Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es gibt keinen schöneren Beruf als den des Journalisten. Der ständige Wechsel zwischen Recherche und Schreiben, all die Begegnungen und Themen, die Textarbeit, das Blattmachen und folglich diese ganze, so aufregend vielseitige Arbeit am Projekt Aufklärung: Das alles kann beglückend sein. Und dann gibt es, hier beim SPIEGEL, auch noch Wochen wie diese.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 49/2016
Die Geldmeister

Football Leaks also. Die Geldmeister. Die Welt des Profifußballs nicht mehr im Glanz des Flutlichts, sondern von innen her ausgeleuchtet.

Monatelang hatten wir uns vorbereitet. Zusammen mit elf anderen Medienhäusern hatten wir das Investigativ-Netzwerk EIC gegründet, dessen Sinn es ist, internationale Recherchen zu organisieren und zu perfektionieren. Unsere IT, allen voran der Kollege Stephan Heffner, hatte uns Journalisten in die Lage versetzt, gewaltige Datenmengen rasant zu sichten und zu bearbeiten; ein von der Außenwelt abgeschotteter Raum mit Hochsicherheitsrechnern wurde eingerichtet.

Der Kollege Rafael Buschmann hatte den Kontakt zu John, dem Whistleblower, aufgebaut und das Material herbeigeschleppt: 1,9 Terabyte Daten oder 18,6 Millionen Dokumente (was rund 500.000 Bibeln entspricht). Wir stellten unser Team zusammen: Die Redakteure Jürgen Dahlkamp, Christoph Henrichs, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl und Michael Wulzinger stiegen ein, die Dokumentare Kurt Jansson, Andreas Meyhoff und Nicola Naber kamen hinzu. Wir teilten das Material mit unseren EIC-Partnern, über wöchentliche Videokonferenzen und bei Treffen in Hamburg, Mechelen, Paris, Lissabon und wieder Hamburg koordinierten wir Recherchen und Veröffentlichungen.

In dieser Woche nun beginnen wir unsere Serie. Es wird darin um die mafiöse Macht der Spielerberater gehen, deren einziges Ziel Gewinnmaximierung ist; Moral oder Vereinstreue, auch so naive Gemütszustände wie Zufriedenheit spielen keine Rolle für sie, weil stets der nächste Vertrag her muss, frisches Geld, mehr Geld. Es wird um diese Verträge gehen, in denen Unvorstellbares geregelt wird, vor allem aber der nächste Transfer und die Frage, wer wie viel daran verdienen wird. Um Vereine wird es natürlich gehen, die so tun, immer noch, als trügen sie zum Gemeinwohl bei, obwohl das Gegenteil zutrifft. Und zuerst, in der Titelgeschichte dieser Woche, geht es um Briefkastenfirmen und Offshore-Konten, um Steuertricks also, es geht um die beiden Titelhelden Cristiano Ronaldo und Mesut Özil, um den Trainer José Mourinho und andere.

Im Video: Wie die Millionen Dokumente durchsucht wurden

Der Kollege Buschmann sagt übrigens, Football Leaks zeige, "wie gierig und entfesselt die ganze Branche ist". Noch knapper formuliert: Das Spiel ist krank.

Natürlich kann ich Ihnen, wie immer, analytische, unterhaltende, essayistische Texte aus dem neuen SPIEGEL ans Herz legen: David Remnick, Chefredakteur des "New Yorker", erklärt die USA und den Sieg Donald Trumps. Im Wissenschaftsteil ergründen Forscher, was Form und Linien unserer Hände über uns verraten. Und Hans Magnus Enzensberger schreibt über den Tod Fidel Castros; vor vielen Jahren wettete er mit Castro, wer länger leben werde, und heute, so Enzensberger, 87, empfinde er "komischerweise keine Triumphgefühle. Meine Rachsucht ist im Laufe der Jahre erloschen".

DPA

Es geht in diesem Heft aber vor allem um Investigatives. Am vergangenen Dienstag enthüllten Fidelius Schmid, Jörg Schindler und Martin Knobbe, dass sich ein mutmaßlicher islamistischer Maulwurf in den Verfassungsschutz eingeschlichen hatte. Im neuen Heft beantworten die drei Kollegen die wesentliche Frage: Wie kam es, dass der durchaus verhaltensauffällige Roque M. überhaupt eingestellt wurde?

Die Nachrichten dieser Nacht:

Gewinner des Morgens...

... ist der Whistleblower an und für sich. Der Whistleblower ist ein Überzeugungstäter, weil er sich sicher ist, dass Unrecht geschehe, welches zu enthüllen sei. Er riskiert viel, Mut gehört zwingend zu seinem Wesen. Er ist nur selten ein netter Mensch, oft ist Täuschung Teil seiner Handlungen, oft lügt er, muss er lügen (so sieht jedenfalls er es), oft bricht er geltendes Recht, und die Frage, ob das, was er erreichen will, tatsächlich ein höheres Gut als das geltende Recht ist, beantworten niemals alle Seiten gleich. Ist Edward Snowden Verräter oder Held? Und Julian Assange? In einer Diktatur wie Erdogans Türkei, in den vielen Staaten Osteuropas, in denen Medien nicht frei sind, und auch in der geschlossenen Gesellschaft des Profifußballs braucht es Whistleblower, damit es hier und dort Kontrolle geben kann. Und Aufklärung.

Ihnen eine vergnügliche und erkenntnisreiche Lektüre, herzlich

Ihr Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer auf Facebook

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Badischer Revoluzzer 03.12.2016
1. Warum, bitte schön,
soll es im Fußball, Sport anders zugehen als in der Industrie oder Politik? Überall ist viel Geld im Spiel. Überall lockt die Illegalität. Mich regt das nicht mehr auf.
verbal_akrobat 03.12.2016
2. Es gibt Berufsgruppen
in denen ein solches Verhalten schwerwiegender ist. Beim Profifussball ist es "nur" die Vorbeildfunktion die "den bach runter geht". Bei Wirtschaftsmagnaten, Politikern, Angehörigen der Judikative steht da unter anderem noch mehr auf dem Spiel. Komisch, von denen kriegt man da diesbezüglich nichts mit?! Sind die alle sauber (lach), machen die ihre schmutzigen Geschäfte besser/verdeckter oder traut man sich an "die" nicht dran?! Egal, jeder der erwischt wird muss nachzahlen plus Strafe und bei Herrn Höneß sich ein paar gute Tips abholen... (gähn)
jakam 03.12.2016
3.
Das System an sich ist krank, die Spieler verdienen viel zu viel. Völlig jenseits verständlicher Summen, genau wie Topmanager. Keine Arbeit ist so lächerlich viel Geld wert. Zudem...Arbeit....klar, viel Training, dennoch Spaß letzten Endes im Vergleich zu ätzenden Bürojobs.
sverris 03.12.2016
4. War doch klar
Ich schau mir seit Jahren keinen Profisport mehr an, und sehe mich immer wieder bestätigt. Alles geht nur noch um Geld, und dann wirds immer wieder auch derart korrupt. Offenbar sind die Strafen für sowas noch immer viel zu niedrig. Dank an die Journalisten, die hier so wichtige Recherche betreiben.
hnxrogue 03.12.2016
5. Jetzt mal ehrlich,
wer würde das nicht machen, wenn sich ihm die Möglichkeit dazu bieten würde? Noch dazu es zwar moralisch zu verurteilen, rechtlich jedoch einwandfrei ist! Über die Jahrzehnte ist ein Steuersystem entstanden, dessen Komplexität in seiner Gesamtheit schlichtweg nicht mehr zu durchschauen ist, nicht mal von den Profis. Und wer das nötige Kleingeld hat, beschäftigt eben die Besten, um das ganze auszuhebeln. Diese Lösungen nennen wir dann, wie auch in der Finanzbranche, euphemistisch 'kreativ'. Alles was ich sehe, sind Menschen, die, so wenig es mir auch gefällt, menschliches tun. Wann und aus welcher Partei kommt der Politiker, der das eigentliche Problem angehen will (Und damit, traurige Wahrheit, politischen Selbstmord begeht)? Diese Partei würde dann auch ich wählen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.