Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Das Armageddon des US-Präsidenten

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Rote Zone im Weißen Haus - Was sagt die Filmkritik über Trumps Inszenierung?

  2. Schwarze Löcher - Wofür gab es den Physik-Nobelpreis?

  3. Corona und Armut - Wen treibt die Pandemie zu den Lebensmittel-Tafeln?

1. Auf dem Boden ohne Tatsachen

"Heute spreche ich zu Ihnen nicht als Präsident der Vereinigten Staaten, nicht als gewählter Repräsentant dieses Volkes, sondern stellvertretend für alle Menschen dieser Welt." Nein, diese Worte stammen nicht von Donald Trump, sondern aus dem Neunzigerjahre-Blockbuster "Armageddon", in dem Bruce Willis die Welt und seine Tochter vor der Vernichtung durch einen Asteroiden rettet . Es soll beim SPIEGEL einen Newsletter-Autor  geben, der als Student aus solchen fiktiven Präsidentenreden sicherer zitieren konnte als aus den Werken Max Webers oder Karl Marx'.

Nun hat Donald Trump seine Rückkehr ins Weiße Haus mit so viel Pathos und Plattheit inszenieren lassen, dass "Independence Day" und "White House Down" dagegen fast wie ernsthafte Dokumentarfilme wirken: Der Präsident veröffentlichte auf Twitter ein Video, das seine Ankunft mit dem Hubschrauber in 15 Einstellungen und 37 Sekunden zeigt, dazu Musik, die mich an "Armageddon" erinnert. "Es sind Bilder wie aus einer von Hollywood erdachten Autokraten-Parodie, doch sie sind real", schrieb mein Kollege Roland Nelles bereits heute in der "Lage am Morgen". (Abonnieren können Sie den Newsletter hier.)

Unser Bühnen- und Filmkritiker Wolfgang Höbel sagt über das Spektakel: "Es ist der pathetischste Hubschraubereinsatz in einem amerikanischen Film seit der Hubschrauber-Angriffsszene in 'Apokalypse Now', nur ist bei Francis Ford Coppola die Musik von Richard Wagner entschieden besser als die Fahrstuhlmusik bei Trump." (Eine ausführliche Videoanalyse von Wolfgang und dem Kollegen Andreas Evelt finden Sie hier.)

Obwohl nach wie vor unklar ist, wie lange der Präsident noch ansteckend sein wird, kündigte er an, natürlich per Tweet: Er freue sich auf die nächste Debatte gegen Joe Biden, die für kommende Woche geplant ist. "Sein Image bedeutet ihm alles", schreibt die "Washington Post" , "zur Hölle mit der Gesundheit, seiner eigenen, der anderer Leute, Ihrer!"

Wolfgang sagt, er habe bei Trumps Auftritt an die Komödie "Dave" aus dem Jahr 1993 denken müssen: "Kevin Kline spielt einen Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten, der dessen Job übernimmt und vor lauter Übermut im Oval Office vom Schreibtischstuhl kippt." Leider ist die Wirklichkeit deutlich weniger lustig - zumal es in den Berichten der Nachrichtensender so aussieht, als würde Trump nach Luft schnappen.

2. Unendliche Weiten

Ein Deutscher bekommt den Physik-Nobelpreis, vor fast 100 Jahren war das Albert Einstein, der oft zitiert wird mit dem Satz: "Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher."

Heute hat die Schwedische Akademie der Wissenschaften verkündet: Den Preis bekommt wieder ein Deutscher, der Astrophysiker Reinhard Genzel, Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik in Garching bei München, zusammen mit der US-Amerikanerin Andrea Ghez und dem Briten Roger Penrose. Alle haben schwarze Löcher erforscht. (Mehr zu dem Phänomen lesen Sie hier .)

Der Einstein-Regel folgend habe ich meinen Kollegen Christoph Seidler aus dem Wissenschaftsressort gebeten: Nur mal angenommen, ich kennte mich in den Feinheiten der Physik nicht ganz genau aus - kannst du mir die Arbeit der drei Preisträger so erklären, als wäre ich fünf?

Klar, sagt Christoph:

"Im Zentrum unserer Milchstraße, es ist etwa 27.000 Lichtjahre von uns entfernt, gibt es den wohl mysteriösesten Ort unserer Galaxis. Dummerweise versperren uns Staubwolken den Blick dorthin. Viele Jahre haben Forscher versucht herauszubekommen, was in unserem galaktischen Zentrum los ist. Schon früh gab es die Vermutung, dass dort ein schwarzes Loch liegen könnte. Einstein hatte vorausgesagt, dass es diese krassen Orte geben könnte, wo die Begriffe Raum und Zeit ihre Bedeutung verlieren - weil nichts von dort entrinnen kann. Penrose hat das Phänomen vor mehr als 50 Jahren mathematisch beschrieben. Dafür bekommt er jetzt die Hälfte des Physik-Nobelpreises. Die andere Hälfte geht an Ghez und Genzel. Beide hatten ab den Neunzigern jahrelang die Umgebung des galaktischen Zentrums mit mächtigen Teleskopen untersucht. Dabei kamen sie dem schwarzen Loch auf die Spur, unter anderem weil es die Sterne ganz in seiner Nähe mit unvorstellbarer Geschwindigkeit um sich herumschleudert."

Nicht ganz einfach, aber einfach genug. Danke. 

3. Andrang bei den Tafeln

Foto:

Britta Pedersen / dpa

Hunger gehört nicht zu den medizinischen Corona-Symptomen, aber offenbar zu den sozialen: Die Betreiber der Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige ausgeben, verzeichnen seit Beginn der Krise eine größere Nachfrage, wie meine Kollegin Benita Stalmann berichtet: "Bei den Neuangemeldeten handele es sich um Menschen in Kurzarbeit, Selbstständige, durch die Pandemie arbeitslos Gewordene und jüngere Menschen." Sozialforscher warnen vor einem "Almosen- und Suppenküchenstaat".

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Chemiewaffen-Kontrollbehörde bestätigt Verwendung von Nowitschok: Die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen hat den Einsatz des Nervengifts Nowitschok gegen Alexej Nawalny bestätigt. Das Ergebnis dürfte den Ruf nach Sanktionen gegen Russland befeuern.

  • Hunderte rechtsextreme Verdachtsfälle in Sicherheitsbehörden: Bundesinnenminister Seehofer stellt den ersten Lagebericht über Rechtsextremisten in Sicherheitsbehörden vor. Darin finden sich rund 380 Fälle - und eine deutliche Warnung.

  • Regierung entschärft Salvinis Antimigrationsgesetze: Geringere Geldstrafen für Seenotretter, höhere Hürden für das Abweisen von Schutzsuchenden: Italien mildert das Maßnahmenpaket von Ex-Innenminister Salvini ab. Und will künftig bei der Integration nachbessern.

  • Streik beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Die Mitarbeiterinnen des Hilfetelefons kämpfen um gerechtere Bezahlung, schrieben auch einen Brief an Ministerin Giffey. Doch die reagierte nicht. Nach SPIEGEL-Informationen soll nun gestreikt werden.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Was taugen Luftfilter gegen Coronaviren? In Schweden sind schon fast alle Klassenzimmer mit Virenfiltern ausgestattet. Experten halten auch in Deutschland den Einsatz in Schulen, Büros und Restaurants für sinnvoll. Die Hersteller erwarten gute Geschäfte .

  • So nutzen Sie die Niedrigzinsen für Ihren Hauskauf: Bauzinsen sind spottbillig. Angehende Hausbesitzer, die ihre Wunschimmobilie optimal finanzieren wollen, müssen aber auf viele Details achten .

  • "Jeder kann lernen, mit Tinnitus zu leben": Der Dauerton in seinen Ohren hat Reinhardt Jennerjahn fast in den Suizid getrieben. Dann fand er eine Therapie, die ihm half .

Was heute nicht so wichtig ist

  • Endliche Weiten: Das Saarland, etwa 75 Kilometer breit und 58 Kilometer lang, schafft es vergleichsweise häufig in die Nachrichten - weil der Südwest-Landkartenfleck im Journalismus beliebt ist als Maßeinheit und Vergleichsgröße. Da brechen Gletscher ab, die doppelt so groß sind wie das Saarland; Wälder brennen auf einer Fläche, die sechsmal so groß ist wie das Saarland; Ölteppiche schwimmen auf dem Meer, die viermal so groß sind wie das Saarland. Einige Redaktionen haben das Phänomen beschrieben (hier  etwa die "Welt", dort  die "FR" und hier  der Deutschlandfunk). Einer pubertären Neigung folgend, schlage ich neue Standardeinheiten vor: den imperialen Sternenzerstörer mit 1,6 Kilometer Länge und, für größere Objekte, den Todesstern mit 160 Kilometer Durchmesser (umgerechnet also zehn Sternenzerstörer), beide bekannt aus "Star Wars". Wie ich jetzt auf diese Idee komme? Ein Kollege hat mir den Link zu einem Animationsvideo  geschickt, das alle wichtigen, aber leider fiktiven Raumschiffe miteinander vergleicht. Spoiler: Das größte Objekt stammt aus "Star Trek - The Next Generation".

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Belarussische Oppitionelle in Berlin: Tichanowskajas Kampf aus dem Exil"

Cartoon des Tages: Worauf die Welt hofft

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Werfen Sie vielleicht einen Blick in die "Süddeutsche" von heute: Die Kolleginnen und Kollegen feiern den 75. Geburtstag ihrer Zeitung. Am 6. Oktober 1945 erschien sie zum ersten Mal, heute gehört sie zu den wichtigsten Blättern der Republik und zu unseren am meisten geschätzten Konkurrentinnen.

In der Jubiläumsausgabe schreibt  Ex-Chefredakteur Kurt Kister: "Gewiss, es kostet, eine besondere Zeitung zu machen und zu verbreiten. Aber selbst in schwierigen Zeiten wie diesen, in denen die Coronakrise und eine Strukturkrise der Medien zusammentreffen, wäre es falsch, das Besondere zu gefährden, weil man zu sehr sparen muss." Und Chefredakteurin Judith Wittwer schreibt : "Gestern wie heute geht es um Aufklärung, Freiheit und Demokratie. Journalismus heißt (ein freundlicher Gruß nach Hamburg), zu schreiben, was ist." Hamburg grüßt zurück und gratuliert ganz herzlich!

Ein Dreivierteljahrhundert alt - und jeden Tag druckfrisch

Ein Dreivierteljahrhundert alt - und jeden Tag druckfrisch

Foto: Bildagentur-online / Schoening / picture alliance

In diesem Sinne: Wagen Sie einen, höhö, Seitensprung, vom SPIEGEL zur SZ. Und bleiben Sie am besten beiden treu.

Herzlich Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.