Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wie viel Inzidenz hätten S' denn gern?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona – Wie sehr bremst die Notbremse?

  2. Russland – Womit droht Putin?

  3. Fußball – Super League geplatzt, und jetzt?

1. Bremsversagen

Darf's etwas mehr Wechselunterricht sein? Dafür ein bisschen weniger Ausgangssperre? Wie viel Inzidenz hätten Sie denn gern? Der Bundestag hat heute die Corona-Notbremse beschlossen, wenn auch der Bundesrat zustimmt, gilt sie ab kommender Woche. Leider wird sie kaum reichen, um die dritte Coronawelle zu brechen. »Aber sie ist besser als nichts«, findet meine Kollegin Milena Hassenkamp (hier lesen Sie, wie die Parlamentarier sich im Klein-Klein verloren).

Warum die Bremse nicht richtig bremst? 200, 165, 100 Infektionen pro 100.000 Einwohner – all diese Grenzwerte orientieren sich nicht an dem, was sinnvoll wäre, um das Virus zurückdrängen, sondern an dem, was politisch opportun erscheint. Als ginge es darum, Kabinettsposten zu verteilen oder die steuerliche Absetzbarkeit des Arbeitszimmers neu zu regeln – und nicht um einen Krankheitserreger, mit dem sich nicht verhandeln lässt. Bei manchen Talkshow-Auftritten der vergangenen Tage wirken Minister und Landeschefs fast eingeschnappt, wenn sie daran erinnert werden.

»Die Diskussion um immer neue Grenzwerte ist wohl auch ein Hinweis auf die zunehmende Hilflosigkeit der Politik«, schreibt  mein Kollege Jörg Römer. »Von einem Wert von 50, der lange als die dramatische Grenze in der Pandemie galt, redet niemand mehr.« Dabei war das schon eine politische Zahl – weil sich die halbwegs realistische 35 nicht durchsetzen ließ.

2. Rote Linien

Kein Staat soll Russlands »rote Linien« überschreiten: In seiner Rede zur Lage der Nation hat Wladimir Putin angekündigt, bei »Provokationen« anderer Länder hart und schnell zu reagieren. Er sprach in der Moskauer Manege, einem der größten Ausstellungsgebäude der Stadt. Drum herum ist alles abgeriegelt, auch der Rote Platz und andere Teile des Zentrums sind dicht, erzählt meine Kollegin Christina Hebel, unsere Korrespondentin dort: »Überall ist Polizei zu sehen, die Sicherheitsbehörden gehen auf Nummer sicher.«

Denn die Anhänger Alexej Nawalnys, dessen Gesundheitszustand sich rapide verschlechtert, haben zu neuen Protesten aufgerufen – für heute, den Tag der Rede des Kremlchefs. »Putin verlor natürlich kein Wort über seinen Kritiker, machte nicht einmal eine Andeutung«, sagt Christina. »Stattdessen erhöhen die Behörden den Druck, sie drohen, Nawalnys Antikorruptionsstiftung und seine Büros als ›extremistische Organisationen‹ einzustufen.« Dass es so kommen wird, daran besteht für Christina kaum ein Zweifel: »Schon für kommende Woche ist die erste Gerichtssitzung angesetzt.« Aus meiner Sicht ist es Putin, der eine rote Linie nach der anderen überschreitet.

3. Nie mehr Super Liga, nie mehr, nie mehr?

Madrid oder Mailand – Hauptsache Italien. Den legendären Fußballspruch kennt sogar jemand wie ich, der gute Freunde gern samstags gegen halb sieben anruft, weil ich mir nicht merken kann, dass dann die »Sportschau« laufen könnte. Dass der legendäre, viel zitierte Spruch vom früheren Schalke- und Dortmund-Profi Andreas Möller stammt, muss mir mein Kollege Peter Ahrens aus unserem Sportressort sagen. Mit ihm habe ich heute über die Super League gechattet, die zu Wochenbeginn für viel Aufregung sorgte, die jetzt aber in sich zusammenfällt.

»Im Fall der Super League müsste es heißen: weder Madrid noch Mailand«, sagt Peter. Denn die Pläne der 12 Topklubs um Real Madrid, Inter Mailand und die großen englischen Vereine sind schon nach zwei Tagen Makulatur. »Kleinlaut haben sich zunächst die Premier-League-Klubs, dann nach und nach auch die anderen des ›Dreckigen Dutzend‹ zurückgezogen. Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet.«

Ein Sieg der Fans, wird jetzt gejubelt, aber zum Jubeln besteht überhaupt kein Grund, findet Peter: »Im Schatten der Super-League-Empörung hat die Uefa sich mal eben ihre gepimpte Champions League absegnen lassen, die nächste Gelddruckmaschine für die großen Klubs.« Und Fifa und Uefa lassen sich feiern für ihren Widerstand gegen die Super-League-Pläne – dabei wurde hier nur das Duell zweier Schwergewichtler ausgetragen, wessen Geschäftsmodell mehr Geld aus dem Fußball herauszieht. Peter sagt: »Fifa-Boss Gianni Infantino als ein Retter des Fußballs – das sollte man wirklich nicht hochstilisieren.«

Die Super League scheint Geschichte, jetzt schalten wir um in die angeschlossenen Funkhäuser: Heute Abend spielt Bremen gegen Mainz und Stuttgart gegen Wolfsburg. Peter und ich wünschen gute Unterhaltung, einer von uns beiden könnte es sogar gucken.

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Was heute sonst noch wichtig ist

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Was heute nicht so wichtig ist

  • Elisabeth die Zweite, von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Königreiche und Territorien, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens, ist heute 95 Jahre alt geworden. Wenn Sie ihren kompletten Titel schon kannten, dürfte dieses Quiz meines Kollegen Jens Witte kein Problem für Sie sein.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der Liga-Durschnitt liegt bei 36,7 Prozent.«

Cartoon des Tages: Am Ziel

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Jim Steinman im Jahr 1981

Jim Steinman im Jahr 1981

Foto:

Terry Lott / Sony Music / Getty Images

Könnten Sie Ihre alten Platten, CDs, Minidiscs oder Playlists durchhören – die Chance ist groß, dass etwas vom Pop-Produzenten Jim Steinman dabei ist. »Geschrieben und produziert hat er im Laufe seiner fast fünf Jahrzehnte überspannenden Karriere für so unterschiedliche Künstler wie Andrew Lloyd Webber (›Whistle Down The Wind‹) und Sisters Of Mercy (›This Corrosion‹), Céline Dion (›It’s All Coming Back To Me Now‹, Boyzone (›No Matter What‹), die Everly Brothers (›Kiss Is A Terrible Thing To Waste‹), Barry Manilow (›Reed 'Em And Weep‹) und Barbra Streisand (›Left In The Dark‹)«, zählt mein Kollege Arno Frank in seinem Steinman-Nachruf auf – der Songschreiber war am Montag im Alter von 73 Jahren gestorben, wie heute bekannt wurde. »Er verwandelte die Unsicherheiten eines weißen Vorstädters in Konzeptrockmärchen für Meat Loaf und exzessive Balladen für Bonnie Tyler: Steinman inszenierte Vierminuten-Opern fürs Autoradio«, schreibt Arno (hier der ganze Text).

Mein Kollege Felix Bayer sagt: »Sich in Steinmans Bombastproduktionen zu stürzen, kommt mir wie eine erfüllende Abendbeschäftigung vor. Aber vielleicht bin ich auch ein bisschen seltsam.« Keinesfalls, finde ich. Oh, die grandiose Take-That-Hymne »Never Forget« stammt auch von Steinman. But I won't do that . Oder doch?

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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