Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Das jüngste Kaltgericht der Trump-Treuen

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. US-Republikaner gegen Trump – Entdecken sie ihr Gewissen wieder?

  2. Söder und die Impfpflicht – Wer untergräbt hier das Vertrauen in den Staat?

  3. Mehr Scooter-Unfälle – Was rollt da aus der Statistik?

1. Wer löffelt es aus?

Jan Böhmermann ist mit seiner Verfassungsbeschwerde zum Erdoğan-Gedicht gescheitert – mehrere Zeilen bleiben verboten (hier mehr dazu).

Komplett frei assoziieren wir uns in die USA, wo die Trump-treue Abgeordnete Marjorie Taylor Greene einen unfreiwilligen Ausflug ins Satirefach unternommen hat: Bei einem TV-Auftritt fabulierte die Republikanerin über »die Gazpacho-Polizei von Nancy Pelosi, die Kongressabgeordnete ausspioniert« – Greene meinte aber Gestapo. Bei Twitter wird gelacht, der »Atlantic« veröffentlicht einen launigen Text  darüber, wie man sich einen Einsatz der Gazpacho-Polizei vorstellen müsste (»A dish best served cold«). Oft ist es ja auch sinnvoll, dem Rat zu folgen, den Hitler-Biograf Joachim Fest von seinem Vater bekam: »Ertrage die Clowns.« Fällt bei Marjorie Taylor Greene allerdings schwer: Sie verbreitet Verschwörungstheorien, spielt den Angriff aufs Kapitol herunter, vergleicht Maskentragen mit dem Holocaust und unterstützte Onlineaufrufe zur Hinrichtung bekannter demokratischer Politiker wie Pelosi, die sie, sorry, unpassendes Wortspiel, am liebsten kalt abservieren würde.

Aber was ist mit dem Establishment der Republikaner? Bei einigen scheint der Restanstand zu zucken wie ein lange untrainierter Muskel. So distanzierte sich Trumps Ex-Vize Mike Pence vor einigen Tagen deutlich von seinem früheren Boss: Trump liege »falsch«, wenn er weiterhin glaube, er, Pence, hätte im vergangenen Jahr die Zertifizierung der Wahl von Joe Biden zum Präsidenten im Senat verhindern können, sagte Pence. Diese Macht sollte niemals in der Hand von nur einer Person liegen, so der Ex-Vize weiter. Das sei »unamerikanisch«.

Auch der Anführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, macht jetzt Schlagzeilen – indem er es wagte, eine Selbstverständlichkeit auszusprechen: Beim Angriff des Trump-Mobs auf das Kapitol am 6. Januar des vergangenen Jahres sei versucht worden, »die friedliche Machtübergabe zu verhindern«, sagte er. Er widersprach damit einer Gruppe von Trump-Anhängern um die Generalsekretärin der Partei, die den Sturm aufs Kapitol in einer Resolution als »legitime politische Meinungsäußerung« bezeichnet hatten.

Meldet sich da das Gewissen der Partei Lincolns? Eher nicht, analysiert mein Kollege Roland Nelles , unser Korrespondent in Washington: »Hinter McConnells Distanzierung von Trump dürften sehr handfeste strategische Gründe stecken.« Denn McConnell möchte im Herbst die Senatsmehrheit für die Republikaner zurückgewinnen. »Er muss jedoch befürchten, dass sich eher moderate Wähler erneut gegen die Kandidaten der Republikaner entscheiden, wenn Trumps Lüge von der gestohlenen Präsidentenwahl weiter als offizielle Parteilinie wahrgenommen wird«, schreibt Roland. »McConnell folgt deshalb einem kühlen und egoistischen Kalkül, wenn er Trumps Treiben eindämmt.« Er sei zugleich abgebrüht genug, sich Trump wieder zuzuwenden, wenn es ihm nützlich erscheint. Und Pence? Der könnte eine eigene Kandidatur für 2024 vorbereiten.

Für meinen Berufsstand bleibt es jedenfalls spannend: Der Journalist ist, wie Wolf Schneider predigt, ein Mensch, den das Haar mehr interessiert als die Suppe.

2. Söders Dialektik

Ein Gesetz, das er selbst mitbeschlossen hat, will Bayerns Ministerpräsident zunächst nicht umsetzen: die Impfpflicht in der Pflege. Der Streit darüber bestimmt seit Tagen die Schlagzeilen. Nun verteidigt Markus Söder seine Haltung – und kritisiert die Bundesregierung scharf. »Wir sind für die Impfpflicht – sowohl für die einrichtungsbezogene als auch die allgemeine. Daran hat sich nicht das Geringste geändert. Aber sie muss auch in der Praxis umsetzbar sein, weil sonst jegliches Vertrauen in den Staat verloren geht«, sagte Söder der »Rheinischen Post «.

Die bisherigen Vorgaben seien »völlig unklar«, daher würden die Pflegeverbände auch Alarm schlagen. Der Bund habe bislang »keine praxistauglichen Vorgaben« gemacht, wie die einrichtungsbezogene Impfpflicht umgesetzt werden solle.

Ich bin mir nicht sicher, ob es das Vertrauen in den Staat fördert, ein beschlossenes Gesetz nicht anwenden zu wollen und mit dem Finger auf andere zu zeigen.

3. Roll with it

Vermutlich verletzen sich viel mehr Menschen beim Fahren mit E-Scootern, als aus offiziellen Statistiken hervorgeht. Das zeigt eine Studie der Universitätsklinik Essen. Die Studienmacher haben einfach im Krankenhaus nachgefragt, wie viele Scooter-Verletzte bei ihnen behandelt wurden. Und dann bei den Scooter-Verletzten nachgefragt, ob sie ihre Unfälle bei der Polizei gemeldet haben. Ergebnis: Knapp drei Viertel der Unfälle werden nicht erfasst.

Mich beruhigt, wenn Studien die Alltagserfahrung bestätigen. Allerdings dürfte das Ergebnis niemanden überraschen, der den Kontakt zur Jugend nicht vollständig vermeiden kann. Die Altersgruppe 14 bis 18 leistet aus meiner Sicht Beindruckendes, wenn es darum geht, möglichst viele Menschen, Promille und Dezibel pro Roller zu balancieren. Der Kipppunkt wird da gleich in mehrfacher Hinsicht erreicht.

Fachleute fordern, nicht auf den Kopf gefallen, nun eine Helmpflicht.

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Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Ende der EEG-Umlage wird für Lindner billiger als gedacht: Die EEG-Umlage für Stromkunden soll bald wegfallen, die Ökostromförderung übernimmt dann der Staat. Doch der kommt besser weg als gedacht: Auf dem EEG-Konto ist schon jetzt fast genug Geld für ganz 2022.

  • Russland beginnt Militärmanöver mit Belarus: Belarus gilt als enger Verbündeter des Kremls. Inmitten der Spannungen in Osteuropa haben die beiden Staaten nun ein Militärmanöver in der Region Brest begonnen – nahe der Ukraine.

  • »Sicherheit Israels ist und bleibt deutsche Staatsräson« Der erste Stopp auf Außenministerin Baerbocks Reise in den Nahen Osten ist Israel. Dort besucht sie zunächst die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und sie kritisiert die Siedlungspolitik Israels.

  • Deutsches Rodelteam holt Gold in der Staffel – Rekord für Geisenberger: Rodeln bleibt eine deutsche Domäne bei Olympia: Nach Erfolgen in den Einzelrennen triumphierte nun auch die Mixed-Staffel mit Natalie Geisenberger. Die 34-Jährige gewann damit öfter Gold als Claudia Pechstein.

Meine Lieblingsgeschichte heute

Blick auf den Videoscreen während einer Ministerpräsidentenkonferenz (im Dezember 2021): »In einem Meeting kann man auf viele Weisen unhöflich sein, darauf kann man nicht harmonisch reagieren«

Blick auf den Videoscreen während einer Ministerpräsidentenkonferenz (im Dezember 2021): »In einem Meeting kann man auf viele Weisen unhöflich sein, darauf kann man nicht harmonisch reagieren«

Foto: Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Ein Kollege isst im Videocall eine Stulle, der andere schaut nebenbei aufs Handy, und die Kollegin tippt Mails. In der Pandemie begegnen wir vielen nur noch am Bildschirm. Warum es eine Frechheit ist, wenn jemand dabei aus dem Bild läuft, hat meinen Kolleginnen Elisa von Hof und Ulrike Knöfel nun Peter Modler erklärt . »Als Kommunikationsexperte hat Modler zahlreiche Konferenzen in Unternehmen begleitet und die Teilnehmenden anschließend gecoacht«, sagt Elisa. Oft liegen seiner Meinung nach die Störungen an der Inkompetenz des Moderators: Der sollte nämlich nicht nur Sprechzeiten regulieren, sondern auch einen höflichen Umgangston verteidigen, eventuell auch mal gegen die eigenen Chefs.

Hinzu komme, dass bei Meetings zwei Sprachsysteme aufeinandertreffen: Die einen kommunizieren horizontal, die anderen eher vertikal. »Über mich habe ich gelernt, dass ich vor allem horizontal agiere«, sagt Elisa. Das bedeutet laut Modler: Zeichen der Zugehörigkeit senden und vor allem sofort über Inhalte sprechen. Vertikal heißt: Zuerst Rangfragen klären, dann erst Inhalte. »Mitunter können weibliche Führungskräfte mit diesem Revier- und Statusgehabe wenig anfangen. Auch wir fanden das geschmacklos«, sagt Elisa. Warum man das nicht gleich verurteilen sollte, erklärt Modler so: »Manchmal ist es reine Bedürftigkeit. Viele reflektieren ihr eigenes Kommunikationssystem nicht, sie fahren auf Autopilot.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Hat Putin recht? Dieses Thema vergiftet das Klima zwischen Moskau und dem Westen seit Jahrzehnten: Wladimir Putin behauptet, die Nato-Osterweiterung verstoße gegen Zusagen von 1990. Wurde Russland hintergangen? 

  • »Das Risiko trägt der Steuerzahler. Unglaublich eigentlich« Handelsexperte Gerrit Heinemann hält nichts vom Staatskredit für den Warenhauskonzern Galeria. Das Geld sei wahrscheinlich verloren. Bis Ende des Jahrzehnts gebe es in Deutschland keine Kaufhäuser mehr .

  • Springer-Vorstand absolviert Diversity- und Inklusions-Training: Tagelang schwieg Mathias Döpfner zu den jüngsten Enthüllungen der »Financial Times« im Fall des früheren »Bild«-Chefredakteurs Julian Reichelt. Nun wendet sich der Konzernvorstand an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und nimmt sich selbst mit in die Pflicht .

  • »Ein Krieg könnte der internationalen Klimapolitik einen Strich durch die Rechnung machen« Der Ukrainekonflikt könnte die Uno-Verhandlungen blockieren und die Länder beim Klimaschutz entzweien, sagt der US-Politikberater John Podesta. Er schlägt einen exklusiven Klimaklub für Länder vor, die es ernst meinen mit dem Wandel .

Was heute weniger wichtig ist

Foto: Reuters Photographer / REUTERS

Man in the »Daily Mirror«: Paul McCartney, 79, hat eingeräumt, bei einem Telefonat Michael Jackson für ein Groupie gehalten zu haben, wie unter anderem der »Daily Mirror« berichtet. »Jemand rief mich an, eine hohe Stimme, die ich nicht kannte, sagte: ›Hi, Paul‹«, so zitiert die Zeitung das frühere Beatles-Mitglied. »Ich dachte, es sei ein Fan-Girl, wo zum Teufel hat sie die Nummer her. Ich war ziemlich genervt 

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Die Verletzungen, die die an den Unfällen Beteiligen davontrugen, seien teilweise schwer.

Cartoon des Tages: Mittelschicht

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie anfangen, sich auf die Serie »Obi-Wan Kenobi« vorzubereiten, deren Starttermin heute verkündet wurde: Ab 25. Mai (und damit drei Wochen nach dem »Star Wars«-Tag May, the 4th) läuft sie beim Streamingdienst Disney+. Die Rolle des nicht mehr ganz jungen Jedi-Meisters hat wieder Ewan McGregor übernommen (Alec Guinness hätte allenfalls als Macht-Geist zur Verfügung gestanden).

Die Serie spielt zehn Jahre nach den Ereignissen von »Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith«, als Obi-Wan Kenobis junger Padawan Anakin »Ani« Skywalker sich auf die dunkle Seite der Macht schlug. Offenbar übernimmt Hayden Christensen diese Rolle wieder.

Es bleibt Ihnen also nichts anderes übrig, als zumindest die ersten drei Filme noch einmal zu gucken (auch wenn der erste, die Midi-Chlorianer stehen mir bei, eine echte Zumutung ist). Und wenn Ihnen nach Klon-Schnack ist, schauen Sie zwischendurch die Trickserie »The Clone Wars«.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr
Oliver Trenkamp

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