Die Lage am Abend Die Weltordnung der Ziegelsteine
Die drei Fragezeichen heute:
Ukraine – welchen Unterschied können die F-16-Kampfjets für die Ukraine ausmachen?
Fußballweltmeisterschaft – warum küsst ein Funktionär eine Spielerin gegen ihren Willen?
Brics-Gipfel – warum ist das Zusammentreffen in Südafrika so wichtig?
Im August geht die Lage am Abend auf Weltreise: SPIEGEL-Korrespondentinnen und -Reporter berichten aus den Metropolen und entlegenen Ecken Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Und natürlich bekommen Sie hier auch weiterhin Ihr Nachrichten-Briefing: News, Meinung, Stories – alles, was am Tag wirklich wichtig ist.
1. Jetzt auch Kampfjets
In Europa ist es eines der großen aktuellen Themen, keine Frage. Die Niederlande und Dänemark liefern bis zu 61 F-16-Kampfjets in die Ukraine. In Kiew ist man dankbar, Moskau schäumt – und in Peking, wo ich lebe?
Hier nimmt niemand wirklich Notiz davon. Für die meisten Chinesen ist der Krieg in Europa weit weg. Auch viele chinesische Fachleute haben die Bedeutung zunächst völlig unterschätzt. Bloß ein regionaler Konflikt sei das, allenfalls ein paar Tage werde es dauern, dann habe die russische Armee die Ukraine unter Kontrolle, glaubte der chinesische Apparat im Februar 2022. Ein Irrtum.
Seit anderthalb Jahren verharrt Peking deshalb in einer Art prorussischer Neutralität. Der allmächtige Staats- und Parteichef Xi Jinping hält noch immer treu zu seinem Amtskollegen Wladimir Putin. Vielleicht sollten Xis Höflinge die Texte meiner Kollegen Ann-Dorit Boy und Oliver Imhof ins Chinesische übersetzen. Die beiden analysieren kundig , welche Auswirkungen die F-16-Lieferungen auf den Kriegsverlauf haben könnten und welche technischen Vorteile die F-16 gegenüber den aktuellen ukrainischen Modellen hat.
»Aufgrund der langen Ausbildungszeit wird es kurzfristig keine Folgen haben, stellt für die ukrainische Luftwaffe aber ein Upgrade dar und stellt langfristig ihr Überleben sicher«, meint mein Kollege Oliver Imhof.
Mehr zu den F-16-Kampfjets in der Videoanalyse: »Das sind keine Wunderwaffen«
Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update
2. Football’s coming home (na ja, fast)
Am Sonntagabend haben wir in Peking vor dem Fernseher gesessen und uns das Finale der Frauen-Fußballweltmeisterschaft angesehen, Anpfiff 18 Uhr zur besten Sendezeit. Unser Jüngster ist jetzt fünf Jahre alt und fängt an, sich für Fußball zu interessieren. Klar, dass er die Frauen in den blauen Trikots unterstützte, nicht nur, weil das seine Lieblingsfarbe ist, sondern auch, weil seine Mutter Engländerin ist. »Football’s coming home« brachte meine Frau unseren Kindern vor dem Spiel bei. Well, beinahe. Die »Lionesses«, die Löwinnen, wie das Team im Vereinigten Königreich genannt wird, müssen es in vier Jahren erneut versuchen. »So ein Mist«, schimpfte unser Fünfjähriger – warum auch immer auf Deutsch. Wir schalteten den Fernseher aus und trösteten ihn.
Was er nicht mehr mitansehen musste, war die Siegerinnenehrung. Und die Bilder eines erzwungenen Kusses, über den nun die Welt diskutiert. Nur Minuten nach dem gewonnenen WM-Finale presste der spanische Verbandspräsident Luis Rubiales der Spielerin Jennifer Hermoso ungefragt seine Lippen auf den Mund. Einfach so – von Reue zunächst keine Spur, die Entschuldigung ließ einige Zeit auf sich warten.
Mein Kollege Steffen Lüdke nimmt den skandalumwitterten Funktionär genauer unter die Lupe , »der für all das steht, was Spanien nicht mehr sein will«, wie Steffen schreibt, »ein Macho, ein sogenannter baboso, ein aggressiver Lustmolch, der Frauen ungefragt und ungewollt Küsse aufzwingt«. Die Diskussion berühre das spanische Selbstbild als progressive Gesellschaft, sagt Steffen. Es gehe nur noch vordergründig um Rubiales; verhandelt werde längst auch die Frage, ob so ein Mann im heutigen Spanien seinen Job behalten könne.
Lesen Sie hier mehr: Spaniens letzter Macho
3. Die Weltordnung der Ziegelsteine
Angefangen hat alles mit einem Aufsatz: »The World Needs Better Economic BRICs«, schrieb Jim O’Neill im November 2001. Damals war er Chefökonom der Investmentbank Goldman Sachs, und er hatte über Schwellenländer sinniert, wie so viele seiner Kollegen auch. Doch O’Neill erfand ein Akronym, mit dem er die wichtigsten aufstrebenden Staaten zusammenfasste: Brasilien, Russland, Indien und China – kurz Bric, was klingt wie das englische »brick«, also Ziegelstein. Keine fünf Jahre nach O’Neills Wortspiel trafen sich die Außenminister der vier Länder gemeinsam in New York. Und 2009 tagten dann die Ziegelsteinstaaten zum ersten Mal offiziell in Jekaterinburg. Seitdem kommen die Staats- und Regierungschefs jedes Jahr zusammen. Insgesamt sind es nun fünf Teilnehmer, 2010 trat Südafrika dem Klub bei.
In Johannesburg beginnt nun am Dienstag das 15. Jahrestreffen . Wobei einer der Staatschefs fehlt, der russische Präsident. Denn: Sollte Wladimir Putin südafrikanischen Boden betreten, liefe er Gefahr, festgenommen zu werden, der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag hat einen Haftbefehl erlassen. »Die südafrikanische Regierung hätte Putin und den alten Freund Russland gern willkommen geheißen. Präsident Cyril Ramaphosa bat den Strafgerichtshof gar um eine Ausnahmeregelung. Später wurde diskutiert, ob Südafrika aus dem IStGH austreten könne oder ob sich der Haftbefehl per Gesetzesänderung aushebeln ließe. Genützt hat es nichts«, schreiben meine Kollegen Christina Hebel und Fritz Schaap, die den Gipfel beobachten .
Stattdessen ist Außenminister Sergej Lawrow nach Südafrika gereist, Putin wird sich virtuell zuschalten. Aber auch ohne russischen Präsidenten lohnt es sich, genau hinzuschauen, was die fünf Staaten besprechen. »Es ist signifikant, wenn Nationen dieser Größe und zunehmenden Machtfülle zusammenkommen und sich darüber austauschen, nach welchen Prinzipien die Welt in ihren Augen funktionieren sollte«, sagte der indische Außenpolitikexperte Manoj Kewalramani meinen Kollegen. Recht hat er.
Lesen Sie hier mehr: Die Möchtegern-Herausforderer
Was heute sonst noch wichtig ist
Gemeinden verzeichnen erneut Rekordeinnahmen aus der Gewerbesteuer: Im Jahr 2022 erreichten Gewerbesteuereinnahmen einen neuen Höchststand: In Summe waren es fast 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur ein Bundesland muss ein Minus von 3,8 Prozent verbuchen.
Saudi-arabische Grenzbeamte sollen Hunderte Migranten getötet haben: Mit Waffengewalt gehen saudi-arabische Grenzbeamte gegen Migranten vor. Laut Human Rights Watch wurden in den vergangenen Monaten Hunderte Menschen erschossen. Augenzeugen berichten von Leichenbergen.
Angepasste Coronaimpfstoffe offenbar ab September verfügbar: Sie sollen auch neue Varianten ausschalten können: Mehrere Hersteller arbeiten an angepassten Impfstoffen gegen das Coronavirus. Die ersten Lieferungen könnten schon bald eintreffen.
Erneut Erdöl in Südhessen gefunden: Nur ein kleiner Anteil des hierzulande verbrauchten Erdöls stammt aus Deutschland. Im hessischen Riedstadt wurde jetzt welches entdeckt – »leicht, schwefelarm und reich an wertvollen Inhaltsstoffen«.
Wirtschaftsministerium schöpft weniger Übergewinne ab als gedacht: Mit der Übergewinnsteuer hatte die Bundesregierung die Beutelschneiderei von Unternehmen verhindern wollen. Jetzt stellt sich heraus: So unfassbar groß war der Sonderprofit gar nicht.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Vergebener Elfmeter: Die Union ist gegen die Cannabispläne der Ampel, doch die CDU bleibt seltsam still – dabei hat das Thema Potenzial, konservative Wähler zu mobilisieren. Woher rührt die Zurückhaltung?
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Wie die Bundesagentur für Arbeit mit KI gegen die Verwaltungsflut kämpft: Revolution in der Trutzburg: Künstliche Intelligenz soll der Bundesagentur für Arbeit helfen, schneller und effizienter zu werden. Doch die Modernisierung ist ein Kraftakt – für die Bürokratie gelten eigene Regeln .
Alles muss raus? Oder auch nicht: Drei Muttermale wollte mir die Ärztin entfernen. Der nächste Arzt bewertete sie als harmlos. Wie oft passiert so etwas? Wie gut ist die Datenlage dazu überhaupt? Und wie erkenne ich ein gutes Screening?
Das Erbe des Ajatollahs: Der schiitische Kleriker Ali al-Sistani ist als Iraner zum mächtigsten Mann im Irak aufgestiegen und hat dabei vieles richtig gemacht. Nun ist er mehr als 90 Jahre alt. Was würde sein Tod für die Region bedeuten?
Was heute weniger wichtig ist
»Weiße Frau« am Straßenrand: Um kurz nach Mitternacht gingen am Montagmorgen bei der Polizei im oberbayerischen Ebersberg besorgte Anrufe ein. Im Forst sei eine in ein weißes Nachthemd gehüllte Person unterwegs, hieß es. Und tatsächlich: Die Beamten trafen eine verkleidete 17-Jährige an, die gemeinsam mit ihren Freunden im Wald spukte. Der Erzählung nach soll an der Hubertuskapelle im Ebersberger Forst eine verunglückte Frau die Schuldigen für ihren Tod suchen. »Die Legende ist bei uns bekannt«, sagte eine Polizeisprecherin recht trocken. Die Polizei erteilte den Jugendlichen einen Platzverweis.
Mini-Hohlspiegel
Aus dem »Offenburger Tageblatt«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Illustration: Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Für mich in Peking bedeutet dieser Newsletter Nachtarbeit. Die Lage am »sehr späten Abend« müsste es wohl korrekt heißen. Wenn Sie diese Zeilen lesen, liege ich längst im Bett. Sie aber haben noch den Abend vor sich. Das Wetter ist, soweit ich das aus rund 7500 Kilometer Entfernung beurteilen kann, ziemlich gut in Deutschland. Für den Moment ist der Sommer zurück. Gehen Sie raus. Ich werde es morgen nachholen, wenn der Smog nicht allzu dicht sein sollte.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.
Herzlich
Ihr Christoph Giesen, Korrespondent