Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Ist bei der EM die Zeit stehen geblieben?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Katholische Kirche – Warum lehnt der Papst das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx ab?

  2. Digitaler Impfnachweis – Gute Nachrichten von Jens Spahn?

  3. Fußball-EM – Warum heißt die Euro 2021 offiziell Euro 2020?

1. Franziskus Ohnmachtswort

»Mach weiter«: Der Papst hat das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx abgelehnt, wie aus einem Brief hervorgeht, der heute öffentlich wurde. »Genau das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising«, schreibt Franziskus. »Ich stimme Dir zu, dass wir es mit einer Katastrophe zu tun haben: der traurigen Geschichte des sexuellen Missbrauchs und der Weise, wie die Kirche damit bis vor Kurzem umgegangen ist.«

Meine Kollegin Annette Langer kommentiert den Beschluss so: »Die Reaktion des Pontifex ist passiv, defensiv, geprägt von theologischer, machtpolitisch notwendiger, vielleicht auch altersbedingter Milde, die das Problem erkennt, aber nicht angeht.« Während Marx von einem »toten Punkt« spreche, an dem die Kirche angekommen sei, verlängere der Pontifex nun das Sterben.

2. Spahns Passworte

Endlich hat Jens Spahn mal etwas Gutes zu verkünden, wenigstens für den Moment kann der Gesundheitsminister von der CDU all die Berichte über »Murksmasken« (»Bild am Sonntag«) hinter sich lassen und verkünden: Der digitale Impfnachweis kommt. Bis Ende Juni solle der CovPass für alle zur Verfügung stehen. »Wir halten hier Wort«, sagt Spahn.

»Das Deutscheste am digitalen Impfnachweis ist, dass sehr viele Menschen ihn per Briefpost erhalten werden«, sagt mein Kollege Patrick Beuth aus unserem Netzwelt-Ressort . »Und dass man ihn nicht auf digitalem Wege beantragen kann.« Aber immerhin: »Er wird ab sofort verteilt, auch wenn es noch Wochen dauern wird, bis alle Impfzentren, Arztpraxen und Apotheken dazu in der Lage sind.« Auf welchem Weg man den Nachweis erhält und was man dafür tun muss, hängt davon ab, wo man geimpft wird oder bereits wurde.

Verdienen werden am digitalen Impfpass wohl auch die Apotheker, wie mein Kollege Alex Preker berichtet. »Rund 19 Millionen Menschen sind in Deutschland bereits vollständig geimpft und haben dafür eine Bestätigung auf Papier erhalten«, schreibt er. »Um die Digitalisierung dieses Zertifikats sollen sich auch Apothekerinnen und Apotheker kümmern.« Mit der Ausstellung der benötigten QR-Codes hat das Bundesgesundheitsministerium damit genau jene Berufsgruppe mitbeauftragt, die bereits bei der Bereitstellung der FFP2-Masken im Frühjahr laut Bundesrechnungshof »eine deutliche Überkompensation« aus Steuermitteln erstattet bekam. Nun sei erneut eine üppige Vergütung für sie vorgesehen: 18 Euro pro QR-Code. (Hier mehr.)

3. Ein Fluxkompensator namens Uefa

Morgen beginnt sie also, diese Fußball-Europameisterschaft 2021, die von der Pandemie im vergangenen Jahr zur Wiedervorlage verdammt wurde. Offiziell heißt das Turnier aber weiterhin Uefa Euro 2020. Entweder, These eins, sorgt sich der Fußballverband um das Seelenheil des Kontinents und will wenigstens die wohlige Illusion erzeugen, es habe das Coronajahr nie gegeben. Oder, These zwei, die Uefa wollte nicht all die Stofftiere, Aufkleber, Sammelbilder, T-Shirts, Kugelschreiber und sonstigen Fanartikel wegschmeißen, auf denen schon das Logo mit der alten Jahreszahl prangte.

Zu These zwei zwei Unterthesen: Entweder treibt die Uefa eine Sorge um die Umwelt an und ein neu entdeckter Nachhaltigkeitsgeist. Oder sie handelt aus einer Marketinglogik heraus, die sich über die Grenzen der Logik, Semantik und Raumzeit hinwegzusetzen versucht und aus der heraus auch ich eigentlich nicht sagen dürfte, ich arbeite beim Spiegel, sondern beflissen bekennen müsste: »Ich arbeite bei DER SPIEGEL.«

Mein Kollege Peter Ahrens aus dem DER SPIEGEL-Sportressort vermutet, die Verantwortlichen hätten »in einem Anfall von Restverstand, der in diesen Verbänden nicht unbedingt selbstverständlich ist, beschlossen, die Fanartikel nicht alle einzustampfen, sondern einfach die ganze Veranstaltung mit dem alten Namen ein Jahr später durchzuziehen«. Er sagt: »Marty McFly wäre stolz auf die Uefa, sie macht ihre EM 2020 einfach in einem anderen Jahr und braucht dafür nicht einmal einen Fluxkompensator.« Ganz vielleicht ging's auch um die Kosten.

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Zum Sport selbst: Mein Kollege Danial Montazeri präsentiert hier die große Spiegel-Rangliste , Verzeihung, die DER SPIEGEL-Rangliste zur UEFA EURO 2020. Sie zeigt, wer das Zeug zur Überraschungsmannschaft hat. Und wie gut die deutsche Elf wirklich ist. Denn eins ist klar: Sportlich hoffen viele Fans, 2020/2021 ein neues 1996 zu erleben. Musikalisch ist ein Neunziger-Revival garantiert – Bono von U2 singt den EM-Song. 

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Warum musste die fünfjährige Nahla sterben?

»Lieblingsgeschichte« klingt als Kategorie schief für den Text meiner Kollegin Maria Stöhr, aber wenig Geschichten haben mich in den vergangenen Wochen so berührt. Maria schreibt über das fünfjährige Mädchen Nahla, das in Syrien ums Leben gekommen ist, nachdem es von seinem Vater über Wochen angekettet worden war und Hunger gelitten hatte.

»Bei der Recherche habe ich mich gefragt: Warum ist niemand eingeschritten, um dem Mädchen zu helfen? Warum hat niemand den Vater gestoppt?«, erzählt Maria. »Es gibt Videos von ihr, Fotos. So viele Menschen haben gewusst, wie schlecht es Nahla geht.« Sie sprach mit dem Leiter des Flüchtlingscamps, in dem Nahlas Familie seit drei Jahren im Zelt lebt. Er sagte: »Niemand hier kann es sich leisten, Verantwortung zu übernehmen.« Das sei keine Ausrede, sondern die Folge aus zehn Jahren Bürgerkrieg. »Die Menschen dort haben keine Perspektive, sie leiden Hunger«, sagt Maria. »Sie schaffen es nicht außer Landes, die Grenzen zur Türkei sind zu; selbst Kinder quälen sich mit Suizidgedanken.«

Es ist eine Geschichte, die leider wenig hoffen lässt. Hier finden Sie den Text.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Gart, aber herzlich

Gart, aber herzlich

Foto:

Ben Knabe / ZDF

  • Herd-Affinität: Jan Böhmermann, 40, bekommt seine eigene Kochshow mit dem Titel »Böhmi brutzelt«, wie das ZDF ankündigte. Die Reihe werde gerade in Köln produziert und ab Ende Juli ausgestrahlt. Als Gäste kommen demnach die Moderatorin Aminata Belli, 29, die Tänzerin Motsi Mabuse, 40, die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, 33, der Starpianist Igor Levit, 34, der Entertainer Riccardo Simonetti, 28, sowie Rapper und Musikproduzent Xatar, 39. In seinem Podcast »Fest und Flauschig« erzählte der Moderator, er sehe sich in der Tradition Alfred Bioleks in seiner Sendung »Alfredissimo«: »Reinkommen, räuspern, ich knall mir in der ersten Minute zwei Kölsch rein.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Für Milliardäre«, sagte der Okönom Zucman der »New York Times«, »ist die Einkommensteuer, das Fundament des US-Steuerwesens, eine freiwillige Steuer geworden.« 

Cartoon des Tages: Post vom Finanzamt

Foto: plassmann / Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meiner Kollegin Carola Padtberg aus unserem Kulturressort folgen und in der Arte-Mediathek den Zweiteiler »Lost Women Art – ein vergessenes Stück Kunstgeschichte«  gucken. »Wenn man Menschen auf der Straße nach den zehn bekanntesten Künstlern der Welt fragt, wird niemand auch nur eine Künstlerin nennen«, heißt es in der Doku. Die Filmemacherin Susanne Radelhof fragt: Weshalb ist das so? Warum finden sich in den ständigen Sammlungen der Museen so wenig Werke von Frauen, nämlich nur etwa fünf Prozent?

»Es gab und gibt so viele innovative, wegweisende Künstlerinnen, die einfach nur deshalb nicht berühmt sind, weil sie sich nicht so gut vermarkten konnten wie Männer, oder nicht so aggressiv auftraten. Diese Doku holt einige dieser Frauen ans Licht«, sagt Carola.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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