Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Warum die Killnet-Hacker nun auch deutsche Firmen ins Visier nehmen

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Warnung des Verfassungsschutzes – Wie stark bedrohen prorussische Hacker deutsche Unternehmen?

  2. Anhörung in Washington – Glauben US-Militärs ernsthaft an Ufos?

  3. Nachschubkrise bei Säuglingsnahrung – Warum dürfen europäische Hersteller kein Milchpulver für amerikanische Babys liefern?

1. Der Verfassungsschutz warnt deutsche Unternehmen vor Attacken prorussischer Hacker – noch sind deren Erfolge zum Glück ziemlich überschaubar

»Vor dem Hintergrund der politischen Lage« sei mit Angriffen auf deutsche Websites zu rechnen – so hat das Bundesamt für Verfassungsschutz heute die Unternehmen des Landes vor Attacken der prorussischen Hacker-Gruppierung Killnet gewarnt.
Das klingt erst mal bedrohlich. Die offenbar Putin-treuen Hacker führten aktuell »eine Kampagne gegen diverse deutsche Webseiten aus Privatwirtschaft und Forschung«, heißt es im Sicherheitshinweis der Verfassungsschützer. Gewarnt wird insbesondere vor sogenannten DDos-Angriffen, die zum Ziel haben, Websites durch massenhafte künstliche Aufrufe lahmzulegen. Nebenbei warnt das Amt auch vor der Ransomware-Gruppierung Revil. Die Gruppe erpresst ihre Opfer, nachdem sie deren Systeme lahmgelegt hat.

Kampagnenvideo der Hacktivisten von Killnet: »Kampagne gegen diverse deutsche Webseiten aus Privatwirtschaft und Forschung«

Kampagnenvideo der Hacktivisten von Killnet: »Kampagne gegen diverse deutsche Webseiten aus Privatwirtschaft und Forschung«

Foto: Killnet Telegram-Video

Von Bill Gates ist eine Spruchweisheit überliefert, die er vielleicht so nie gesagt hat, die aber als mitunter bittere Wahrheit gelten darf: »Der Computer wurde zur Lösung von Problemen erfunden, die es früher nicht gab.« Tatsächlich haben die Killnet-Hacker in ihrem Kanal auf dem Messengerdienst Telegram eine Liste mit den Webadressen verschiedener deutscher »Ziele« gepostet – offenbar als Aufruf an ihre Gefolgschaft. In den vergangenen Wochen waren die prorussischen Aktivisten offenbar mit einigen Angriffen gegen die Websites deutscher Behörden erfolgreich.

So waren die Seiten des BKA und der Bundespolizei Ziel von massenhaften koordinierten Störversuchen. Laut einem internen Behördenbericht waren auch die Web-Präsenzen des Bundestags, des Bundesverteidigungsministeriums und die SPD-Website von Bundeskanzler Olaf Scholz Ziel von Attacken. Hier schildern die SPIEGEL-Kollegen Matthias Gebauer, Sven Röbel, Marcel Rosenbach und Wolf Wiedmann-Schmidt die Hintergründe .

Auch in anderen europäischen Staaten, die die Ukraine unterstützen, ist Killnet aktiv – etwa in Tschechien und Rumänien. In der vorigen Woche versuchten die Hacker, den Ablauf und die Abstimmung des Eurovision Song Contest zu stören. Nachdem das misslungen war, veröffentlichten die Hacker die Webadresse der italienischen Staatspolizei als neues Ziel. Mit diesem Angriff erreichten sie ihr Ziel offenbar: Die Website war bis heute Mittag nicht erreichbar.

Offensichtlich ist die Killnet-Kampagne Teil einer größeren Auseinandersetzung zwischen sogenannten Hacktivisten rund um den Ukrainekrieg. Kurz nach dessen Beginn hatte das Anonymous-Kollektiv der russischen Regierung in einem Video offiziell den »Cyberkrieg« erklärt. Seither attackieren Mitglieder der losen Bewegung Unternehmen und Regierungseinrichtungen der Russischen Föderation. Killnet trat als prorussische Antwort auf diese Cyber-Mobilisierung an.

Wie groß ist die Gefahr für deutsche Firmen wirklich? Mein Kollege Marcel Rosenbach sagt: »Die Störaktionen der Hacktivisten mit dem martialischen Namen mögen bislang nicht besonders bedrohlich und manchmal sogar lächerlich wirken – die Verantwortlichen haben allerdings auch schon gezeigt, dass sie mehr können, als Webseiten abzuschießen.« So hätten sie sich auch schon zu digitalen Einbrüchen bekannt und Daten geleakt. »Um die Ukraine tobt gerade eine Schlacht von Hacktivisten-Gruppierungen«, so der Kollege, »Killnet gehört zu den ernst zu nehmenden auf prorussischer Seite.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Finnisches Parlament stimmt mit großer Mehrheit für Nato-Beitritt: Finnland will in die Nato, nach zweitägiger Debatte gab das Parlament nun grünes Licht. Kanzler Scholz unterstützt den Schritt – und nimmt auch die Türkei in die Pflicht.

  • Ukrainische Soldaten aus eingekesseltem Stahlwerk abtransportiert: Wochenlang harrten sie zum Teil schwer verletzt unter dem Asow-Stahlwerk in Mariupol aus: Nun wurden mehr als 260 ukrainische Soldaten evakuiert – in ein Gebiet, das die Russen kontrollieren.

  • Union will Altkanzler Schröder nur noch Personenschutz gewähren: Als Altkanzler stehen Gerhard Schröder Büro, Personal und Versorgungsleistungen zu. Nun setzt sich die Union dafür ein, ihm wegen seiner Kremlnähe nahezu alles zu streichen. Der Antrag ist nicht der erste Vorstoß.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Bei einer Anhörung in Washington reden Militärs heute über die mögliche Existenz von Ufos – weil die Supermacht USA offenbar den eigenen Luftraum nicht unter Kontrolle hat

Woher kommen die rätselhaften Flugobjekte, denen US-amerikanische Kampfpiloten während ihrer Übungseinsätze über der West- und Ostküste in den vergangenen Jahren begegneten? Zum Beispiel Flugmaschinen ohne Tragflächen und erkennbaren Antrieb, die sie teils mit eigenen Augen sahen, teils von ihren Bordinstrumenten angezeigt bekamen? Heute findet vor dem US-Repräsentantenhaus eine Veranstaltung statt, wie es sie zuletzt vor über 50 Jahren gab: Pentagon-Insider müssen zur Existenz von Ufos Rede und Antwort stehen .

Vom Pentagon freigegebene Aufnahme eines UAP über dem US-Luftraum: Keine Tragflächen, kein erkennbarer Antrieb

Vom Pentagon freigegebene Aufnahme eines UAP über dem US-Luftraum: Keine Tragflächen, kein erkennbarer Antrieb

Foto: DoD / AFP

Mein Kollege Marco Evers berichtet darüber , dass im Internet bizarre Videos kursieren, die von den Wärmebildkameras amerikanischer F/A-18 Kampfjets stammen. Die Aufnahmen sind authentisch, so viel hat das Pentagon verraten – und sie wecken Zweifel, ob die USA ihre nationale Sicherheit tatsächlich so gut im Griff haben, wie sie glauben. Von 144 Vorfällen aus der Zeit von 2004 bis 2021 berichtete das Büro einer Geheimdienstkoordinatorin schon vergangenes Jahr in einem Report, der größtenteils nicht der Geheimhaltung unterlag.

Ich bin zwar ein begeisterter Kinogänger und mag zum Beispiel »Arrival«, den Film des Regisseurs Denis Villeneuve über die Ankunft von Außerirdischen aus dem Jahr 2017. In der Realität halte ich die vor allem unter US-Amerikanern verbreitete Vorstellung, dass regelmäßig Flugobjekte aus fernen Galaxien durch unseren Orbit schwirren, für großen Mumpitz. Bei den Flugobjekten im Luftraum der USA, so die vergleichsweise rationale Hypothese unter Expertinnen und Experten, könnte es sich zum Beispiel um fortschrittliche Militärtechnologie aus China oder aus Russland handeln. Das, was früher ein Ufo (»Unidentified Flying Object«) war und von der Allgemeinheit als Wahnidee belächelt wurde, heiße in den USA nunmehr UAP (»Unidentified Aerial Phenomenon«), berichtet der Kollege. Vermutlich würden bei der heutigen Anhörung neue Erkenntnisse einer Gruppe von UAP-Jägern aus dem Pentagon vorgetragen.

Was sagt es über die USA von heute aus, dass das Hearing überhaupt stattfindet? »Die Supermacht weiß nicht, was in ihren geschützten Lufträumen vor sich geht«, sagt Marco, »und das gibt sie auch zu.« Jetzt bemühe sie sich um Aufklärung und schließe dabei die Existenz von Ufos nicht mehr aus. »Ich würde es vorziehen, wenn nicht Geheimdienste und Militärs die Ermittlungen leisteten, sondern Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse transparent machen«, so der Kollege  aus dem SPIEGEL-Wissenschaftsressort. »Das Pentagon hat daran aber kein Interesse – und darum bleibt der Ufo-Mythos wohl noch lange am Leben.«

3. In den USA wird Säuglingsnahrung knapp – auch, weil amerikanische Politiker den Markt gegen europäische Produkte abschotten

Viele US-amerikanische Eltern lebten derzeit in Furcht, dass sie ihre Kinder bald nicht mehr – oder nicht mehr auf vernünftige Weise – ernähren könnten, schreibt meine Kollegin Ines Zöttl in einem Bericht , der mich heute wirklich verblüfft hat.

Supermarktregal in New York: »Es tut uns leid. Der Lieferant kann den Einzelhandel derzeit nicht beliefern«

Supermarktregal in New York: »Es tut uns leid. Der Lieferant kann den Einzelhandel derzeit nicht beliefern«

Foto:

John Nacion / NurPhoto / IMAGO

Grund ist eine Nachschubkrise bei der Versorgung mit Babynahrung. Manche Babys und kleine Kinder, die etwa wegen einer Erkrankung bestimmte Milchprodukte benötigten, bekämen von ihren Eltern schon jetzt verkleinerte Essensportionen, schreibt die Kollegin. Ärzte warnten aber davor, die zubereitete Nahrung zu verdünnen oder nach Rezepten aus dem Internet selbst zu mischen.

Große US-Handelsketten haben die Abgabe von Milchpulver bereits rationiert. Hinter der Krise, zu der sich inzwischen auch US-Präsident Joe Biden geäußert hat, steckt ein Lieferproblem der besonderen Art: Amerikas Markt für Babyernährung ist weitgehend abgeschottet. Zwei Unternehmen teilen sich 80 Prozent des Umsatzes. Im Februar schloss das eine der beiden ein Werk im US-Bundesstaat Michigan und rief die dort hergestellten Produkte zurück, nachdem zwei Babys an einer bakteriellen Infektion gestorben waren. Ob die Verunreinigung wirklich im Werk entstand, ist ungeklärt. Doch durch den Produktionsausfall geriet der ohnehin angespannte Markt vollends aus dem Lot.

Europäische Hersteller sind nämlich vom amerikanischen Markt weitgehend ausgesperrt. Noch im April feierte sich der amerikanische Zoll dafür, dass er 588 Kisten mit Babynahrung von Hipp und Holle beschlagnahmt habe. Der Vorwurf: Die Packungen im Wert von 30.000 Dollar seien nicht vorschriftsgemäß gekennzeichnet gewesen. Dabei steht die illegale Ware aus Deutschland und den Niederlanden bei vielen amerikanischen Eltern hoch im Kurs. Das Verbraucherportal der »New York Times« widmete der Beliebtheit der europäischen Produkte vergangenes Jahr einen eigenen Beitrag. Im Internet wird offenbar munter und zu hohen Preisen mit der offiziell geächteten Ware gehandelt. Immerhin regt sich inzwischen Kritik am Protektionismus der US-Politiker.

»Regelmäßig feiert der Präsident Amerikas Industrie und seine Produkte als Weltklasse. Doch nun ist es nach der Coronakrise schon das zweite Mal, dass Amerika am Anspruch scheitert, der die eigenen Standards für überlegen hält«, sagt meine Kollegin Ines , die in den USA arbeitet. »Monatelang waren hier Schnelltests kaum zu bekommen, während sie in Deutschland an jeder Ecke verkauft werden, weil die FDA zu hohe Hürden für die Zulassung setzte. Jetzt trifft es wieder die, die auf einen funktionierenden Staat besonders angewiesen sind.«

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Studie warnt vor Wohlstandsverlust in Deutschland: Wachstum und Wohlstand werden deutlich leiden, sollte Deutschland nicht produktiver werden, warnt die Unternehmensberatung Deloitte. Zugleich präsentiert sie Vorschläge für einen »echten Wachstumsboost«.

  • Elon Musk bringt Rabatt für Twitter ins Spiel: 44 Milliarden US-Dollar will Elon Musk für Twitter bezahlen – bisher. Zuletzt brachte der Tesla-Chef Bedenken wegen Bots und Fake-Accounts vor. Öffentlich sinnierte er nun über einen möglichen Preisnachlass.

  • Grenoble erlaubt Burkinis in Schwimmbädern: Die Debatte war hitzig, die Abstimmung fiel äußerst knapp aus: In Grenoble dürfen Frauen künftig oben ohne ins Schwimmbad – aber auch im Ganzkörperbadeanzug. Kritiker wollen das nicht akzeptieren.

  • »Doctor Strange«-Schauspielerin Zara Phythian zu acht Jahren Haft verurteilt: Ein Gericht in Großbritannien hat Zara Phythian wegen sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen schuldig gesprochen. Die Schauspielerin soll für acht Jahre ins Gefängnis, ihr Ehemann noch länger.

Meine Lieblingsgeschichte heute...

…handelt von dem oft heiteren Irrsinn und den sehr ernsten Problemen, die sich auftun, wenn deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller sich in einem Verband zusammentun. Mein Kollege Xaver von Cranach  hat nach dem Krach in der deutschen Sektion der Schriftstellervereinigung PEN die Interimsvorsitzende Maxi Obexer interviewt.

PEN (»Poets, Essayists, Novelists«) geht es eigentlich um Solidarität und ungehinderten Gedankenaustausch. Am Wochenende kam es zum Eklat bei einer Jahrestagung in Gotha: Der Vorsitzende Deniz Yücel sollte abgewählt werden, unter anderem ging es um Mobbingvorwürfe. Abgewählt wurde er zwar nicht, aber danach trat Yücel samt seinem Präsidium zurück. Frau Obexer sagt nun mit einer schönen Neigung zu bildhafter Sprache: »Es sind irrsinnige Wogen, die sich da aufgetürmt und gegeneinander geschoben haben. Ich denke, wir sollten versuchen, über sie hinwegzukommen und die Kraft dafür aufbringen. Denn der PEN ist wichtig für alle, die aufgrund des freien Wortes bedroht und verfolgt werden und ihr Leben riskieren.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Vom Projekt zum Problemfall: Eine Fortschrittskoalition sollte die Ampel sein. Doch stattdessen patzen Minister, Abgeordnete begehren auf – und Wähler verabschieden sich. Ist der Traum vom Aufbruchprojekt bereits geplatzt? 

  • Macrons Handlangerin: Élisabeth Borne ist eine Frau, Karrierebeamtin und nun französische Regierungschefin. Bricht der Präsident – bekannt für männliche Seilschaften – mit seiner bisherigen Politik? Im Gegenteil. 

  • Amerikas gefährlicher Replacement-Kult: Ein 18-Jähriger hat im US-Bundesstaat New York mutmaßlich zehn Schwarze erschossen. Er soll sich im Internet radikalisiert haben. Viele rechtsextreme Mythen, die dort zirkulieren, sind im Mainstream angekommen .

Was heute weniger wichtig ist: Queen in Frühlingslaune

  • Elizabeth II., 96-jährige Königin, besuchte heute die Paddington Station in London und zeigte sich in prächtiger Stimmung.

    Die zuletzt wegen gesundheitlicher Probleme häufig von anderen Mitgliedern des Königshauses vertretene Regentin eröffnete, in Knallgelb gewandet, die nach ihr benannte Elizabeth Line. Dabei ließ sich die wohl nie im Untergrund reisende Königin einen Fahrkartenautomaten vorführen und fragte: »Wo könnte ich hinfahren?«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Der nationale Parkdirektor sagte, die Erlöse aus dem Verkauf würden genutzt, um Gemeinden in der Nähe von Wildtierreserven zu unterstützen.

Cartoon des Tages: Kommunikation

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich »Zur Sache, Schätzchen« von 1968 oder einen anderen Film mit Rainer Basedow ansehen. Ich habe den Schauspieler und Kabarettisten, der am Sonntag, wie heute bekannt wurde, gestorben ist, sehr gemocht.

Im Grunde machte mir schon sein Anblick gute Laune. Etwa wenn er im Ensemble der Münchner Lach- und Schießgesellschaft auftrat, in dem er viele Jahre lang unter anderem neben Renate Küster und Jochen Busse spielte. Basedow, der in Magdeburg aufgewachsen war und zunächst für den Lehrerberuf studierte, wurde in vielen Fernsehrollen populär. Seine tollsten Filmauftritte hatte er aber als Polizist. Er spielte den Wachtmeister Dimpfelmoser im Kinderkinoklassiker »Der Räuber Hotzenplotz« von 1973 und eben in »Zur Sache, Schätzchen« einen Münchner Polizisten. Die Szene, in der Uschi Glas in einem weißen Korsett auf der Polizeiwache steht und Basedow hektisch an einer Zigarette zieht, bringt mich immer wieder zum Lachen.


Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.