SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Dezember 2016, 08:09 Uhr

Die Lage am Samstag

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt keinen schöneren Beruf als den des Journalisten. Der ständige Wechsel zwischen Recherche und Schreiben, all die Begegnungen und Themen, die Textarbeit, das Blattmachen und folglich diese ganze, so aufregend vielseitige Arbeit am Projekt Aufklärung: Das alles kann beglückend sein. Und dann gibt es, hier beim SPIEGEL, auch noch Wochen wie diese.

Football Leaks also. Die Geldmeister. Die Welt des Profifußballs nicht mehr im Glanz des Flutlichts, sondern von innen her ausgeleuchtet.

Monatelang hatten wir uns vorbereitet. Zusammen mit elf anderen Medienhäusern hatten wir das Investigativ-Netzwerk EIC gegründet, dessen Sinn es ist, internationale Recherchen zu organisieren und zu perfektionieren. Unsere IT, allen voran der Kollege Stephan Heffner, hatte uns Journalisten in die Lage versetzt, gewaltige Datenmengen rasant zu sichten und zu bearbeiten; ein von der Außenwelt abgeschotteter Raum mit Hochsicherheitsrechnern wurde eingerichtet.

Der Kollege Rafael Buschmann hatte den Kontakt zu John, dem Whistleblower, aufgebaut und das Material herbeigeschleppt: 1,9 Terabyte Daten oder 18,6 Millionen Dokumente (was rund 500.000 Bibeln entspricht). Wir stellten unser Team zusammen: Die Redakteure Jürgen Dahlkamp, Christoph Henrichs, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl und Michael Wulzinger stiegen ein, die Dokumentare Kurt Jansson, Andreas Meyhoff und Nicola Naber kamen hinzu. Wir teilten das Material mit unseren EIC-Partnern, über wöchentliche Videokonferenzen und bei Treffen in Hamburg, Mechelen, Paris, Lissabon und wieder Hamburg koordinierten wir Recherchen und Veröffentlichungen.

In dieser Woche nun beginnen wir unsere Serie. Es wird darin um die mafiöse Macht der Spielerberater gehen, deren einziges Ziel Gewinnmaximierung ist; Moral oder Vereinstreue, auch so naive Gemütszustände wie Zufriedenheit spielen keine Rolle für sie, weil stets der nächste Vertrag her muss, frisches Geld, mehr Geld. Es wird um diese Verträge gehen, in denen Unvorstellbares geregelt wird, vor allem aber der nächste Transfer und die Frage, wer wie viel daran verdienen wird. Um Vereine wird es natürlich gehen, die so tun, immer noch, als trügen sie zum Gemeinwohl bei, obwohl das Gegenteil zutrifft. Und zuerst, in der Titelgeschichte dieser Woche, geht es um Briefkastenfirmen und Offshore-Konten, um Steuertricks also, es geht um die beiden Titelhelden Cristiano Ronaldo und Mesut Özil, um den Trainer José Mourinho und andere.

Im Video: Wie die Millionen Dokumente durchsucht wurden

Der Kollege Buschmann sagt übrigens, Football Leaks zeige, "wie gierig und entfesselt die ganze Branche ist". Noch knapper formuliert: Das Spiel ist krank.

Natürlich kann ich Ihnen, wie immer, analytische, unterhaltende, essayistische Texte aus dem neuen SPIEGEL ans Herz legen: David Remnick, Chefredakteur des "New Yorker", erklärt die USA und den Sieg Donald Trumps. Im Wissenschaftsteil ergründen Forscher, was Form und Linien unserer Hände über uns verraten. Und Hans Magnus Enzensberger schreibt über den Tod Fidel Castros; vor vielen Jahren wettete er mit Castro, wer länger leben werde, und heute, so Enzensberger, 87, empfinde er "komischerweise keine Triumphgefühle. Meine Rachsucht ist im Laufe der Jahre erloschen".

Es geht in diesem Heft aber vor allem um Investigatives. Am vergangenen Dienstag enthüllten Fidelius Schmid, Jörg Schindler und Martin Knobbe, dass sich ein mutmaßlicher islamistischer Maulwurf in den Verfassungsschutz eingeschlichen hatte. Im neuen Heft beantworten die drei Kollegen die wesentliche Frage: Wie kam es, dass der durchaus verhaltensauffällige Roque M. überhaupt eingestellt wurde?

Die Nachrichten dieser Nacht:

Gewinner des Morgens...

... ist der Whistleblower an und für sich. Der Whistleblower ist ein Überzeugungstäter, weil er sich sicher ist, dass Unrecht geschehe, welches zu enthüllen sei. Er riskiert viel, Mut gehört zwingend zu seinem Wesen. Er ist nur selten ein netter Mensch, oft ist Täuschung Teil seiner Handlungen, oft lügt er, muss er lügen (so sieht jedenfalls er es), oft bricht er geltendes Recht, und die Frage, ob das, was er erreichen will, tatsächlich ein höheres Gut als das geltende Recht ist, beantworten niemals alle Seiten gleich. Ist Edward Snowden Verräter oder Held? Und Julian Assange? In einer Diktatur wie Erdogans Türkei, in den vielen Staaten Osteuropas, in denen Medien nicht frei sind, und auch in der geschlossenen Gesellschaft des Profifußballs braucht es Whistleblower, damit es hier und dort Kontrolle geben kann. Und Aufklärung.

Ihnen eine vergnügliche und erkenntnisreiche Lektüre, herzlich

Ihr Klaus Brinkbäumer

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung