Anna Clauß

Die Lage am Freitagabend Zurück in die Corona-Zukunft

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Ressortleiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Vierte Welle – Warum steigen die Corona-Neuinfektionen sprunghaft an?

  2. Geladene Waffe – Sind tödliche Zwischenfälle an Filmsets häufig?

  3. Trennung – Kann es trotzdem gelingen, Kinder gemeinsam zu erziehen?

1. Zurück in die Zukunft

Zu Beginn ein Geständnis: Mir ist völlig durch die Lappen gegangen, dass derzeit eine Ministerpräsidentenkonferenz stattfindet. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie trafen sich die Länderchefinnen und -chefs gestern und heute wieder in Präsenz. Auf Schloss Petersberg in Nordrhein-Westfalen machten die Teilnehmer klar, dass es deutschlandweit einheitliche Regeln im Kampf gegen Corona geben muss.

Sie sprachen sich deshalb dafür aus, die »endemische Lage nationaler Tragweite« Ende November nicht auslaufen zu lassen, sondern sie vom Bundestag Ende November fortschreiben zu lassen. »Die Länder dürfen nicht schutzlos sein«, textete Markus Söder heute auf Twitter , verbunden mit einem Foto der Teilnehmer, das mich zum Ratespiel »Finde die einzige Frau auf dem Bild« herausforderte (Auflösung: 1. Reihe, Dritte von rechts, Malu Dreyer). Das genaue Hinsehen führte zum eingangs beschriebenen Erstaunen: Huch, ist etwa gerade MPK?

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Es gab Zeiten, da sind mir die Buchstaben MPK nachts im Traum erschienen. Wir Journalisten versuchten, noch während der Sitzung an Zwischenergebnisse zu kommen, es gab Liveticker, Spätschichten bis Mitternacht und in unserer Redaktionskonferenz im SPIEGEL-Hauptstadtbüro am folgenden Tag kein anderes Thema.

Schön, dass diese Zeiten vorbei sind, könnte man meinen. Schließlich ist die Coronapandemie auch vorbei. Leider stimmt das nicht. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland ist heute sprunghaft angestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Morgen mit 95,1 an. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen einem Tag 19.572 Corona-Neuinfektionen. Das sind fast doppelt so viele Ansteckungen wie vor einer Woche.

Passanten in Köln: Mit Lockerungen der Coronamaßnahmen kommen auch wieder mehr Menschen zusammen

Passanten in Köln: Mit Lockerungen der Coronamaßnahmen kommen auch wieder mehr Menschen zusammen

Foto: Ying Tang / NurPhoto / Getty Images

»In den Krankenhäusern spitzt sich die Lage zu«, schreiben meine Kollegen Marthe Ruddat, Jule Lutteroth und Irene Berres in ihrem heutigen FAQ  zur Frage, warum die Zahl der Neuinfektionen so schnell ansteigt und was sie bedeutet. Fachleute warnen vor einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems, wenn die Zahl der Covid-Patienten wieder stark ansteigt. Gleichzeitig seien »viele Pflegekräfte durch die vergangenen Monate so belastet, dass sie kapitulieren und kündigen.«

Die vierte Welle, sie scheint zu rollen.

2. Wilder Western

Bei Dreharbeiten zu einem Western im US-Bundesstaat New Mexico hat der Schauspieler Alec Baldwin offenbar versehentlich die Kamerafrau Halyna Hutchins erschossen. Die 42-Jährige erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Auch der Regisseur Joel Souza wurde angeschossen und schwebt in Lebensgefahr. Angeblich hätte die Waffe mit Platzpatronen geladen sein sollen. Die Ermittlungen laufen.

Offenbar gibt es derzeit keine Hinweise auf eine absichtliche Tat. Während die Produktionsfirma in einer ersten Pressemitteilung von einem »Unfall« sprach, wollte der zuständige Sheriff von Santa Fe diesen Begriff vorerst aber nicht verwenden, berichtet  das Magazin »Variety«.

Selbst wenn das Unglück ein Versehen war, ertappt man sich doch bei dem Gedanken, warum tragische Zwischenfälle wie diese nicht viel häufiger für Aufsehen sorgen. An Filmsets, das weiß zwar jedes Kind, gibt es Stuntmen und Stuntwomen und Kunstblut und Kunstglas, aber wer zum Beispiel die acht Staffeln der äußerst brutalen Serie »Game of Thrones« angeschaut hat, wundert sich fast, dass alle Darsteller unversehrt das Ende der Dreharbeiten miterleben durften.

2014 stellte die Nachrichtenagentur Associated Press eine Statistik zusammen , nach der allein in den USA seit 1990 mindestens 43 Personen bei Filmdreharbeiten ums Leben gekommen seien. Die meisten schweren Unfälle betrafen dabei die Filmtischlerei und Stuntleute. Besonders gefährlich sind Stunts, bei denen Helikopter involviert sind. Der Schuss aus Alec Baldwins Requisitenwaffe ist jedenfalls nicht das erste Ereignis auf einem Filmset, das mit einem Todesfall endete.

Schauspieler Brandon Lee: Versehentlich erschossen beim Dreh zu »The Crow«

Schauspieler Brandon Lee: Versehentlich erschossen beim Dreh zu »The Crow«

Foto:

Picturelux / ddp

Einen ähnlichen Vorfall hatte es 1993 gegeben: Damals starb der Schauspieler Brandon Lee, 28-jähriger Sohn des Kampfsportstars Bruce Lee, am Set des Films »The Crow« durch einen Bauchschuss. Die Autopsie ergab, dass Lee von einer Kugel scharfer Munition getroffen worden war, die im Lauf der Waffe stecken geblieben war und sich durch die Detonation einer Platzpatrone gelöst hatte.

Meine Kollegin Hannah Pilarczyk aus dem SPIEGEL-Kulturressort hat sich mit dem Spezialeffekte-Profi und Waffentechniker Pitt Rotter unterhalten, der sagt, auch in Deutschland seien Tote und Verletzte an Sets durch Waffen aus der Requisite möglich: »Vollständige Sicherheit gibt es nicht.« Generell seien US-Sets aber deutlich unsicherer.

3. Gemeinsam getrennt

Vier Familienministerinnen stellte die SPD in den vergangenen acht Jahren. Keine sorgte mit einem modernen Familiengesetz für mehr Gerechtigkeit bei Trennungen. Nun ist ein Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt, das den Reformbedarf sehr deutlich macht – und vorschlägt, wie ein moderner gesetzlicher Rahmen für Trennungsfamilien aussehen könnte.

»Bisher läuft es meistens so«, beschreibt meine Kollegin Heike Klovert : »Wenn sich Eltern trennen, kümmert sich danach einer von beiden hauptverantwortlich um die Kinder, in der Regel ist es die Mutter. Der andere Elternteil, in der Regel der Vater, zahlt Unterhalt und pflegt Umgang.« So lautet das tradierte Modell, das fast alle Trennungsfamilien hierzulande leben.

Wie ein modernerer Ansatz funktionieren könnte, damit hat sich der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen , eines der ältesten politischen Beratungsgremien Deutschlands, beschäftigt. Aktuell sitzen darin 21 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die das Bundesfamilienministerium unabhängig und ehrenamtlich beraten. Die Autorinnen und Autoren nennen in ihrem Gutachten mit dem Titel »Gemeinsam getrennt erziehen« viele Baustellen und Lösungsvorschläge. Unter anderem ein Stufenmodell beim Unterhalt. Künftig solle jeder Elternteil nur den Kindesunterhalt zahlen, der sich anhand des jeweiligen vereinbarten Betreuungsanteils und des Nettoeinkommens errechne.

Mutter, Vater, Kind: Wer soll wann betreuen?

Mutter, Vater, Kind: Wer soll wann betreuen?

Foto:

Marta Locklear / Stocksy United

Interessant ist, wie das Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt ist. Nämlich nicht über das Familienministerium. Das hatte bereits 2015 eine große Studie »Kindeswohl und Unterhalt« in Auftrag gegeben. Trotz wiederholter Ankündigung ist sie bis heute nicht erschienen .

Dass es in einer Version datiert auf März 2021 nun aber im Internet einzusehen ist , schreibt Heike, »liegt an den Recherchen eines Vaters, der einen Hinweis auf das Gutachten in einem Newsletter des Ministeriums  entdeckte«. Im Juli stellte er eine Anfrage über die Plattform »FragDenStaat«, über die jeder auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes sowie anderer Gesetze Auskunft von Behörden verlangen kann – und bekam das Gutachten zugeschickt. Der Verein Forum Soziale Inklusion veröffentlichte es daraufhin auf seiner Homepage. »Die Punkte, die darin stehen, soll die Politik bitte endlich umsetzen«, sagt dessen Vorsitzender, Gerd Riedmeier.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Weil sie ihre Haare im Unterricht kurz tragen sollen, verklagen sieben Schüler in Texas einen Schulbezirk. Sie sehen sich aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert, da die Regel nur für Jungen gilt. Im Handbuch des Bezirks steht, dass die Haare bei Jungen nicht übers Ohr reichen und nicht in die Augen hängen dürfen. Auch ein Hochbinden der Haare sei nicht erlaubt. So fies und unverständlich die Regelung klingt, immerhin müssen die Schüler dort nicht die Probleme der Altersgenossen in Freiburg aushalten. Nach Zirkusaufführungen in der Freien Waldorfschule in Freiburgs Stadtteil St. Georgen ist es zu einem Corona-Ausbruch gekommen. Für einen großen Teil der Schülerschaft gilt nun Fernlernunterricht. Bis Donnerstag wurden 44 Fälle registriert, schwere Verläufe gibt es bislang nicht.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der 66 Jahre alte Angeklagte betritt zum Prozessauftakt die Tat (Archivbild)«

Cartoon des Tages: Nord Stream 2

Und am Wochenende?

Der geschätzte SPIEGEL-Kollege Andreas Borcholte, laut Selbstbeschreibung ein »überarbeiteter Pop-Kritiker«, hat den Künstlerinnen und Künstlern dieser Welt heute zugerufen: »Ist ja schön, dass ihr im Lockdown alle so wahnsinnig kreativ wart, aber Himmel, EIN Album pro Jahr reicht völlig!«

Insbesondere gilt das für die US-Sängerin Lana Del Rey, die erst im März das ganz hervorragende »Chemtrails Over The Country Club« veröffentlichte. Und nun die Platte »Blue Banisters« vorlegte. Manches davon ist »sehr schön und lyrisch«, schreibt Andreas, das Album aber erinnere an eine »mit allerlei Ramsch gefüllte Resterampe« und sei folglich »unnötig.«

Vielleicht lesen Sie also heute Abend lieber ein Buch. Die Fachzeitschrift »Buchreport« hat anlässlich der Frankfurter Buchmesse Listen mit den meistverkauften Büchern des laufenden Jahres aufgestellt. Bei den Romanen führt Juli Zeh mit »Über Menschen« die Hitliste an. Bei den Sachbüchern steht Hape Kerkeling mit »Pfoten vom Tisch! Meine Katzen, andere Katzen und ich« ganz oben.

Mein Geständnis zum Schluss: Ich habe beide nicht gelesen. Dafür aber das Sachbuch auf Platz zwei der Jahresbestsellerliste: »Jeder Mensch« von Ferdinand von Schirach. Es ist nur 32 Seiten stark. Das schaffen Sie an einem Abend! Egal, wie überarbeitet Sie nach dieser Woche sind. (Lesen Sie hier eine Besprechung des Buches. )

Einen schönen Abend. Nächste Woche begrüßt Sie an der Stelle mein Kollege Wolfgang Höbel,
Ihre Anna Clauß

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