Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wirst du dunkel, Deutschland?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Angst vor dem Stromausfall – Droht Deutschland ein Blackout im Winter?

  2. Corona – Wer macht's besser, wir oder China?

  3. WM in Katar – In der Halbzeitpause heim?

1. Deutschland, ein Finster-Märchen

Die Blackout-Angst geht um: Das Geschäft mit Notstromaggregaten boomt, ein Hersteller sagt, er sei »so gut wie ausverkauft«. Wer jetzt bestelle, müsse bis zu zwölf Monate warten. Doch nicht nur Firmen wappnen sich, auch zahlreiche Privatleute besorgen sich Gaskocher und Taschenlampe, legen Wasservorräte an und horten Konserven.

Mich erinnert das an den Dezember 1999. Damals hieß es, wenn die Computer und Uhren auf 2000 springen, breche alles zusammen. Es könnte sein, dass anwesende Newsletter-Autoren den Millennium-Bug so sehr fürchteten, dass sie für den Jahreswechsel eine Palette Dosenravioli kauften und die Badewanne volllaufen ließen. Und dass sie seit dem 1. Januar 2000 so tun, als sei das ironisch gemeint gewesen.

Jetzt erscheint die Lage ernster. Aber drohen im Winter wirklich großflächige Stromausfälle in Deutschland? Die kurze Antwort lautet: keine Panik, wie meine Kollegen Claus Hecking, Benedikt Müller-Arnold und Stefan Schultz berichten . So kann es laut Bundesnetzagentur zwar tatsächlich zu Stromabschaltungen im Winter kommen. Doch diese dürften meist vorab angekündigt werden, auf bestimmte Regionen begrenzt sein und maximal vier Stunden dauern. Ein unkontrollierter Blackout in ganz Deutschland hingegen sei sehr unwahrscheinlich.

Halten sich die Kartuschen für den Campingkocher eigentlich 22 Jahre?

2. Geh doch nach China!

Coronastreber wie ich müssen sich zunehmend umgewöhnen. Weniger Tests, weniger Masken, jetzt wackelt sogar die Isolationspflicht für Infizierte (hier mehr). Nur einige Mitstreitende scheinen wie ich noch nach der Lex Lauterbach zu leben: Ins Restaurant? Lieber nicht. Ins Kino? Seid ihr des Wahnsinns! Freunde treffen? Gerne, lass uns spazieren gehen. Monatelang belohnten wir uns für Verzicht und Vorsicht mit dem erhabenen Gefühl, es richtigzumachen. Wir saßen bei Frost vor dem Café und rissen in jedem Meeting das Fenster auf. Wir wühlten uns durch Preprint-Server, um bei Videokonferenzen, Elternabenden, Vereinstreffen anführen zu können: Eine brasilianische, noch unveröffentlichte Studie habe gezeigt, dass dreifach geimpfte Springmäuse sich wesentlich seltener anstecken, wenn sie beim Friseurbesuch die AHA-Regeln einhalten.

Doch das Gefühl schwindet, das hat auch mit sozialer Akzeptanz zu tun. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, meine Kolleginnen und Kollegen würden weniger irritiert gucken, wenn ich statt der FFP2-Maske eine ockerfarbene Federboa trüge im Büro. Wahrscheinlich auch die Leute im Supermarkt. Oder beim Friseur. (Nur in der Bahn fühle ich mich noch halbwegs sicher – aber das WLAN...)

Vielleicht denken die Kolleginnen und Kollegen und all die anderen Leute auch: Geh doch nach China! Dort schließen wieder Schulen, Kindergärten, Einkaufszentren. Die Behörden lassen Corona-Apps kontrollieren, verlangen dauernd PCR-Tests und verordnen Zwangsquarantänen. »Die Pandemie geht bald ins vierte Jahr, doch in China fühlt es sich noch immer so an, als stünde man am Anfang«, berichten meine Kollegen Georg Fahrion und Christoph Giesen aus Peking. »Während der Rest der Welt versucht, mit dem Virus zu leben, verfolgt China unverändert eine strikte Null-Covid-Strategie.« Trotzdem sei die Zahl der Neuinfektionen zuletzt stark gestiegen. (Hier die ganze Geschichte .)

Nein, auch wir Coronastreber wollen keine Gesundheitsdiktatur. Vielleicht müssen sogar wir uns zur Lockerheit zwingen, vielleicht ist das Schlimmste wirklich überstanden. Jede und jeder kann sich regulär impfen lassen, mittlerweile auch Kleinkinder. Die aktuellen Varianten scheinen nicht kränker zu machen als ihre Vorgänger. Und selbst Christian Drosten hat schon im Sommer gesagt, er trage nicht dauernd seine Maske: »Ich will ja nicht Dr. Strange sein.«

Sogar in China scheint der Kurs nicht mehr ganz klar. Die Kollegen schreiben : »Am selben Tag geht es einen Schritt voran und anderthalb zurück, die Behörden blinken rechts und biegen links ab, es herrscht ein gehöriges Durcheinander. Drei Jahre lang hat das Land gelernt, die Zeichen zu lesen – und ist nun wieder Analphabet.« Das Gefühl kenne ich. Vielleicht kaufe ich mir heute eine Federboa, ohne Maske.

3. Halb leeres Stadion, volles Verständnis

Seit Sonntag läuft die wohl irrste WM aller Zeiten, es werden irre Dinge passieren. Heute etwa haben die Spieler des iranischen Teams vor dem Anpfiff gegen England demonstrativ geschwiegen, als ihre eigene Nationalhymne gespielt wurde. Im iranischen Fernsehen wurde die Übertragung daraufhin unterbrochen (hier mehr). Und der Deutsche Fußball-Bund verzichtet nach der Androhung von Sanktionen durch die Fifa auf die »One Love«-Kapitänsbinde für Manuel Neuer (hier mehr dazu).

Mein Kollege Felix Dachsel würdigt täglich die schillernden, absurden, schönen und durchgeknallten Katar-Momente. Für die Dauer des Turniers finden Sie seine Minikolumne hier in der »Lage am Abend«. Heute schreibt Felix über das halb leere Stadion beim Eröffnungsspiel:

Ich habe das Gefühl, jetzt mal ein paar Katarer verteidigen zu müssen. Am Sonntag beim Eröffnungsspiel Katar gegen Ecuador monierte der ZDF-Kommentator, dass sich die Ränge leerten, obwohl das Spiel noch lange nicht vorbei war. Die Expertenrunde analysierte nach dem Spiel ein Bild des halb leeren Stadions. »Da ist kein Feuer, da kommt nichts«, sagte Experte Christoph Kramer.

Ich will eine andere Theorie ins Spiel bringen. Vielleicht wollten die weiß gewandeten Männer früher im Parkhaus sein. Früher auf der Autobahn. Früher zu Hause. Praktisch und clever umgehen mit den Abläufen des Alltags.

Es ist ein bisschen zwanghaft, aber ich mache mir oft Gedanken über Abläufe, warum sollte der Katarer da nicht ähnlich ticken. Wenn ich auf einem Konzert stehe, genieße ich selten die Musik. Ich denke darüber nach, wann ich losgehen sollte, um das Becherpfand abzuholen, bevor sich an der Bar eine Schlange bildet.

»Lasst euch nichts einreden, Katarer. Nichts geht über das Gefühl, längst zu Hause zu sitzen, wenn die anderen noch im Stau stehen. Die kleinen Siege im Alltag. Das ist unser Feuer.«

Und hier mehr Nachrichten und Hintergründe zur WM:

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Was wird aus den Ukrainerinnen an der Côte d’Azur? In Südfrankreich arbeiten Ukrainerinnen seit ihrer Flucht in Luxushotels. Nun endet die Saison. Viele Frauen stehen vor der Frage: Bleiben oder zurückkehren? 

  • Wie Putin die proeuropäische Regierung in Moldau stürzen will: Moldau strebt in die EU, aber Russland will die kleine Republik mit aller Kraft destabilisieren. Der Kreml setzt auf Strom- und Gasentzug – und auf einen kriminellen Exilpolitiker, der Demonstrationen orchestriert .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Habeck stellt Staatsgarantien für Ökostromerzeuger in Aussicht: Der Ausbau von Wind- und Solarenergie kommt in Deutschland nicht voran. Wirtschaftsminister Habeck deutet eine Lösung an.

  • Jeder Fünfte zwischen 14 und 29 Jahren hat Schulden: Die Inflation belastet die Jugend in Deutschland – zusätzlich zu Krieg, Coronafolgen und Klima. Psychische und finanzielle Probleme nehmen zu. Die Generation ist besorgt, glaubt aber trotzdem an sich selbst.

  • Glühwein darf keine Bockbierwürze enthalten: Bier in Wein, das lass sein: Ein Münchner Gericht hat einem weinhaltigen Getränk die Bezeichnung Glühwein untersagt, weil es mit Bockbierwürze versetzt wurde. Dadurch gerate zu viel Wasser in den Wein.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Kulturschock im Silicon Valley: In der Techszene haben junge Amerikaner eine einzigartige Arbeitskultur erlebt. Die Massenentlassungen der unbesiegbar scheinenden Konzerne wie Twitter, Meta wirken wie ein Schock: Nun haben die Chefs wieder das Sagen .

  • Müssen Immobilienerben bald wirklich mehr Steuern zahlen? Das Erben von Immobilien könnte zum Jahreswechsel 20 bis 30 Prozent teurer werden, warnt der Hauseigentümerverband. Steueranwalt Daniel Elias Serbu erklärt, was dahintersteckt .

  • Baerbock will bleiben, Lambrecht schnell abziehen: Seit 2013 ist die Bundeswehr in Mali für die Uno im Einsatz. Doch die Zweifel an der gefährlichen Mission wachsen. Am Dienstag berät Kanzler Scholz mit den verantwortlichen Ministerinnen, ob es weitergehen soll .

  • Djoković ist bereit für den Grand-Slam-Rekord: In der Weltrangliste liegt Novak Djoković auf Platz fünf. Der Erfolg bei den ATP Finals hat gezeigt, dass er weiterhin zu den besten Spielern der Welt gehört. 2023 wird der Serbe den Kampf gegen die junge Generation aufnehmen .

Was heute weniger wichtig ist

Gottesflüchtig: Die sizilianische Nonne Cristina Scuccia, 34, Siegerin der Castingshow »The Voice of Italy« im Jahr 2014, hat ihren Orden verlassen, wie sie in einem TV-Interview sagte: »Es war ein Wandel in mir selbst.« Sie lebe jetzt in Spanien und arbeite als Kellnerin. »Aber ich lebe mit einem Lächeln.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Einem Brauhaus wurde verboten, sein mit dem Zusatz veretztes Geränk als »Glühwein« anzubieten.

Cartoon des Tages: One Love

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie kochen – und zwar ein Rezept unserer Kochkolumnistin Verena Lugert. Nämlich Bibimbap, was nach einem liebenswerten Comicmonsterchen klingt, aber Koreanisch ist für »Reis umrühren« oder »gemischten Reis«. Es ist das vielleicht leckerste Resteessen aus Korea, angerichtet in kleinen Schälchen:

»Wunderbar wärmend, wenn, wie jetzt, der Winter streng und kalt im Anmarsch ist. Das Plüschtierchen zum Essen.« (Hier geht's zum Rezept.)

Es geht alles von Korn los. Ihnen einen schönen Abend, herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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