Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Trump, der schlechteste aller schlechten Verlierer?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Schlechter Verlierer – Wie stemmt sich Trump gegen seine Niederlage?

  2. Frontex-Skandal – Deckte Seehofer griechische Verbrechen?

  3. iCar – Doch keine Steuervermeidung bei Apple?

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

1. Einsam im Weißen Haus

Den »schlechtesten aller schlechten Verlierer«, so nennt die »New Yorker«-Kolumnistin Susan B. Glasser den scheidenden US-Präsidenten : Donald Trump bejammere seine Niederlage so laut und lange, er beklage sich so sehr über die angebliche Ungerechtigkeit, dass er Staatsbedienstete auf allen Ebenen und in allen Landesteilen zwinge, Position zu beziehen – und zwar gegen ihn.

Richter, darunter zahlreiche Konservative, schmetterten Trumps Anträge ab. Sein Justizminister weigert sich, einen Sonderermittler zum angeblichen Wahlbetrug zu ernennen. »Um Trump wird es immer einsamer«, sagt mein Kollege Alex Sarovic. »Erst zog sein einstiger Haussender Fox News nicht mit, dann verweigerten sich republikanische Wahlleiter und andere Offizielle in den entscheidenden Bundesstaaten.« Schließlich gratulierte selbst Mitch McConnell, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, dem demokratischen Wahlsieger Joe Biden. »Trumps Aufmerksamkeit gilt zunehmend dem härtesten Kern der Verschwörungstheoretiker«, sagt Alex, »darunter sein früherer Nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn und die Juristin Sidney Powell.« Es gibt Berichte, Trump höre den Hasardeuren unter seinen Getreuen beunruhigend interessiert zu, wenn sie ihm empfehlen, das Kriegsrecht auszurufen. Die verbliebenen Vernünftigen im Weißen Haus sprechen sich aber offenbar vehement dagegen aus.

Trumps Getreue im Kongress könnten Anfang Januar versuchen, die Wahlergebnisse einzelner Bundesstaaten noch einmal anzufechten, wenn die Stimmen des Wahlleutegremiums offiziell ausgezählt werden. »Ein aussichtsloses Unterfangen«, analysiert Alex. Oder wie die »New Yorker«-Kolumnistin Glasser schreibt: »Trump wird am 20. Januar wirklich aus dem Amt scheiden; er wird in den Geschichtsbüchern neben den anderen Präsidenten auftauchen, die nach nur einer Amtszeit geschlagen wurden, Herbert Hoover und Jimmy Carter, die er so verachtet. Er ist und bleibt ein Verlierer.«

Lesen Sie hier mehr: Trumps langer Niedergang 

2. Scheitern und Schande

Foto: Angelos Tzortzinis / AFP

Dieses Bild steht für Europas Scheitern in der Asylpolitik: Ein Zehnjähriger trägt ein kleineres Kind, hinter ihnen lodern Flammen, Rauchwolken steigen auf in den dunklen Himmel. Als das Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos brannte, war der Fotograf Angelos Tzortzinis vor Ort – und hielt das Leiden der Kinder fest. Die Aufnahme zeichnete Unicef jetzt als »Foto des Jahres« aus.

Auch die Bilder für Europas Schande kommen aus Griechenland: Videos zeigen, wie die griechische Küstenwache Bootsflüchtlinge aufgreift, sie auf Rettungsinseln setzt, sie Richtung Türkei schleppt und sie ihrem Schicksal überlässt. Seit Juni hat der SPIEGEL in gemeinsamen Recherchen mit der Medienorganisation Lighthouse Reports und »Report Mainz« genau dokumentiert, wie diese Pushbacks ablaufen. Griechische Grenzschützer bedrohen die Geflüchteten mit Waffen, nicht selten fallen Schüsse. Bisweilen schleppen die Beamten sogar Menschen aufs Meer, die es schon auf die griechischen Inseln geschafft haben.

Foto: Emrah Gurel / AP

Jetzt legt ein internes Dokument nahe, dass der deutsche Innenminister Horst Seehofer einen Rechtsbruch kaschierte, wie meine Kollegen Giorgos Christides, Jürgen Dahlkamp, Matthias Gebauer, Heiner Hoffmann, Steffen Lüdke und Maximilian Popp berichten. Es geht im Kern um die Frage, was deutsche Grenzschützer bei ihren Frontex-Einsätzen von den Pushbacks mitbekommen haben – und warum Seehofers Ministerium ausgerechnet die Beobachtungen der eigenen Beamten verschwieg, die – sollten sie zutreffen – die griechische Küstenwache überführen.

3. Doch keine Steuervermeidung bei Apple?

Jobs in der Autobranche (Symbolbild)

Jobs in der Autobranche (Symbolbild)

Foto: Toru Hanai/ REUTERS

Gerüchte und Andeutungen gehören bei Apple zum Marketingkonzept. Bei den Präsentationen neuer iPhones, iPads, iMacs sickert verlässlich vorher etwas durch. Anonyme Quellen verraten Einzelheiten, die nur noch mehr Neugier provozieren; selten zum Schaden des Konzerns. (Hier finden Sie einen Test der neuen Kopfhörer .)

Zu den hartnäckigsten Gerüchten gehören:

  1. Apple arbeitet an einem Fernseher.

  2. Apple baut ein Auto.

Über die TV-Pläne hieß es vor Jahren schon, Apple verfolge sie nicht weiter, natürlich nur gerüchteweise, unter Berufung auf anonyme Quellen. Das iCar hingegen ist ein Wiedergänger, ein Gerüchte-Zombie, dem ein Reuters-Bericht in der vergangenen Nacht neues Leben einhauchte: Apple peilt demnach für 2024 die Einführung eines autonomen Passagierfahrzeugs an, das einen Durchbruch bei der Akkutechnik enthalten könnte.

»Die Frage ist längst nicht mehr, ob Apple eine Offensive im Autosegment plant«, sagt mein Kollege Simon Hage aus dem Wirtschaftsressort. »Die Frage ist vielmehr, was genau sie planen.« Schließlich sei das Auto das letzte weitgehend unerschlossene Terrain der Digitalbranche. Jeder Pkw in Deutschland ist täglich im Schnitt 45 Minuten in Betrieb. »Apple will – genau wie Google – dass Kundinnen und Kunden in dieser Zeit seine Produkte nutzen«, sagt Simon. »Google und seine Schwesterfirmen entwickeln bereits Auto-Software, ein Betriebssystem sowie ein Fahrsystem für Roboterfahrzeuge – samt der passenden Hardware«, sagt Simon.

Apple sieht dabei nicht einfach zu, das zeigt sich auch in der Personalpolitik des iPhone-Herstellers, wie Simon berichtet: »Gleich mehrere hochkarätige Autoexperten hat der Konzern in den vergangenen Jahren eingestellt – etwa Michael Schwekutsch, einen Ingenieur aus Deutschland.« Der entwickelte vorher Elektroantriebe für Tesla.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Intensivmediziner fordern gesetzliche Grundlage für Triage: Auf den deutschen Intensivstationen wird es eng. Spätestens in einem Monat erwarten Ärzte besorgniserregende Zustände – und verlangen Rechtssicherheit.

  • Bundesanwaltschaft fordert lebenslange Haft für Angeklagten: Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke soll nach dem Willen der Anklage lebenslang ins Gefängnis. Der Staatsanwalt sprach von »tief verwurzeltem Hass«.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Foto: Travel-Stock-Image / imago images
  • Diese drei Faktoren entscheiden, wann wir Corona besiegen: Mit der Impfung kommt die Normalität zurück – darauf hoffen viele. Doch wie schnell erreichen wir Herdenimmunität? Der Ausblick für 2021. 

  • So umgehen Sie die Kostenfallen der privaten Krankenversicherung: Die Beiträge für die private Krankenversicherung steigen vielfach kräftig. Mit anderen Tarifen lassen sich monatlich Hunderte Euro sparen. Doch ein Wechsel will wohlüberlegt sein. 

  • Das erstaunliche Comeback des Keanu Reeves: Seine Karriere ist voller Rückschläge, sein Talent überschaubar, in Hollywood schien er abgeschrieben – und doch wird Keanu Reeves im Internet gefeiert. Eine Begegnung per Videochat. 

  • »Warum sieht mein Partner meine Wünsche nicht?«: Was ist ein gutes Geschenk? Der Wissenschaftler Friedrich Rost erklärt, worauf es beim Schenken ankommt – und warum gerade Paare, die schon länger zusammen sind, oft danebengreifen. 

Was heute weniger wichtig ist

Das Ergebnis von 22 Monaten Tragezeit

Das Ergebnis von 22 Monaten Tragezeit

Foto: Friso Gentsch / dpa

Schwere Geburt: Die Elefantenkuh Douanita, 33, hat im Osnabrücker Zoo einen kleinen Elefantebullen zur Welt gebracht; die Pfleger verpassten dem Jungtier den Namen Yaro, er wiege hundert Kilogramm und sei sofort von der Herde aufgenommen worden, hieß es. Schon im Januar oder Februar steht weiterer Nachwuchs ins Elefantenhaus: Douanitas Tochter Sita ist ebenfalls trächtig.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Gastronomie, Freizeit- und Kulturreinrichtungen sowie die meisten Geschäfte bleiben bis mindestens 10. Januar geschlossen.

Cartoon des Tages: Entrümpelung im Weißen Haus

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Foto: Volker Roloff / ZDF

Könnten Sie sich freuen, dass Ihr Weihnachten vielleicht doch nicht so schlimm wird. Wenigstens besser, als eine von neun Teenagerinnen zu sein, die mit wenig mehr als einer Palette Coladosen auf einer einsamen Insel stranden. Das ist die Ausgangslage der Serie »The Wilds« auf Amazon Prime Video, die meine Kollegin Elisa von Hof empfiehlt. Eine »feministische, antikoloniale Antwort auf William Goldings Romanklassiker ›Herr der Fliegen‹«, schreibt Elisa, »statt meuchelnden Jungs sieht man cleveren Girls dabei zu, wie sie gemeinsam überleben«. Was Sie sonst noch gucken könnten in den nächsten Tagen und wann Sie lieber abschalten sollten, können Sie hier nachlesen.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.