Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Shutdown-Angst kehrt zurück

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Delta-Dilemma – Wie wahrscheinlich ist ein Shutdown im Herbst?

  2. Bundeswehr im Ausland – Was bedeutet es für Soldaten und ihre Familien?

  3. Kroos-Rückzug – Richtiger Zeitpunkt?

1. Dicht nach dem Urlaub?

Zehn Wochen lang sind die Corona-Infektionszahlen in Europa gesunken, jetzt steigen sie wieder – nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation um zehn Prozent in der vergangenen Woche. In Zypern ist die 14-Tage-Inzidenz laut europäischer Gesundheitsbehörde am höchsten: 179,6 pro 100.000 Einwohner.

Es folgt das Virusvariantengebiet Portugal mit 168,8 und der Deutschen liebstes Urlaubsland Spanien mit 107,5. Dort zeigt sich, wie sich die Dynamik verändert hat: mehr infizierte junge Leute, viel weniger Tote. In Spanien dominiert allerdings auch noch die Alpha-Variante. (Hier geht's zum Überblick : Wie ist die Lage in zehn beliebten Reiseländern?)

In Deutschland sehen die Zahlen insgesamt gut aus – hohe Impfquote, wenige Infektionen. Doch auch hier wächst die Sorge vor einer vierten Welle. Die Delta-Variante, jene in Indien entdeckte, hochansteckende Mutante, breitet sich aus. »Die anstehende Reisezeit, in der Millionen Bürgerinnen und Bürger Urlaub machen, könnte, so die Sorge, die Pandemie wieder anfachen«, berichtet ein Team um meinen Kollegen Martin Knobbe . »Und die Frage ist, ob die Bundesregierung vorbereitet ist – oder die Lage einmal mehr falsch einschätzt.«

Politikerinnen und Politiker aus verschiedensten Parteien beteuern: Einen neuen Shutdown wollen und müssen wir vermeiden. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa spricht sich gegen einen zu harten Kurs aus, sollten die Fallzahlen hochschnellen. »Ein neuer Lockdown kann dann kein Weg sein, wir werden kämpfen müssen.« Die Zeiten hätten sich geändert, glaubt er. »Die Bereitschaft der Bevölkerung, einen neuen Lockdown zu akzeptieren, ist einfach zu gering.«

Die Bevölkerung selbst allerdings rechnet fest damit: In einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage geben mehr als 80 Prozent an, sie halten neue Lockdown-Maßnahmen im Herbst für eher oder sehr wahrscheinlich.

2. Unter Einsatz ihres Lebensglücks?

Die letzten Soldaten von USA und Nato haben ihren wichtigsten Stützpunkt Bagram in Afghanistan geräumt und an afghanische Sicherheitskräfte übergeben. Nach fast 20 Jahren steht der vollständige Abzug der internationalen Truppen damit wohl unmittelbar bevor. Die Bundeswehr war schon vor einigen Tagen abgerückt: Militärmaschinen flogen die letzten deutschen Soldaten aus dem Land und beendeten die verlustreiche Auslandsmission. (Einen Kommentar zum deutschen Scheitern am Hindukusch lesen Sie hier.)

Was bedeuten solche Einsätze für die Soldaten und ihre Angehörigen? Was hält eine Familie zusammen, wenn der Vater oder die Mutter zu riskanten Missionen in Krisengebiete aufbricht? Meine Kolleginnen Nike Laurenz und Maria Stöhr haben neun Monate lang ein Paar begleitet , das mit solchen Fragen konfrontiert war: Uwe Weber, 39, Oberstleutnant der Luftwaffe, lebt mit seiner Frau Stefanie und den beiden Töchtern, 3 und 7, in Brandenburg; im Garten steht ein Klettergerüst. Mitten in der Pandemie geht er für fast ein halbes Jahr nach Mali; die Friedensmission dort ist der gefährlichste Auslandseinsatz der Bundeswehr.

Nike und Maria halten den Kontakt zur gesamten Familie, über Telefon, Zoom, bei Kaffee und Kuchen im Garten. »Die Webers entwickelten ein erstaunliches Durchhaltevermögen«, sagt Maria. »Trotz der enormen Belastungen.« Die Ehe unter Extrembedingungen zeige, sagt Nike: »Um zusammenzuhalten, muss man nicht zusammen am selben Ort sein.«

Lesen Sie hier die ganze Geschichte: »Warum muss Papa weg?« 

3. Ohne Kroos was los?

Kurz zum Sport, für viele andere ist ja noch Europameisterschaft: Die Schweizer Nationalmannschaft, liebevoll Nati genannt, spielt heute gegen Spanien – und gegen das Misstrauen im eigenen Land, wie meine Kollegin Ann-Dorit Boy und mein Kollege Marcus Krämer berichten. Weil im EM-Team viele »Secondos« spielen, Kinder von Einwanderern, schlug der Mannschaft Rassismus und Ablehnung entgegen. »Nun scheint sich die Stimmung zu drehen«, schreiben die beiden, der Erfolg versöhne sogar Rechtspopulisten mit der Nati (hier mehr dazu ).

Drei Tage nach dem deutschen EM-Aus gibt es auch Nachrichten aus dem DFB-Team: Toni Kroos, Weltmeister von 2014, hat seinen Rücktritt erklärt. Diese Entscheidung sei »unwiderruflich«, teilte er via Instagram und im Podcast mit seinem Bruder Felix mit. »Mit dem Gespür für den richtigen Moment. Das hat auch nicht jeder«, kommentiert mein Kollege Peter Ahrens.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingskolumne heute: Es sinkt für Sie – das Niveau

Vorbeugend ein schlechter Witz: Berufsmäßige Fische aus Alaska? Profilachse. Wenn Sie jetzt weiterlesen – selbst schuld. Mit meinem Kollegen Jens Radü verbindet mich ein Humorverständnis, das vielleicht nicht ausschließlich von Tucholsky und Loriot geprägt ist, sondern Spuren von Hallervorden und Asmussen enthalten kann. Bei Jens wie mir lässt sich eine gewisse familiäre Vorbelastung diagnostizieren. Er hörte von seinem Vater Sprüche wie: »Wer glaubt, dass ein Abteilungsleiter eine Abteilung leitet, glaubt auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen faltet.« Meiner wusste: »Nachts ist's kälter als draußen.«

Jens beglückt nun seine drei Kinder beim Teiganrühren mit Sprüchen wie: »Schau mich an, ich bin der Uno-Waffelinspektor.« Dad Jokes – über das Phänomen hat er seine aktuelle Elternkolumne geschrieben . Darin erfahre ich: Bei CNN gibt es sogar einen Dad-Joke-Generator , Kalauer auf Knopfdruck:

  • »I used to be addicted to soap. But I am clean now.«

  • »What do you call an elephant who is irrelevant? An irrelephant.«

  • »What do clouds wear? Thunderwear.«

Da tun sich Möglichkeiten auf, auch für neue Arbeitsgruppen. Vielleicht eine Rubrik erfinden, Karl Hour – der schlechte Spruch zur vollen Stunde? Jens reicht's aber.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Das Rätsel von Wuhan: Noch immer ist unklar, woher das Coronavirus kam. Einen Unfall in einem Wuhaner Labor schlossen Experten früh aus. Doch nun wird aus dem Gerücht eine ernst zu nehmende Theorie. Was steckt dahinter? Die SPIEGEL-Titelstory .

Was heute weniger wichtig ist

Schwarz in Farbe

Schwarz in Farbe

Foto: Frank Rumpenhorst/ DPA
  • Gast but not least: Die Schauspielerin Jessica Schwarz, 44, betreibt seit einigen Monaten gemeinsam mit ihrem Freund eine Hotelanlage in der Nähe von Lissabon und ist froh darüber, ins Gastgewerbe eingestiegen zu sein, wie sie jetzt der Nachrichtenagentur dpa sagte, auch wenn der Betrieb wegen der Delta-Variante gerade ruht. »Ich bin sehr glücklich, dass wir uns dafür entschieden haben. Es war bislang eine gute, aber auch anstrengende Zeit«, sagte sie. »Ich konnte einen Teil von mir wiederentdecken, der schon lange nicht mehr da war.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Susanne Hennig-Wellsow springt der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbockin der Plagiatsdebatte zur Seite.«

Cartoon des Tages: Chapattes Welt

Foto:

Chappatte

Und am Wochenende?

Könnten Sie Musik hören, im Auto, auf dem Rad, am See, wo auch immer. Mein Kollege Andreas Borcholte empfiehlt »The Turning Wheel« von der Avantgarde-Pop-Musikerin Spellling. »Dramatischer, forscher, überwältigender hat wohl noch kein Pop-Album in diesem Jahr begonnen«, findet er. Es sei ein »märchenhafter Trip durch Disney-Balladen, Achtzigerjahre-Pomp, Darkwave und Science-Fiction« – und deshalb unser Album der Woche. (Eine ausführliche Rezension hier, zur Playlist von Andreas bei Spotify geht's hier , zu der bei Apple Music hier .)

Und nicht vergessen: Time flies like an arrow. Fruit flies like a banana. (Quelle, klar: der CNN-Dad-Joke-Generator )

Ein schönes Wochenende. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.