Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Kommt jetzt 2G für ganz Deutschland?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. CDU – Wer darf über den künftigen Chef entscheiden?

  2. Corona – Wer muss künftig für Schnelltests zahlen, wer nicht?

  3. Grüne Jugend – Wie kam es zum Shitstorm gegen die neue Sprecherin?

1. Rauf und runter

First things first: Das Projekt »Wir schicken Captain Kirk ins All« verzögert sich um einen Tag. Die Raumfahrtfirma Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos teilte mit: Wegen vorhergesagter starker Winde sei der ursprünglich für Dienstag geplante Start von »Star Trek«-Ikone William Shatner, 90, auf Mittwoch verschoben. (Mehr Hintergründe zu der PR-Aktion hier von meinem Kollegen Christoph Seidler. )

Auch das CDU-Projekt »Wir schießen Laschet auf den Mond« zieht sich, aber es geht voran. Heute haben die Spitzengremien der Partei beschlossen: Ein Sonderparteitag soll den kompletten Bundesvorstand neu wählen. Der Beschluss fiel einstimmig, wie Generalsekretär Paul Ziemiak sagte. Er kündigte zudem für den 30. Oktober ein Treffen der Kreisvorsitzenden an. Drei Tage später soll dann von Präsidium und Bundesvorstand entschieden werden, wie die Basis eingebunden wird. Bleibt die Frage, ob sich die Basis mit dem abfinden wird, was ihr Präsidium und Vorstand an Einbindung gewähren. Eine Mehrheit wünscht sich jedenfalls eine Urwahl des künftigen CDU-Chefs, wie eine aktuelle SPIEGEL-Umfrage zeigt (hier mehr dazu).

»Neuwahl des kompletten Vorstands – das klingt vielleicht erst mal nach Tabula rasa«, sagt mein Kollege Florian Gathmann aus unserem Hauptstadtbüro . »In Wahrheit wurde die Entscheidung über den künftigen Konsens-Chef erst mal auf die Kreisvorsitzenden abgeschoben. Und jeder aus dem Bundesvorstand kann ja auf dem Parteitag wieder antreten – auch wenn es vorher eine Mitgliederbefragung geben sollte.«

2. Das Ende der Testspiele

Seit heute müssen die allermeisten Erwachsenen ihre Corona-Schnelltests selbst zahlen, die Preise schwanken offenbar zwischen 18 Euro und 40 Euro. Ausnahmen gelten für gesundheitlich Vorbelastete, die sich nicht impfen lassen können, und für Schwangere, denen die Stiko die Impfung erst seit September empfiehlt. Auch Kinder unter zwölf Jahren müssen nicht zahlen; für sie ist noch kein Impfstoff zugelassen. Und Jugendliche über zwölf müssen erst ab kommendem Jahr zahlen; auch hier ist die Stiko-Empfehlung noch frisch. Für alle anderen gilt: Ihr hättet euch ja längst impfen können – warum soll die Allgemeinheit eure Tests zahlen?

Vielleicht damit möglichst wenig Infektionen verborgen bleiben, denkt da der gelegentliche Drosten-Hörer. Aber viele Fachleute halten den Wegfall der Gratistests offenbar für verschmerzbar, wie meine Kollegin Julia Merlot aus unserem Wissenschaftsressort berichtet : Zum einen seien viele Deutsche geimpft, zum anderen habe von den Bürgertests eh wohl eher eine wohlhabende Klientel profitiert, die sich Kinobesuche, Theatertreffen und Restaurantessen leisten könne – nicht unbedingt repräsentativ. Sinnvoller wäre es, wie in Großbritannien regelmäßig Proben von einem Querschnitt der Bevölkerung zu nehmen. Und auch Christian Drosten verwies ja in einer der letzten Podcast-Folgen beim NDR  darauf, dass impfen besser sei als testen.

Was mich umtreibt: Übertreibe ich, wenn ich mich als Geimpfter mit anderen Geimpften drinnen treffe und darauf bestehe, dass wir uns trotzdem alle testen? »Das kommt ein bisschen auf die Umstände an«, sagt Julia. »Sind etwa ältere oder vorerkrankte Menschen dabei, bieten Tests zusätzlichen Schutz, weil die Impfung bei ihnen teils nicht ganz so gut wirkt wie bei Jüngeren.« Auch ungeimpfte Kinder könnten sich das Virus einfangen und selbst wieder zu Überträgern werden. »Die Heimtests kosten nicht viel und schaden zumindest nicht«, sagt Julia. Bei geimpften und gesunden Erwachsenen könnte es allerdings sein, dass mich meine Familie und mein Freundeskreis für übervorsichtig halten. Damit muss ich leben.

3. Unsoziale Medien

Die erst am Samstag gewählte Bundessprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, meidet für einige Tage die Öffentlichkeit. »Zu ihrer eigenen Sicherheit«, wie ihre Leute mitteilen, denn gegen Heinrich habe es Morddrohungen gegeben.

Was war passiert? Es kursieren alte, teils beleidigende oder politisch heikle Twitter-Beiträge der heute 20-jährigen Heinrich: In einem benutzte sie etwa den Ausdruck »Tunten« als Beleidigung. Was oft fehlt bei den Screenshots: das Datum der Posts. Sie stammten überwiegend aus den Jahren 2014 und 2015, als Heinrich 13 oder 14 Jahre alt war.

Für einen bat sie direkt um Entschuldigung. »Ich wurde gerade auf einen Tweet aufmerksam, in dem mein Account im Jahr 2015 ›Heil‹ unter einen Tweet mit Hakenkreuz kommentierte«, twitterte sie am Sonntag. »Das war maximal dumm und unangebracht.« Sie sei Teil einer antifaschistischen Jugendorganisation. »Dieser Tweet spiegelt in keiner Weise meine Position wider. Es tut mir wirklich leid, einen solchen Tweet jemals abgesetzt zu haben.« Der Tweet wurde inzwischen gelöscht. Heinrich sprach von einem Versuch rechter politischer Gegner, Shitstorms gegen sie anzufachen.

Von wem auch immer ausgelöst, ja, Heinrich befindet sich im Auge eines Shitstorms. Seit gestern trendet ihr Name als Hashtag, #saraleeheinrich. »Die Tweets sind offen antisemitisch, homophob, sexistisch«, kommentiert meine Kollegin Janne Knödler. Manche tun die Äußerungen Heinrichs jetzt als »Jugendsünden« ab oder finden, das höre man auf jedem Schulhof. Zwar müssten auf solche Äußerungen auch Konsequenzen folgen, schreibt Janne. Aber nicht in Form eines Shitstorms: »Ihnen muss widersprochen werden.« Schon auf dem Schulhof, nicht erst Jahre später. Dass das viel zu oft nicht passiere, sage aber »mehr über unsere Gesellschaft als über ihre 13-Jährigen aus«.

Im Moment seien aber vor allem jene Stimmen am lautesten, die sonst antisemitische und sexistische Äußerungen bis aufs Blut verteidigten. »Und die beteiligen sich nun an einem Shitstorm, der begleitet wird von rassistischen Äußerungen und Morddrohungen. Und so zeigt sich mal wieder, dass ein Shitstorm kein Widerspruch ist, sondern eine Ablenkung vom eigentlichen Problem«, kommentiert Janne. »Weil er die Aufmerksamkeit bindet, Kontext kollabieren lässt, Nuancen auslöscht. Und Lernen verhindert.«

Alles richtig. Vielleicht ist es aber auch nicht falsch, dass es ein Segen sein kann, ohne soziale Medien aufzuwachsen.

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Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Die unerschütterliche Liebe der Österreicher zu Sebastian Kurz: Obwohl gegen den Ex-Kanzler strafrechtliche Ermittlungen laufen, würden viele Wählerinnen und Wähler Sebastian Kurz wieder ihre Stimme geben. Ist sein Abgang nur ein Schachzug, um mit neuer Energie zurückzukehren? 

  • »Leute wie ich werden – zack – einfach aussortiert«: In Berlin leben mehr als 52.000 Menschen, die als wohnungs- oder obdachlos gelten. Es gibt Pläne, dass sie alle bis 2030 ein eigenes Dach über dem Kopf haben, an keine Bedingungen geknüpft. Kann das funktionieren? 

  • »Unser Code ist identisch mit dem von Google«: Axel Schmidt entwickelte in den Neunzigerjahren ein Programm mit erstaunlichen Parallelen zu Google Earth. Die Netflix-Serie »The Billion Dollar Code« erzählt seine Geschichte – hier sagt er, wie es wirklich war .

Was heute weniger wichtig ist

Foto: Nicola Dove / Universal Pictures
  • Am Ziel vorbei: Daniel Craig, 53, scheint für den US-Kinomarkt nicht den erhofften Erfolg zu bringen – das neue James-Bond-Abenteuer »Keine Zeit zu sterben« mit ihm in der Hauptrolle hat an seinem Debütwochenende in den USA lediglich rund 56 Millionen Dollar eingespielt. Das ist zwar viel Geld, aber deutlich weniger als die 90 Millionen, die der zweite Teil der Comicverfilmung »Venom: Let There Be Carnage« in der Vorwoche einbrachte. International gesehen ist 007 dagegen auf Erfolgskurs: Weltweit spielte der Film bisher 313,3 Millionen Dollar ein. In Deutschland legte er den besten Kinostart seit 2019 hin, hierzulande sahen ihn seit seinem Start vor neun Tagen über zwei Millionen Menschen.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Belgiens Nationaltorhüter Thibaut Courtois hat angesichts des vollgepackten Kalenders im Fußballs mit immer größeren Belastungen für die Spieler Alarm geschlagen.«

Cartoon des Tages: Eine Marionette bist du jedenfalls nicht, mein lieber Schallenberg!

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie wieder einmal die Beatles hören, was immer eine gute Idee ist. Mir kam sie heute, als ich von einem Interview las, das Paul McCartney der BBC gab: Es soll erst in zwei Wochen erscheinen, aber Teile sind vorab veröffentlicht worden.

Die Beatles der Spätphase im Studio

Die Beatles der Spätphase im Studio

Foto:

Everett Collection / IMAGO

Darin äußert er sich zu einer Frage, die Abermillionen Beatles-Fans umtreibt, seit die Band sich aufgelöst hat: Wer war schuld? Viele glauben: Es war Paul. Immerhin hatte er im April 1970 erklärt, dass es die Band nicht mehr gibt. Nun, 51 Jahre später, sagt McCartney: Nein, es war John.

Im BBC-Interview nach seinen damaligen Plänen für eine Solokarriere gefragt, entgegnet McCartney: »Stopp mal an der Stelle. Ich war nicht derjenige, der die Trennung angeschoben hat. Oh, nein, nein, nein. John kam eines Tages in einen Raum und sagte: ›Ich verlasse die Beatles.‹ Klingt das nach Trennung oder nicht?«

Er selbst habe den Bruch bedauert, nicht zuletzt weil die Band seiner Ansicht nach immer noch »ziemlich gutes Zeug« gemacht habe. Konkret nennt er die Alben »Abbey Road« und »Let It Be« als Beispiele. Mit beidem hat er recht.

Good Night 
Ihr Oliver Trenkamp

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