Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wie das Virus einen Raketenantrieb bekam

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Virologin über Corona – Den Shutdown verlängern?

  2. Frontex – Ist der europäische Grenzschutz außer Kontrolle?

  3. Bauerfeind, Bauerfreund – Wer entscheidet über die Klimapolitik?

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1. Die Angst vor den Mutanten

Sollten die langsam sinkenden Corona-Zahlen bei Ihnen Hoffnung aufkeimen lassen, ein Blick in die aktuellen Meldungen wirkt leider wie ein Gegenmittel:

Besonders mitgenommen hat mich aber das Interview , das meine Kollegin Rafaela von Bredow und mein Kollege Jürgen Dahlkamp mit der Virologin Melanie Brinkmann geführt haben. Sie sagt:

  • »Die Mutante aus Großbritannien und andere werden uns überrennen, das Virus hat einen Raketenantrieb bekommen.«

  • »Dieser Wettlauf ist längst verloren.«

  • »Es wird kommen wie in England.«

Brinkmann gehörte jüngst zum wissenschaftlichen Beraterstab für Angela Merkel und die Ministerpräsidenten. Mit Blick auf die nächste Entscheiderrunde am kommenden Mittwoch sagt sie: »Die Politik wird garantiert nicht lockern können, ohne einen Schub an Neuinfektionen zu riskieren.« Sie fordert eine konsequente Eindämmungsstrategie, um einen Dauer-Shutdown zu vermeiden (mehr zum »No Covid«-Ansatz hier).

»Ich finde Brinkmann sehr mutig«, sagt Rafaela. »In diesen aufgeheizten Debatten, in diesem nicht enden wollenden Ausnahmezustand mit pandemieerschöpften und schlecht gelaunten Menschen weitere und womöglich schärfere Einschränkungen zu fordern, das muss man sich erst mal trauen.« Brinkmann hatte schon das ganze letzte Jahr in Talkshows versucht, als Stimme der Wissenschaft die Pandemie zu erklären und wie Christian Drosten jede Menge Gegenwind bekommen. Was sie aber nicht angefochten hat. »Jetzt trat sie mit ›No Covid‹ wieder auf die nationale Bühne – und bekam den Hass der Lockerungsapologeten zu spüren, als die ›Bild‹ sie hinhängte als ›radikalste Stimme in Merkels Team‹, sie wolle den ›Super-Lockdown‹.«

Daraufhin habe der Ton der E-Mails an sie, vorher zumeist positiv, sich geändert, plötzlich sei da der pure Hass angekommen, sagt Brinkmann: »Da hatte ich zum ersten Mal Angst.« Sie habe ihre beiden älteren Söhne gebeten: »Guckt bitte, ob ihr Leute seht, die vor dem Haus herumgehen und sich merkwürdig benehmen.«

2. Grenzüberschreitung

Seit ver­gan­ge­nem Herbst be­rich­te­n wir darüber, dass Eu­ro­pas Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex in il­le­ga­le Rückfüh­run­gen von Flücht­lin­gen, so­ge­nann­te Pushbacks, in der Ägäis ver­strickt ist. Die EU-Antibetrugs­be­hör­de Olaf lei­te­te dar­auf­hin Ermittlun­gen ge­gen Fron­tex ein, auch das EU-Par­la­ment prüft die Vor­wür­fe.

Meine Kollegen ­­­Gior­gos Chris­ti­des, Stef­fen Lüd­ke und Ma­xi­mi­li­an Popp ha­ben nun mit Fron­tex-Mitarbei­tern ge­spro­chen und in­ter­ne Do­ku­men­te ausgewer­tet. Die Kri­se bei Fron­tex, so stell­ten sie fest, be­schränkt sich nicht auf Push­backs, es geht of­fen­bar auch um Mob­bing­vor­wür­fe ge­gen Frontex-Chef Fa­bri­ce Leg­ge­ri, mög­li­ches Miss­ma­nage­ment und fi­nan­zi­el­le Un­re­gel­mä­ßig­keiten. »Fron­tex soll Eu­ro­pas Gren­zen kon­trol­lie­ren«, sagt Steffen, »doch die Agen­tur ist selbst au­ßer Kon­trol­le.«

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3. Wer ist hier der Bauerfeind?

Macht ist ja oft eine Frage der Zuständigkeiten. Wer kümmert sich um was? Wer lädt wen ein? Wer entscheidet am Ende? Wer erledigt die Arbeit? Wer schmückt sich mit Erfolgen? An wem bleiben Misserfolge hängen? Auf dem Feld der Klimapolitik lässt sich das gerade ganz gut beobachten, wie meine Kollegen Philipp Kollenbroich und Jonas Schaible berichten . Sie haben interne Dokumente ausgewertet, die zeigen: Einige Agrarminister verweigern ihren Umweltkollegen direkte Mitsprache. »Das Problem beginnt schon auf Bundesebene«, schreiben Philipp und Jonas. »Das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium in Berlin verbindet vor allem gegenseitige Abneigung.«

Fast bizarr findet Philipp das Ganze: »Da wird derzeit die wohl wichtigste EU-Agrarreform der letzten Jahrzehnte ausgehandelt. Und in Deutschland streitet man sich monatelang per Brief, wer bei wem mit am Tisch sitzen darf, statt einen inhaltlichen Kompromiss auszuarbeiten.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Russland weist drei EU-Diplomaten aus: Im Streit über den Fall Nawalny hat Russland drei europäische Diplomaten des Landes verwiesen – darunter auch einen deutschen. Die Bundesregierung droht umgehend mit Konsequenzen.

  • »Offenbar wurden gezielt Akten verändert«: Haben Mitarbeiter des Jugendamts Höxter nachträglich Unterlagen manipuliert? Diese Frage wirft der Untersuchungsausschuss zum Missbrauchsfall Lügde auf. Abgeordnete verlangen nach SPIEGEL-Informationen Aufklärung.

  • US-Senat ebnet Weg für Bidens Corona-Hilfsplan: US-Vizepräsidentin Kamala Harris hat mit ihrem Votum eine Pattsituation im Senat aufgehoben und den Weg für Bidens Billionenprogramm im Kampf gegen die Pandemie vorerst frei gemacht. Doch es gibt noch Hürden.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Die Titelgeschichte aus dem neuen SPIEGEL, hier gibt es das neue Heft digital, morgen am Kiosk.

Die Titelgeschichte aus dem neuen SPIEGEL, hier gibt es das neue Heft digital, morgen am Kiosk.

Foto: Titelfotos [M]: Leopold Fiala (2); Florian Generotzky für den SPIEGEL; Tobias Hase / dpa
  • »Der Champagner wurde in Bierkrügen ausgeschenkt«: Jörn Leogrande arbeitete bei Wirecard 15 Jahre lang mit Markus Braun und Jan Marsalek zusammen. Hier spricht er über das Innenleben des Dax-Konzerns, Champagnerpartys und die Frage, warum selbst enge Mitarbeiter vom Betrug nichts ahnten .

  • WDR löschte heiklen Beitrag über Laschet: Armin Laschet wettert gegen Aktivisten im Hambacher Forst. Ein Hörfunkbeitrag darüber steht zweieinhalb Stunden in der ARD-Mediathek, dann verschwindet er. Warum? 

  • Wie der VfB Stuttgart seine Mitglieder verriet: Der Bundesligist soll Daten weitergegeben haben, um Vereinsmitglieder zu beeinflussen. Weil Funktionäre die Aufklärung blockieren, eskaliert nun der Machtkampf zwischen Stadionkurve und Kapital .

  • Das Rätsel um die Trennungskinder-Studie: Das Familienministerium gab 2015 eine Studie in Auftrag, die zeigen sollte, was Kinder von Trennungseltern brauchen. Bis heute ist sie nicht erschienen. Was dahintersteckt .

Was heute nicht so wichtig ist

Don't-Speaktakulärer Auftritt

Don't-Speaktakulärer Auftritt

Foto:

Carolyn Kaster/ AP

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »130 handgeschriebe Seiten Jackie Kennedys sind in Irland aufgetaucht.«

Cartoon des Tages: Nimm das, Wladimir!

Foto: Thomas Plaßmann

Und am Wochenende

Könnten Sie ein neues Buch anfangen, vielleicht »Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats«: Geschrieben hat es die Soziologin und Journalistin Carolin Wiedemann. »Gesellschaftskritik verknüpft Wiedemann behände mit der Geschichte des Feminismus und den Forderungen gegenwärtiger queer-feministischer Bewegungen«, schreibt meine Kollegin Elisa von Hof. »Wiedemann erzählt so souverän und detailgenau, dass auch jene einsteigen können, bei denen Simone de Beauvoir oder Margarete Stokowski noch nicht auf dem Nachttisch liegen. Und jenen, die Angst um ihre Privilegien haben, nimmt sie die Furcht.«

Oder Sie gucken die Büchershow »Spitzentitel« meines Kollegen Volker Weidermann, in der Carolin Wiedemann über ihr Buch spricht, über die »binäre Ordnung, die die Menschen einteilt in zwei Geschlechter«, und darüber, wie sich das Zusammenleben freier und solidarischer organisieren ließe.

In diesem Sinne: Cis Montag!

Ein schönes Wochenende, herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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