorgen.«

Sein freundlichster und rührendster Film sei »Die Olympiasiegerin« von 1983, in dem er seiner offenbar sehr schönen Mutter, einer Sportlehrerin, ein Denkmal setzte. Der lustigste Einstiegsfilm in Achternbuschs Werk sei der hart realistische Oktoberfestfilm »Bierkampf« von 1977. Er wurde im echten Getümmel des Oktoberfests unter Gefahr für Leib und Leben gedreht.

Vielleicht haben Sie noch einen DVD-Player zu Hause und eine Videothek um die Ecke? Ich leider nicht. Also werde ich ein Achternbusch-Buch lesen müssen. Wolfgang empfiehlt »Die Stunde des Todes« aus dem Jahr 1975: »Das Buch erzählt in einer klaren, originellen Sprache vom ewigen Thema des jungen begabten Menschen vom Land, der in die große Stadt kommt und dort seinen Platz in der Welt der Künstlerinnen und Künstler zu finden versucht.«

Klingt alles besser als das Lied vom Baby-Hai.

Ihnen ein schönes Wochenende. Nächste Woche übernimmt Wolfgang die »Lage am Abend«. Herzlich

Ihre Anna Clauß
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