Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Boris Johnson lässt die Masken fallen

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Steigende Infektionszahlen in vielen Ländern Europas – Warum kann Boris Johnson in Großbritannien das Ende fast aller Coronamaßnahmen ausrufen?

  2. Westliche Krisendiplomatie im Konflikt zwischen Russland und Ukraine – Wie lässt sich ein Krieg noch verhindern?

  3. Steuern für Reiche – Weshalb wollen mehr als hundert Multimillionäre höhere Abgaben zahlen?

1. In Deutschland meldet das Robert Koch-Institut heute eine Rekordzahl an Coronainfizierten, doch in Großbritannien ebbt die Omikron-Welle wohl ab, sogar die Maskenpflicht soll fallen

Kann man einer Pandemie mit Frechheit beikommen? Der britische Premier Boris Johnson hat heute eine Aussprache im britischen Parlament dafür genutzt, die Coronapandemie in seinem Land für nahezu beendet zu erklären – übrigens nicht zum ersten Mal. Die Menschen in Großbritannien müssen deshalb ab Donnerstag kommender Woche keine Masken mehr tragen, so Johnson. Die Maskenpflicht in den Schulen wird bereits morgen gestrichen. Ab Ende kommender Woche darf, wer will, wieder ins Büro. Auch das Vorzeigen von Impfnachweisen wird für nicht mehr notwendig erklärt.

Johnsons Aussage ist an einem Tag, an dem in Deutschland und Österreich neue Tagesrekorde an Coronainfektionen gemeldet wurden, einigermaßen verblüffend. In Deutschland hat die Zahl der gemeldeten Infektionen erstmals die Marke von 100.000 an einem Tag überstiegen. Das Robert Koch-Institut gab die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen 24 Stunden mit 112.323 an. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach rechnet damit, dass die Omikron-Welle in unserem Land erst in einigen Wochen ihren Höhepunkt erreicht. »Ich glaube, dass wir den Höhepunkt der Welle Mitte Februar erreichen werden, dann könnten die Fallzahlen sinken«, so Lauterbach.

Was ist von dieser Einschätzung zu halten? »Omikron ist seit Anfang Januar dominant in Deutschland und treibt dadurch, dass es auch Geimpfte infizieren kann, die Infektionszahlen massiv nach oben«, sagt meine Kollegin Julia Merlot aus dem SPIEGEL-Wissenschaftsressort. Dass Lauterbach den Höhepunkt der Welle im Februar erwarte, decke sich mit Modellrechnungen , beispielsweise von der Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann und Kai Nagel von der TU Berlin. »Darin sind die Reaktionen der Menschen auf steigende Infektionszahlen sowie mögliche Entwicklungen der Impf- und Genesenenquote einkalkuliert.«

Ansonsten gab es heute weitere nur bedingt ermutigende Coronanachrichten. Nach einer britischen Studie können auch leicht an Corona Erkrankte über Monate an Gedächtnisschwund leiden. Aus vielen Ländern Europas werden bislang noch nie erreichte Infektionszahlen mit der Omikron-Variante des Virus gemeldet. Und selbst im Südseestaat Kiribati ist Corona nun angekommen. Dessen Regierung hatte es geschafft, Corona von seinen Inseln fast komplett fernzuhalten – nun brachte das erste Flugzeug, das landen durfte, gleich 36 Infizierte in den Archipel, mit einer aus Fidschi kommenden Maschine. Die Infizierten wurden in ein Quarantänezentrum gebracht.

Immerhin werden in Großbritannien, wo sich die Omikron-Variante besonders früh durchsetzte, sinkende Infektionszahlen gemeldet. Ist Boris Johnson mit der Beschwörung des nahenden Pandemie-Endes also doch nur eine Spur zu früh dran? Frechheit, so hat der Schriftsteller Kurt Tucholsky in einem seiner Bücher diagnostiziert, »ist fast immer mit Unsicherheit zu erklären«.

2. Um Krieg zu verhindern, sicherte US-Außenminister Blinken der Ukraine heute Unterstützung zu, Nato-Chef Stoltenberg sagte dem SPIEGEL, er möchte mit Russland »weiter diskutieren«

Es ist nicht besonders überraschend, dass der US-amerikanische Außenminister Anthony Blinken heute von Kiew aus Russland geraten hat, einen »friedlichen Weg« einzuschlagen. Seine Regierung sei zur Unterstützung der Ukraine entschlossen, das habe ihm Präsident Joe Biden mit auf den Weg gegeben. Er hoffe, sagte Blinken, dass sein geplantes Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow am Freitag in Genf Fortschritte bringe. Heute Abend wird Blinken in Berlin erwartet. Seine heutigen Gespräche in Kiew mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Außenminister Dmytro Kuleba nannte er vorab auf Twitter »eine diplomatische Anstrengung, um die Spannungen zu deeskalieren«.

Meine Kollegin Britta Sandberg und mein Kollege Maximilian Popp haben in Berlin Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg für den SPIEGEL interviewt. Er hält die Gefahr einer bewaffneten Auseinandersetzung in Europa für »real«. Wir erlebten derzeit, »wie Russland massiv Truppen in und um die Ukraine aufstockt«, so Stoltenberg. »Wir erleben Drohungen. Die Situation ist beunruhigend, ja bedrohlich.« 

Immerhin berichtet der Nato-Chef aber auch, dass er es für falsch halte, bereits von einem Scheitern der Verhandlungen mit Russland zu sprechen. »Wir haben Themen identifiziert, über die wir weiter diskutieren können, Rüstungskontrolle etwa.«

Die beiden SPIEGEL-Leute fragen Stoltenberg auch, ob die Nato in den Neunzigerjahren gegenüber Russland nicht ausgeschlossen habe, in Richtung Osten zu expandieren. »Ein solches Versprechen wurde nie gemacht, es gab nie einen solchen Hinterzimmer-Deal«, behauptet Stoltenberg. »Das ist schlichtweg falsch. Wie sollte das auch gehen? Mit welchem Recht könnten wir einem Land wie Lettland, Litauen oder auch Polen das Recht versagen, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen?« Die Nato sei ein Verteidigungsbündnis. »Aber wir müssen offen bleiben und die Entscheidungen von unabhängigen Demokratien akzeptieren.«

3. Um die Welt ein bisschen gerechter zu machen, haben prominente Reiche heute höhere Steuern für ihresgleichen gefordert – aber ihre Erfolgsaussichten sind eher gering

Mehr als hundert Millionärinnen und Millionäre haben heute eine globale Vermögensteuer für die Reichsten der Welt verlangt. In dem unter anderem von der amerikanischen Filmproduzentin und Erbin Abigail Disney unterzeichneten Aufruf heißt es: »Besteuert uns, die Reichen, und zwar jetzt.« Die Welt habe in den vergangenen zwei Jahren großes Leid erfahren, während die Reichsten noch reicher geworden seien und nur sehr wenige von ihnen angemessen Steuern bezahlt hätten. Mit einer Reichensteuer könnten laut Schätzungen jährlich gut 2,5 Billionen Dollar eingetrieben werden – um etwa Ungleichheit und Coronafolgen einzudämmen.

Den Aufruf haben Zusammenschlüsse mit auf den ersten Blick kurios wirkenden Namen wie die Patriotic Millionaires und die Millionaires for Humanity gemeinsam mit Initiativen wie Tax Me Now als offenen Brief an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums verfasst. In ihm ist unter anderem zu lesen: Jedes Land der Welt müsse verlangen, »dass die Reichen ihren gerechten Anteil zahlen«. Zu den Unterzeichnerinnen gehört auch Marlene Engelhorn, eine Nachfahrin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn und potenzielle Erbin von Boehringer-Millionen.

Wie gut sind die Chancen für eine stärkere und globale Besteuerung der Reichen tatsächlich? »Schon vor drei Jahren hat der niederländische Historiker Rutger Bregman das Weltwirtschaftsforum mit der Forderung nach höheren Steuern für Reiche aufgemischt«, sagt mein Kollege David Böcking aus dem SPIEGEL-Wirtschaftsressort. »Seitdem ist das Thema durch die Coronakrise noch dringlicher geworden, wie jetzt auch der Appell der Millionäre zeigt.« Unter den Unterzeichnern seien allerdings viele, die sich schon länger für höhere Steuern starkmachten; für die Mehrheit der Reichen sprächen sie wohl kaum.

Wie groß der Widerstand ist, habe sich erst kürzlich wieder in Deutschland gezeigt, so David. »SPD und Grüne wollten eine Rückkehr der Vermögensteuer und moderate Erhöhungen der Spitzensteuersätze. Weil die FDP dagegen war, wurde am Ende nichts dergleichen vereinbart – nicht mal eine moderate Reform der löchrigen Erbschaftsteuer.« Aber immerhin: »Durch die mittlerweile beschlossene globale Mindeststeuer wird es für Unternehmer schwieriger, ihre Gewinne steuersparend in der Welt zu verteilen.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Massiver Stellenabbau in Stuttgart geplant: Rund 20 Prozent der redaktionellen Stellen sollen bei »Stuttgarter Zeitung« und »Stuttgarter Nachrichten« wegfallen. Und Chefredakteur Reisinger verkündete weitere Einschnitte.

  • Naturschützer entdecken zufällig zwei seltene Seepferdchen: Eigentlich galten Kurzschnäuzige Seepferdchen seit fast hundert Jahren als weitgehend verschwunden. Nun wurden zwei Exemplare auf Wangerooge gefunden.

  • Wohnungsmangel lässt die Pendlerzahl weiter steigen: Mehr als 3,5 Millionen Deutsche wohnen nicht in dem Bundesland, in dem sie arbeiten. Die Zahl der Pendler stieg 2021 spürbar an, trotz Corona und Homeoffice.

  • Macron fordert mit Blick auf Russland »neue Sicherheitsordnung« in Europa: Der Westen sucht nach einer geeinten Antwort auf die Ukrainekrise. Frankreichs Präsident Macron erinnerte nun bei einer Rede in Straßburg an europäische Werte – und sprach von »strategischer Wiederaufrüstung«.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Jahrhundertauktion in Rom

Weil die aus Texas stammende Prinzessin Rita Boncompagni Ludovisi mit ihren Stiefsöhnen zerstritten ist, sollte gestern eine römische Villa samt Caravaggio-Deckengemälde zum Schätzwert von 470 Millionen Euro versteigert werden. Von einer Jahrhundertauktion war die Rede, Medien aus aller Welt berichteten, natürlich auch der SPIEGEL . Doch niemand schlug zu. Mein Kollege Frank Hornig schreibt vergnügt und vergnüglich über potenzielle künftige Kaufinteressenten wie den Sultan von Brunei und den nächsten Auktionstermin im April. Das geforderte Mindestgebot sei dann 20 Prozent niedriger, berichtet Frank. »Auch im 21. Jahrhundert will offenkundig niemand Vermögenswerte einfach in den Tiber werfen, so ganz ohne Netz.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Warum die Coronazahlen immer ungenauer werden: Omikron lässt die Infektionszahlen explodieren, Gesundheitsämter sind überlastet. Weil nun auch die PCR-Tests knapp werden, bildet die Sieben-Tage-Inzidenz das tatsächliche Pandemiegeschehen nur noch eingeschränkt ab .

  • Womit Russland die Ukraine angreifen könnte: Russland zieht nahe der Grenze zur Ukraine Soldaten und Kriegsgerät zusammen. Darunter sind auch Waffen mit großem Vernichtungspotenzial. Doch das größte Problem der Ukraine dürfte im Angriffsfall noch aus Sowjetzeiten stammen .

  • Wie lange wir ohne Russlands Gas auskommen: Diesen Winter ist Erdgas in Europa knapp wie lange nicht. Wenn Moskau wegen der Ukrainekrise alle Lieferungen stoppen würde – könnte Flüssigerdgas aus den USA und Afrika russische Pipelines ersetzen ?

  • »Die wollen, dass es uns nicht mehr gibt«: Peter Dietze schiebt Doppelschichten – und doch steht der Berufsfischer seit Jahren am Rande der Existenz. Ein Gespräch über zu wenig Fische, zu viele Robben und die düstere Zukunft seines Berufs .

  • Der Bürokrat, der die Judenvernichtung mitplante – und plötzlich alles vergessen hatte: Gebildet, fünfsprachig, Rockefeller-Stipendiat: Der Karrierist Georg Leibbrandt half, den Massenmord an Juden zu organisieren. Trotzdem konnte er sich später zur Randfigur stilisieren .

Was heute weniger wichtig ist

  • Verliebtes Lockdownpaar. Zhao Xiaoqing, 28, von Beruf Online-Apfelhändlerin, hat sich mit ihrem Datingpartner Zhao Fei verlobt. Die beiden jungen Leute aus der chinesischen Stadt Xianyang wurden von staatlichen Medien ihres Landes porträtiert, weil sie wegen eines Lockdowns sehr viel mehr Zeit als ursprünglich geplant miteinander verbringen mussten. Sie und ihr Partner Zhao Fei hätten sich erst das zweite Mal gesehen, als ihre Stadt Mitte Dezember wegen eines Virusausbruchs plötzlich abgeriegelt worden sei, berichtete die frisch Verlobte. »Ich hatte nie vor, über Nacht zu bleiben.« Dann musste sie offenbar mehrere Wochen bei ihrem Dauer-Date und dessen Familie bleiben. »Wir verstehen uns sehr gut«, verkündete Zhao Xiaoqing. Ihr Partner sehe in Wirklichkeit viel besser aus als auf seinem Datingfoto. »Und unsere Eltern sind beide glücklich«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der 35 Jahre Mallorquiner Nadal bewies am Mittwoch beim 6:2, 6:3, 6:4-Sieg gegen den Karlsruher Yannick Hanfmann seine starke Form.«

Cartoon des Tages: Lügenpresse

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie mal schön minimalistisch gegen das Wintergrau und die Januarkälte ankochen. Mein Kollege Sebastian Maas empfiehlt ein »Wohlfühlessen für Miesfühltage«. Schon das Foto, das sein Rezept für einen Reisauflauf mit Eischneekruste ziert, sieht großartig aus. Und auch Sebastians Anweisungen machen gute Laune. Es handle sich um eines der Gerichte, »die einen an eine Zeit erinnern, in der man noch ausgestreckt auf die Rückbank eines Autos passte und nach der Fahrt schlafend ins Haus getragen wurde«, schreibt der Kollege – und verspricht, dass man beim Reisauflauf-Genuss »Vorfreude auf den Frühling« empfinden könne.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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