Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die Idee vom ewigen Leben haben die Religionen erfunden. In letzter Zeit wirkte es so, als habe der Glaube daran insgesamt doch nachgelassen. Nun kommen ausgerechnet Naturwissenschaftler und Technologen und wollen das Leben ins Unendliche verlängern - beflügelt durch ihren eigenen Glauben, den Fortschrittsglauben, und freundlich unterstützt durch exorbitante Spenden von Internetmilliardären, die ihrerseits so viele Grenzen überwunden haben, dass sie die des Todes nicht hinzunehmen bereit sind.

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Heft 16/2017
Demnächst für alle! Wie der Mensch den Tod besiegen will

"Ewiges Leben. Demnächst für alle" heißt die Titelgeschichte in unserem neuen Heft. Johann Grolle, unser Wissenschaftskorrespondent in den USA, berichtet aus den Laboratorien: Jungbrunnenessenzen im Blut, Genspritzen gegen das Alter, Wiederauferstehung im Computer durch Hochladen des Hirns, Leichen in flüssigem Stickstoff - es ist schon aufregend, wie weit die Forscher gehen und kommen. Aber auch unheimlich.

Heinrich Bedford-Strohm
DPA

Heinrich Bedford-Strohm

Nicht ganz ohne Vorwurf haben sich deswegen Berliner Kollegen von mir mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm getroffen und ihn im SPIEGEL-Gespräch mit der Frage konfrontiert, ob es denn wirklich hat sein müssen, dass die Religionen den Menschen diese Ewigkeitsfantasien eingebrockt haben. Es musste sein, findet der Bischof. Er hat auch Argumente. Und doch bleibt eine Frage, die dann ein Essay erörtert, der ebenfalls zum Titelkomplex gehört: Ob nicht gerade die Grenze des Todes, also die Kränkung, die der Tod auslöst, unsere größte Chance ist: Jetzt und hier und im Moment ein so grenzenlos glückliches Leben zu führen wie möglich.

Grenzen und Chancen

Aber mit den Grenzen ist es so eine Sache, ich gebe es zu. Das gilt übrigens auch für uns Journalisten, liebe Leserin, lieber Leser. Journalismus wird nur durch Begrenzung gut. Nicht alle Themen ins Heft, sondern die wichtigsten. Von den wichtigsten nicht zu viel aus demselben Bereich. Die Überschriften, die Bildunterschriften, die Zwischentitel: prägnant, nicht zu lang. Wie oft bitten wir die Autoren um Kürzungen. Kürzen, um besser zu werden. Texte wegschmeißen, um einem aktuelleren Thema Raum zu geben. Grenzen, Grenzen, Grenzen. Sie können sich den Verdruss vorstellen, den das bei Autoren auslöst. Ich selbst kann ihn mir im Moment sogar besonders gut vorstellen, denn jetzt gerade schreibe ich ja auch und will nicht recht einsehen, dass ich mich hier begrenzen soll. Am liebsten würde ich Ihnen alle Texte aus dem neuen Heft vorstellen. Es wäre zu viel, ich weiß.

Begrenzung also: Lesen sollten Sie bitte unbedingt die investigativen Geschichten in unserem Sportteil, es sind zwei, aber, na gut, ich stelle Ihnen nur eine vor: Sie handelt von Vergewaltigungsvorwürfen gegen den derzeit größten Star im Fußball Cristiano Ronaldo. Meine Kollegen haben Ronaldo mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Er bestreitet sie.

Empfehlen möchte ich Ihnen außerdem die sieben Seiten, auf denen zwei meiner in Paris lebenden Kollegen Ihnen den Wahlkampf in Frankreich schildern. Die Extreme, rechts und links, werden zu stark. Das ist gefährlich für ganz Europa.

Ivanka Trump mit Ehemann Jared Kushner
REUTERS

Ivanka Trump mit Ehemann Jared Kushner

In einem weiteren außenpolitischen Stück beschreiben meine Kollegen aus Washington das Glamourpaar Ivanka Trump und Jared Kushner. Es ist einerseits katastrophal, dass sie so großen Einfluss auf Ivankas Vater, den US-Präsidenten, haben, denn die politische Sphäre ist ihnen so neu wie dem Vater selbst. Andererseits sind ausgerechnet sie die Hoffnung der vernünftigen Kräfte im Land.

Interessieren wird Sie sicher auch die Geschichte über Dieter Schwarz, den Gründer der Supermarktkette Lidl. Er ist einer der reichsten Deutschen und nahezu unbekannt. Es kursieren nur zwei Fotos von ihm, so zurückgezogen lebt er. In seiner Heimatstadt Heilbronn aber hat er ein Netz von Abhängigen geschaffen.

Beschädigter Dortmunder Mannschaftsbus
DPA

Beschädigter Dortmunder Mannschaftsbus

Im Deutschlandaufmacher beschäftigen wir uns mit dem Anschlag auf die Fußballer von Borussia Dortmund. War es falsch, sie nur einen Tag nach dem traumatischen Erlebnis wieder spielen zu lassen? Wir protokollieren, wie es überhaupt zu dieser Entscheidung kam.

Gewinnerin des Tages...

...ist für mich eine Frau aus Berlin. Mein Kollege Takis Würger erzählt im neuen Heft ihre Geschichte. Die Frau liebte einen Mann, der aus dem Krieg kam. Sie, eine Mutter dreier Kinder, gab für ihn ihre Ehe auf. Der Mann liebte sie auch, doch der Sog des Krieges war stärker, der Mann kehrte in den Kampf zurück und starb. Die Frau aber, und das macht sie zur Gewinnerin an diesem Karsamstag, lässt sich diese Liebe durch die Grenzen, die zuerst der Mann und dann der Tod ihr auferlegt, nicht nehmen. Sie reist in den Krieg. Sie möchte den Mann verstehen.

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Ein schönes Osterwochenende und eine anregende Lektüre wünscht Ihnen Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 14 Beiträge
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IMOTEP 15.04.2017
1. Traum
Verehrte Frau Beyer. Das waren eine Menge Infos am frühen Morgen, genug für seitenlange Kommentare. Aber zur Begrenzung allem auch des Lebens, ein Hykku Japan 15 Jh: Das Leben, ist ein Traum in einem Traum. Ein frohes Fest für sie und für die Mannschaft von SPON m.f.G.
ackermart 15.04.2017
2. Man lebe ja schließlich nur einmal...
, als These neben (para) dieser vom ewigen Leben, haben wir inzwischen nur noch als süffisant sinnenfrohen Allgemeinplatz antizipiert, nicht indes als potenziell A...sozialisierende des Sinnes "nach mir die Sintflut". Man versteht in der Weise zumindest die Weisheit der Alten, es besser mit der mehr sozialisierenden These zu halten.
i.dietz 15.04.2017
3. Guten Morgen
Ohne Religionen gäbe es sicherlich mehr Frieden auf der ganzen Welt ! D.h. wo Religion im Spiel ist, ist der Frieden nicht gewährleistet - eher das Gegenteil !
Darwins Affe 15.04.2017
4. Dr. Frankenstein
1) Zitat: *«Ewiges Leben. Demnächst für alle«.* Ja schon, aber nicht für unsere Spezies. 2) Die Wissenschaft lässt die Evolution hinter sich und setzt an zum intelligenten Design: Biotechnologisch veränderte Wesen, Cyborgs, nicht-organisches digitales Leben --- also durch und durch künstliche Wesen. 3) Während wir Menschen sind, werden unsere Erben Göttern gleichen. Der Google-Manager Ray Kurzweil auf die Frage, ob es einen Gott gebe: «Noch nicht.« 4) «Es ist eine bittere Pille, dass Wissenschaftler nicht nur einen neuen Körper entwickeln können, sondern auch einen neuen Geist, und dass Dr. Frankenstein etwas erschaffen könnte, das mit derselben Arroganz auf uns herabblickt wie wir auf den Affen und Neandertaler«. (Yuval Harari).
Dorabella, 15.04.2017
5. „Dr. Frankenstein, bitte dringend in die Ontologie!“
Was diese Herrschaften im weißen Mäntelchen da treiben, steht für mich in einer Reihe mit den Scharlatanerien und Exzessen eines Dr. Mengele. Tendenziell widerwärtig und obszön. Und ohne Ehrfurcht vor dem Geschöpf, was das „gruselige Mäuseexperiment“ sinnfällig illustriert. Und wie immer treibt Wissenschaft ihre monströsen Blüten in einem elfenbeinernen Turm- losgelöst von Gesellschaft, Politik und Ethik. Mich jedenfalls gruselt bei der Vorstellung, Menschen könnten 1000 Jahre alt werden. Wer alimentiert diese? Wer regelt den Zugang zu den endlichen Ressourcen der Welt? Wer verhindert Verteilungskämpfe? Und was wäre gewonnen in einem derart langen Leben, wenn der Mitmensch mir dann doch die Gurgel durchschneidet?
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