Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Völker der Welt, schaut auf Mariupol!

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Bilder des Terrors: Wer hilft den Menschen in Mariupol?

  2. Kriegswirtschaft: Haben wir demnächst zehn Prozent Inflation?

  3. Männer und ihr Erfolgsgeheimnis: Sind einfach immer die anderen schuld?

1. Die Hölle von Mariupol

Zerbombte Häuser, Schwangere, die ins Freie flüchten, Tote, darunter ein sechsjähriges Mädchen: Aus Mariupol erreichen uns die bislang wohl schlimmsten Nachrichten des Kriegs. Die Hafenstadt am Asowschen Meer ist von russischen Truppen umstellt. Seit Tagen gibt es kaum noch Wasser, keine Lebensmittel, der Strom fällt aus. Versuche, die Zivilisten aus der Stadt zu bringen, sind bislang gescheitert. Russland hatte angekündigt, Fluchtkorridore zu schaffen und die Lieferung von Essen und Medizin in die Stadt zu erlauben. Doch dann eröffneten russische Truppen nach Aussagen ukrainischer Stellen das Feuer auf einen Hilfskonvoi.

Das US-amerikanische Unternehmen Maxar Technologies hat Satellitenaufnahmen veröffentlicht, die Mariupol vor und nach russischem Beschuss zeigen sollen. Man erkennt zerbombte Wohngebiete, ein Meer der Verwüstung, Bilder wie aus Aleppo 2016 oder Grosny 1999.

Helfer tragen eine schwangere Frau vom Gelände der bombardierten Geburtsklinik in Mariupol

Helfer tragen eine schwangere Frau vom Gelände der bombardierten Geburtsklinik in Mariupol

Foto:

Evgeniy Maloletka / AP

Und dann gibt es dieses Foto der Nachrichtenagentur AP: Es zeigt eine schwangere Frau, die von Helfern auf einer Trage über ein Trümmerfeld getragen wird, sie scheint zu bluten, presst sich die Hand vor den Mund, die Augen drücken Schmerz und Verzweiflung aus. Das Foto wurde laut Nachrichtenagentur auf dem Gelände der größten Entbindungsklinik in Mariupol aufgenommen. Gestern am späten Nachmittag wurde dort ein verheerender Angriff vermeldet. Ganze Gebäudeteile der Klinik sind ausgebombt, zwischen brennenden Trümmerteilen brachten sich Frauen mit Säuglingen in Sicherheit. Augenzeugen sprachen von einem Luftschlag; Russland dementiert offiziell, damit etwas zu tun haben.

Man muss in Kriegszeiten den Bildern misstrauen, manche sind falsch oder werden für Propagandazwecke missbraucht. Doch in diesem Fall müssen wir leider davon ausgehen, dass das Bild die Realität zeigt. Man denkt an das Foto vom vietnamesischen Napalm-Mädchen Kim Phúc oder an den Mann mit den Einkaufstaschen vor den Panzern in Peking 1989. Könnte das Foto der schwangeren Frau von Mariupol zu einem Symbol für Putins verbrecherischen Krieg werden?

Die Reaktionen auf die Bombardierung der Geburtsklinik fallen klar aus. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht den Angriff als Beleg für einen Völkermord Russlands. Die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden sagte: »Es ist schrecklich, diese Art von barbarischer Anwendung militärischer Gewalt gegen Zivilisten zu sehen.« Großbritanniens Premier Boris Johnson schrieb auf Twitter: »Es gibt wenige Dinge, die verkommener sind, als die Verletzlichen und Hilflosen ins Visier zu nehmen«. Aus dem Vatikan hieß es: »Die Bombardierung eines Krankenhauses ist inakzeptabel.«

Die Fotos aus der Hölle von Mariupol sind erschütternd. Wenn es nicht gelingt, Putin zu stoppen, werden wir ähnliche Bilder wohl auch aus anderen Städten sehen.

2. Der Zins und die Kriegswirtschaft

Die Europäische Zentralbank hat heute entschieden, den Leitzins auf seinem historischen Tief von null Prozent zu belassen. Sie will nur ihr Anleihekaufprogramm demnächst etwas reduzieren. In friedlicheren Zeiten hätte man dazu gesagt: Fehlentscheidung. Die EZB kapituliert vor der Inflation. Doch im Schatten des Krieges ist die Lage für die Währungshüter nochmals komplizierter geworden.

Einerseits dürfte die Inflation weiter ansteigen, schon wegen der Energiepreise. Im Fall eines Lieferstopps für russisches Gas erwartet Clemens Fuest vom Ifo-Institut eine Teuerung von deutlich mehr als fünf Prozent. Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält sogar bis zu zehn Prozent für möglich, sollte die Lage weiter eskalieren.

Andererseits haben sich durch den Krieg die Konjunkturaussichten klar verschlechtert. Und auf die hochverschuldeten Staaten in Europa kommen weitere Kosten zu. Sie müssen das Militär stärken, Flüchtlinge aufnehmen, Sanktionen durchsetzen. In einer solchen Lage die Zinsen zu erhöhen, könnte die Konjunktur noch stärker abwürgen und in einigen Staaten eine Schuldenkrise auslösen.

Aus der toxischen Mischung aus Krieg, Corona, Inflation und Lieferengpässen könnte eine Stagflation entstehen. So nennen Ökonomen die Kombination aus steigenden Preisen und einer stagnierenden Wirtschaft. Etwas in dieser Art gab es schon mal, ist aber länger her: 1973, nach dem Ölschock.

3. Männliches Erfolgsgeheimnis: anderen die Schuld geben

Mädchen neigen dazu, schulischen Misserfolg auf einen Mangel an eigenem Talent zurückzuführen. Jungen hingegen zweifeln nicht an ihrer Begabung, sondern sehen den Grund fürs Scheitern woanders. Das ist das Ergebnis einer Studie, die im Fachblatt »Science Advances« veröffentlicht wurde. Erstaunlicherweise sei diese Tendenz in Ländern mit großer Gleichberechtigung besonders stark ausgeprägt. Und gerade Mädchen mit sehr guten schulischen Leistungen sind offenbar besonders selbstkritisch.

Die Studienautoren nutzten für ihre Untersuchung Ergebnisse der Pisa-Studie, bei der alle drei Jahre die schulischen Fähigkeiten von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern weltweit untersucht werden. 2018 wurden dabei erstmals mehr als 500.000 Teenager in aller Welt zusätzlich mit folgender Aussage konfrontiert: »Wenn ich scheitere, fürchte ich, dass es daran liegt, dass ich nicht genügend Talent habe.«

Das Ergebnis: In 71 der 72 untersuchten Länder neigten die Mädchen auch bei gleich guten Schulleistungen wie die Jungen dazu, von ihren Misserfolgen einen Mangel an Talent abzuleiten. Jungen hingegen machten eher äußere Faktoren für ihre Misserfolge verantwortlich. Nur in Saudi-Arabien war diese Tendenz nicht festzustellen.

Eine eindeutige Erklärung für diesen Geschlechterunterschied in der Selbsteinschätzung gebe es nicht, sagte der Co-Autor der Studie, Thomas Breda, der Nachrichtenagentur AFP. Diese Tendenz sei aber bereits in der Vergangenheit beobachtet worden, etwa beim Selbstvertrauen und bei der Wahl des Studiengangs.

Das geringere Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bei Mädchen bleibt laut den Studienautoren nicht ohne Folgen. Denn Mädchen, die den Fehler zuerst bei sich selbst suchten, träten nicht nur weniger selbstbewusst auf. Sie scheuten auch den Wettbewerb mit anderen und arbeiteten daher später seltener in angesehenen und gut bezahlten Berufen.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Präsident Selenskyj soll kommende Woche im Bundestag sprechen: Im britischen Unterhaus war er schon zugeschaltet, nun soll das deutsche Parlament folgen. Der ukrainische Präsident Selenskyj soll nach SPIEGEL-Informationen kommende Woche per Videoschalte im Bundestag sprechen.

  • Gericht lehnt Eilantrag gegen Einstufung als Verdachtsfall ab: Nach einem Beschluss des Kölner Verwaltungsgerichts darf der Verfassungsschutz die AfD beobachten. Einen entsprechenden Eilantrag dagegen lehnte das Gericht ab. Ein zweiter Antrag der Partei hatte hingegen Erfolg.

  • Schröder trifft Putin angeblich zu Gesprächen über Ukraine in Moskau: Ex-Kanzler Gerhard Schröder befindet sich laut einem Bericht von »Politico« in Moskau. Dem Magazin zufolge will der frühere SPD-Politiker sich mit dem russischen Präsidenten treffen, um über die Lage in der Ukraine zu sprechen.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Unsere Jugend im Kalten Krieg

Meine Kollegen Frank Patalong und Marc Pitzke sind Boomer, wie das neuerdings heißt, beide 1963 geboren, also mitten hinein in den Kalten Krieg, westliche Seite. »Raketen, Atompanik, ›die Russen kommen‹: Das bereitete mir schon vor langer Zeit mal schlaflose Nächte«, schreibt Marc. Und Frank schreibt: »Damit, wie sich eine Bedrohung anfühlt, kennt meine Generation sich leider aus. Die schwelende Bedrohung war das Grundgefühl unserer Jugend.«

Frank gehörte zu denen, die am Gleichgewicht des Schreckens zweifelten. Er erinnert sich an die Debatten der damaligen Zeit: »Stand der Feind im Osten und wirklich immer nur da? Bedrohte uns nicht auch der Westen, war all diese Aufrüstung nicht Irrsinn? Wer würde zum Bund gehen, wer verweigern?« Franks Freunde, die beim Wehrdienst waren, kamen an Weihnachten 1981 nicht nach Hause: In Polen war das Kriegsrecht ausgerufen worden; die Nato ging in Alarmbereitschaft.

Nato-Herbstmanöver 1983: Im Kalten Krieg wurde viel geübt, auch in Restaurants

Nato-Herbstmanöver 1983: Im Kalten Krieg wurde viel geübt, auch in Restaurants

Foto: Gaby Sommer / Gamma-Rapho / Getty Images

Marcs letzten Schuljahre standen ebenfalls im Zeichen der westdeutschen Friedensbewegung, alle trugen plötzlich Parkas und Jutebeutel. Doch er war einer von denen, die zum Bund gingen und den Ernstfall trainierten: Krieg mit der Sowjetunion. »Dieses Training bestand aus Antreten, Gewehrzerlegen, Kloputzen und Dauerläufen um den Kasernenhof, in ausgeleierten Gasmasken, unter denen schon viele Gefreite geschwitzt hatten«, schreibt Marc. »Ob wir den Feind damit zurückgeschlagen hätten? Ich bezweifle es, jedenfalls bekamen wir nichts Besseres als ausgeleierte Gasmasken.«

Vor Kurzem saß Frank am Küchentisch seiner Tochter und stellte fest: »Der angstmachende Wahnsinn ist offensichtlich zurück.« Junge Leute redeten wieder darüber, ob sie für Deutschland die Waffe in die Hand nehmen würden. Wenn jetzt nachts Flieger ziehen, lausche man ihnen anders nach: Passiert da was? Frank schreibt : »Auf Social-Media-Kanälen macht eine Landkarte die Runde. Sie zeigt Europa, Berlin in der Mitte, drum herum ein Kreis. Kiew, erkennt man da, ist kaum weiter entfernt als Paris, und Moskau ist uns deutlich näher als Madrid. Noch so eine Wahrnehmungssache, auch das war vielen nicht mehr bewusst.«

Und Marc beschreibt, wie er jetzt nachts auf Twitter und TikTok durch die Kriegsberichte aus der Ukraine scrollt, bis sich die Bilder von heute mit den Erinnerungen von früher vermischen: »Moment, haben wir jetzt 2022 oder 1983?«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Regisseur Ryan Coogler (»Black Panther«), 35, ist beim Besuch einer Bank in Atlanta für einen Räuber gehalten worden. Wie US-Magazine unter Berufung auf einen Polizeibericht schrieben, wurden Coogler bei dem Vorfall am 7. Januar sogar für kurze Zeit Handschellen angelegt. Der Polizei zufolge hatte der Regisseur 12.000 Dollar von seinem Konto abheben wollen. Mit einer handschriftlichen Notiz bat er die Bankangestellte darum, diskret vorzugehen und die Scheine unauffällig zu zählen. Die Kassiererin deutete dies fälschlicherweise als einen Raubversuch und informierte die Polizei. Polizisten nahmen kurz darauf Coogler und zwei Begleiter, die vor dem Gebäude in einem Auto warteten, in Gewahrsam, bis sich der Irrtum aufklärte. Die Bank entschuldigte sich anschließend bei Coogler. Der Regisseur hielt sich zu Dreharbeiten für den Film »Black Panther: Wakanda Forever« in Atlanta auf.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Bei der Bestimmung, welche Behörden zuerst erneuert werden müssen, sollen auch Roboter zum Einsatz kommen.«

Cartoon des Tages: Danke, Putin!

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Bob Dylan, Musiker und Literaturnobelpreisträger, hat ein neues Buch geschrieben: »The Philosophy of Modern Song«. Wie der Verlag Simon & Schuster mitteilte, versammle das Buch mehr als 60 Essays über die Kunst des Songschreibens. Dylan beschäftige sich mit Liedern anderer Künstler, etwa Stephen Foster, Elvis Costello, Hank Williams und Nina Simone. Er analysiere, wie »das Hinzufügen einer einzigen Silbe einen Song verschlechtern kann«, heißt es in der Mitteilung. Außerdem erkläre Dylan wie Bluegrass mit Heavy Metal zusammenhängt.

Bob Dylan (Archivbild): Erklärt, »wie Bluegrass mit Heavy Metal zusammenhängt«

Bob Dylan (Archivbild): Erklärt, »wie Bluegrass mit Heavy Metal zusammenhängt«

Foto: Joseph Okpako / Redferns / Getty Images

Nun sind wir alle neugierig – leider soll das Buch erst am 8. November erscheinen. Was machen wir bis dahin? Während ich diese Abendlage schreibe, läuft im Hintergrund »The Freewheelin‘ Bob Dylan«, Dylans zweites Album aus dem Jahr 1963. In friedlicheren Zeiten konnte einem das Geklampfe zu »Blowin’ in the Wind« und »A Hard Rain’s A-Gonna Fall« auf die Nerven gehen. Doch seit in Europa ein neuer Krieg tobt, empfinde ich Dylans Botschaften wieder als berührend und relevant. Vor allem »Masters of War« , in dem sich Dylan in seiner Wut auf die Kriegsherren so weit steigert, dass er sie ins Grab wünscht:

And I hope that you die – And your death'll come soon
I will follow your casket – In the pale afternoon
And I'll watch while you're lowered – Down to your deathbed
And I'll stand over your grave – 'Til I'm sure that you're dead


Ich wünsche Ihnen – trotz allem – einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

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