Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wie viel Lockdown darf's denn sein?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Shutdown - Wiederentdeckung der Langsamkeit?

  2. Enttäuschte Rentner - Sieht Trump bald alt aus?

  3. AfD - Welcher Rechtsextreme rückt in Brandenburg nach?

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1. Angebot und Nachfragen

Während Gastronomen fürchten, ihre Bars, Kneipen und Restaurants wegen Corona wieder dichtmachen zu müssen, serviert die Politik ein täglich wechselndes Lockdown- oder Shutdown-Angebot:

  • Die Light-Variante, auch bekannt als "stufenweiser Lockdown": Im ersten Schritt dürften sich nur noch Leute aus zwei Haushalten in einer Wohnung treffen. Bei Beerdigungen, Hochzeiten, Taufen wären maximal 15 Teilnehmer erlaubt. In weiteren Schritten müssten Theater, Museen, Messen wieder schließen. Gastronomen dürften eventuell nur noch einen Außer-Haus-Verkauf anbieten. Dazu gibt es eine Beschlussvorlage aus den SPD-geführten Ländern (hier mehr dazu).

  • Die Wellenbrecher-Variante: Über zwei Wochen hinweg so gut wie alles zumachen - bis auf Kitas, Schulen und "essenzielle Geschäfte". Das Ganze hätte einen Vorlauf, würde also etwa eine Woche vorher angekündigt werden. (Hier erklärt SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach die Idee.)

Noch heute Abend telefoniert Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten, heißt es, um die Bund-Länder-Schalte vorzubereiten, die für morgen geplant ist. Dort soll es dann Entscheidungen geben, möglichst eindeutige. Und schon jetzt positionieren sich die Länderchefs:

  • Markus Söder (CSU) aus Bayern sagte: "Wir wollen keinen kompletten zweiten Lockdown wie im Frühjahr." Er sagte aber auch: "Lieber gleich und richtig als spät und halbherzig."

  • Bodo Ramelow (Linke) aus Thüringen ließ verlauten: Die Länderchefinnen und Länderchefs sollten sich "bei der Pandemiebewältigung ihrer Funktion und der Grenzen ihrer Kompetenzen bewusst sein". Er sei "keine nachgeordnete Behörde des Kanzleramtes".

  • Armin Laschet (CDU) aus NRW sagte: "November wird der Monat der Entscheidung." Soziale Kontakte müssten entschieden reduziert werden. Eine Ausgangssperre solle es aber nicht geben. "Morgen ist ein entscheidender Tag."

Konsens scheint aber: Irgendwie wollen sie alle das Weihnachtsfest retten, sodass sich dann wieder mehr Leute treffen können. Morgen wissen wir mehr, hoffentlich.

2. Altersweise

Generation Golfwägelchen

Generation Golfwägelchen

Foto: John Raoux / AP

The Villages ist eine der größten Rentnersiedlungen der Welt - und normalerweise einer der konservativsten Orte der USA. Zehntausende US-Amerikaner verbringen hier in Florida ihren Lebensabend, und alle paar Jahre wählen sie meist die Republikaner. Donald Trump fuhr vor vier Jahren eine Mehrheit ein.

"Es sieht aus wie ein Disneyland für Senioren", sagt meine Kollegin Alexandra Rojkov. "Es gibt Stadtviertel, die dem Wilden Westen nachempfunden sind, und mehr als 3000 Klubs und Kurse für noch so absurde Hobbys, vom Nähkurs bis zur Wassergymnastik, vom Debattierklub bis zum Singletreffen." Und natürlich viel, viel Sonne.

Jetzt bröckelt die Unterstützung für Trump, wegen seines Versagens in der Pandemie. "Viele Senioren sorgen sich nicht nur um ihr eigenes Auskommen", berichtet  Alexandra, "sondern auch um das ihrer Kinder." Als sie vor Ort war, tuckerten Senioren mit Golfmobilen und Biden-Plakaten durch die Siedlung. Was sie überrascht hat: "Trotz politischer Differenzen haben viele Rentner eine tolle Gemeinschaft, sie spielen zusammen Karten, wegen Covid in der Einfahrt unter freiem Himmel, oder kochen gemeinsam." Die Spaltung des Landes, hier scheint sie noch nicht angekommen.

3. Zuckender Flügel

Wenig zu hören von der AfD in der Corona-Zeit. Aber jetzt hat die Fraktion im Brandenburger Landtag ihren neuen Vorsitzenden gewählt. Den Posten hatte früher Andreas Kalbitz inne, ein Rechtsextremist, der aus der Partei flog. Auf ihn folgt Hans-Christoph Berndt, laut Verfassungsschutz ebenfalls ein "erwiesener Rechtsextremist". Keine Pointe.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Probleme der Porno-Seiten

Zu den meistgenutzten Pornoseiten in Deutschland gehört xHamster - und wie bei allen diesen Plattformen hat auch sie ein Problem: "Immer wieder laden anonyme Nutzer und Nutzerinnen Inhalte hoch, in denen sexualisierte Gewalt und ihre Opfer zu sehen sind", wie meine Kollegin Malin Möller berichtet.

Recherchen des Online-Magazins "Vice" zeigen jetzt : Opfer von sexualisierter Gewalt sind offenbar nicht ausreichend geschützt. Dem Bericht zufolge entscheiden bei xHamster mehr als 100 unbezahlte Freiwillige in einem sogenannten "Reviewers Club" mit darüber, ob bereits hochgeladenes Bildmaterial gegen die Regeln der Plattform verstößt. "Vice"-Journalisten haben sich in diese Truppe eingeschleust und berichten, gerade wenn es darum ginge, das Alter der abgebildeten Personen zu bestimmen, gebe es Unsicherheiten: "Löscharbeiter sollen mit bloßem Blick bewerten, ob Frauen minderjährig sind."

Der xHamster-Vizechef, Alex Hawkins, sagte auf SPIEGEL-Anfrage, dass die Mitglieder des "Reviewers Club" nur Bilder und keine Videos sichten. Es gebe auch Festangestellte, die rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, im Einsatz seien. "Wie viele bezahlte Angestellte daran arbeiten, verbotene Inhalte zu filtern und wie weitere Angaben zu den Kontrollen aussehen, ließ xHamster allerdings offen", berichtet Malin. Sie findet es irritierend, dass aktive Nutzerinnen und Nutzer offenkundig mitbestimmen, was den Regeln der Plattform entspricht und was nicht. "Denn selbst wenn sie Aufnahmen von sexueller Gewalt entdecken und melden, hatten sie erstmal Zugang zu eben diesen Bildern."

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Viel Bauchgefühl

Viel Bauchgefühl

Foto: David Livingston / Getty Images
  • Schwangerschaftsstreifen: Das Topmodel Emily Ratajkowski, 29, und ihr Mann, der Nicht-ganz-so-Top-Schauspieler Sebastian Bear-McClard, 33, erwarten ihr erstes Kind, was sie der Welt in einem Kurzfilm mitgeteilt haben. Den Clip hat die Schauspielerin und Regisseurin Lena Dunham, 34, produziert und die "Vogue" auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Zu sehen sind Aufnahmen vom Ultraschall, aus der Badewanne und wie der werdende Vater den wachsenden Bauch küsst. Der Modezeitschrift sagte die werdende Mutter: Wenn sie nach dem Geschlecht des Ungeborenen gefragt würde, sei ihre Antwort, dass sie so wenig Klischee-Druck wie möglich ausüben wollen. Sie werde "es nicht wissen, bevor unser Kind 18 Jahre alt ist".

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Der britische Premierminister Boris Johnson macht die Verhandlungen über einen Brexit-Handelspaket nicht von den US-Präsidentschaftswahl abhängig.

Cartoon des Tages: Die Sirene

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Arno Frank folgen und mal wieder ein Buch lesen, nämlich das der "Titanic"-Redakteurin Ella Carina Werner, es heißt "Der Untergang des Abendkleides". Viele Debatten seien von Moralismus und Polarisierung bestimmt, schreibt Arno. "Deshalb fällt kaum auf, wenn jemand mal nicht recht haben will, sich dem metaphorischen Gemetzel entzieht und seitlich in die Büsche schlägt." Genau das mache aber Werner in ihrem wunderbaren Buch. (Hier finden Sie die Rezension.)

Ihnen ein schönes Feierabendkleid, herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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