Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Eine schreckliche Familie – die letzte Staffel

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Shutdown-Gleichklang – Wer berät die Politik?

  2. »America First« Family – Was wird aus Melania und Ivanka Trump?

  3. Geredefreiheit – Was soll die App Clubhouse?

1. Ratgeberrepublik

Vor dem Corona-Gipfel sickern die ersten Infos durch, der ein oder andere Ministerpräsident positioniert sich, Markus Söder lobt sich selbst. Ein vertrautes Setting.

Morgen könnten die Kanzlerin und die Länderchefs dann strengere Kontaktbeschränkungen beschließen, vielleicht Ausgangssperren und eine bundesweite FFP2-Maskenpflicht. Das Mindeste, so scheint es: Der Shutdown wird wohl bis Mitte Februar verlängert.

Vor ihrer Entscheidung holt die Politik heute Abend den Rat von Fachleuten ein, von acht Expertinnen und Experten, darunter Virologe Christian Drosten und der RKI-Chef Lothar Wieler. »Bereits die Auswahl der Berater ist eine politische Entscheidung«, kommentiert meine Kollegin Lydia Rosenfelder aus unserem Hauptstadtbüro. Sie kritisiert, fast alle Eingeladenen würden den Regierungskurs stützen. »Das ist Alarmismus auf Bestellung.« Die Kollateralschäden, die abgehängten Schüler, die vernichteten beruflichen Existenzen würden ausgeblendet, findet Lydia. (Hier der ganze Kommentar.)

Meine Kollegin Julia Merlot und mein Kollege Jörg Römer aus unserem Wissenschaftsressort stellen das Gremium und die Positionen vor – hier der Überblick. Der Tenor: Ein knallharter Lockdown muss her.

2. Mitgegangen

Wenn Joe Biden in zwei Tagen seinen Amtseid ablegt (bewacht von mehr als 20.000 Soldaten, alle überprüft vom FBI) und das Weiße Haus grundgereinigt ist (für fast eine halbe Million Dollar ), wird nicht nur die Präsidentschaft Donald Trumps enden, dann wird auch Melania nicht mehr die Rolle der First Lady spielen müssen. Vielleicht würde sie selbst den Satz um ein »endlich« erweitern, aber das ist pure Spekulation. »Wer Melania Trump wirklich ist, wird wohl immer ein Rätsel bleiben«, schreibt meine Kollegin Susanne Beyer .

Ihre Rolle jedenfalls habe Melania nie gefunden. Und das althergebrachte Verständnis von einer First Lady als »Idealausgabe der Hausfrau« habe sich spätestens mit ihrem Auszug überlebt, schreibt Susanne. Jill Biden wird die erste Präsidentengattin sein, die ihren normalen Job behält (Englisch am Northern Virginia Community College unterrichten). Und zum ersten Mal wird es mit dem Ehemann der künftigen Vizepräsidentin Kamala Harris auch einen Second Gentleman geben. »Das wird Einfluss haben, auf Vorstellungen von Männlichkeit, indirekt aber auch auf Vorstellungen von Frauen und Macht«, schreibt Susanne. (Den ganzen Essay lesen Sie hier. )

Auch die politischen Karrieren der Trump-Tochter Ivanka und ihres Gatten Jared Kushner werden enden, zumindest vorerst, analysiert  mein Kollege Marc Pitzke. Über Ivanka hieß es, sie wolle Senatorin oder Kongressabgeordnete werden, irgendwann die erste Präsidentin. Doch solche Träume zerplatzen seit dem Sturm auf das Kapitol – ehemalige Freunde wenden sich ab, die Stimmung ist gekippt. »Die Marke Trump ist kaputt oder wenigstens stark beschädigt«, schreibt Marc. »Der Familienname und dessen ›Gestank‹, so ein früherer Freund zu ›Vanity Fair‹, werden auf einmal zur Belastung.« Die Frage ist, ob ein Rebranding gelingen kann – und ob Hardcore-Trumpisten es sich überhaupt wünschen.

3. Alles gesagt, bald auch von jedem

Über eine Menschheitsplage wird viel zu wenig berichtet: Sprachnachrichten. Weil der Absender zu faul ist, zu schreiben, muss der Empfänger umständliches Gestammel ertragen. Ich habe schon meine Mailbox nicht abgehört, da fange ich beim Audiospam aus dem Freundes- und Familienkreis nicht damit an. Unser Kolumnist Sascha Lobo würde mich einen »Telefonmenschen alter Prägung« nennen. Vielleicht habe ich deswegen erst mit Verspätung mitbekommen, dass gerade alle möglichen Leute über Clubhouse reden, eine Audio-App, die auf Livegespräche setzt, keine Texte, keine Videos. Ich stelle mir das als die Vertonung von Twitter vor. (Mehr Details hier.)

Als Werbetrick setzen die Macher auf Angebotsverknappung: Wer mitmachen will, braucht eine Einladung. Ich nötige meinen Kollegen Jonas Leppin. Es klappt, wir reden bei Clubhouse über Clubhose. Die Kollegin Johanna Röhr und der Kollege Benjamin Denes stoßen dazu.

  • Jonas sagt: »Es ist wie ein interaktiver Live-Podcast.«

  • Benjamin sagt: »Wenn Clubhouse mir weiter so viele Pushmitteilungen schickt, muss ich sie abstellen.«

  • Johanna sagt: »Anstrengend ist die Redundanz, viele Leute erzählen immer dasselbe.«

Wenig überraschend: Das Augenmerk der Entwickler liegt wohl nicht beim Datenschutz. Die Gespräche werden aufgezeichnet, Nutzer sollen ihr Adressbuch freigeben. Vielleicht melde ich mich gleich wieder ab und lösche meinen Account, mute zur Lücke. Oh, die Funktion scheint es in der App gar nicht zu geben.

Der Wert der App wird auf 100 Millionen Dollar geschätzt.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

  • So isser, der Laschet. Wirklich? Die Union wird nun von einem Mann geführt, der Merkels Erfolgsrezept kopiert: Vertrauen als Programm, die eigene Durchschnittlichkeit als Marke. Kann das gelingen?

  • Klimaschützer stellen sich gegen Schwesig: Eine Stiftung für Klimaschutz soll die Nord-Stream-2-Sanktionen umgehen. Umweltverbände rebellieren gegen diesen Plan von Manuela Schwesig. Nun tritt auch die Vorsitzende von Schwesigs Klimarat zurück.

  • Geraubte »Lebensborn-Kinder« fordern Anerkennung als NS-Opfer: Tausende Kinder ließ die SS bis 1945 in Europa verschleppen, um sie in speziellen Heimen zu »germanisieren«. Betroffene wollen nun endlich entschädigt werden. Helfen soll dabei auch die AfD – gegen ihren Willen.

  • Erddepot könnte Bunker der »Revolutionären Zellen« sein: Die in Niedersachsen im Waldboden vergrabene Plastiktonne aus den Achtzigerjahren könnte nach SPIEGEL-Informationen ein Versteck der »Revolutionären Zellen« sein. Darauf deuten dort gefundene Schriftstücke der Terrorgruppe hin.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Es gibt sie, die deutsche Nation: Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm I. zum deutschen Kaiser proklamiert. Auftakt zu einer Geschichte voller Katastrophen und Irrtümer. Aber der Nationalgedanke hat alle Krisen überlebt .

  • »Epidemien locken die bösen Kräfte hervor«: Die Pest löschte im 14. Jahrhundert rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung aus. Volker Reinhardt erklärt, was die Geschichte in Corona-Zeiten lehrt und ob sich Gesellschaften nach Seuchen infrage stellen .

  • Wie schaffe ich es, endlich mehr Geld auszugeben? Zahle ich drei Euro mehr für die Pizza mit Pilzen? Gibt es den Wäscheständer nicht billiger? Mit solchen Gedanken schlage ich mich ständig herum. Warum Geiz doch nicht so geil ist – und wie man lernt, sich was zu gönnen .

Was heute nicht so wichtig ist

Zweitreiher

Zweitreiher

Foto:

Win McNamee / Getty Images

  • Zweisamkeit der Zweiten: Die künftige US-Vizepräsidentin Kamala Harris und ihr Gatte, der US-Rechtsanwalt Doug Emhoff, beide 56, lernten sich einst bei einem Blind Date kennen, vermittelt durch eine Freundin, wie sie in einem TV-Interview mit CBD News erzählten. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, sagte sie. »Es fühlte sich an, als hätten wir uns schon vorher ewig gekannt.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Am Dienstag treffen sich die Länderchefs mit Bundeskanzlern Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur nächsten Corona-Schalte.«

Cartoon des Tages: Mitleid mit Merz

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Foto:

Stefan Gregorowius / TVNOW

Könnten Sie die Dschungelshow gucken, die RTL seit Freitag als Ersatz fürs Dschungelcamp ausstrahlt. Die Frage ist: Sollten Sie?

Meine Kollegin Anja Rützel widmet sich der Sendereihe liebevoll und ausgiebig (hier , hier  und hier  ihre aktuellsten Texte). Ich habe sie gefragt: Wer sollte die Sendung unbedingt anschauen?

Anjas Antwort: »Alle, die so unrettbar tief in den Trashsümpfen stecken, dass sie via Instastory auch gebannt zuschauen, wenn Sam Dylan täppisch die Umverpackung seines neuen Fernsehers entsorgt.«

Und wer sollte auf keinen Fall einschalten? »Alle, die am regulären Dschungelcamp das langsame, aber unaufhaltsame Gären von kleinlichen Streitereien lieben und sich gern zwei Wochen lang in eine spektakulär dysfunktionale Familie hineinträumen.«

Ich nehme Möglichkeit C: Nicht gucken, aber Anja lesen. Zugegeben, ein Forst World Problem.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.