Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Der Fight der jungen Prinzen

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Coronamaßnahmen – wie sinnvoll ist die heute auch für Deutschland verkündete Testpflicht für Reisende aus China?

  2. Kampf gegen Antisemitismus – wozu erstellt das Simon Wiesenthal Center jedes Jahr eine Top-Ten-Liste der angeblich schlimmsten Judenhasser?

  3. Prinz Harry – wie schockierend ist seine Klage, dass der königliche Bruder William ihn geschlagen habe?

1. Die Testpflicht für Reisende aus China bringt wohl wenig, könnte aber Aufschluss geben, welche aktuelle Varianten im Land kursieren

Wir leben in einer Zeit, in der offenbar viele Menschen nicht ohne ein Grundsatzmotto auskommen – ebenso wie die von ihnen gegründeten Gemeinschaften. Auch die Europäische Union hat sich eines gegeben, es wurde im Jahr 2000 offiziell verkündet und lautet »In Vielfalt geeint«. Im Italienischen klingt es noch besser und heißt »Unita nella diversità«. Schon vor ein paar Tagen haben Italiens Politikerinnen und Politiker eine Impflicht für Reisende aus China beschlossen, in Deutschland waren die Mächtigen lange dagegen. Heute hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach dann doch bekannt gegeben, dass auch Deutschland auf den massiven Coronaausbruch in China mit einer Covid-Testpflicht für von dort Anreisende reagiert.

Die deutsche Einreiseverordnung werde kurzfristig verändert, Reisende aus China benötigten künftig bei Reiseantritt nach Deutschland mindestens einen Antigenschnelltest, sagte Lauterbach. Zudem sollen Stichproben helfen, Virusvarianten zu erkennen. Am Frankfurter Flughafen werden inzwischen bereits Abwässer von aus China gelandeten Flugzeugen untersucht. Gesundheitsexpertinnen und -experten der 27 EU-Staaten hatten sich am Mittwochabend zwar nicht auf eine Testpflicht für Reisende aus China verständigen können, empfehlen sie aber nachdrücklich.

Noch vor Lauterbachs Testpflicht-Bekanntgabe haben sich deutsche Fachleute zu den Maßnahmen geäußert – und Einzelne halten sie offenbar für unangemessen. Der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen beispielsweise vermutet zwar, dass viele aus China einreisende Menschen infiziert sind, hält es aber für unwahrscheinlich, dass durch die Einreisenden eine neue Infektionswelle in Deutschland ausgelöst wird. Die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf hält immerhin eine Sequenzierung von Proben Einreisender für sinnvoll, weil aus China selbst kaum Daten zu den dort zirkulierenden Varianten verfügbar sind.

»Wissenschaftlich hat es einen Wert, mehr darüber zu erfahren, welche Varianten aktuell in China kursieren, da können Sequenzierungen zumindest etwas mehr Einblick geben«, sagt meine Kollegin Nina Weber. In Sachen Infektionsschutz erscheint ihr die Maßnahme aber inkonsequent. »Wir machen ja sonst kaum noch etwas in dieser Richtung, selbst die Maskenpflicht im ÖPNV fällt in den ersten Bundesländern weg. Jetzt ist es einerseits okay, sich schwer hustend und niesend ohne Maske in einen voll besetzten Bus in Lübeck zu setzen. Aber andererseits ist nicht okay, ungetestet in Frankfurt aus einem Flieger aus Shanghai zu steigen.«

  • Lesen Sie hier mehr über die Entwicklung eines universellen Coronaimpfstoffs: Einer für alle 

2. Die Antisemitismus-Hitlisten des Simon Wiesenthal Centers sind nach Meinung vieler Experten fragwürdig – weil sie dem Kampf gegen militante Judenfeinde schaden

Die angeblich weltweit beachtete Kunstschau Documenta in Kassel, bei der in diesem Jahr sehr viel über einige hetzerische Kunstwerke gestritten wurde, kommt nur am Rande vor – in der Liste über schlimme antisemitische Vorfälle, die das Simon Wiesenthal Center jedes Jahr veröffentlicht. Dafür wird diesmal an erster Stelle der schwer durchgeknallte US-amerikanische Rapper Kanye West, ein Hitler-Verherrlicher, angeführt. Auch wegen dessen Aufwertung durch den Ex-Präsidenten Donald Trump. Das Treffen des Rappers und des Politikers trage bei »zur Normalisierung und zur Ausweitung des Antisemitismus«, so die Begründung.

Was ist von den Listen des Simon Wiesenthal Centers zu halten? Darüber berichten meine Kollegen Christoph Schult und Philipp Wittrock heute in einer Geschichte, die mich überrascht und beeindruckt hat .

Die durchaus verdienstvolle Organisation, benannt nach dem legendären österreichisch-israelischen Nazijäger Simon Wiesenthal, betreibt unter anderem ein großes Museum und eine Filmabteilung in Los Angeles. Ihre jedes Jahr veröffentlichte Top-Ten-Liste mit den weltweit schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Vorfällen und Verunglimpfungen allerdings ist einigermaßen fragwürdig und sorgt regelmäßig für hitzige Diskussionen. Neben eingefleischten Antisemiten und Israelfeinden knöpfen sich die Frauen und Männer des Wiesenthal Centers immer wieder deutsche Beamte, Politiker und Publizisten vor – darunter des Hasses und Extremismus unverdächtige Akteure.

»Die Listen schaden dem Kampf gegen militante Antisemiten«, sagt der deutsche Historiker und Publizist Michael Wolffsohn. Im Jahr 2019 wurde zum Beispiel der ehemalige Berater von Kanzlerin Angela Merkel, Christoph Heusgen, auf Platz sieben der Liste gesetzt – gleich hinter die Erwähnung von Gewalttaten gegen Juden in New York und das versuchte Massaker eines Rechtsextremisten in einer Synagoge in Halle. In einer Rede, die Heusgen im März 2019 im Uno-Sicherheitsrat im Zusammenhang mit einer Resolution gegen die israelische Siedlungspolitik hielt, hatte der Deutsche vom israelischen Uno-Botschafter unter anderem wissen wollen, wie dessen Regierung den Siedlungsbau beenden werde.

Der SPIEGEL hat knapp ein Dutzend Antisemitismus-Experten um ihre Einschätzung der Hitlisten des Simon Wiesenthal Centers gebeten. Die Befragten sind sich mitunter uneins über Definitionen, alle aber übten Kritik an der Machart und Zusammenstellung der Top Ten bis 2022. »Zwar sehen einige der Experten die auf den Listen genannten Deutschen kritisch«, so berichten meine Kollegen. »Aber keiner würde sie wie das Wiesenthal Center in eine Reihe stellen mit dem iranischen Regime, der libanesischen Hisbollah oder der palästinensischen Hamas, die mit der Auslöschung des jüdischen Staates drohen und für Terroranschläge verantwortlich sind.«

Einer der befragten Fachleute ist Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung. »Wenn Antisemiten mit Mordabsichten neben Menschen genannt werden, die sich dem Kampf gegen Judenhass verschrieben haben, befeuert das Wiesenthal-Zentrum eine fehlgeleitete und spaltende Debatte«, sagt er. »Stattdessen wären Allianzen von Demokratinnen und Demokraten dringend nötig.«

In Deutschland wird der Vorwurf des Antisemitismus zu Recht besonders ernst genommen. Die Zahl der registrierten antisemitischen Straftaten ist im vergangenen Jahr um 29 Prozent gewachsen. Im Schnitt verzeichnete die Polizei pro Tag mehr als acht antisemitische Delikte.

3. Prinz Harry schildert eine körperliche Attacke seines Bruders William – für Royal-Experten offenbar wenig überraschend

Unter den Nachkommen des britischen Königshauses geht es möglicherweise nicht vornehmer zu als in den Kinderzimmern und Kita-Toberäumen der Unterprivilegierten. Heute wurde bekannt, dass Prinz Harry in seiner aufgeregt erwarteten Autobiografie, die den Titel »Spare« (zu Deutsch: »Reserve«) tragen wird, einen tätlichen Angriff seines Bruders William schildert. Ist das nicht schockierend?

Sein Bruder habe ihn am Kragen gepackt, an seiner Halskette gerissen und ihn zu Boden gestoßen. »Ich landete auf dem Hundenapf, der unter meinem Rücken zerbrach«, beschreibt Harry den Vorfall. »Ich lag einen Moment lang benommen da, dann stand ich auf und sagte ihm, er solle verschwinden.«

Mein Kollege Jörg Schindler, der für den SPIEGEL aus London berichtet, hat den britischen Historiker Robert Lacey befragt – und unter anderem erfahren, dass im königlichen Palast schon länger und praktisch allgemein bekannt sei, dass Williams hitziges Temperament ein Problem darstelle .

Über die diversen publizistischen Attacken von Harry auf die Krone sagt Lacey, historischer Berater der Netflix-Serie »The Crown«: »Ältere wie ich erinnern sich daran, dass es in der Königsfamilie schon dramatischere Zerwürfnisse gab, etwa 1936, als ein richtiger König, Edward VIII., abdankte. Er und seine amerikanische Frau lebten im Exil mit ein bisschen weniger Publicity als unsere aktuellen Exilanten. Und die britische Monarchie florierte in ihrer Abwesenheit.«

Überhaupt habe es in der tausendjährigen Geschichte der britischen Monarchie »schon Schlimmeres« als die aktuellen Umtriebe von Harry und seiner Gattin Meghan gegeben, findet Lacey. »Einmal wurde ein König enthauptet, und wir lebten danach in einer Republik. Aber nur elf Jahre lang.«

Podcast Cover

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Jetzt macht auch die SPD in der Panzerfrage Druck auf Scholz: Frankreich will Spähpanzer westlicher Bauart an die Ukraine liefern, die USA erwägen die Lieferung von Schützenpanzern. Grüne und FDP werben schon lange dafür, nun kommt auch in der Kanzlerpartei SPD Bewegung in die Frage.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Dax-Konzerne zahlen Rekord-Dividenden von fast 55 Milliarden Euro: Angesichts hoher Gewinne dürften die Dax-Unternehmen ihren Anteilseignern Dividenden in Rekordhöhe ausschütten, zeigt eine Analyse der Sparkassentochter Deka. Vor allem Autobauer zeigen sich spendabel.

  • Immer mehr Frauen schaffen es in die Topetage: Im vergangenen Jahr saßen so viele Frauen in den Vorstandsgremien von Deutschlands Spitzenkonzernen wie nie zuvor. Allerdings bleiben Männer weiter massiv in der Überzahl.

  • Zehntausende nehmen Abschied vom emeritierten Papst Benedikt XVI.: Auf dem Petersplatz haben etwa 50.000 Menschen dem verstorbenen Benedikt die letzte Ehre erwiesen. Das Requiem wurde von seinem Nachfolger Franziskus geleitet – zeremonielles Neuland für die Kirche.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Der Goldschatz des AfD-Spenders

Wie kam es dazu, dass der Ingenieur Reiner Strangfeld im Jahr 2018 der rechtsextremen Partei AfD sein gesamtes Vermögen vererbte? Meine Kollegen Hubert Gude und Sven Röbel hatten exklusiv Zugang zu Strangfelds Nachlass, der sie zweifeln lässt, ob der Mann bei klarem Verstand war, als er der AfD mehr als zehn Millionen Euro hinterließ. Strangfeld, geboren 1938, war ein Tüftler und offenbar smarter, weltoffener Erfinder – und wurde wohl zum psychisch kranken Verschwörungstheoretiker. In den Siebzigerjahren erfand er eine WC-Druckspülung, ließ sie patentieren und wurde sehr reich. Strangfeld jettete um die Welt und fuhr schicke Autos, wie die Kollegen durch die Fotos aus dem Nachlass rekonstruieren konnten.

Strangfeld im Cockpit eines Sportflugzeugs (undatiertes Foto aus dem Nachlass)

Strangfeld im Cockpit eines Sportflugzeugs (undatiertes Foto aus dem Nachlass)

Foto: privat

Doch aus der Zeit ab den Achtzigerjahren finden sich in Strangfelds Nachlass andere Dokumente – darunter ärztliche Gutachten, die belegen, dass der Mann von Wahnvorstellungen geplagt war; zeitweilig war er in der Psychiatrie. Die Unterlagen belegen auch die zutiefst rechtsextreme und antisemitische Einstellung des AfD-Gönners. Vor seinem Suizid lebte er isoliert und zurückgezogen in seiner Bückeburger Wohnung und sah sich als Opfer einer Verschwörung von Richtern, Anwälten und dem Staat. Das alles wirft die Frage auf, ob sein Testament nicht angefochten werden kann – und die AfD das Geld des Spenders nicht irgendwann wieder zurückzahlen muss. Noch haben sich keine potenziellen Erben gemeldet. Aber es ist gut möglich, dass wir von der Nachlasssache Strangfeld noch hören werden.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Ermittlungen im Fall Ayleen abgeschlossen – Staatsanwaltschaft erhebt Anklage: Im Fall der getöteten Ayleen muss sich der 30 Jahre alte Jan P. womöglich vor Gericht verantworten. Die Ermittler sind davon überzeugt, dem vorbestraften Sexualstraftäter den Mord an der 14-Jährigen »lückenlos« nachweisen zu können .

  • Aufstand der Mini-Trumps: Die Meuterei bei den Republikanern geht weiter – und beschädigt zunehmend auch Donald Trump. Obwohl er Kevin McCarthy unterstützt, wird dieser von Anhängern des Ex-Präsidenten bekämpft. Hat Trump die Partei noch im Griff? 

  • Die 20 republikanischen Rebellen – wie rechts sind sie? Auch im sechsten Wahlgang scheiterte Kevin McCarthy an der nötigen Mehrheit, um Sprecher des Repräsentantenhauses zu werden. Welche parteiinternen Konkurrenten stimmten gegen ihn? Und welche Positionen vertreten sie? Der Überblick .

  • Einfach goldig: Rosi Mittermaier war nicht nur im Sport erfolgreich. Was sie so populär machte, war ihr Auftreten in der Öffentlichkeit. Ihr sportlicher Ruhm blieb ihr noch Jahrzehnte erhalten. Sie war die Olympiasiegerin von nebenan .

Was heute weniger wichtig ist

Fußball-Sonnengott im Regen: Cristiano Ronaldo, 37-jähriger fünfmaliger Weltfußballer und Neuling im Fußballland Saudi-Arabien, konnte an diesem Donnerstag nicht zu seinem ersten Spiel für den Klub Al Nassr antreten. Grund war nicht der Ärger, den Ronaldo wegen einer noch im Dienst von Manchester United erhaltenen Zwei-Spiele-Sperre hat, weil er einem Fan das Handy aus der Hand geschlagen hatte. Die Wetterbedingungen verhinderten seinen ersten Auftritt im neuen Job. Die Verschiebung, so twitterte sein neuer Verein, erfolge wegen »starken Regens«, der unter anderem die »Stromversorgung im Stadion beeinträchtigen« könne.

Mini-Hohlspiegel

Aushang in der Toilette eines Fitnesstudios in Villingen-Schwenningen

Aushang in der Toilette eines Fitnesstudios in Villingen-Schwenningen

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie die eher ruhige Zeit zu Jahresbeginn nutzen und eines der Filmbücher des vergangenen Jahres lesen. Edgar Reitz hat in »Filmzeit, Lebenszeit. Erinnerungen« darüber geschrieben, wie er in jungen Jahren sein Heimatdorf im Hunsrück verließ und ihm sein Lieblingslehrer hinterherrief: »Dreh dich nicht um.« Genau das aber habe er fortan getan, lobt mein Kollege Tobias Becker, »zurückschauen, jahrzehntelang«. Der Filmemacher Reitz, der im November 90 Jahre alt geworden ist, sei »der große Sehnsuchtsmann des deutschen Fernsehens und Kinos«, findet Tobias, »ein Erinnerungskünstler, der am liebsten endlos erzählen würde, noch immer. Denn wovon wir uns nicht erzählen, das vergessen wir«.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.