Patricia Dreyer

Die Lage am Abend Covid-19 - Wie lange bleiben die Schmerzen?

Patricia Dreyer
Von Patricia Dreyer, Chefin vom Dienst

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Hausärzte - Wie fühlen sie sich?

  2. Covid-19 - Wie lange leiden Genesene?

  3. USA vs. Google - Warum kommt die Klage jetzt?

1. In aller Freundschaft, Corona-Version

Dr. A., hanseatisch-herzlich, goldene Brille, gütiger Blick, war 20 Jahre lang meine Hausärztin. Sie kannte mich, meine Wehwehchen, wie ein Monteur ein altes Auto kennt, das jedes Jahr zu Beginn der Wintersaison mit schwächelnder Batterie in seine Werkstatt rollt.

So heimelig geht es in den Praxen der Allgemeinmediziner seit Beginn der Corona-Zeitrechnung nicht mehr zu. Meine Kollegin Nike Laurenz hat mit Hausärzten in deutschen Großstädten gesprochen  - von Köln bis Dresden, von Hamburg bis München - und sich schildern lassen, vor welchen Problemen sie jetzt stehen: Wie bewältigt man den Ansturm der Menschen, die sich testen lassen wollen, wo bringt man - es wird Winter - die Wartenden jetzt unter? Was, wenn eine Sprechstundenhilfe positiv getestet wird, die Praxis dann Knall auf Fall schließen muss - und man nicht mal mehr den Anrufbeantworter neu besprechen kann, um die Patienten über die Schließung zu informieren?

Zugegeben, heute Morgen habe ich mich ein wenig aufgeregt über Ärzte, die sich ein halbes Jahr nach der ersten Corona-Welle logistisch noch nicht besser aufgestellt haben (die gibt's ja leider auch) und sich angesichts abgeriegelter Wartezimmer nicht anders zu helfen wissen, als Patienten auf engstem Raum im Treppenaufgang Schlange stehen zu lassen. Nach der Lektüre von Nikes Geschichte überwiegt aber die Dankbarkeit für das Engagement der Hausärzte bei Weitem. Nike sagt es so: "Obwohl es für einige Praxen schwer war, einen Weg zu finden, mit Patienten-Ansturm und Bürokratie-Chaos zurechtzukommen, ließen mich fast alle spüren: Sie sind jetzt sehr gern für die Menschen da - und wollen das auch weiterhin sein."

2. Covid-19 hat noch nicht fertig

Haben Sie schon vom jüngsten Trump-Tantrum gehört? Der US-Präsident, bei dem die Nerven wegen mieser Umfragewerte offenbar flattern, soll sich in kleinerem Kreis über seinen Chef-Immunologen Anthony Fauci erregt haben, schreibt die "New York Times". Trump beschimpfte den Wissenschaftler - mit typisch beschränktem Vokabular - als "Desaster" und klagte dann, die Menschen hätten es satt, dass "diese Idioten" in der Regierung ihnen ständig mit Corona in den Ohren lägen. Einmal mehr zeigt sich der "Führer der westlichen Welt" wie ein greinendes Kleinkind, das seinen Brei nicht essen will.

Gegenschnitt: Sprechen wir über Thomas Tielen. Der sieht aus wie einer, den so schnell nichts umhaut, ein fröhlicher, robuster Typ. Im Frühjahr infizierte er sich im Österreich-Urlaub mit Corona, überstand die Krankheit - leidet aber immer noch an den Spätfolgen.

Meine Kollegin Birgit Großekathöfer hat einen Film zusammengeschnitten, der zeigt, wie Thomas Tielen, der vermeintlich von Covid-19 Genesene, sich in einer Klinik in Heiligendamm "ins Leben zurückkämpft", wie es eine Ärztin ausdrückt. Tielen beschreibt, wie sein Körper, sein Gehirn ihn, auch Monate nach der akuten Erkrankung, immer noch im Stich lassen. Er habe sich als Vertriebler stets auf seinen schnellen Verstand verlassen können, jetzt kriege er Informationen und Termine oft "nicht mehr auf die Kette". Schmerzen hat er manchmal schon morgens in der Dusche, wenn das Wasser auf seine Haut fällt, und dann weint er.

Sollten Sie Menschen treffen, die wie greinende Kinder "genug von Corona" haben, erzählen Sie denen von diesem Film.

Und: Gute Besserung, Thomas Tielen!

3. Googeln Sie das!

Wann haben Sie das letzte Mal Bing, DuckDuckGo oder Yandex genutzt, um etwas im Internet zu suchen? Eben. Wer suchet, der findet via Google. Das US-Justizministerium will nun gegen den Konzern klagen und dessen absolute Marktmacht brechen. Es könnte sich um das größte kartellrechtliche Verfahren in den USA seit Jahrzehnten handeln.

"Nach allem, was wir bislang wissen", sagt mein Kollege und Netzwelt-Redakteur Max Hoppenstedt, "dürfte es dabei um den Kern von Googles Geschäft gehen: Wer im Netz effizient eine Anzeige schalten will, landet früher oder später bei dem Konzern aus Mountain View - und wer etwas suchen will, auch. Spannend könnte das Verfahren auch deshalb werden, weil andere Techkonzerne wie Apple oder Samsung ebenfalls eine wichtige Rolle spielen könnten. Smartphone-Hersteller haben teilweise lukrative Deals, damit ihren Millionen Kunden Google als Standardsuchmaschine auf den Geräten vorgeschlagen wird.

Das Verfahren dürfte sich über Jahre hinziehen. Eine der offenen Fragen ist, ob die gesammelten Vorwürfe des US-Justizministeriums reichen werden, um eine kartellrechtlich beliebte Verteidigungsstrategie der Techkonzerne zu entkräften: Gern wird argumentiert, dass das eigene Vorgehen nicht schädlich für die Preise im Markt sei, weil die eigenen Dienste ja ohnehin kostenfrei seien." Ein Zufall dürfte der Zeitpunkt der Klage kaum sein: In knapp zwei Wochen wird in den USA gewählt.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Große Koalition einigt sich auf Kompromiss zu Rassismusstudie: Innenminister Horst Seehofer kommt der SPD bei der Forderung nach einer Studie über Rassismus in der Polizei entgegen.

  • Der Lehrer, der die Meinungsfreiheit verteidigte: Frankreich trauert um Samuel Paty, der Opfer eines islamistischen Anschlags wurde. Schüler, Kollegen und Eltern beschreiben den Lehrer als Vorbild-Pädagogen, der zuletzt sehr verunsichert war.

  • Mörder Peter Madsen nach Gefängnisausbruch gefasst: Die dänische Polizei hat einen Fluchtversuch des zu lebenslanger Haft verurteilten Tüftlers Peter Madsen gestoppt. Der 49-Jährige hatte sich offenbar schon mehrere Hundert Meter von der Haftanstalt entfernt.

  • 17-Jähriger gibt tödlichen Schlag am Augsburger Königsplatz zu: In Augsburg hat der Prozess um den Tod eines Familienvaters nach einem Weihnachtsmarktbesuch begonnen. Drei junge Männer stehen vor Gericht, der 17-jährige Hauptangeklagte ließ seinen Anwalt ein Geständnis vorlesen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Jeffrey Toobin: Der US-Autor ließ wissen, er habe "einen peinlichen und dummen Fehler gemacht" und entschuldigte sich "bei meiner Frau, meiner Familie und meinen Kollegen"

Jeffrey Toobin: Der US-Autor ließ wissen, er habe "einen peinlichen und dummen Fehler gemacht" und entschuldigte sich "bei meiner Frau, meiner Familie und meinen Kollegen"

Foto: D Dipasupil / Getty Images
  • Eine alte journalistische Regel besagt: Je heißer ein Stoff, umso kühler musst du ihn aufschreiben. Für den Vorfall um Jeffrey Toobin, 60, ist "eklig" sicher die treffendere Kategorie, also hier in kühlen Worten: Das Magazin "New Yorker" hat den amerikanischen Juristen, Journalisten und Bestsellerautor - sein Buch "The People vs OJ Simpson" steht bei mir im Regal - suspendiert. Er soll sich während einer Videokonferenz entblößt haben. Zwei Personen, die an der fraglichen Zoom-Runde teilnahmen, sollen zu Protokoll gegeben haben, sie hätten gesehen, wie Toobin masturbierte (in Sozialen Medien wird der Fall ausgiebig abgehandelt, Hashtag #ZoomDick). Toobin glaubte offenbar, seine Kamera sei ausgeschaltet, und irrte. Der Vorfall lässt mich angewidert zurück. Ich schließe diesen Eintrag einfach mit dem Wunsch, dass Herr Toobin die medizinisch-psychologische Hilfe bekommt, die er offensichtlich dringend braucht.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Im Jahr 2023 soll das kleine Robotorraumschiff dann das Behältnis mit den Asteroid-Proben mit einem Fallschirm über einer Wüste im Bundesstaat Utah abwerfen."

Cartoon des Tages: Corona-Mutationen

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Die x-te Neuverfilmung des Romans "Rebecca" von Daphne du Maurier werde ich mir nicht anschauen - ich fühle eine nostalgische Verbundenheit zu diesem Buch, einer der ersten "Erwachsenen"-Psychothriller, die ich mit ungefähr 13 las. Ihnen aber sei der boshafte Verriss meines Kollegen Wolfgang Höbel empfohlen. Für Netflix wurde der mittlerweile reichlich abgegriffene Stoff - graue Maus heiratet englischen Aristokraten, lebt fortan im Schatten von dessen erster, verstorbener Frau, dann folgt ein überraschender Plot-Twist - jetzt nochmals aufgelegt. Neu, aber nicht besser - und reichlich blutleer. "Es scheint eher die züchtige Sauberkeit ihrer Beziehung zu sein, die Mr und Mrs de Winter füreinander begeistert", schreibt Wolfgang.  "Vermutlich legen die de Winters auch im Ehebett niemals ihre Pyjamas ab."

Ihnen einen schönen Abend.
Ihre Patricia Dreyer

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

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