Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Lasst die Jugend doch feiern – und die Älteren im Homeoffice

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Menschenmassen – Wann sind viele zu viele?

  2. Homeoffice – Wann müssen wir wieder ins Büro?

  3. Steuerurteil – Was bedeutet es für künftige Rentner?

1. Alle raus?

Die Infektionszahlen sinken; die Inzidenz erreicht die angeblich gesundheitsamtlich-beherrschbare 35; für die Impfkampagne gilt das Micky-Beisenherz-Wort : Die Einstiche kommen näher. Und dann scheint auch noch die Sonne. Da füllen sich die Parks und Promenaden schneller als die Kassen der Corona-Schnelltestzentren. »Viele Menschen haben sich danach gesehnt, wieder Kontakte zu haben, Freunde und Familie zu treffen, auch in größeren Gruppen«, sagt die Gesundheitspsychologin Simone Dohle, mit der meine Kollegin Heike Klovert ein Interview geführt hat. »Da hat sich einiges aufgestaut, und der Wunsch, es nachzuholen, ist verständlich.«

Anders als in der Physik haben die Massen in der Psychologie aber auch einen Abstoßungseffekt: Nach den kontaktarmen Monaten wirken Feiernde, Picknickende, Grillende auf so manchen Vorsichtigseinwollenden fast befremdlich. »Die Pandemie ist noch nicht vorbei, und die Angst, dass vielleicht bald die nächste Welle kommen könnte, spielt sicher eine Rolle«, sagt Dohle. Außerdem komme der »Umschwung rasant, auch das macht manchen jetzt zu schaffen«. (Hier das ganze Gespräch.)

In einigen Städten rückte am Wochenende wieder die Polizei aus, um Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz zu ahnden, wie es amtlich heißt. In Berlin feierten Hunderte in der Hasenheide, in Hamburg im Schanzenviertel. Epidemiologisch sicher nicht ideal, bestimmt noch zu früh. Aber selbst mir Coronastreber fällt es schwer, mich darüber noch aufzuregen. Lasst die Jugend doch stürmen und drängen, denke ich, nach einem Jahr Partyverzicht und Wechselunterricht. Meinetwegen bleibe ich auch noch eine Weile in dem Homeoffice, in dem ich seit November hocke.

2. Alle rein?

Dummerweise scheinen das mit dem Homeoffice viele Arbeitgeber anders zu sehen. Schon vor einer Woche forderte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Homeoffice-Pflicht zu beenden. Heute im Deutschlandfunk legte der Verbandspräsident dann nach und sprach sich gegen ein generelles Recht aus, von zu Hause aus zu arbeiten.

In den USA rufen die Banken ihre Leute bereits wieder in die Büros, wie meine Kollegin Ines Zöttl berichtet . Ein paar Zitatfetzen geben die Stimmung im Management gut wieder:

  • »Die Leute mögen das Pendeln nicht, na und?« (JPMorgan-Chef Jamie Dimon)

  • »Das ist eine Anomalie, die wir so schnell wie möglich korrigieren werden.« (Goldman Sachs-Vorstandschef David Solomon über das Homeoffice)

Grob gesagt, lässt sich die Stimmung in der Finanzbranche so beschreiben: Anfänger und Chefs wollen zurück ins Büro, der Mittelbau ist zufrieden im Hobbykeller, am Küchentisch oder auf dem Balkon. »Auf dem Höhepunkt der Pandemie hatten manche Trendforscher vorhergesagt, dass sich die Arbeitswelt für immer verändern werde – schon weil die Konzerne mithilfe des Homeoffice Millionen Mietkosten für ihre spiegelverglasten Hauptquartiere sparen könnten«, berichtet Ines. Jetzt könnte die freie Wahl des Arbeitsorts »am Ende das gleiche Schicksal erleiden wie die Zusagen von Vaterschaftsurlaub, lässigeren Kleidungsvorschriften oder arbeitsfreien Wochenenden in der Branche: mit Fanfare verkündet, am Aber zerschellt«.

3. Alles für später?

Zu den größten Leistungen der Postwurfsendungsindustrie gehört: Mein schlechtes Gewissen erwacht, sobald ich das Wort »Altersvorsorge« lese. Müsste ich mich mit beschäftigen. Nein, hätte ich mich schon lange mit beschäftigen müssen. Prospekte, Angebote und Ratschläge landen dann aber doch irgendwo außerhalb des Blick- und Denkfeldes.

Heute aber lese ich einen ganzen Text dazu, nämlich den meiner Kollegen David Böcking, Florian Diekmann und Christian Reiermann über eine Entscheidung des höchsten Finanzgerichts. »Das gibt es auch nicht häufig: Da verlieren die Kläger vor dem höchsten deutschen Finanzgericht gegen den Fiskus – und dennoch können sich Millionen Steuerpflichtige auf Entlastungen freuen«, sagt Florian. Vor allem Rentenversicherte, die heute zwischen 40 und 55 Jahre alt sind. »Dieser Alterskohorte – und nicht der der klagenden 74- beziehungsweise 78-Jährigen – droht nämlich am stärksten eine verfassungswidrige Doppelbesteuerung, entschied der Bundesfinanzhof (BFH): Bei ihnen kassiert der Staat erst bei den Beiträgen zur Rente ab – und würde das nach geltendem Recht später bei der Rente noch einmal tun.«

Das liege daran, dass die damals rot-grüne Bundesregierung nicht korrekt gerechnet hat, als sie das System der Rentenbesteuerung ab 2005 umstellen musste. »Konkret rechnete sie bei der bis 2040 dauernden Übergangsphase mit mehr Freibeträgen, als sie laut BFH durfte – je näher der Rentenbeginn beim Jahr 2040 liegt, desto stärker wirkt sich dieser Rechenfehler aus.« Bereits bei einer Standardrentnerin würden mitunter mehr als 50.000 Euro doppelt besteuert. Florian sagt: »Gut für Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) – korrigieren muss den Fehler erst die nächste Regierung. Schlecht für den Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD) – er würde diese Regierung gern anführen.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

I'm loving angels instead

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Foto: Rolf Vennenbernd / dpa
  • Engelszungen: Die Sängerin Sarah Lombardi, 28, hat zwei Jahre nach der Scheidung vom Sänger Pietro Lombardi, 28, den sie einst bei »Deutschland sucht den Superstar« kennengelernt hatte (er gewann, sie war die Zweitplatzierte), erneut geheiratet, nämlich den Fußballer Julian Büscher, 28, und führt fortan wieder ihren Geburtsnamen Engels, den das Paar als Familien- und Instagram-Namen auserkor. Über die Entscheidung sagte sie: »Ich finde es auch sehr, sehr wichtig, dass wir Frauen unabhängig, stark und eigenständig sind.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Zudem können Testzentren selbst den Einkaufspreisen falsch abrechnen.«

Cartoon des Tages: Ahnenforschung

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie raus, raus, raus. Ich werde Ihnen doch bei dem Wetter keinen Streaming-Tipp geben oder ein Buch empfehlen.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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