Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Krankenakte Potus

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Als Trump wieder stand - Wie stabil sind die Abwehrkräfte des US-Präsidenten?

  2. Nobelpreis für Auktionsforscher - Ein Hammer?

  3. Verbote als Vorbote - Sind die Corona-Reisebeschränkungen unzulässig?

1. Widerstandskräfte

Über den früheren "New York Times"-Reporter Barry Bearak habe ich vor Jahren in einem "Geo"-Stück diese Anekdote gelesen: Als er 2008 über die Wahlen in Simbabwe berichtete und von Mugabes Leuten eingesperrt wurde, habe er sich wie befreit gefühlt. Alles sei besser, sagte Bearak demnach seiner Frau am Telefon, "als vier Geschichten am Tag für die Website schreiben zu müssen". Angeblich ein Scherz.

Manchmal scheint es, als würde auch der derzeitige US-Präsident den einen oder anderen Reporter am liebsten einsperren lassen. Ich hoffe nicht, dass meine Kolleginnen und Kollegen lieber im Knast säßen, als in dichter Folge über den US-amerikanischen Wahlkampf  zu berichten und die Besetzung des Obersten Gerichtshofes und über den Gesundheitszustand des Präsidenten und den neuesten Trump-Tweet und, und, und... vielleicht frage ich aber besser auch nicht genauer nach. (Hier finden Sie Live-Daten zur Wahl.)

Meine Kollegin Julia Merlot jedenfalls hat sich jetzt mit der Frage beschäftigt, ob Trump wirklich schon immun sein kann gegen das Coronavirus, wie er behauptet. Ein Arzt, mit dem sie sprach, äußerte sich skeptisch - er bezweifelt, dass beim US-Präsidenten schon neutralisierende Antikörper nachgewiesen wurden. "Der Test ist aufwendig und dauert Tage, beschleunigen lässt sich das Verfahren auch für Trump kaum", sagt Julia. Twitter hat den Immunitätstweet des Präsidenten mit einem Warnhinweis versehen: wegen "Verbreitung irreführender und potenziell schädlicher Informationen im Zusammenhang mit Covid-19".

2. Versteigert und verstiegen

"Der Geist der Rose", so heißt kein verschollenes Buch von Umberto Eco und auch kein Werk, das irgendein Erbe aus Notizen des Autors posthum zusammengeschmiert hat, um es rechtzeitig zum Beginn der Frankfurter Buchmesse auf den Markt zu werfen, wo er dann in Video-Interviews (die Branchenveranstaltung ist wegen Corona fast komplett ins Netz gewandert ) darüber sinniert, was uns die Klosterarchitektur des Mittelalters über die Gewaltenteilung in Donald Trumps Amerika verrät.

Nein, der "Geist der Rose" ist der Titel eines Balletts. Und nach diesem Ballett wiederum wurde einer der größten je gefundenen Diamanten benannt: Der oval geschliffene Stein hat 14,83 Karat, Experten schätzen seinen Wert auf bis zu 32 Millionen Euro. Heute nun teilte das Auktionshaus Sotheby's mit, den Diamanten im November versteigern zu wollen.

Jeder weiß oder ahnt, wie so eine Versteigerung funktioniert. "Komplizierter wird es, wenn zahlreiche Interessenten um Güter wie CO2-Zertifikate oder Strommengen bieten", sagt mein Kollege David Böcking. Er berichtet über die Arbeit der beiden US-Ökonomen Paul R. Milgrom und Robert B. Wilson, die heute von der schwedischen Reichsbank den Nobelpreis für Wirtschaft zugesprochen bekommen haben. "Wilson und Milgrom haben erforscht, wie Auktionen in solchen Fällen möglichst optimale Ergebnisse erzielen können", erklärt David. "Und sie haben auch ein neues Verfahren entwickelt, mit dem allein der amerikanische Staat über die Jahre rund 120 Milliarden Dollar für Mobilfunklizenzen eingenommen hat." Für diese Verbindung von Theorie und Praxis gibt es jetzt den Preis, einen feststehenden.

3. Herbst ohne Ferien

Sie haben es mitbekommen: Große Hochzeitsfeiern und Privatpartys lassen die Corona-Infiziertenzahlen vielerorts in die Höhe schnellen, weshalb einige Landesregierungen de facto Urlaubssperren verhängen; mal gilt ein Beherbergungsverbot, mal braucht man einen negativen Test, mal zwei. Das Durcheinander gefährdet die Akzeptanz auch sinnvoller Regeln, wie meine Kollegen Kevin Hagen und Timo Lehmann berichten.

"Ich würde mich nicht wundern, wenn in den meisten Ländern bald nicht mehr viel vom jetzigen Beherbergungsverbot übrig bleibt", sagt Kevin. "Die Regel löst vermutlich keine Probleme, ist rechtlich fragwürdig und den Betroffenen kaum vermittelbar." Am Mittwoch beraten die Ministerpräsidenten wieder mit der Kanzlerin.

Mehr dazu lesen Sie hier: Das Risikoverbot

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Ministerium droht mit Schusswaffengebrauch bei Protesten: Die Polizei in Belarus darf künftig "tödliche Waffen" gegen Demonstrantinnen und Demonstranten einsetzen. Als Grund nennt das Innenministerium eine angebliche Radikalisierung des Protests.

  • US-Behörden schalten gefährliches Bot-Netzwerk TrickBot ab: Über das TrickBot-Netz sollen Hacker weltweit Unternehmen und Haushalte angegriffen haben. Auch Attacken auf die US-Wahl waren befürchtet worden. Nun haben Microsoft und US-Behörden den Stecker gezogen.

  • Expertenkommission sieht Fehler bei Krisenmanagement in Ischgl: Tausende Urlauber sollen sich in Ischgl mit dem Coronavirus infiziert haben. Eine unabhängige Kommission hat untersucht, wie der Skiort zum Hotspot wurde, und dabei schwere Versäumnisse festgestellt.

  • Justizministerium verfasst Gesetzentwurf in weiblicher Form: Es geht um "Gläubigerinnen" und "Inhaberinnen": Das Justizministerium hat einen Gesetzentwurf im generischen Femininum verfasst. Das Innenministerium zeigt sich wenig begeistert.

  • Reformplan erschüttert englischen Fußball: Mehr Macht für die Großen, ein Rettungspaket für die Kleinen, und die Mittelklasse zahlt den Preis: Der englische Fußball soll sich radikal wandeln. Wer dafür ist - und wer dagegen.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Utopie in Flammen

Foto: Max Whittaker / The New York Times / laif

Ka­li­for­ni­en stand im­mer für das bes­se­re Ame­ri­ka; es war ein Sehn­suchts­ort, an den es vie­le zog. Die ver­hee­ren­den Brände der ver­gan­ge­nen Wo­chen, die de­pri­mie­ren­de Aus­sicht, dass es in den kom­men­den Jah­ren eher schlim­mer wer­den dürf­te, treibt nun aber Men­schen fort, an­de­re kämp­fen um ihre Heimat.

Meine Kollegen­­­ Gui­do Min­gels, Marc Pitz­ke und Da­ni­el C. Schmidt sind durch den Bun­des­staat ge­reist, ha­ben mit Klimaflüchtlingen­­, Op­fern und Brand­be­kämp­fern ge­spro­chen. Guido ließ sich von Um­welt­wis­sen­schaft­ler Ed Smith er­klä­ren, wie man den Wald mit ab­sicht­lich ge­leg­ten Brän­den schüt­zen kann. "Mein wich­tigs­tes Werk­zeug ist der Flam­men­wer­fer", sagt Smith.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate haben im vergangenen Monat die Aufnahme diplomatischer Beziehungen versiegelt."

Cartoon des Tages: Sperrstunde

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich aufs Sofa fallen lassen, sorry, in die Homelounge begeben, und der Lesung von Bestsellerautor Marc-Uwe Kling folgen. Der Mann, der mit einer Känguru-Satire berühmt wurde, hat den zweiten Teil seiner düsteren Zukunftsvision "Qualityland" geschrieben: Das Buch trägt den - nicht bahnbrechend überraschenden - Titel "Qualityland 2.0". Statt eine Lesereise zu unternehmen, trägt Kling einige Passagen im Exklusiv-Video auf SPIEGEL.de vor; dazu gibt's live eingespielte Jingles, so lustig kann Dystopie sein. (Hier geht es zum Video.)

Onkel von der Arbeitsgruppe Zukunft springt nicht über Kling, sondern begleitet ihn musikalisch

Onkel von der Arbeitsgruppe Zukunft springt nicht über Kling, sondern begleitet ihn musikalisch

Ihnen einen schönen Abend, herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

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