Janko Tietz

Die Lage am Abend Es hat sich ausspioniert

Janko Tietz
Von Janko Tietz, Ressortleiter Deutschland/Panorama

Guten Abend,

die drei Fragezeichen heute:

  1. Aus dem Leben eines mutmaßlichen Spions – wer ist der Doppelagent Carsten L.?

  2. Aus dem Leben einer Moderatorin – warum gibt Anne Will ihre Talkshow ab?

  3. Aus dem Leben einer Promi-Tochter – woran starb Elvis-Tocher Lisa-Marie Presley?

1. Dein Nachbar, der Agent

Per se ist es natürlich nicht verdächtig, wenn man auf rustikale deutsche Küche steht. Es ist vielleicht nicht mehr zeitgemäß, die Gesundheit, das Tierwohl, Sie wissen schon. Wenn eine Vorliebe für AfD, Reichsadler und wummernde Kriegsmusik dazukommt – was ist das für ein Zeitgenosse?

Kurz vor Weihnachten flog nach Hinweisen ausländischer Geheimdienste wohl ein Doppelagent beim Bundesnachrichtendienst auf . Die Bundesanwaltschaft sprach von Landesverrat: Der BND-Mann Carsten L. soll sensible Informationen an Russland geliefert haben – in Kriegszeiten. Politiker werten die Enttarnung als »wichtigen Schlag gegen Putin«.

Ein Team von Kollegen, die das Thema innere Sicherheit beim SPIEGEL betreuen, haben in den vergangenen Wochen in L.´s Umfeld recherchiert. Was sie zusammengetragen haben, zeichnet das Bild eines Mannes, der auch Ihr Nachbar hätte sein können: Fußballtrainer, Kunde im Mercedes-Autohaus, Kiesvorgarten und eben Liebhaber von Hausmannskost. Nur arbeitete er eben nicht als Abteilungsleiter beim örtlichen Mittelständler in Weilheim in Bayern, sondern als Referatsleiter in der Abteilung »Technische Aufklärung« des BND und Oberst der Bundeswehr.

Was ihn dazu veranlasst hat, offenbar auch für den russischen Geheimdienst zu arbeiten, ist noch nicht bekannt. Aber wieder zeigt sich: Russland verfolgt die Strategie, den Westen mit Agenten und Doppelagenten zu fluten. Zehntausende Mitarbeiter des Inlandsdiensts FSB, des Auslandsdiensts SWR und des Militärgeheimdiensts GRU führen einen Schattenkrieg gegen den Westen, im Ringen um Macht und Einfluss, um Rohstoffe und Geld. Dieser Krieg dauert bereits viel länger an als der offene Krieg in der Ukraine. Und anders als auf dem Schlachtfeld ist Putin in der psychologischen Kriegsführung sehr viel erfolgreicher. Er infiltriert nicht nur Geheimdienste, sondern auch Institutionen des täglichen Lebens, um zu manipulieren und Stimmungen zu beeinflussen.

Nur in wenigen Fällen gelingt es, Putins Agenten zu enttarnen. Im Fall L. hat es geklappt, für ihn hat es sich ausspioniert. Aber wohl Tausende machen weiter.

2. Lassen Sie mich aussprechen

Als Anne Will die gleichnamige Talkshow in der ARD übernahm, gab es in Deutschland noch kein iPhone. (Das journalistische Zeitmaß ist ja oft die iPhone-Generation, so wie es bei Flächen das Fußballfeld und das Saarland ist.) Im September 2007 übernahm Will, gelernte Sportreporterin vom Sender Freies Berlin und Tagesthemen-Moderatorin, die Talkshow ihrer Vorgängerin Sabine Christiansen – und wie Christiansen unterstellte man Will, dass sie diesem Job nicht gewachsen sei.

Zum Ende des Jahres, mit Unterbrechung nach dann mehr als 16 Jahren (zwischenzeitlich übernahm Günther Jauch diesen Sendeplatz), gibt Will die Moderation auf. Sie wolle den Vertrag nicht verlängern, sich neuen Projekten widmen. Die Sendung wird eingestellt, eine Nachfolge ist noch nicht bekannt. Obwohl ich kein großer Freund dieser Talkshows mit den immer gleichen Gästen, den immer gleichen Themen, dem immer erwartbaren Verlauf bin, wird sie mir fehlen. Zeitweise war es bei uns zu Hause durchaus ein Ritual, nach dem Sonntagskrimi einfach dranzubleiben und zu schauen, was von ihr als wichtigstes Thema der Woche identifiziert wurde.

Mein Kollege Arno Frank hat wahrscheinlich Hunderte ihrer Sendungen besprochen. Wenn man sie am Abend zuvor nicht gesehen hat, fasste er die wichtigsten Passagen zusammen, meist nicht ohne die ihm eigene Süffisanz. Diese Rezensionen gehörten häufig zu den meistgelesenen Texten am Montagmorgen, das zeigt: Will trug zur politischen Debatte oft ebenso viel bei wie manch ein Bundestagsschlagabtausch.

»16 Jahre, das ist schon eine Ära, siehe: Angela Merkel«, sagt Arno. »Und 16 Jahre sind dann auch mal gut, siehe: Angela Merkel. Anne Will ist zu professionell, als dass man ihr eine gewisse Amtsmüdigkeit als Moderatorin allzu deutlich angesehen hätte. Ein gewisser Ennui war zuletzt aber durchaus spürbar, Gastgeberin in einem medialen Ersatzparlament zu sein. Vielleicht verlagert sich nun die politische Debatte an einen anderen Ort. Vielleicht sogar zurück ins Parlament?«, bilanziert Arno.

Anne Will war für mich immer die kundigste, die gelassenste und auch die uneitelste unter den Moderatorinnen und Moderatoren politischer Talkshows. Für mich war sie mindestens dreimal so groß wie das Saarland.

3. Die Bürde, Promi-Kind zu sein

Lisa Marie Presley, die einzige Tochter der Rock'n'Roll-Legende Elvis Presley (1935 – 1977), ist im Alter von 54 Jahren in Kalifornien gestorben. »Schweren Herzens« müsse sie den Tod ihrer »wunderschönen« Tochter mitteilen, zitierte die US-Zeitschrift »People« am Donnerstagabend aus einem Statement ihrer Mutter Priscilla Presley, 77. Wenige Stunden zuvor hatte die Schauspielerin in ihren sozialen Medien geschrieben, dass Lisa Marie in ein Krankenhaus eingeliefert worden sei.

Lisa Marie und Priscilla Presley hatten Dienstagabend noch gemeinsam in Los Angeles die Golden-Globe-Gala besucht, wo der Schauspieler Austin Butler für seine Hauptrolle in dem Biopic »Elvis« den Globe als bester Dramadarsteller gewann. Die vierfach geschiedene Sängerin Lisa Marie Presley hat 14-jährige Zwillingstöchter und eine erwachsene Tochter, Schauspielerin Riley Keough, 33. Ihr Sohn Benjamin Keough nahm sich 2020 im Alter von 27 Jahren das Leben.

Meine Kollegin Eva Thöne hat ihr einen bewegenden Nachruf gewidmet. »Sie lebte das geradezu klassische Leben eines US-Starkinds zwischen Scientology und Drogen schon im Teenageralter. Sie schien die eigene Prominenz vor allem über Beziehungen zu definieren«, schreibt Eva. Presley war viermal verheiratet, darunter mit Schauspieler Nicolas Cage und dem King of Pop Michael Jackson. Das richtige Glück schien sie nie gefunden zu haben. Aber, so Eva, »gibt es das überhaupt: die Möglichkeit, ein Leben selbst zu gestalten, wenn der Vater kein Mensch, sondern ein Mythos ist – ist es nicht immer beschissen?«

Prominenz ist nicht immer ein Privileg, es kann auch eine Bürde sein. Presley ist nicht das einzige Kind, das unter dem Starkult der Eltern litt und womöglich daran zerbrach. Wie viele andere hatte auch Lisa Marie Presley eine Drogenkarriere hinter sich. Bob Geldofs Tochter Peaches Geldof wurde 2014 tot in ihrem Haus aufgefunden. Die Todesursache war eine Überdosis Heroin. Rapper Dr. Dre verlor seinen Sohn im Alter von nur 20 Jahren, der ebenso an einer Überdosis starb. Silvester Stallones Sohn Sage starb 2012 mit 36 Jahren nach einem Herzinfarkt. Und 2015 starb Bobbi Kristina Brown, das einzige Kind von Whitney Houston, im Alter von nur 22 Jahren.

Lisa Marie Presley selbst war auch Musikerin. 2012 veröffentlichte sie ihr letztes Album »Storm & Grace«, verarbeitete darin ihre eigenen Seelenqualen und wandelte auf den vom Vater gelegten Pfaden im Southern Soul und Country. Der eindringlichste Song der Platte heißt »Heartless«. Lisa Marie Presley starb an Herzstillstand.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Leopard-2-Forderungen – Olaf Scholz kritisiert »uncoole« Panzerdebatte: Hinter verschlossenen Türen verteidigt der Kanzler vor SPD-Abgeordneten vehement seinen vorsichtigen Kurs in der Panzerfrage. Doch auch in seiner Partei wächst nach SPIEGEL-Informationen die Ungeduld.

  • Im Video – So trainieren die ukrainischen Truppen den Kampfeinsatz: Mit echten Explosionen, Minen und viel Munition bereiten sich Soldaten im Manöver für den Ernstfall vor. Gleichzeitig gibt es dramatische Bilder vom Kampf um Soledar – der laut Präsident Selenskyj noch nicht vorbei ist.

  • Kiew schickt Verstärkung nach Soledar und Bachmut: Präsident Wolodymyr Selenskyj verspricht den ukrainischen Truppen »alles Notwendige« für die Verteidigung zweier Städte im Osten des Landes. Und: Polen will Verbündete mit seinem Leopard-Vorstoß zum Handeln zwingen.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Ukrainischer Verteidigungsminister bezeichnet sein Land als De-facto-Mitglied der Nato: Mehr Militärhilfe für die Ukraine – dafür wirbt Verteidigungsminister Oleksij Resnikow. Sein Argument in einem Interview: Das Land sei praktisch bereits jetzt Mitglied der Nato.

  • Tesla senkt Preise in den USA und Deutschland: Es läuft nicht so gut für den US-Elektroautobauer Tesla. Aber das Unternehmen war schon immer gut darin, das Steuer radikal herumzureißen, wenn es die Situation erforderte – so auch diesmal.

  • Greenpeace kritisiert Privatjet-Rummel über Davos: Die Privatflüge vieler Teilnehmer des Wirtschaftsgipfels in Davos seien »ignorant und rücksichtslos«, sagt Greenpeace. Ein Teil der Strecken betrage weniger als 500 Kilometer.

Meine Lieblingsgeschichten heute…

»Bereit zum Gefecht! – Wie schlimm es um die Bundeswehr wirklich steht« lautet der Titel des neuen SPIEGEL. Die Ausgabe erhalten Sie hier digital und ab Samstag am Kiosk.

»Bereit zum Gefecht! – Wie schlimm es um die Bundeswehr wirklich steht« lautet der Titel des neuen SPIEGEL. Die Ausgabe erhalten Sie hier digital und ab Samstag am Kiosk.

...stehen alle im neuen SPIEGEL. Da wäre der aktuelle Titel  über den desolaten Zustand der Bundeswehr und das zerrüttete Verhältnis der Heeresleitung zu ihrer Ministerin. Auch die Recherche meiner Kollegen Kristin Haug, Armin Himmelrath, Miriam Olbrisch über mutmaßlichen Missbrauch im Hochbegabtenverein Mensa  ist so interessant wie erschütternd. Besonders aber empfehle ich Ihnen den Text meiner Kollegin Frauke Hunfeld. Sie schreibt über eine Jounalistencombo in Berlin , die zusammen mit einem Anwalt in der Oranienstraße vor vielen Jahren ein Mehrfamilienhaus gekauft haben. Für die Sanierung kassierten sie Fördergelder in Millionenhöhe, vermieteten Wohnungen unter der Hand und bieten das Gebäude jetzt für viele Millionen auf dem Immobilienmarkt an.

Die Geschichte von Frauke lehrt so viel über Doppelmoral, Gier und Maßlosigkeit. Und sie zeigt zweierlei: dass Journalisten keine besseren Menschen sind. Viele unserer Leserinnen und Leser unterstellen uns ab und an, wir würden das selbst von uns glauben. Und sie zeigt, dass wir uns nicht schonen, nur weil es um den eigenen Berufsstand oder gar Kollegen und Kolleginnen geht. Was aufgedeckt gehört, wird aufgeschrieben.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Öl und Gas werden noch Jahrzehnte unentbehrlich sein«: Der norwegische Öl- und Gasriese Equinor macht derzeit gigantische Milliardengewinne. Konzernchef Opedal erklärt, wie davon auch der Klimaschutz profitieren soll – und wie lange fossile Energie noch gebraucht wird .

  • »Zwanzigjährige überlegen heute, ob sie überhaupt Kinder kriegen wollen«: Im Kampf um Lützerath sind die Grünen für viele die Bösen. Wie will Robert Habeck junge Menschen davon überzeugen, dass seine Partei einen Plan gegen den Klimawandel hat? Hier sagt er auch, warum neue Autobahnen sinnvoll sein können .

  • Bidens Schlamperei wird zum Politskandal: Joe Bidens Aktenaffäre zieht immer weitere Kreise. Auch an einem zweiten Privatort des US-Präsidenten wurden Geheimunterlagen entdeckt, ein Sonderermittler soll den Fall klären. Wollte das Weiße Haus die Funde vertuschen ?

Was heute weniger wichtig ist

In den sauren Apple beißen: Bislang lag die Höhe der Vergütungen für den Vorstandschef von Apple Tim Cook bei rund 100 Millionen Dollar im Jahr. Das lag vor allem an den üppigen Aktienoptionen. Im laufenden Jahr wird Cook sich sehr einschränken müssen, denn sein Einkommen wird sich wohl halbieren. Es ist eine Vergütung von nur noch 49 Millionen Dollar vorgesehen. Einige große Anteilseigner hatten eine Änderung in diese Richtung gefordert. Ich persönlich hätte nichts gegen diese Richtung einzuwenden.

Mini-Hohlspiegel

Aus der »Neuen Osnabrücker Zeitung«

Aus der »Neuen Osnabrücker Zeitung«

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Chappatte

Und heute Abend?

Der Starpianist Igor Levit schwärmt: »Johanna Summer ist eine herausragende Jazzpianistin. Sie ist so zentriert und bei sich, geht souverän und frei mit dem Material um und trifft doch die ganze Zeit ihren eigenen Ton.« Und der Klaviervirtuose Joachim Kühn lobt: »Ihre Musik ist voller Fantasie und ohne Kategorie. Von der europäischen Klassik kommend, mit wundervollem Anschlag, hat sie etwas Vollkommenes, Eigenes geschaffen. Wunderschöne Musik von A bis Z. Ein neuer Stern am Pianohimmel.«

Ich kann mich dieser Schwärmerei nur anschließen. Johanna Summer ist für mich eine Neuentdeckung des vergangenen Jahres. Die junge Vogtländerin, sie wurde 1995 in Plauen geboren, hat beim Label ACT Music bislang zwei Alben herausgebracht. Wenn Sie einfach schöne Musik mögen, könnten Sie sie sich anhören  – und dabei auf ihr drittes Album freuen . »Resonanzen« heißt es, es geht um das improvisatorische Weitererzählen der Musik klassischer Komponisten, und es erscheint am 27. Januar.

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Es war mir ein Vergnügen, Sie durch die Woche zu begleiten, einen schönen Abend wünsche ich. Herzlich

Ihr Janko Tietz

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