Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Die Spritze fürs Gefühl

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Bundestagsdebatte: Wer kann die Impfpflicht mit seinem Gewissen vereinbaren?

  2. Austrittswelle: Warum in der Kirche bleiben, wenn selbst der Papst die Unwahrheit sagt?

  3. Temporausch: Mit über 400 über die Autobahn – ist das erlaubt?

1. Lechts und Rinks beim Thema Impfpflicht

Wird es in Deutschland eine allgemeine Coronaimpfpflicht geben? Über diese Frage diskutiert seit heute der Bundestag. Ein konkreter Gesetzentwurf liegt noch nicht vor. SPD, Grüne und FDP haben vereinbart, dass die Abgeordneten in freier Abstimmung ohne die üblichen Fraktionsvorgaben beraten und entscheiden sollen. Kanzler Olaf Scholz verzichtet auf ein Machtwort. So wird die Impfpflicht zu einer Gefühlssache, zur Gewissensfrage. Zum Auftakt gab es deshalb nur eine sogenannte Orientierungsdebatte. In anderen Zusammenhängen würde man vielleicht »Stuhlkreis« dazu sagen.

Und so lösen sich nun beim Thema die politischen Lager auf, und es bilden sich neue Gruppen, lechts und rinks, über Fraktionsgrenzen hinweg. Gruppe 1 will eine Impfpflicht für alle ab 18. Die SPD-Abgeordneten Olaf Scholz und Karl Lauterbach haben sich hierzu bekannt, aber auch einige von der CDU und CSU. Gruppe 2 lehnt die Impfpflicht ab. Hier zählt Wolfgang Kubicki von der FDP zu den Wortführern, aber auch die Linke Sevim Dağdelen; sie twitterte : »Eine Impfung, die weder vor Ansteckung noch vor Verbreitung schützt, sollte nicht zur Pflicht gemacht werden.«

Und dann gibt es noch Gruppe 3 mit Ideen für einen Mittelweg: erst Pflichtberatung für Ungeimpfte, dann Impfpflicht für Menschen ab 50. Marco Buschmann von der FDP unterstützt diesen Plan, aber auch mehrere Grünenvertreter.

Einig sind sich alle, dass es keinen Impfzwang geben soll, also ein gewaltsames Verabreichen des Impfstoffs. Immerhin. Stattdessen stehen Bußgelder von mehreren Hundert Euro im Raum. Braucht Deutschland außerdem ein Impfregister, um die Impfpflicht zu kontrollieren? Haben die Bundesländer Mitspracherechte? Soll die Impfpflicht befristet gelten? Für wie viele Impfungen? All diese Fragen wären noch zu klären.

Insgesamt scheint die Haltung gegenüber einer Impfpflicht starken Schwankungen zu unterliegen. Von »Geht gar nicht« kippte die Stimmung im Dezember Richtung »Brauchen wir unbedingt«. Nun geht es langsam wieder in die andere Richtung, weil sich zeigt, dass, erstens, Zigtausende sich trotz Boosterimpfung mit der Omikron-Variante infizieren und, zweitens, die Zahl der Krankenhauseinweisungen sich trotz Rekordinzidenzen in überschaubaren Grenzen hält, zumindest bislang . Aber vielleicht ist auch das nur eine Momentaufnahme.

Ich bin gespannt, wie Olaf Scholz erklären will, warum die Impffrage für Bundestagsabgeordnete eine individuelle Gewissensentscheidung ist, für Bürgerinnen und Bürger hingegen eine kollektive Pflichtleistung sein soll. Hier hat sich, so scheint mir, ein Kanzler, der nicht führen will, in eine Zwickmühle begeben.

2. Wo geht’s hier zum Kirchenaustritt?

Seit bekannt ist, dass auch der spätere Papst Benedikt XVI. in seiner Zeit als Münchner Erzbischof auf unangemessene Weise mit Missbrauchsfällen umging, darüber aber die Unwahrheit sagte, hat sich die Zahl der Kirchenaustritte offenbar rasant beschleunigt. Allein in München wurden nach Angaben des Kreisverwaltungsreferates (KVR) seit vergangenem Donnerstag rund 650 Termine für Kirchenaustritte gebucht, doppelt so viel wie üblich. Das Standesamt hat seine Öffnungszeiten verlängert und setzt jetzt zwei zusätzliche Beschäftigte für Kirchenaustritte ein. Auch die Städte Regensburg, Ingolstadt und Würzburg reagieren und bauen ihre Kapazitäten aus.

Ich kann jeden verstehen, der keine Lust mehr hat, die katholische Kirche zu unterstützen. Ein Papst, der lügt: Da fällt der Frommste vom Glauben ab. Umso mehr Respekt nötigen mir jene ab, die in der Kirche bleiben, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, sie von innen zu verändern. Die Reformbewegung Maria 2.0 hat Benedikt XVI. aufgefordert, seinen päpstlichen Namen abzulegen.

3. Rasender, kommst du nach Deutschland

Der tschechische Multimillionär Radim Passer hat vor einiger Zeit einen Kurztrip in Deutschland gemacht. Sein Reiseziel: die Autobahn A2 zwischen Berlin und Hannover. Linke Spur. Passer beschleunigte seinen Bugatti Chiron (1500 PS) auf 417 Stundenkilometer. Festgehalten wurde die rasante Fahrt per Kamera, der Film läuft mit großem internationalem Erfolg auf Passers YouTube-Kanal . Viele halten den Tschechen für verrückt, aber viele feiern ihn auch für seine Aktion.

Mein Kollege Jürgen Pander, selbst erfahren im Umgang mit schnellen Autos, ist dem Phänomen nachgegangen . Er schreibt: »Es ist ganz offensichtlich ein besonders krasser Fall von Geschwindigkeitstourismus in Deutschland – aber bei Weitem nicht der einzige. Die deutsche Autobahn lockt mit einer weltweit einzigartigen Verheißung. Das Alleinstellungsmerkmal ›Geschwindigkeitsrausch ohne Reue‹ funktioniert. Die deutsche Autobahn ist Sehnsuchtsziel von Schnellfahrern aus der ganzen Welt.«

Der Magdeburger Unternehmer Phillipp Müller hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Seine Firma vermietet etwa einen Porsche 911 für 699 Euro, einen Ferrari 488 GTB für 999 Euro oder gar einen Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse für 14.999 Euro, um mit diesen Fahrzeugen für jeweils 80 Minuten in die Grenzbereiche der Fahrphysik vorzustoßen. Beworben wird »The Original Autobahn Experience« auf Englisch.

Im Netz geben die Speed-Touristen mit ihrem Temporausch an. Etwa die YouTuberin »Supercar Blondie«, die mit einem Mercedes GT erstmals auf einer deutschen Autobahn unterwegs ist, bis Tempo 250 beschleunigt. »Warum ist das erlaubt?«, schreit sie zuerst, dann rät sie zur Nachahmung: »Wenn ihr jemals die Möglichkeit dazu habt, tut es.« Mehr als 2,7 Millionen Mal wurde das Video bereits geklickt.

Millionär Radim Passer allerdings bekommt nun Ärger. Die Polizei ermittelt gegen den Tschechen wegen eines möglichen illegalen Alleinrennens. »Unabhängig davon legt die Straßenverkehrsordnung in Paragraf 3 fest, ein Fahrzeug dürfe nur so schnell gefahren werden, dass es ständig beherrscht wird«, schreibt mein Kollege Jürgen. »Bei mehr als 400 km/h auf einer öffentlichen Straße ist das zumindest zweifelhaft.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Todesfalle Carvingski

Bevor Sie am Wochenende Richtung Alpen aufbrechen, um sich in grenzenloser Selbstüberschätzung die Piste hinabzustürzen, möchte ich Ihnen ein Interview mit dem Chirurgen Christian Schenk empfehlen, das mein Kollege Andreas Haslauer geführt hat. Doktor Schenk arbeitet im schönen Bergdorf Schruns in Vorarlberg und hat es auch dank vieler Kunden aus Deutschland zu einer Privatklinik mit mehreren eigenen Rettungshelikoptern gebracht. Sein Tagwerk beginnt, kurz nachdem am Vormittag die Skilifte öffnen. »Mal schaun, was der Berg heut’ so abwirft«, sagt Doktor Schenk im Interview und lacht .

Er hat ausgerechnet, dass er in seiner Klinik seit 1994 bereits 48.300 Operationen gemacht hat. Prominente Skifahrer waren darunter, etwa Patrick Ortlieb, Marc Girardelli oder Bode Miller. Doch fürs Massengeschäft sorgen Amateure. »Die Leute meinen immer, dass sie ihre Carvingski beherrschen würden. Das ist ein Trugschluss«, sagt Schenk. »Sie müssen wissen: Diese Ski wurden ursprünglich als reines Renngerät für Tempo 80 km/h aufwärts konzipiert.«

Schenk teilt die Skisaison in zwei Hälften ein: »In den ersten drei Wintermonaten, also von Dezember bis Februar, habe ich meist Brüche auf dem Tisch, weil in dieser Zeit die Pisten durch den Kunstschnee und die Kälte knallhart sind. Im März und April, wenn der Schnee weicher ist, kommen mehr Weichteilverletzungen. Die Folge sind kaputte Schultern mit Band- und Sehnenverletzungen sowie Luxationen, natürlich auch das übliche Programm hinsichtlich Oberschenkel und Unterschenkel.«

Was aber rät Schenk den ungelenken Skifreunden aus Deutschland? Er sagt, man solle die superschnellen Carvingski den Profis überlassen. Sich außerdem mit Rückenprotektoren, Ellbogen- und Handgelenkschützern ausrüsten. Und natürlich einen Helm tragen.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß im Schnee. Kommen Sie heil wieder!

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Rostet nicht: Neil Young, 76, womöglich zweitbester Songwriter der Welt, hat sich mit dem Streamingdienst Spotify angelegt. Weil dort Falschinformationen über Coronaimpfstoffe verbreitet würden, erwäge er sogar einen Boykott, so die Branchenblätter »Variety« und »Rolling Stone«. Neil Youngs Ärger richtet sich gegen den Podcast des US-Comedians Joe Rogan, der für das Verharmlosen des Coronavirus und das Verbreiten von Verschwörungstheorien in der Kritik steht. Sein Podcast zählt zu den erfolgreichsten Angeboten auf Spotify. Noch. »Sie können Rogan oder Young haben. Nicht beide«, so Young.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Angst for Einkreisung« 

Cartoon des Tages: Weitere Eskalation

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Sein Doppelleben fliegt auf, vom Job ist er gefrustet, dann ein Schlaganfall: Man kann nicht sagen, dass Manfred Krug Mitte der Neunzigerjahre ein glückliches Leben führte. Dabei kam er damals ganz groß raus: Als Werbegesicht der Telekom sollte er die Deutschen zu einem Volk von Aktionären machen. In seinen Tagebüchern der Jahre 1996 und 1997 zeigt sich Krug als ein Mann, der von Selbstzweifeln geplagt war. Krugs Kinder haben die Tagebücher mehr als fünf Jahre nach dessen Tod nun freigegeben. Der Schauspieler selbst hatte die Aufzeichnungen geheim gehalten, war aber mit einer späteren Veröffentlichung einverstanden. Mein Kollege Janko Tietz hat die Tagebücher bereits gelesen. Er schreibt: »Krugs Sprache ist kraftvoll, schnörkellos und von einer existenziellen Wahrhaftigkeit, wie sie nur in wenigen Büchern zu finden ist. Seine privaten Erlebnisse bettet er ein in die gesellschaftlichen Verhältnisse, es entsteht ein Sittengemälde des ausgehenden 20. Jahrhunderts.« Eine Kostprobe können Sie hier dem aktuellen SPIEGEL entnehmen .

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

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