Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die drei starken Signale der Ampel

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Gaspreisdeckel – wie will die Ampel die 200 Milliarden ausgeben?

  2. Pipeline-Lecks – welche Sprengkraft zerfetzte die Nord-Stream-Röhren?

  3. Porsche-Börsengang – was hätte Manfred Krug gesagt?

1. Drei Signale der Ampel

Bundesregierung einigt sich auf Gaspreisbremse – als sich die Eilmeldung auf mein Telefon schiebt, lese ich gerade den Satz: »Die Menschen trauen den etablierten Parteien nicht zu, ihre Probleme zu lösen.« Gesagt hat das der Historiker Luuk van Middelaar in einem Interview, das mein Kollege Maximilian Popp mit ihm über das neue Erstarken der Rechtspopulisten in Europa geführt hat (hier mehr ).

Als würde sie den Gegenbeweis antreten wollen, steht da nun diese Meldung, gelb unterlegt. Und ja, es ist ein starkes Signal, das die Ampelkoalition da sendet. Nein, es sind drei Signale:

  1. Wir helfen: Um Gas für Privatleute und Unternehmen bezahlbar zu halten, kommt die Preisbremse. Und die Gasumlage, die alle Verbraucher zusätzlich belastet hätte, kommt nicht. »Die Preise müssen runter, das ist unsere Überzeugung. Damit sie sinken, spannen wir einen großen Abwehrschirm«, sagte Olaf Scholz.

  2. Wir kleckern nicht, wir klotzen: 200 Milliarden wollen SPD, Grüne und FDP lockermachen. Er habe bei anderer Gelegenheit von einem Wumms gesprochen, sagte Scholz. »Man kann sagen, das hier ist ein Doppelwumms.« Und Finanzminister Christian Lindner ergänzte, Deutschland zeige hier seine »wirtschaftliche Schlagkraft«. Das Milliardenpaket sei die angemessene Reaktion auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine in Verbindung mit einem Energiekrieg gegen Deutschland (mehr zur möglichen Finanzierung hier .)

  3. Wir stehen zusammen, wenn es drauf ankommt: Scholz und Lindner traten gemeinsam mit Robert Habeck vor die Kameras, wobei der Kanzler über einen Bildschirm aus der Coronaquarantäne zugeschaltet wurde. In den vergangenen Wochen machten viele Ampelpolitiker von sich reden, indem sie in Interviews übereinander herzogen und gegeneinander stichelten. Jetzt Geschlossenheit und große Worte: »Es geht nicht nur darum, irgendwie durch diese Krise durchzukommen, sondern als starke und robuste Volkswirtschaft diese Zeit zu bestehen«, sagte Habeck. Das macht Hoffnung, auch wenn im Hintergrund wieder dieses albtraumhafte Ernst-Wilhelm-Nay-Gemälde hing (mehr zum Bild hier).

Eine Kommission arbeitet jetzt die Details aus. Sie sollte sich nicht allzu viel Zeit lassen. Das Geld in vielen Haushalten und Unternehmen wird knapp, die Reserven sind aufgebraucht. Und die Signale sollten nicht verblassen – wie Luuk van Middelaar sagt: »Abstiegsangst ist ein Motor für Populisten.«

2. Terror in der Tiefe

Das Auktionshaus Christie’s hat einen Aston Martin DB5 aus dem jüngsten James-Bond-Film »Keine Zeit zu sterben« für umgerechnet etwa 3,26 Millionen Euro versteigert – als Teil einer Auktion zum 60. Jubiläum der Reihe: »007 jagt Dr. No« kam im Herbst 1962 in die Kinos.

Fast lesen sich auch die ernsten Nachrichten in diesen Tagen, als hätte Ian Fleming sie einst im Whisky-Rausch geschrieben. Beim mutmaßlichen Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines verdichten sich die Hinweise, dass ein staatlicher Akteur dahintersteckt. Wie meine Kollegen Fidelius Schmid, Matthias Gebauer und Maik Baumgärtner berichten, gehen die deutschen Sicherheitsbehörden davon aus, dass die Röhren durch massive Sprengsätze beschädigt wurden. Es sei berechnet worden, dass für die Zerstörung der Röhren jeweils Sprengsätze eingesetzt worden sein müssten, deren Wirkung mit der von 500 Kilogramm TNT vergleichbar sei. »In die Schätzung wurden auch die von diversen Messstationen registrierten seismischen Signale einbezogen«, schreiben die drei.

Weitere Informationen erhoffe sich die Bundesregierung von einer genaueren Untersuchung der Pipelines. In Sicherheitskreisen hieß es demnach, dass Taucher oder ein ferngesteuerter Roboter möglicherweise am Wochenende die Schäden begutachten könnten. Ach, wäre es doch nichts weiter als ein neuer Bond.

3. Die Börse wählt 911

Porsche ist heute an die Börse gegangen – fahren geht ja nicht, gnihi. Das Marktumfeld sei schwierig, sagen Experten. Alle anderen sagen: Viele Aktien rauschen ab. Für Porsche aber lief es zum Börsenstart ordentlich: Die Aktie legte zunächst um knapp zwei Prozent über den Ausgabepreis auf 84,00 Euro zu. Der Mutterkonzern Volkswagen erlöste 9,4 Milliarden Euro – es ist der größte deutsche Börsengang seit der Telekom (hier mehr ).

»Die Telekom geht an die Börse, da geh ich mit«, so warb Manfred Krug vor einem Vierteljahrhundert für die »Volksaktie«. Bei vielen, die auf ihn hörten, dürfte die Sympathie für den Schauspieler in Wut und Frust umgeschlagen sein. Was die Betroffenen vielleicht ein wenig tröstet: Krug selbst war oft genervt von den Telekom-Leuten und ihren Reklamemachern, wie in seinen Tagebüchern nachzulesen ist (hier mehr ). An einer Stelle erklärt er dem Telekom-Chef, was gute Werbung ausmacht: »Kein Insistieren, kein Indoktrinieren, nicht die Takes mit Text überladen, keine Inflation von Botschaften, nicht dauernd den Namen Telekom aufsagen, nicht servil grinsen, nicht schmusen und einschleimen.«

Über den geglückten Börsenstart des Autobauers sagt mein Kollege Simon Hage aus unserem Wirtschaftsressort: »Investoren sehnen sich nach guten Börsenstorys in düsteren Zeiten.« Jetzt habe die deutsche Autoindustrie wieder ein Aushängeschild, das den Anspruch hat, in der Tesla-Liga mitzuspielen. Porsche war heute mehr wert als Mercedes-Benz und BMW. »Erweist sich der Börsengang langfristig als Erfolg, könnte er womöglich sogar das deutsche Trauma mit der T-Aktie überstrahlen – und damit wieder mehr Privatanleger an die Börse locken.« Was Krug wohl zu Porsche eingefallen wäre?

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Podcast Cover
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Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Russland will vier ukrainische Regionen am Freitag annektieren: Russland will die Annexion der vier russisch kontrollierten Regionen in der Ukraine formell vollziehen. An diesem Freitag soll »eine Zeremonie zur Unterzeichnung von Verträgen über den Beitritt« stattfinden, hieß es aus dem Kreml.

  • Wie Kiews Luftwaffe die russischen Strategen überlistet: Der uralte Kampfjet MiG-29 erlebt in der Ukraine ein Comeback. Die Maschine feuert moderne Raketen ab, mit denen sie eigentlich nicht kompatibel ist. Die Taktik könnte auch in anderen Bereichen erfolgreich sein .

  • »Putin agiert wie ein Machthaber des 19. Jahrhunderts«: Kann man die Geschichte eines Kriegs schreiben, der noch läuft? Gwendolyn Sasse versucht das in ihrem neuen Buch. Hier erklärt sie, worin der Westen sich täuscht – und warum der Krieg ein Wettstreit der Systeme ist. 

  • Bereichert sich der Westen am ukrainischen Getreide? Knapp zwei Monate nach dem Start der »Schwarzmeer-Getreide-Initiative« wirft Russlands Präsident Putin westlichen Staaten vor, sich den größten Anteil zu sichern. Exportdaten zeigen, was an dem Vorwurf dran ist .

  • Ukrainische Menschenrechtsaktivistin erhält Alternativen Nobelpreis: Der Alternative Nobelpreis geht erstmals in die Ukraine: Ausgezeichnet wurde die Menschenrechtsaktivistin Oleksandra Matwijtschuk – für ihren Einsatz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

  • So schilderten russische Soldaten den gescheiterten Angriff auf Kiew: Telefonate russischer Soldaten mit ihren Angehörigen geben Einblick in die Frühphase des Kriegs. Die »New York Times« hat nun Mitschnitte veröffentlicht, die ukrainische Sicherheitsbehörden aufzeichneten.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: das News-Update.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Inflationsrate steigt auf zehn Prozent: 9-Euro-Ticket weg, Tankrabatt weg: Die Inflation hat sich im September beschleunigt. Bundesweit klettert sie laut einer Schätzung des Statistischen Bundesamts auf 10,0 Prozent.

  • US-Vizepräsidentin nennt Nordkorea »brutale Diktatur«: Der damalige US-Präsident Trump zelebrierte 2020 seine Männerfreundschaft mit Nordkoreas Diktator. US-Vizepräsidentin Kamala Harris schlug jetzt bei einem Besuch auf der koreanischen Halbinsel andere Töne an.

  • Eine von acht Vogelarten ist vom Aussterben bedroht: Mehr als 160 Vogelarten sind in den vergangenen 500 Jahren vom Planeten verschwunden, berichtet eine Schutzorganisation. Und das Tempo des Sterbens nimmt zu. Verantwortlich sind vor allem drei Faktoren.

  • Zahl der Ebolafälle in Uganda steigt: 15 Infektionen bestätigt, 19 Menschen gestorben: Im ostafrikanischen Staat Uganda gibt es einen Ebola-Ausbruch mit unbekanntem Ursprung. Die Behörden suchen nun intensiv nach Kontaktpersonen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wie Rumänien gegen die illegale Rodung seiner Urwälder kämpft: Rumäniens Wälder gehören zu den ältesten Europas und sind Schauplatz illegaler Abholzung. Nun hat die Polizei in einer Razzia 140 Büros und Lager durchsucht – auch beim österreichischen Holzkonzern Egger .

  • »Man fühlt sich völlig verwandelt«: Was Matthew Ball über die digitale Zukunft schreibt, wird im Silicon Valley fast religiös studiert. Die nächste technologische Revolution sieht der Investor im Metaverse – hier erklärt er, warum .

  • Hamburger SV stürzt ins Chaos: Der umstrittene HSV-Finanzvorstand Thomas Wüstefeld tritt zurück. Er kommt damit der Absetzung durch den Aufsichtsrat zuvor. Das verschärft die Probleme des Klubs – und die Zeit drängt .

  • Wenn Energiesparen zur Gesundheitsgefahr wird: Alle sprechen von den absurden Energiekosten – doch ist es sinnvoll, deswegen die Wassertemperatur runterzudrehen? Was Verbraucher jetzt über Legionellen wissen müssen .

Was heute weniger wichtig ist

  • Zu viele Nullen? Die Milliardärin MacKenzie Scott, 52, eine der reichsten Frauen der Welt, lässt sich erneut scheiden, wie unter anderem die »New York Times« berichtet. In Ehe Nummer eins lebte sie 25 Jahre lang mit Amazon-Gründer Jeff Bezos, 58. In Ehe Nummer zwei lebte sie knapp zwei Jahre mit einem Lehrer der Schule ihrer Kinder. Scott wurde auch deshalb bekannt, weil sie nach der ersten Scheidung angekündigt hatte, ihr Vermögen zu spenden – »bis der Safe leer ist«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Dem Pressesprecher zufolge werden alle, die das Abo online abgeschossen haben, ›zeitnah per E-Mail darüber informiert‹«

Cartoon des Tages: Pipelines

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie in Erinnerungen schwelgen. Entweder indem Sie alte James-Bond-Filme gucken (siehe oben). Oder indem Sie in der Kiste mit alten CDs nach dem »Dangerous Minds«-Soundtrack suchen. In dem Film spielte Michelle Pfeiffer 1995 eine Lehrerin, deren Schüler Gangmitglieder sind. Und der größte Hit des Soundtracks war »Gangsta’s Paradise« von Coolio. Die Auskopplung wurde damals zur meistverkauften Single des Jahres, in 16 Ländern schaffte es der Song an die Spitze der Charts. Wohl niemand, der in den Neunzigern als Teenager über irgendeine Tanzfläche stolperte, kann bestreiten, irgendwann einmal die Zeilen mitgegrölt zu haben: »Power and the money, money and the power / Minute after minute, hour after hour«.

Foto:

Foto Rob Verhorst / Redferns / Getty Images

Jetzt ist Coolio im Alter von 59 Jahren gestorben. »Den Rapper als One-Hit-Wonder abzutun, täte ihm ein wenig unrecht«, findet mein Kollege Felix Bayer und hat eine Erinnerung in Songs zusammengestellt (hier zu finden).

Ich wünsche Ihnen einen angenehm-melancholischen Abend. Bis morgen, C U When U Get There.
Ihr Oliver Trenkamp

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