Anna Clauß

Die Lage am Abend Eine besinnungslose Adventszeit

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Leiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Alarmstimmung – Wie geht es der deutschen »Generation Mitte«?

  2. Wutbewältigung – Warum tritt Elon Musk nicht einfach in die CSU ein?

  3. WM in Katar – Wann kommen die Schiedsrichterinnen zum Einsatz?

1. Im Stich gelassen

Deutschland hat sich mit Katar über einen Gasliefervertrag geeinigt. Die ersten deutschen LNG-Terminals stehen kurz vor dem Betriebsbeginn und die Gasspeicher für diesen Winter sind inzwischen voll. Bis Dienstag erreichte ihr Füllstand laut Branchendaten 100 Prozent. Außerdem hat sich die Inflation im November leicht auf 10,0 Prozent abgeschwächt.

Ist die »Lage am Abend« also endlich einmal gut? Können wir die Klingglöckchen klingelingen lassen und frei von allen Sorgen in die besinnliche Adventszeit starten? Nun ja, wie immer steckt der Teufel im Detail.

Die Gaslieferungen aus Katar etwa sollen erst 2026 beginnen und sind in der Menge so gering, dass sie wohl nicht mehr als drei Prozent des jährlichen deutschen Gasbedarfs decken werden. Und leider ist die Inflation immer noch so hoch, dass sie zu großen Kaufkraftverlusten führt und die Gehälter immer stärker entwertet. Unter dem Strich ergab sich im dritten Quartal ein realer, also um die Preisentwicklung bereinigter Lohnverlust von 5,7 Prozent – der höchste Rückgang seit Einführung der Statistik 2008.

Unter den 30- bis 59-Jährigen, also der »Generation Mitte«, herrscht angesichts von Inflation und Energiekrise Alarmstimmung, berichtet Florian Diekmann  aus dem SPIEGEL-Wirtschaftsressort. Viele fühlen sich laut einer Umfrage von der Politik im Stich gelassen. »Europa braucht dringend ein Programm für bezahlbare Energie«, findet auch SPIEGEL-Kolumnist Michael Sauga .

Gut die Hälfte der Verbraucherinnen und Verbraucher kauft nach eigenen Angaben nur noch Produkte, die wirklich benötigt werden, wie das Marktforschungsunternehmen Nielsen IQ gestützt auf eine Umfrage unter mehr als 10.000 Personen berichtete. Zu besichtigen war das zum Beispiel heute Mittag auf dem Viktualienmarkt in München, wo ich eine kurze Mittagspause verbracht habe. Ist das wunderschöne Weihnachtsgesteck, das zwei Frauen neben mir am Stand einer kleinen Gärtnerei bestaunten, eine wirklich benötigte Anschaffung, die 40 Euro wert ist? Die eine sagte jedenfalls kopfschüttelnd zur anderen: »Lidl hat gerade Kränze im Angebot.« Weil ich nicht will, dass der Viktualienmarkt bald so heimelig aussieht wie ein deutscher Discounter-Parkplatz, habe ich der Gärtnerei umgehend ein paar Zweige zur Bürodekoration abgekauft.

2. Ton, Steine, Scherben

Warum nur müssen Männer so häufig in den Krieg ziehen? Warum muss es immer gleich das Schlachtfeld sein? Warum reicht es so vielen nicht, ihrem Ärger auf dem Bolzplatz oder einem anderen Spielfeld Luft zu machen? Vor lauter Frust über persönliche oder politische Niederlagen könnte man zum Beispiel in die CSU eintreten, so wie es der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post soeben bekannt gegeben hat.

Nicht so Elon Musk. Er will gegen Apple »in den Krieg ziehen«, weil Apple angeblich seine Neuerwerbung Twitter aus dem App-Store werfen will. Der Tesla-Milliardär unterstellte Apple außerdem »Hass« auf die Meinungsfreiheit. Vermutlich deshalb, weil der iPhone- und Mac-Hersteller aufgehört hat, Werbung auf Twitter zu schalten.

Man kann Apple zu dieser Entscheidung nur beglückwünschen. Nicht nur Musks Vorhaben, mit Hasstiraden, Kriegserklärungen und der Freischaltung homophober und rassistischer Twitter-Accounts die Meinungsfreiheit zu verteidigen, ist zweifelhaft. In Ghana hat er bis auf eine Person das gesamte Twitter-Team entlassen. Dabei war das neue Büro erst vier Tage zuvor eröffnet worden, berichtet SPIEGEL-Korrespondent Heiner Hoffmann aus Nairobi.

Einer der Entlassenen zeigte daraufhin auf Twitter eine geballte Faust, die er aus Ton hergestellt hatte. Töpfern! Auch das ein gutes Mittel gegen Frust.

3. Zeit für Experimente?

Ihre Nominierung hat die Fifa als »historisch« bezeichnet. Doch bislang durfte keine der drei Schiedsrichterinnen ein Spiel der Männer-WM in Katar pfeifen. 28 der 33 männlichen Kollegen kamen bereits zu Einsätzen, bis Mittwoch wird ein Dutzend davon gar zweimal ein Spiel geleitet haben. Stéphanie Frappart (Frankreich), Salima Mukansanga (Ruanda) und Yoshimi Yamashita (Japan) aber müssen noch warten. Da drängt sich die Frage auf, ob es die Fifa mit der Gleichstellung tatsächlich ernst meint. Oder ob die Benennung der Frauen eine Imagemaßnahme war?

»Katar kompakt«-Kolumnist Christoph Scheuermann hat gestern ein Experiment gewagt – Public Viewing im Advent:

»Ein Weihnachtsmarkt in der Hamburger Innenstadt, ein Selbstversuch: Lassen sich zwei mittelmäßige Dinge – Fußball-WM in Katar und »Winzer-Glühwein« – zu etwas Gutem kombinieren?

Ich stelle mich an den Glühweinstand und starte die ARD-App auf dem Handy. Schweiz gegen Brasilien, in voller Lautstärke. In Katar sind es 25 Grad, leicht bewölkt. Hamburg: vier Grad, Regen. Von oben tropft es kalt in meinen Nacken.

Kurz vor Beginn der WM haben viele deutsche Weihnachtsmärkte es abgelehnt, Fußballspiele zu übertragen. Kein Public Viewing. Nur Public Drinking. Es war eine Trotzgeste, ein besinnliches »Fuck you« in Richtung Katar: Wir können auch ohne Fußball fröhlich sein!

Auf meinem Handy sind leicht bekleidete Frauen zu sehen, die grün und gelb geschminkt sind. Vielleicht eine Kältehalluzination. Meine Zehen frieren. Die Fans und Spieler auf dem Bildschirm sind klein wie Ameisen. Dann schießt Vini Junior zu Casemiro, der haut den Ball ins Netz. 1:0 für Brasilien. Ich rufe: »Tor!« Eine Mutter ruft: »Ben, komm sofort aus dem Regen raus.«

Wenn man allein in der Kälte steht, wärmt ein Becher Glühwein, 0,2 Liter, für ungefähr neun Minuten. Ich habe das gestoppt. Macht für 90 Minuten plus Halbzeitpause in etwa zehn Glühwein. Das Tolle ist, wer hier zehn Glühwein bestellt, bekommt den elften gratis und darf sich dann eigenständig im nachhaltigen Holzklo neben der Kirche übergeben.

Fazit: Besinnlich liegt nicht weit entfernt von besinnungslos, der Fußball hat verloren, und Glühwein bleibt eine Erfindung des Satans.«

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • War der Holodomor ein Völkermord? Stalins Politik führte zum Hungertod von Millionen Ukrainern. Am Mittwoch will der Bundestag dieses Verbrechen als Genozid verurteilen. Historikerin Tanja Penter sagt: Das Zeichen ist ebenso wichtig wie problematisch .

  • »Ich weiß nicht, wie ich das überleben soll«: Die Stadt Cherson steht seit der Befreiung durch die ukrainische Armee unter russischem Beschuss. Die verbliebenen Bewohner sind der Verzweiflung nahe. Zumindest bei der Stromversorgung gibt es Hoffnung.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Iranischer General räumt erstmals hohe Opferzahl bei Protesten ein: Irans islamistisches Regime geht massiv gegen Proteste der Bevölkerung vor. Die Revolutionsgarden räumten nun den Tod von mehr als 300 Menschen ein. Die tatsächlichen Zahlen dürften deutlich höher liegen.

  • Paul Ripke beendet Zusammenarbeit mit Weight Watchers: Mit Influencer Paul Ripke als Lockvogel wollte Weight Watchers auf Tinder neue Kundinnen gewinnen. Statt schmeichelhafter Nachrichten bekamen die Frauen Abnehmwerbung zu sehen. Das kam nicht gut an.

  • Drei Männer auf Ruder eines Öltankers entdeckt: Die spanische Küstenwache hat nach eigenen Angaben drei blinde Passagiere von einem Ruderblatt gerettet und in den Hafen gebracht. Das Schiff, auf dem sie ankamen, hatte eine lange Reise hinter sich.

  • Archäologen finden Wellnessbereich in römischem Scheunenumbau: Bekannt wurde der Villenkomplex durch ein Ilias-Mosaik, nun machte ein Forschungsteam eine weitere Entdeckung: Die antiken Besitzer hatten einst eine Scheune zum Wohnhaus umgebaut – samt Wellnessraum und Fußbodenheizung.

  • Millionenklage des Schlecker-Insolvenzverwalters wird neu geprüft: Die Drogeriemarktkette Schlecker ging vor Jahren pleite, doch die Folgen beschäftigen Gerichte bis heute. Die Klagen seien vor allem für die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen, sagt der Insolvenzverwalter.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Das Geschäft mit dem süßen Dampf

Die gute Nachricht zuerst: Tabak scheint bei den Jugendlichen out zu sein. Laut Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist die Raucherquote unter den zwölf- bis 17-Jährigen im Jahr 2021 auf einen historischen Tiefstand von 6,1 Prozent gefallen. Kaum vorstellbar für jemand wie mich, die in den Neunzigerjahren locker ein Drittel der Klassenkameradinnen und -kameraden in der großen Pause auf dem Raucherhof treffen konnte.

Die schlechte Nachricht: Aus den Raucherecken deutscher Schulhöfe strömt heute der Duft von Cola, Zitronenkuchen oder Zuckerwatte. »Was nach süßer Tüte vom Kiosk riecht, sind teils nikotinhaltige Dämpfe aus Einweg-E-Zigaretten, die mit ihren fruchtigen Aromen offenbar auch Jugendliche auf den Geschmack bringen«, so meine Kollegen Pascal Mühle und Roger Schneider, die über den Trend zu Einweg-E-Zigaretten geschrieben haben.

Die Branche betont gern, dass die sogenannten Vapes für Raucher eine Chance für einen leichteren Ausstieg böten. Bei der Berliner Fachstelle für Suchtprävention sieht es allerdings so aus, als fänden viele damit eher ihren Einstieg. Dort gehen derzeit viele Anfragen vor allem von Schulen ein. »Neben Cannabis sind die E-Zigaretten aktuell das Hauptthema unserer Präventionsarbeit«, erzählt die Referentin Anna Freiesleben. Manchen Lehrern falle es mitunter schon in den siebten und achten Klassen auf.

Auch ein Großteil der verkauften Einweg-E-Zigaretten enthält das Suchtmittel Nikotin. »Die erste Zigarette schmeckt eigentlich niemandem, die Wegwerf-Vapes dagegen schon«, so die Präventionsarbeiterin Freiesleben. »Dadurch führen die E-Zigaretten eine Zielgruppe ans Rauchen, die vorher nie zur normalen Zigarette gegriffen hätte.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Klimaanlage statt Wärmepumpe – kann das funktionieren? Wärmepumpen sind begehrt, aber teuer und derzeit kaum zu bekommen. Um trotzdem CO2- und gassparend zu heizen, setzen immer mehr Hausbesitzer auf Klimaanlagen. Ob sich das rechnet, hängt von mehreren Faktoren ab .

  • Wenn »Wie geht’s dir?« zur Killerfrage wird: Wer mit dem Asperger-Syndrom lebt, braucht klare Arbeitsstrukturen und eine Umgebung, in der Denken und Fühlen abseits der Norm willkommen sind. Was Betroffene in Unternehmen erleben – und was ihnen helfen kann .

  • Wie die Ampel das Chlorhuhn begrub: Früher protestierten Hunderttausende gegen Freihandelsabkommen, jetzt dürfte der Bundestag ohne große Gegenwehr das EU-Kanada-Abkommen Ceta absegnen. Gibt es in der deutschen Politik erneut eine Zeitenwende? 

Was heute weniger wichtig ist

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Anwohner berichten jedoch, dass sie erheblich unter Druck gesetzt werden. Neue Grundstücke seien ihnen teilweise bereits zugeteilt wurden.«

Cartoon des Tages: One Love

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Darf sich der Partner neu verlieben, wenn man selbst unter der Erde ist? Bei der Lektüre dieses »selbstmitleidigen Zukunftsblicks«  (so der Midlife-Kolumnist und SPIEGEL-Nachrichtenchef Stefan Weigel über sein Werk) wurde mir heute ganz warm ums Herz.

Wie wäre es außerdem mit einem kitschigen Lied vor ernstem Hintergrund? Mit »Another Love« kam der britische Songwriter Tom Odell 2013 immerhin auf Platz elf der deutschen Charts. Jetzt erlebt der alte Hit über Liebe und Frustration gerade eine große Rückkehr: Er ist in Deutschland schon auf Platz neun geklettert und in vielen Ländern noch viel höher.

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Grund sind die Worte aus Odells Songtext, die Menschen in vielen Ländern aus Solidarität mit den Demonstrantinnen in Iran zur Protesthymne erhoben haben. Die Zeilen lauten so: »And if somebody hurts you, I wanna fight/ But my hands been broken one too many times/ So I'll use my voice, I'll be so fucking rude/ Words they always win, but I know I'll lose.« Übersetzt etwa: Wenn jemand Dir wehtut, will ich kämpfen, aber meine Hände sind zu oft gebrochen worden. Deshalb nutze ich meine Stimme, ich werde so verdammt unverschämt sein, Worte werden immer gewinnen, auch wenn ich weiß, dass ich verlieren werde.

Einen schönen Abend wünscht
Ihre Anna Clauß

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