Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Diktator Kannfürnix

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona in Nordkorea – wer ist schuld am Ausbruch?

  2. Vorwahlen in den USA – schwächeln Donald Trumps Kandidaten?

  3. Russischer Turner Kuljak – wegen Pro-Putin-Propaganda zu Recht gesperrt?

1. Die Coronalage in Nordkorea verschlimmert sich – doch statt über eigene Fehler zu reden, wirft Diktator Kim seinen Behörden Trägheit vor

Für markige Propagandasprüche ist Nordkoreas Diktator berüchtigt. »Unsere Sache ist gerecht und die Macht Koreas, die mit der Wahrheit vereint ist, ist unendlich«, lautet eine der vielen Losungen, die von Kim Jong Un überliefert sind. Vielen Menschen in westlichen Ländern gelten der Mann und sein abgeschotteter Staat als irgendwie ulkige Relikte. Die US-Filmemacher Evan Goldberg und Seth Rogen haben sich zum Beispiel in der Filmsatire »The Interview« mit der nordkoreanischen Diktatur beschäftigt. Leider aber leiden die von Kim Jong Un beherrschten Menschen ganz im Ernst bittere Not: Heute wurde bekannt, dass in Nordkorea binnen 24 Stunden offenbar 232.880 neue Fälle von Coronainfektionen gezählt wurden, das Virus breitet sich in dem isolierten Land schnell aus.

Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA meldete ebenfalls heute, dass Kim Jong Un die Behörden kritisiert. Er warf deren Mitarbeitern Trägheit vor und kritisierte, dass die »Unreife der staatlichen Kapazitäten zur Bewältigung der Krise« die »Komplexität und die Schwierigkeiten« bei der Bekämpfung der Pandemie verschärft habe.

Meine Kollegin Veronika Hackenbroich hat bereits gestern berichtet , dass Nordkorea vergangenes Jahr ein Angebot über drei Millionen Dosen eines chinesischen Covid-19-Impfstoffs abgelehnt hat. Mit der Begründung, diese sollten lieber an »bedürftigere Länder« abgegeben werden.

Auch der Impfstoff von AstraZeneca, den Nordkorea über die Covax-Initiative der WHO hätte bekommen können, war nicht willkommen. Nur knapp eine Woche nach der ersten offiziellen Bestätigung eines Coronaausbruchs in Nordkorea schnellen die mutmaßlichen Fallzahlen rasant in die Höhe. Insgesamt zählen die Behörden inzwischen 1,72 Millionen Patienten mit Fiebersymptomen und 62 Todesfälle.

Kim hat das Militär mobilisiert, das zum Beispiel bei der Testung und Behandlung von Patienten Behörden und medizinische Fachkräfte unterstützen soll. Mehr bringen würde es der Bevölkerung, wenn Kims Regierung Auslandshilfe, die etwa aus Südkorea bereits angeboten wurde, zulässt. Dann könnten Beatmungsgeräte, Medikamente und Impfstoffe nach Nordkorea geliefert werden.

Die Situation in Nordkorea sei schwer einzuschätzen, sagt meine Kollegin Veronika, aber sie mache sich große Sorgen um die Menschen dort. »Ich hoffe, dass Kim Jong Un die angebotene Hilfe ungeachtet aller politischen Überlegungen annehmen wird.« Aber die Kollegin warnt auch vor westlicher Überheblichkeit. »Auch uns zeigt die Situation in Nordkorea wieder einmal, was für ein gefährliches Virus Sars-CoV-2 ist.«

2. Donald Trumps Kandidaten erweisen sich bei den Vorwahlen der Republikaner als nicht allzu stark – für seine Comebackpläne ist das alarmierend

Der Poltergeist der US-amerikanischen Politik war nie ganz verschwunden, nur ein wenig abgetaucht; jetzt jedoch mischt Donald Trump wieder lautstark mit. Vorerst ist der Ex-Präsident nur in der eigenen Partei der Republikaner im Einsatz. Mit einer Siegesserie bei den Vorwahlen will er seine Macht sichern. So versucht Trump vor den Kongresswahlen im Herbst möglichst viele seiner Kandidatinnen und Kandidaten auf die besten Plätze zu bringen. Am Ende sollen im Senat und im Repräsentantenhaus, aber auch auf wichtigen Gouverneursposten möglichst nur Leute sitzen, die ihn absolut loyal unterstützen.

Ich halte es für ein überraschendes Lebenszeichen aus der republikanischen Partei, dass Trumps Bilanz bei seiner Operation bislang eher gemischt ausfällt. Bei einem wichtigen Rennen im Bundesstaat Pennsylvania musste Trump heute noch zittern .

Der von ihm unterstützte Bewerber Mehmet Oz, ein Arzt und ehemaliger TV-Star, liefert sich dort ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem Rivalen David McCormick, einem Hedgefonds-Manager. Nach der Wahl am Dienstag stand zunächst kein klarer Gewinner fest. Oz und McCormick lagen nur einige Hundert Stimmen auseinander. Möglicherweise steht der Sieger sogar erst nach Neuauszählungen in einigen Wahlbezirken in den nächsten Tagen fest.

»Selbst wenn Oz gewinnen sollte, ist das mäßige Abschneiden seines Lieblings für Trump schon jetzt ein Alarmsignal«, schreibt mein Kollege Roland Nelles über die Comeback-Anstrengungen des Ex-Präsidenten. »Offenkundig folgen ihm größere Teile der eigenen Parteibasis nicht aufs Wort, wenn er ihnen einen Kandidaten oder eine Kandidatin zur Wahl empfiehlt.«

Allerdings hat Trump nicht überall Enttäuschungen hinnehmen müssen, sondern auch manche seiner Kandidatinnen oder Kandidaten durchgesetzt. Die Lage sei »verworren«, so mein Kollege Roland. Schon in der kommenden Woche könnte Trump den nächsten Dämpfer erhalten. Dann stehen die parteiinternen Vorwahlen in Georgia an, bei der Entscheidung über den Gouverneursposten könnte es eine Niederlage für Trump geben. »Der amtierende Gouverneur Brian Kemp verteidigt dort seinen Posten gegen den Trump-Kandidaten David Perdue. Alle Umfragen sehen Kemp derzeit klar in Führung.«

3. Der Turner-Weltverband sperrt den russischen Sportler Iwan Kuljak – weil er bei einem Skandalauftritt für Putins Angriffskrieg demonstriert hat

Seit Wladimir Putin seine Militärs in einen täglich neue Opfer fordernden Angriffskrieg in die Ukraine geschickt hat, haben internationale Veranstalter und Verbände fast sämtliche Sportlerinnen und Sportler aus Russland und Belarus von Wettkämpfen ausgeschlossen. Da ähnelt die Sportwelt dem Kulturbetrieb, in dem Künstlerinnen und Künstler aus Russland, Dirigenten zum Beispiel, in den vergangenen Wochen ihre Jobs aufgeben mussten oder mit der Stornierung ihrer Auftritte konfrontiert sind. Weder im Sport noch in der Kultur leuchtet mir der grundsätzliche Ausschluss von Menschen ein, die oft nicht einmal nach ihren politischen Ansichten gefragt werden.

Gestern Abend hat der Weltverband FIG, in dem Turnerinnen und Turner zusammengeschlossen sind, den Beschluss seiner Ethikkommission verkündet, den 20-jährigen russischen Sportler Iwan Kuljak für mindestens ein Jahr zu sperren.

In diesem Fall erscheint auch mir der Ausschluss vollkommen richtig. Denn Kuljak hatte Anfang März in Doha für einen Skandal gesorgt, als er bei der Siegerehrung nach der Entscheidung am Barren – wo er Dritter wurde – auf seinem Trikot anstelle des Wappens ein »Z« als Zeichen der Unterstützung für den Krieg Russlands in der Ukraine trug. Neben ihm auf der Siegertreppe stand der Gewinner Ilja Kowtun aus der Ukraine.

Der Buchstabe Z wird, wie Sie vermutlich wissen, von Befürwortern des russischen Angriffskriegs in der Ukraine genutzt und steht für »Za pobedu«, »Für den Sieg«. Kuljak wurde nun nachträglich vom Weltcup disqualifiziert und muss die Bronzemedaille sowie das Preisgeld in Höhe von 500 Schweizer Franken zurückgeben.

»Man kann darüber diskutieren, ob Sportler und Sportlerinnen allein wegen ihrer Herkunft ausgeschlossen werden dürfen, ob man nicht vielleicht zwischen Nationalteams und Einzelsportlern unterscheiden sollte«, sagt meine Kollegin Sabrina Knoll aus dem SPIEGEL-Sportressort. »Aber in diesem Fall ist jede Diskussion müßig. Deutlicher als Kuljak kann ein Sportler nicht sagen: Ich unterstütze den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg meines Präsidenten gegen das ukrainische Volk. Damit disqualifiziert er sich für jede Art von fairem Wettstreit.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Russischer Soldat bekennt sich des Mordes an einem Zivilisten schuldig: Im ersten Prozess wegen Gräueltaten russischer Militärs in der Ukraine steht ein Soldat in Kiew vor Gericht. Zum Auftakt des Prozesses gestand der Angeklagte laut Medienberichten den Mord an einem unbewaffneten 62-Jährigen.

  • Rumänien plant Ausbau der Gasförderung im Schwarzen Meer: Rumänien will internationale Multis für die Erschließung von Gasfeldern vor seiner Küste gewinnen und lockt mit finanziellen Vergünstigungen. Erste Konzerne signalisieren bereits Interesse.

  • Italienischer Energiekonzern Eni beugt sich russischen Vorgaben bei Gaszahlungen: Ein Konto in Euro, eins in Rubel: Italiens Energieversorger Eni fügt sich der russischen Ansage für künftige Gaslieferungen. Der Schritt dürfte in Brüssel aufmerksam beobachtet werden.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Neun Millionen Menschen sterben jedes Jahr vorzeitig durch Umweltgifte: Feinstaub in der Luft, Unrat im Wasser, Blei im Boden: Einer internationalen Studie zufolge zählt Umweltverschmutzung zu den größten Gesundheitsgefahren – mit mehr Todesopfern als Krieg, Terrorismus oder Malaria.

  • »Wir wollen bauen, wir sollen bauen, aber wir können nicht bauen« Russlands Überfall auf die Ukraine hat ungeahnte Folgen für den ohnehin bereits angespannten deutschen Wohnungsmarkt: Immer mehr Bauprojekte werden gestrichen.

  • IS-Kämpferin verlässt Gericht nach Urteil auf freiem Fuß: Sie schloss sich der Terrormiliz »Islamischer Staat« an, heiratete einen IS-Kämpfer und besaß eine Schusswaffe: Eine heute 22-Jährige ist in Halle zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Meine Lieblingsgeschichte heute...

…bietet ein paar tolle Sportler-Tipps, die auch Nichtsportlerinnen und -sportlern im realen Leben weiterhelfen. In der aktuellen Ausgabe von »Dein SPIEGEL«, die jetzt erschienen ist, verraten 14 Sportprofis ihre Tricks. Einer davon ist der Tischtennisspieler Timo Boll. Das Interview mit ihm wird heute auf der SPIEGEL-Seite präsentiert. In ihm erklärt Boll  unter anderem, was Tischtennis mit Schach zu tun hat. »Tischtennis ist eine sehr strategische Sportart. Man sollte sehr viele Spielzüge im Kopf haben, um in jeder Situation zu wissen: Wo spiele ich hin, damit ich im Vorteil bin?«, sagt er.

Und grundsätzlich zur Kunst des Wettkampfs: »Man muss in den Geist des Gegners eindringen und überlegen: Was ist das für ein Typ? Ist das ein Risikospieler, der öfter Überraschendes probiert? Oder ist das eher einer, der das Risiko scheut?« Er selbst, sagt der Sportler, sei »mehr so ein Sicherheitsdenker. Ich versuche, den Gegner eher zu zermürben.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »480 hätten wählen dürfen, 57 sind gekommen« Die Wahlbeteiligung in NRW war historisch niedrig – und nirgendwo so gering wie im Bezirk Duisburg III. Wahlhelfer Günter Müller hat dafür eine Erklärung. Und eine Idee, was helfen könnte .

  • »Finnland ist schon seit 30 Jahren nicht mehr neutral« Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine will Finnland in die Nato. Warum dieser Schritt keinen außenpolitischen Bruch bedeutet, erklärt Juhana Aunesluoma, Historiker in Helsinki .

  • Der Wüsten-Tesla: Peter Rawlinson arbeitete einst für Elon Musk. Bis er glaubte, ein noch besseres Elektroauto bauen zu können – mit Geld aus Saudi-Arabien. Jetzt greift er mit dem Lucid Air auch in Europa an .

Was heute weniger wichtig ist: Schönheitsbewusste Rabauken-Mutter

  • Maye Musk, 74-jähriges Model und Mutter des Unternehmers Elon Musk, präsentiert sich auf dem Cover der Bademodenausgabe der »Sports Illustrated«. Maye Musk ist das älteste Titelmodel in der Geschichte der US-Zeitschrift, deren alljährliche »Swimsuit Issue« es zu internationaler Bekanntheit gebracht hat. Aus diesem Anlass äußerte sich Mutter Musk in einem Video nicht über ihren Sohn, den derzeit ziemlich rüde um die Firma Twitter feilschenden Multimilliardär Elon, sondern über weibliches Selbstbewusstsein: »Ich freue mich sehr darauf, den Menschen zu zeigen, dass Frauen in ihren Siebzigern wunderschön sind.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Im Blitzlicht: Kim Kardashian sorgte bei der Met Gala mit einem Klein von Marilyn Monroe für Aufsehen.

Cartoon des Tages: Generationenansprache

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie mal wieder einen Roman lesen. Zum Beispiel das Buch »Eine Laune Gottes«, von dem die Videokolumnistin Elke Heidenreich in der jüngsten Ausgabe von »SPIEGELBestseller – Mehr Lesen« sehr begeistert ist.

Der Roman der Kanadierin Margaret Laurence erzählt von einer erwachsenen Frau, die mit ihrer alten Mutter zusammenlebt. Als Nick, ein ehemaliger Schulfreund, in die Stadt kommt, weil er seine Eltern besucht, fängt er mit ihr ein Verhältnis an. »Es ist ihr erstes körperliches Verhältnis mit einem Mann, mit 34 Jahren«, so Heidenreich. »Wir sind in den Sechzigerjahren, das Buch ist 1966 geschrieben, aber es ist immer noch sehr modern.« Die Heldin wisse von Anfang an, aus dieser Affäre werde nichts, so Frau Heidenreich. »Nick wird wieder weggehen und wird sie vergessen. Es ist nur für einen Sommer, aber es verändert alles in ihr. Es zeigt ihr, ich bin auch jemand, ich muss endlich mal mein Leben leben.«


Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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