Arno Frank

Die Lage am Abend Heißer Sommer, frostiger Winter

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Gas: Wie kalt wird es?

  2. Dürre: Wie warm wird es?

  3. NRW: Wie knapp wird es?

1. Wie kalt wird es?

Während das Gebiet Luhansk zwischen ukrainischen und russischen Truppen »umstritten« ist, kommt es jetzt auch zum Streit zwischen ukrainischen und russischen Gasnetzbetreibern – also zwischen GTSOU und Gazprom. Die Ukraine will nun die Durchleitung russischen Gases durch das Gebiet von Luhansk einstweilen einstellen. Kriegsbedingt, wie es heißt, kämen demnach täglich 32,6 Millionen Kubikmeter – und damit ein rundes Drittel – weniger Gas im westlichen Europa an.

Russland liefert also ungebremst, es rollt ja auch in Gegenrichtung der erwünschte Rubel, bombardiert aber – neben den Menschen – gleichzeitig die zur Durchleitung nötige Infrastruktur in der Ukraine. Konkret meldet die Ukraine »Störungen« der Route Sochraniwka, eines Teilstücks der Sojus-Pipeline, sowie der Verdichterstation in Nowopskow.

Das sind so die Begriffe, mit denen Bekanntschaft macht, wer sich für die Energiesicherung interessiert: Verdichterstationen, Lieferströme, Engpässe. Wobei Engpässe bei der Versorgung einstweilen nicht zu erwarten sind, zumindest nach Auskunft des Wirtschaftsministeriums. Demnach seien die Speicher derzeit zu etwa 40 Prozent gefüllt, überdies gebe es Ersatzgas aus norwegischen Feldern. Und der Sommer steht an!

Wirklich frostig dürfte die Debatte dann erst im Winter werden, wenn Industrie und Haushalte sich darüber streiten werden, wer wie viel bezahlen und wem das Gas zuerst abgedreht werden muss.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

2. Wie trocken wird es?

Ich wollte neulich in einem kleinen Garten einen Rasen anlegen, wo zuvor nur Moos und Wurzelwerk wucherten. Also eimerweise Samen ausgebracht, biologisches Düngemittel darauf gestreut und ideale Erde darüber geschüttet. Und gewartet. Den Boden beobachtet.

Hinzu kam, dass die Erde, wie auf der Verpackung stand und mir das entsprechende »How to...«-Video auf YouTube ans Herz legte, »zwei Wochen regelmäßig gewässert« werden musste. Brav verteilte ich also das Wasser aus den Regentonnen, schön mit der Gießkanne, und behielt die Wetter-App im Auge. Donnerstag soll's regnen, nein, Freitag erst. Am Samstag aber wirklich. Oder kommenden Dienstag? Vielleicht.

Es wird wieder dürrer in Deutschland, zumindest gefühlt. Landwirtin oder Landwirt möchte man nicht sein, wo es um die Existenz geht, nicht um hübsches Grün. Die Saat braucht Regen, der Regen bleibt aus, schon sprechen Forscher von einem »Dürregürtel« von »Brandenburg über Sachsen-Anhalt und Niedersachsen bis nach Nordrhein-Westfalen«, wie mein Kollege Philip Bethge berichtet . Der unfruchtbare Halbmond sozusagen.

Erwärmung schleicht voran, dem Wald geht es nicht gut, für das Grundwasser muss man immer tiefer bohren, die Gefahr von Waldbränden – wie zuletzt in Brandenburg – steigt. Im Vergleich zu anderen Weltgegenden, die immer weniger habitabel werden, geht es uns hierzulande noch ganz gut.

Dennoch kann man bereits ausrechnen, wann es in Kassel oder Kaiserslautern ungemütlich wird  – und im Gärtchen besser erst einmal kein Rasen angelegt werden sollte.

3. Wie geht es aus?

Demoskopen wissen immer ganz genau, wie eine Wahl ausgeht, ihre Prognosen sind wahlentscheidend –, bis sie es nicht sind. Je nachdem, wen man fragt, liegt bei der »kleinen Bundestagswahl« in Nordrhein-Westfalen die CDU ein bis zwei Prozentpunkte vor der SPD. Der Christdemokrat Hendrik Wüst darf hoffen, ein wenig vom Daniel-Günther-Bonus zu profitieren, der in Kiel triumphiert hat – er selbst ist nicht eben ein Charismatiker. Und der Sozialdemokrat Thomas Kutschaty muss nicht befürchten, so klanglos unterzugehen wie sein Kollege aus Schleswig-Holstein, obwohl er eher wie eine NRW-Ausgabe von Olaf Scholz wirkt.

Beide Parteien zirkeln um die 30-Prozent-Marke, und spannend wird es auch unter »ferner liefen«.

Mona Neubaur von den Grünen hat noch Schwierigkeiten, sich im Windschatten der Bundespolitik bei den Wählerinnen und Wählern bekannt zu machen. Königin wird sie nicht, vielleicht aber Königsmacherin: »Platz drei ist der gemütlichste in NRW« , schreiben meine Kollegen Lukas Eberle und Tobias Großekemper aus Düsseldorf.

Strampeln muss hingegen die Linke, weshalb sich die Genossen an Rhein und Ruhr Verstärkung von Sahra Wagenknecht holen. Timo Lehmann hat sie beim Endspurt in Bochum beobachtet und festgestellt, dass das nicht ohne Fallstricke ist. Eine »Frau mit russischem Akzent« lobt die Politikerin, Wagenknecht sei »in Russland eine Berühmtheit«, Russland könne ihr dankbar sein. Lehmann: »Wagenknecht lächelt und nickt nur«.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Apple stellt den iPod ein: Mit dem iPod gelang Apple der Aufstieg vom kränkelnden Computerschrauber zum Weltkonzern. Jetzt verschwindet der MP3-Player aus dem Sortiment

  • Flixtrain baut sein Netz auf 70 Ziele aus: Der private Fernzuganbieter will sein Angebot erweitern und drei neue Linien in Betrieb nehmen. Vom derzeit viel diskutierten Neun-Euro-Ticket wird Flixtrain aber nicht profitieren

  • Jüdischen Passagieren den Flug verweigert – Lufthansa entschuldigt sich: Einige orthodoxe Juden hatten sich auf einem Flug gegen Coronamasken gesträubt. Nach bisherigem Stand schloss das Lufthansapersonal danach alle erkennbar jüdisch-orthodoxen Personen vom Weiterflug aus. Das Unternehmen gibt sich zerknirscht

  • Totes Mädchen auf Balkon gefunden – Junge stirbt in Krankenhaus: Im hessischen Hanau sind zwei Kinder ums Leben gekommen. Ermittler fahnden nach SPIEGEL TV-Informationen nach dem Vater – sie gehen von einem Tötungsdelikt aus

  • Gewinner von 184 Millionen Pfund offenbar gefunden: Fünf Richtige und zwei korrekte Zusatzzahlen könnten einem Lottospieler aus Großbritannien zu enormem Reichtum verhelfen. Der Glückspilz hat sich nun offenbar gemeldet

Meine Lieblingsgeschichte heute: ...

...handelt von Leuten, die ich sehr gern von meinen Töchtern fernhalten würde. Was zunächst verhältnismäßig einfach sein sollte, weil ich mir eine Uhr für 100.000 Euro weder leisten kann noch, könnte ich es, will. In »Generation Bling-Bling« schildern Kristina Gnirke und Alexander Kühn eine wohlstandsverwahrloste Quatschkohorte aus jungen YouTubern und Influencern, die Luxusmarken von Rolls-Royce bis Louis Vuitton zu neuer Geltung verhelfen.

Die digitalen Beeinflusser »helfen« den Marken dabei, sich zu verjüngen – und eben den Eltern eines jungen Publikums das überflüssige Geld aus der Designertasche zu ziehen. Die »kids« sind selbstredend »alright«, man muss sich halt Geschäftsfelder erschließen. Der Hype um Gucci im vergangenen Jahr hat weniger mit dem Film »House of Gucci« als vielmehr mit einem Strategen zu tun, der die Italiener mit The North Face zusammenbrachte, also das Outrieren mit Outdoor verband.

Andere Kollaborationen sind von Traditionsmarken wie Vitra, Burberry oder Gaultier mit jungen Beeinflussern geschlossen worden. Es ist ein Clash (oder Cash) der Kulturen. Mein Kollege Alexander Kühn sagt: »Ich war erstaunt darüber, wie fragmentiert unsere Gesellschaft ist.« Er habe bei den Recherchen unter den YouTubern »Superstars« kennengelernt, von denen »niemand über 20 Jahren jemals etwas gehört hat«.

In manche Luxussorgen musste sich Kristina Gnirke bei Ihrer Recherche erst hineinversetzen. Als sie mit einem luxusverliebten Kunden sprach, der gern Pullis für 2000 Euro shoppte, klagte er sein Leid. Ihm sei aufgefallen, dass er so oft Taschen voller Einkäufe zu Hause gar nicht auspacke, sondern schlicht vergesse. Noch schwieriger wurde nur noch das Verständnis für Fans der Marke Supreme, die Ziegelsteine mit dem Logo des Labels für mehr als 200 Euro erstehen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Leya, 5, Mischlingshündin aus Nordrhein-Westfalen, ist nach dreimonatiger Wanderschaft in der Nähe von Hamburg aufgegriffen worden. Losgerissen beim Gassigehen hatte sich das offenbar freiheitsliebende Tier in Neunkirchen-Seelscheid bei Köln. Seitdem wurde nach Leya gesucht, seitdem gab es immer wieder Sichtungen der Vermissten – mal in Olpe, mal bei Hannover, nie in Las Vegas. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass sie den Regeln des Genres »rührende Tiergeschichte« zuwiderläuft. Normalerweise findet zur Freude des Publikums das im Urlaub, bei einem Umzug oder an einer Autobahnraststätte »vergessene« Geschöpf schlicht Kraft seines großen Herzens zurück zu Herrchen oder Frauchen. Hier hingegen war es umgekehrt. 440 Kilometer Luftlinie, am Boden also vermutlich noch bedeutend mehr, ist Leya weggelaufen. Fort, nur fort, weg vom heimischen Napf, auf nach Norden, so hoch wie möglich, bis irgendwann das Heulen der Wölfe in tief verschneiter Nacht ... undsoweiter, was auch immer in so einem Hündinnenkopf vor sich geht. Vielleicht war es nicht der hellste Wauwau, vielleicht lag die Schuld aber auch bei der Halterin oder dem Halter. Mangel litt es nicht, das Tier. Nur großen Durst solle es gehabt und einen »ganzen Napf« leer getrunken haben.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Das nächste Hochwasserereignis kann in 20 oder in 50 Jahren kommen – ober eben doch schon im nächsten Jahr.« 

Cartoon des Tages: Unter Beschuss

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Über Madonna sagen Fans von Madonna, Madonna könne, weil sie eben Madonna ist, machen, was sie will. Sowohl Fans als auch Verächter der inzwischen in mancherlei Hinsicht gealterten Ikone können nun ihre Urteile und Vorurteile anhand dreier neuer Videos überprüfen.

Wobei »Video« das falsche Wort ist für CGI-generierte NFT-Kunstwerke (bei Bedarf gern CGI und NFT googlen, habe ich auch gemacht), die Madonna nun zur Versteigerung anbietet. Vorsicht ist bei der Ansicht dennoch geboten, die Filmchen fallen unter NSFW (»not safe for work«) – es sei denn, man arbeitet in der klinischen Gynäkologie. Dann geht's.

Zu bewundern ist eine idealisierte Barbie-Madonna , die in sterilem Ambiente einen Baum gebiert, in postapokalyptischer Umgebung einen Schwarm Schmetterlinge und im Wald mechanische Tausendfüßler. Weil Madonna Madonna ist und nichts nur um der Provokation willen tut, ach was, handelt es sich um eine Kontemplation über das Wesen der Schöpfung, den ebenso kreativen wie mütterlichen Akt des Gebärens. Dazu gibt es Lyrik, vorgetragen von Madonna und unterlegt mit beruhigender Musik.

Und während er da so zuguckt und staunt, wie viel Kitsch sich inzwischen am Rechner generieren lässt, während die akustische Berieselung rieselt, denkt sich selbst der Verächter, also in diesem Fall ich: »Tja, ein neues Album hätte auch gereicht.«

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Im Gegensatz zur Behauptung, man könne über Geschmack nicht streiten.

Es wünscht Ihnen einen fruchtbaren Abend
Herzlich
Ihr Arno Frank

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