Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wie Corona die Armen trifft – und wie die Reichen

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Magdeburger Auslaufmodell – Warum fliegt der CDU-Innenminister raus?

  2. Corona – Kein Gleichmacher, aber ein Reichmacher?

  3. Hertha gegen Union – Fußball in Berlin, was soll das?

1. Rauswurf

In Sachsen-Anhalt hat CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff seinen Innenminister und Partei,nunja,freund Holger Stahlknecht entlassen. Damit eskaliert der Streit um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags, der auch ein Streit darüber ist, ob die CDU versuchen sollte, jeden Anschein zu vermeiden, gemeinsame Sache zu machen mit der AfD. Zuvor hatte Stahlknecht in der »Magdeburger Volksstimme« das schwarz-rot-grüne Regierungsbündnis infrage gestellt: Das Interview war offenbar nicht mit der Staatskanzlei abgesprochen – eine Provokation, die sich der sonst eher bedächtige Haseloff nicht bieten lassen konnte. (Mehr hier.)

Vorpreschen und provozieren, das scheint die bevorzugte Methode beim früheren Staatsanwalt und Oberstleutnant der Reserve Stahlknecht zu sein. Ein Blick in die Lokalpresse der Nullerjahre zeigt: Schon damals versuchte er durch eine Kampfkandidatur gegen einen bedächtigen, moderierenden Fraktionsvorsitzenden voranzukommen. Schon damals schrieb die »Mitteldeutsche Zeitung« von der »Zerrissenheit der Unionsfraktion« in Magdeburg. Die Gräben sind bis heute nicht zugeschüttet, im Gegenteil, es werden neue ausgehoben.

»Keine CDU-Fraktion steht so weit rechts wie die in Sachsen-Anhalt«, sagt mein Kollege Sebastian Fischer, Leiter unseres Hauptstadtbüros. »Haseloff versucht, mit vollem Einsatz sein Kenia-Bündnis zu retten. Doch die Zeichen stehen nicht gut.«

2. Ab-, Auf- und Umstieg

Die aktuellen Corona-Zahlen: Erstmals liegen in Deutschland mehr als 4000 Covid-Patientinnen und -Patienten auf Intensivstationen. Die Ämter meldeten 23.400 Neuinfektionen und 432 Tote an einem Tag. Wenn Sie diesen Newsletter zu Ende gelesen haben, werden, rechnerisch, zwei weitere Menschen an oder mit dem Virus gestorben sein. (Hier alle aktuellen Entwicklungen.)

Die romantisch-morbide Vorstellung von der Pandemie als großem Gleichmacher hat sich längst als Mär herausgestellt; Die Krise trifft vor allem die Armen, auch in Deutschland. Der Verkäufer an der Discounterkasse kann nicht ins Homeoffice wechseln, die Lieferando-Radlerin ihre Kontakte kaum einschränken. Jeder zweite Haushalt mit weniger als 900 Euro Monatseinkommen muss Einbußen hinnehmen – aber nur rund jeder vierte mit einem Einkommen über 4500 Euro, wie eine Studie im November zeigte.

Jetzt bestätigt eine neue Untersuchung, was im Alltag seit Wochen zu beobachten ist. Wer es sich leisten kann, steigt ins eigene Auto, in den Dauermietwagen oder aufs Fahrrad. Fast nur Einkommensschwache nutzen Busse und Bahnen noch, wie mein Kollege Emil Nefzger berichtet. Die Auswirkungen treffen alle: »Verlieren die öffentlichen Verkehrsmittel dauerhaft an Bedeutung, hätte das erhebliche Folgen für den Klimaschutz«, schreibt Emil. »Alle Szenarien, in denen die Pariser Klimaziele erreicht werden können, setzen voraus, dass sich der Anteil von Bussen und Bahnen am Verkehr verdoppelt.« (Hier mehr zu den Hintergründen)

Auf der anderen Seite gibt es Reiche, die von der Krise profitieren: Der Investor Christian Angermayer etwa hat die Hälfte seines Geldes in Biotech-Unternehmen angelegt – es hat sich gelohnt. Was jun­ge Rei­che aus Deutsch­land wie Angermayer beschäftigt, das wollte ein Team um meinen Kollegen Alexander Kühn wissen. Be­reits im Fe­bru­ar begannen sie­­­­­ für unsere Titelgeschichte , Er­ben wie Un­ter­neh­mens­grün­der zu begleiten. Sie woll­ten heraus­fin­den, wie die neu­en Wirt­schafts­füh­rer hierzulande den­ken – und was sie mit ih­rem Geld vor­ha­ben: die Welt ver­bes­sern oder nur den ei­ge­nen Kon­to­stand?

»Die Grün­der ge­hen mit ih­rem Geld deut­lich mu­ti­ger um als die Er­ben«, sagt Alex. Co­ro­na stopp­te die Re­cher­che nur vor­über­ge­hend. Im Sep­tem­ber nahm das Team die Ar­beit wie­der auf, weit­ge­hend te­le­fo­nisch. »Es ist schon ziem­lich schwer, Rei­che zum Re­den zu brin­gen«, sagt Alex. »Deut­sche spre­chen ein­fach nicht gern über ihr Geld.«

3. Abstoß

Manchmal behaupte ich: Meine Fußballignoranz, die sich aus mangelndem Interesse und gleichzeitiger Scham über mangelndes Fachwissen zusammensetzt, hat mit meiner Herkunft zu tun. Wem hätte ich als Kind und Jugendlicher in Berlin denn zujubeln sollen? Der Hertha mit ihren rechtsradikalen »Fröschen«? Die blau-nikotingelben Wimpel kannte ich nur von den Fenstern der nächsten Eckkneipe, in die zu gehen unsere Eltern uns verboten hatten. Als die Mauer dann weg war und der Freundschaftsstadionbesuch bei Union möglich gewesen wäre, hatte mich der Fußball schon verloren. (Werder als Ersatz hätte familiär nahegelegen, hat aber auch nicht funktioniert.)

Heute Abend spielen beide Vereine. Hertha probierte vor dem Derby, das Image aufzupolieren: 60.000 Fähnchen wollten die Marketingleute hissen lassen in der ganzen Stadt. Dummerweise ohne es mit den Behörden abzustimmen, das Ordnungsamt drohte mit Bußgeld. »Reich, aber unsexy«, nennt mein Kollege Peter Ahrens den Klub. »Es ist eine Art Hertha-Paradox: Je mehr sich bei dem Klub verändert, desto mehr erhärtet sich von außen der Eindruck, der Verein trete auf der Stelle – als hätte Grönemeyer an Hertha gedacht, als er ›Bleibt alles anders‹ sang.« (Lesen Sie hier mehr)

Nicht unbedingt überzeugender klingt, was der Deutsche Fußball-Bund offenbar plant, um das Ansehen seines Präsidenten Fritz Keller zu steigern. »In einem internen Konzept, das augenscheinlich von der Kommunikationsabteilung des Verbands ausgearbeitet wurde, ist zu lesen, wo Keller demnächst überall auftreten will: In TV-Talkshows wie bei Lanz, in Radiosendungen, in diversen Podcast-Formaten und in Gastbeiträgen renommierter Zeitungen«, berichtet mein Kollege Gerhard Pfeil. »Menschlich, nahbar und überzeugend« solle sich der Verbandschef dort präsentieren, so heißt es in dem Strategiepapier. Zum Fußballfan werde ich wohl nicht mehr.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Roger Stone macht Nordkorea für angeblichen Wahlbetrug mitverantwortlich: Einige Trump-Getreue nähren bizarre Theorien über den angeblichen Wahlbetrug in den USA. Die neuesten »Beweise« liefert Roger Stone: Nordkoreanische Boote hätten gefälschte Stimmzettel geschmuggelt.

  • Polizei findet im Auto des Tatverdächtigen Munition, aber keine Waffe: Noch immer ist unklar, warum Bernd W. in Trier Passanten anfuhr. Die Polizei hat nun neue Details zu der Tat bekannt gegeben. Die Anzahl der Verletzten erhöht sich weiter.

  • Holocaustleugnerin Haverbeck erneut zu Freiheitsstrafe verurteilt: Ursula Haverbeck leugnet seit Jahren den Massenmord an den europäischen Juden, zuletzt saß sie eine längere Haftstrafe ab. Nun wurde die 92-Jährige erneut verurteilt – wieder wegen Volksverhetzung.

  • Neue Nachtzugverbindungen in Europa geplant: Europa soll klimafreundlicher werden, deshalb setzen Verkehrsministerium und Deutsche Bahn auch auf grenzüberschreitende Nachtzüge. Die Vision: eine Wiederbelebung des Trans-Europ-Express.

Meine Lieblingsgeschichte heute: »Das Leichte ist manchmal unerträglich«

Seit einem halben Jahrhundert ist Tony Marshall der Gute-Laune-Sänger der Deutschen. Seinen größten Hit, »Schöne Maid«, hat er unzählige Male gesungen. ­Meine Kollegin Barba­ra Har­ding­haus kannte ihn aus dem Fern­se­hen ih­rer Kindheit, als sie sams­tags län­ger aufblei­ben durf­te und die »ZDF-Hitparade« mit Die­ter Tho­mas Heck schau­te. Wie wird jemand wie Marshall alt? Und wie hart musste er arbeiten, damit die Deutschen das Leichte genießen konnten?

Als Barbara Mar­shall nun in Ba­den-Ba­den wie­der­sah, war es für sie wie ein Aus­flug in eine längst ver­gan­gen ge­glaub­te Zeit. Mar­shall begrüß­te sie mit ei­nem an­ge­deu­te­ten Hand­kuss. Mar­shalls Freund und frü­he­rer Kol­le­ge Her­bert Nold reich­te ihr bei Re­gen ei­nen Schirm und be­nutz­te noch das Wort »Ga­no­ven«. Das wa­ren, wenn man so will, zwei Män­ner der al­ten Schu­le, höf­lich, re­spekt­voll – zwei Züge, die Mar­shall in der Schla­ger­welt nicht im­mer er­leb­te. Er be­schreibt sie als har­te Bran­che, in der man­che nicht über­leb­ten. »Ich war über­rascht, wie of­fen Tony Marshall war«, sagt Barbara, »er spiel­te sein Le­ben lang eine Rol­le; denn ei­gent­lich liebt er die Klas­sik.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wie Diess den Showdown provoziert: Der Vorstandschef will den Volkswagen-Konzern nach seinen Vorstellungen umbauen. Damit brüskiert Herbert Diess den Aufsichtsrat. Wirft er am Ende hin? 

  • »Darauf haben wir lange gewartet«: Unter Präsident Trump war das deutsch-amerikanische Verhältnis zerrüttet. Jetzt hofft Heiko Maas auf Besserung. Doch was ist möglich in Sachen China, Nahost und Nord Stream 2? 

  • Der Laschet-Sohn und die Corona-Masken: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat nicht immer Glück mit den Auftritten seiner Familie. Jetzt bringen ihn sein Influencer-Sohn Joe und dessen Kontakte zu einer Modefirma in Bedrängnis. 

  • Ganz die Mama, ganz der Papa: Viele junge Menschen folgen den Karrieren ihrer Eltern und Großeltern. Warum ist das so? Wann geht das gut – und wann nicht? 

Was heute nicht so wichtig ist

Ehemaliger Stabschef

Ehemaliger Stabschef

Foto: Phillip Faraone / WireImage / Getty Images
  • Expecto Patronum: Der britische Schauspieler Daniel Radcliffe, 31, bekannt als Verkörperung des bekanntesten Zauberjungen der Welt, meidet soziale Medien, wie er in einer YouTube-Show sagte. Aus Selbstschutz habe er weder einen Twitter- noch einen Instagram-Account. Er glaube, er sei »geistig nicht stark genug«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Weitgereist sind die Monololih-Diebe aber offenbar schon«

Cartoon des Tages: Plögers, fünf plus x

Foto: Thomas Plaßmann

Und am Wochenende?

Foto:

Manuel Weber / Sulupress / picture alliance

Könnten Sie es meiner Kollegin Anja Rützel nachtun und sich bei Netflix das Soloprogramm »Tropical« der schweizerisch-US-amerikanischen Komödiantin Hazel Brugger angucken. »Am stärksten ist Brugger, wenn sie unspektakuläre Situationen mit bedächtigem Vergnügen ins Absurde abdriften lässt«, findet Anja. »Die Erinnerung an ihre kaum zu unterdrückende Versuchung, ihrem greisen Gynäkologen während der Untersuchung begütigend über den Kopf zu streicheln, wird einen zumindest ganz sicher noch in denkbar unpassenden Momenten heimsuchen.« (Diesen und mehr Streamingtipps fürs Wochenende finden Sie hier)

In den kommenden zwei Wochen lesen Sie hier meine Kollegin Patricia Dreyer und meinen Kollegen Nils Minkmar. Ich gehe in vorweihnachtliche Vorsichtsquarantäne und wünsche Ihnen schöne Tage.

Bleiben Sie gesund. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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