Janko Tietz

Die Lage am Abend Haben wir jetzt Gasspeicher-Inzidenzen?

Janko Tietz
Von Janko Tietz, Ressortleiter Deutschland/Panorama

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Treffen bei G20 – Was bringt die Paartherapie von Joe Biden und Xi Jinping?

  2. Mehr als 100 Prozent – Warum sind wir trotz voller Gasspeicher nicht sicher?

  3. Schicksal des »Wagner«-Söldners Jewgenij Nuschin: Gab es einen Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland?

1. Rosenkrieg abgewendet?

Ermutigende Signale gehen von Bali aus. Auf der indonesischen Ferieninsel begann am Dienstag der G20-Gipfel der führenden Industrie- und Schwellenländer. Es treffen befreundete Staats- und Regierungschefs aufeinander, aber auch jene, die sich seit Jahren misstrauisch beäugen oder gar verfeindet sind. So kam es zum ersten Spitzentreffen zwischen China und Australien seit sechs Jahren. Staats- und Parteichef Xi Jinping und Premierminister Anthony Albanese haben versucht, »Schwierigkeiten« in den Beziehungen, »die wir nicht sehen möchten«, zu überwinden, wie Xi das nannte.

Schon am Vorabend aber kam es zu einem Treffen, das mit viel mehr Spannung erwartet wurde. Und die letzte Begegnung der beiden liegt auch schon mehr als fünf Jahre zurück: Xi Jinping und Joe Biden, damals US-Vize-, heute Präsident, verzogen sich mehr als drei Stunden zu einem Vieraugengespräch . Wäre die Beziehungen beider Länder eine Ehe, würde man sagen, sie steht kurz vor der Scheidung, anschließender Rosenkrieg inklusive: Erst ein Gezerre um Zölle beim Handel, dann die Pandemie und Schuldzuweisungen, zuletzt die Muskelspiele in der Meerenge, die oft einfach Taiwanstraße heißt, und die Frage, wer das Territorium für sich beanspruchen darf. Man hatte sich mehr als nur auseinandergelebt.

Doch offenbar rangen sich Xi und Biden dazu durch, es mit einer Paartherapie zu versuchen. »Wir waren ausgesprochen offen miteinander«, sagte Biden nach dem Gespräch mit Xi. Einen »zweiten Kalten Krieg« werde es nicht geben, beteuerte der US-Präsident. Die Welt sei groß genug, »damit beide Länder gemeinsam blühen.« Xi bekannte sich laut dem US-Präsidenten zu dem Satz, dass nukleare Kriege »nicht geführt und nicht gewonnen werden« können. Das klingt nicht nach neu entfachter Liebe, aber immerhin nach einem Bekenntnis zu friedlicher Koexistenz – man weiß, was man aneinander hat und das man einander braucht.

Ob auch im Umgang mit Russland komplette Einigkeit herrschte, kann man bezweifeln. Dennoch gelang es Biden und anderen westlichen Staatslenkern offenbar, China auch hier einzuhegen. Eine Kuriosität bei solchen Gipfeln ist ja, dass es durch die Vorarbeit emsiger Emissäre und Diplomaten bereits eine vorformulierte Abschlusserklärung gibt, bevor die Veranstaltung überhaupt begonnen hat. Morgen soll sie veröffentlicht werden, im Entwurf steht der bezeichnende Satz: »Die meisten Mitglieder verurteilten den Krieg in der Ukraine aufs Schärfste und betonten, dass er enormes menschliches Leid verursacht und bestehende Schwächen in der globalen Wirtschaft noch verstärkt«. Ein Satz wie eine Ohrfeige für Putin, schreiben meine Kollegen Martin Knobbe und René Pfister, die für den SPIEGEL vor Ort sind.

Welche Mitglieder das genau sind, bleibt offen, doch Russlands bisherige Unterstützer wie China und Indien verzichteten darauf, dieses Papier zu blockieren. Selbst Moskau will die Erklärung mittragen – weil darin ausdrücklich betont wird, dass nicht alle G20-Länder die Verurteilung teilen. Für die russische Regierung war Außenminister Sergej Lawrow anwesend. Noch im März ließ Russlands Machthaber Wladimir Putin verkünden, er wolle selbst zu dem Gipfeltreffen reisen. »Es hängt von der Lage ab. Er hat aber die Absicht, zum G20-Treffen zu kommen«, sagte damals die russische Botschafterin in Indonesien. Offenbar ist Putins Lage gerade nicht so gut.

2. Sind Gasfüllstände die neuen Inzidenzen?

Am Mittag schrieb mir ein früherer Kommilitone, »Gasspeicherfüllstände sind die neuen Inzidenzen.« Diplomatisch formuliert: Er ist keiner, der mit der Berichterstattung des SPIEGEL und anderer großer Medien immer einverstanden ist, weder bei Corona, noch jetzt während der Energiekrise. Aber offenbar verfolgt er sehr genau, worüber wir schreiben. Und so registrierte er fast minutengenau unsere Meldung, wonach die deutschen Gasspeicher nun komplett gefüllt sind. Aus Daten des europäischen Gasspeicherverbandes GIE geht hervor, dass am Montagmorgen in den Speichern 245,44 Terawattstunden Erdgas registriert wurden, was 100,02 Prozent entspricht.

Bevor der Ex-Kommilitone nun wieder gelenkte Berichterstattung wittert und SED-Verhältnisse vermutet (mehr als 100 Prozent?), hier die Erklärung: Das ausgewiesene Arbeitsgasvolumen gibt nur die gesicherte Kapazität an. Die physikalischen Möglichkeiten der Speicher liegen aber teilweise darüber, sodass einige mehr Gas einspeichern könnten, so der Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller. In Belgien lag der Wert deshalb an diesem Montag sogar bei 118,2 Prozent.

Heißt das nun, dass wir die Heizungen wieder voll aufdrehen können? Keineswegs. Die Speicher gleichen lediglich Schwankungen beim Verbrauch aus – ein Puffersystem. Das Gas in den Speichern reicht in der Regel nicht aus, um den Bedarf im Winter zu decken. Bis zum Frühjahr nehmen die Füllstände dann ab. Am 1. Februar sollen sie laut Energiewirtschaftsgesetz noch zu 40 Prozent gefüllt sein. Es muss daher auch weiterhin Gas über Pipelines und LNG-Schiffe ins Land kommen. Für Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sind die LNG-Importe ein »zentraler Baustein für die Sicherung unserer Energieversorgung im kommenden Winter«. Und da gibt auch ein paar wunde Punkte. In Wilhelmshaven war heute zwar offizielle Fertigstellung für den LNG-Anleger, Mitte Dezember soll ein erstes voll beladenes Tank-Lagerschiff festmachen können. Doch ob es dazu kommt, ist fraglich. Denn wegen des Zeitdrucks wurden Planungsverfahren beschleunigt. Kritiker können nachträglich Widersprüche gegen die Vorhaben einreichen, und dass sie das tun, gilt als sicher. Vertreter mehrerer Umweltorganisationen befürchten durch die neuen Anlagen im Wasser mehr Stress für marine Ökosysteme.

Zudem könnten Ziele verfehlt werden. Über die beiden Wilhelmshavener Schwimmanlagen sollen 10 Milliarden Kubikmeter wiederverdampftes Gas pro Jahr umgeschlagen werden können. Auch für eine Anlage in Stade sind fünf Milliarden Kubikmeter vorgesehen. Doch die Planer des festen Terminals dort gingen bislang von etwa 13 Milliarden Kubikmetern aus. Für meinen früheren Kommilitonen heißt das, er wird weiter mit Meldungen über die Gasinzidenzen leben müssen und Sie wahrscheinlich damit, weiter die Heizung etwas zu drosseln.

3. Austausch gegen Tod?

Es ist ein Euphemismus, wenn der Gründer der privaten russischen Söldnereinheit »Wagner-Gruppe«, Jewgenij Prigoschin, immer wieder als »Putins Koch« bezeichnet wird. Dabei ist er weit mehr als ein Gastronom, der vor Jahren dem Präsidenten Wladimir Putin einmal persönlich das Essen servierte. In Wahrheit ist er ein Mann ohne Skrupel, ein Typ ohne Moral. Einer der Freiwilligen, die sich seiner Gruppe angeschlossen haben, um neben der russischen Armee in der Ukraine für Putin zu kämpfen, war Jewgenij Anatoljewitsch Nuschin, geboren 1967. Wobei auch hier »Freiwilliger« ein Euphemismus ist.

Nuschin saß als Häftling in der Strafkolonie Nr. 3 des Gebiets Rjasan südöstlich von Moskau ein. Er hatte nach eigenen Angaben als Teil einer Bande 1999 bei einer Schießerei einen Menschen getötet, einen weiteren verletzt, wofür er zu 24 Jahren Haft verurteilt wurde. Später kamen noch einmal vier weitere Jahre wegen versuchten Ausbruchs dazu. Die »Wagner-Truppe« hat in russischen Gefängnissen nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten bereits Tausende Häftlinge für den Ukrainekrieg angeworben, Nuschin war einer von ihnen. Dabei sind Söldnertruppen eigentlich per Gesetz in Russland verboten.

Nun wurde bekannt, dass ihn seine eigenen Kameraden bestialisch hingerichtet haben sollen. Offenbar, weil er in der Ukraine übergelaufen war und gegen die Russen kämpfte. Die Hinrichtung erinnere an die Methoden radikaler Islamisten wie der Terrororganisation »Islamischer Staat«, schreibt meine Kollegin Christina Hebel. Doch wie geriet Nuschin überhaupt in die Hände der »Wagner«-Leute, wenn er sich doch zuletzt in ukrainischer Gefangenschaft befand? Dort sogar interviewt wurde von einem Journalisten?

Die Frage ist ungeklärt, doch es gibt Anzeichen, dass die Ukraine den »Wagner«-Häftlingssoldaten gegen mehrere eigene Soldaten eingetauscht haben könnte. Genaue Angaben macht man in Kiew dazu auf Nachfragen des SPIEGEL nicht, sagt nur, dass Nuschin nicht freiwillig in Gefangenschaft geraten sei. In Moskau distanziert sich der Kreml (»Nicht unsere Angelegenheit«). Prigoschin bezeichnete den Videoclip, auf dem Nuschins Hinrichtung zu sehen ist, zunächst als eine »hervorragende Regiearbeit, die ich in einem Atemzug angesehen habe«. Sie müsse den Titel »Ein Hund verdient den Tod eines Hundes« tragen. Später schrieb er in einem Brief an den Generalstaatsanwalt, dass »Wagner« mit Nuschins Ermordung nichts zu tun habe.

Täglich gibt es Meldungen über Tote auf ukrainischer und russischer Seite, meist bleiben die Opfer anonym. Das Schicksal Nuschins verdeutlicht einmal mehr, wie barbarisch Krieg ist. »Krieg zerstört umfassend«, sagte Alt-Bundespräsident Gauck am Volkstrauertag am vergangenen Sonntag. »Er zerstört nicht nur die Wege, die Städte, die Häfen. Krieg zerstört den Menschen.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Internationale Energieagentur warnt vor großer Unsicherheit: Bald startet das Ölembargo gegen Russland, von dem sich die EU viel verspricht. Die Internationale Energieagentur ist jedoch besorgt: Der Druck auf die Dieselmärkte steige.

  • »Eine Kundin wünscht einen Bunker, 280 Quadratmeter groß, mit Garage und Kinderspielplatz«: Seit Russland die Ukraine überfallen hat, lassen sich immer mehr polnische Privatleute einen Bunker in den Garten graben. Konstrukteur Michał Lorek erklärt, was technisch möglich ist. 

  • Führungskräfte in Europa befürchten weitere Krisen: Entscheider in großen Unternehmen verlieren angesichts von Coronapandemie und Ukrainekrieg die Zuversicht: Laut einer Studie stellt sich eine Mehrheit für 2023 auf negative Szenarien ein. Ganz vorn im Ranking: eine Finanzkrise.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update.

Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Krawalle bei Protesten gegen Chinas Coronamaßnahmen: Chinas Behörden reagieren mit harten Maßnahmen auf wieder steigende Coronazahlen. In der Millionenmetropole Guangzhou kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, als eine Menschenmenge Straßensperren durchbrach.

  • Ehemalige Blackrock-Ökonomin wechselt ins Wirtschaftsministerium: Robert Habeck holt Verstärkung: Als erste Frau an der Spitze der Grundsatzabteilung soll sich Volkswirtin Elga Bartsch den Risiken des Klimawandels und Nachhaltigkeitsthemen widmen.

  • Der Gartenschläfer ist das Tier des Jahres 2023: In Deutschland lebt er in Parks und hält Winterschlaf, in Spanien stattdessen Siesta: Die Wildtierstiftung hat den gefährdeten Gartenschläfer zum Tier des Jahres 2023 ernannt. Was kann er – und was frisst er?

Meine Lieblingsgeschichte heute...

Foto: DER SPIEGEL

...ist die, die vorgelesen wird – also alle! Denn seit heute können Sie sich nicht nur einige wenige SPIEGEL-Geschichten vorlesen lassen, sondern sämtliche Texte, die auf SPIEGEL.de veröffentlicht werden – von der kleinen Meldung bis zur großen tagesaktuellen Reportage. Ich gebe zu, die Funktion haben wir nicht als Erste erfunden, auch die »Heidenheimer Zeitung« hat so was schon eine ganze Weile. Mithilfe einer Künstlichen Intelligenz (KI) werden Artikel automatisiert vertont. Aber ich kann Ihnen sagen: In so lebensechter Sprache wie bei uns habe ich das noch kaum irgendwo gehört. Viel Freude mit dem neuen, wie sagt man so schön, Feature (bitte keine Leserbriefe wegen dieses englischen Begriffs)!

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • China, Russland oder der Westen – in welchem Lager steht die Türkei? Die Türkei will von neuen Lieferketten profitieren – und wirbt um Investitionen aus der EU. Gleichzeitig unterhält das Land gute Kontakte zu Russland und China. Burak Dağlıoğlu sagt, wie das zusammenpasst .

  • »Der Kollaps des Systems ist schon da«: Die Kliniken schlagen Alarm – obwohl die Zahl der Coronapatienten auf den Intensivstationen zurückgeht. Die Häuser leiden unter Personalmangel und den strengen Pandemieregeln .

  • Das monströse Erbe mit dem roten Stern: Zur eigenen Verherrlichung ließen Bulgariens Kommunisten eines der markantesten Denkmäler Europas errichten – auf einem eisigen Berg im Balkangebirge. Seit der Wende verfällt das »Ufo«. Eine junge Architektin will es retten .

Was heute weniger wichtig ist

Hofnungsträger: König Charles III., 74, will die Prinzen Harry, 38, und Andrew, 62, offenbar als seine Vertreter kaltstellen. Beide nehmen keine offiziellen Aufgaben für die Königsfamilie wahr. Doch es könnte eine Situation entstehen, in der ihnen eine royale Rolle zufällt. Der König schlägt nun vor, seine Schwester Prinzessin Anne, 72, und seinen jüngsten Bruder Prinz Edward, 58, zu Counsellors of State zu machen. Das solle »gewährleisten, dass öffentliche Angelegenheiten wahrgenommen werden, wenn ich nicht verfügbar bin«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Chias Behörden reagieren mit harten Maßnahmen auf wieder steigende Corona-Zahlen.«

Cartoon des Tages: Abstand

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Wie wäre es mit einem Kinoabend? Ich bin spät dran, ich weiß, aber wenn Sie mögen, tun Sie es mir gleich und gehen in den Film »Mittagsstunde« mit Charly Hübner – sofern der Film bei Ihnen in einem Kino noch läuft. Ich gebe zu, ich bin großer Fan von Hübner. Seit er beim Polizeiruf 110 als Kommissar Bukow ausgestiegen ist, habe ich gewisse Entzugserscheinungen und nehme alles, wo er mitspielt. Sein aktueller Kinofilm basiert auf dem gleichnamigen Bestsellerroman von Dörte Hansen.

Er handelt vom Unidozenten Ingwer, der von der großen Stadt zu seinen »Ollen« aufs platte Land zieht, um ihnen beim Altwerden im Heimatdorf Brinkebüll im Nordfriesischen behilflich zu sein. »Der Takt des Dorfes, wenn man sich auf den einlässt, dann wird man zum Nichtstädter«, sagte Hübner zum Start des Filmes. »Man denkt nicht mehr jeden Tag über die Garderobe nach, man ist nicht mehr in diesen bürgerlichen Kommunikationsmechanismen, man hat relativ überschaubare Wege, da ist ganz viel Natur mit im Spiel.« Vielleicht liegt es an den Eindrücken meines Besuchs der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt am Wochenende, dass ich mich so auf diesen Film freue. Und sollte er bei Ihnen nicht mehr laufen, lesen Sie einfach Dörte Hansens Buch und sehen vor ihrem geistigen Auge Hübner, wie er auf dem Hof seiner Eltern »das Schweigen zwischen den Generationen« aufzubrechen versucht.

Einen schönen Abend mit Film oder Buch. Herzlich
Ihr Janko Tietz

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