Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Sommer extrem – wenn Hitze tötet

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Fast 50 Grad Celsius – Warum spielt das Wetter in Nordamerika verrückt?

  2. Inzidenz bei 5,6 – Wann bereitet sich Deutschland auf den Corona-Herbst vor?

  3. Erstschlag gegen das Zweite – Warum will die ARD das ZDF angreifen?

1. Vorboten der Heißzeit?

Drei Tage, drei Hitzerekorde für Kanada, das Thermometer im Dorf Lytton, etwa 200 Kilometer nordöstlich der Küstenmetropole Vancouver, zeigte:

  • 46,6 Grad Celsius am Sonntag,

  • 47,9 Grad Celsius am Montag,

  • und 49,5 Grad Celsius am Dienstag.

»Seit Temperaturen systematisch ausgewertet werden, ist es in der Region noch nie so heiß gewesen«, berichtet mein Kollege Jörg Römer. Vor dem Wochenende lag der historische Höchstwert in Kanada bei 45 Grad, gemessen 1937 in der Provinz Saskatchewan. Auch etwas weiter südlich, in den US-Bundesstaaten Washington und Oregon, stiegen die Temperaturen auf weit über 40 Grad. In Seattle zeigte das Thermometer 42,2 Grad, in Portland 46,1 Grad Celsius – die höchsten Werte in den beiden Städten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1940. (Ein Video hier.)

»Diese Hitzewelle ist ohne Zweifel historisch«, sagt Jörg. Die Ursache sei eine besondere Wetterkonstellation, der Omega-Block. Natürlich sei es grundsätzlich schwer, solche einzelnen Ereignisse dem Klimawandel zuzuordnen. »Aber je mehr Hitzewellen oder anderes Extremwetter wir erleben, umso sicherer können wir davon ausgehen, dass sie eine Folge des Klimawandels sind.« Vielleicht müssen wir uns an Bilder von Menschen gewöhnen, die Zuflucht in Notkühl-Stationen suchen.

2. Bittere Pille

»Unwissenheit ist ein Segen«, sagt Cypher im Science-Fiction-Klassiker »Matrix«, als er seine Freunde an die Maschinen verrät. Er wünscht sich, er hätte sich für die blaue Pille entschieden, nicht für die rote, und könnte unbeschwert von der Realität ein sorgenfreies Leben führen. Die Sehnsucht Cyphers prägt auch diesen zweiten Corona-Sommer, so scheint es: Endlich Urlaub, sinkende Inzidenzen (5,6!) – da wollen viele nicht über Delta-Infektionen nachdenken oder über eine drohende vierte Welle im Herbst oder über Long Covid.

Psychologisch verständlich, politisch bedenklich: Regierende und Behörden versprechen, dass der Herbst besser wird – »ohne sich um das Wie zu kümmern«, berichten meine Kollegen Jan Friedmann und Armin Himmelrath. »Im deutschen Schulsystem herrscht, mal wieder, das Prinzip Hoffnung.« (Hier mehr .)

Teilweise gesegnet mit Unwissenheit ist offenbar auch die Bundesregierung, jedenfalls in Bezug auf Kinder und Jugendliche in der Pandemie. Wie viele leiden unter Spät- und Langzeitfolgen einer Infektion? Wird die Delta-Variante für Schulen und Kitas gefährlich? Zu solchen Fragen ist die Datenlage in den zuständigen Ministerien sehr überschaubar, wie meine Kollegin Katherine Rydlink berichtet .

Eine Auswertung der Barmer Ersatzkasse zeigt nun, dass selbst die bisherigen Infektionen lange nachwirken: Tausende Covid-19-Patienten plagen sich demnach mehrere Wochen mit Symptomen, darunter Atemnot, Müdigkeitsanfälle, Konzentrationsstörungen. Viele sind wochenlang arbeitsunfähig. »Die Zahlen beruhen zwar derzeit nur auf den Daten einiger Tausend Barmer-Patienten«, sagt Katherine. »Sie deuten aber darauf hin, dass mehr Menschen betroffen sind, als etwa die Weltgesundheitsorganisation glaubt. Die ging von etwa zehn Prozent Long-Covid-Fällen aus, die Barmer kommt auf 17 Prozent.« Niemand will wirken wie der stets ernste Prediger Morpheus aus »Matrix«. Aber die Realität auszublenden scheint mir auch keine Erfolg versprechende Strategie.

3. Erstes gegen Zweites

Für die ARD ärgerlich: Oft liegt das Erste nur auf der Fernbedienung vor dem ZDF. Bei den Einschaltquoten landet es meist auf dem zweiten Platz. Die neue Programmdirektorin Christine Strobl will das ändern – und baut massiv um, wie meine Kollegen Alexander Kühn und Anton Rainer berichten. Zum einen will sie die Mediathek stärken, das war bereits bekannt. Zum anderen will sie, und das ist neu, auch die öffentlich-rechtliche Konkurrenz vom ZDF angreifen, wie aus einem internen Papier hervorgeht.

Das Rezept wirkt allerdings nicht ganz so neu: Ideen übernehmen, recyceln, kopieren. Nach den »Tagesthemen« am Dienstag soll etwa ein neuer Talk etabliert werden, der »Markus Lanz« ähnelt. Und am Freitag soll ein Comedy-Wochenrückblick laufen, rund 45 Minuten vor Oliver Welkes »heute-show« im Zweiten.

  • Positiv bewertet Anton an dem Plan, dass die ARD es mit ihren Bemühungen für die Mediathek ernst meint: »Es werden zum Beispiel Krimis und Politmagazine eingekürzt, um mit dem Geld Produktionen zu finanzieren, die online besser funktionieren als im Fernsehen«, sagt er.

  • Skeptisch stimmt ihn, dass ARD und ZDF sich für die eigene Quote kannibalisieren. Anton sagt: »Kritiker, die ohnehin finden, dass zwei große öffentlich-rechtliche Sender einfach nur Geldverschwendung sind, kriegen neue Munition.«

  • Geradezu absurd findet er, dass die ARD behauptet, Carolin Kebekus würde das »erste weibliche Late-Night-Format in Deutschland« bekommen. »Der Sender vergisst nicht nur Anke Engelke, die schon 2004 ihre eigene Sendung hatte – sondern auch Ariane Alter, die bis vor Kurzem ›Late Night Alter‹ auf ZDFneo moderierte.«

Mehr Hintergründe und Details finden Sie hier: Wie die ARD das ZDF angreifen will

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Bruderzwist

Aus familiären Gründen läuft auf den Bildschirmen in meiner Nähe häufiger der Disney-Klassiker »Der König der Löwen« (und leider auch »Der König der Löwen 2: Simbas Königreich«, der es zu Recht nie ins Kino schaffte, aber zum Ende der VHS-Ära noch einmal die Videokassetten-Verkäufe befeuerte). Aus denselben familiären Gründen werden einige Satzfetzen häufig zitiert in meinem unmittelbaren Umfeld: »Scar, Bruder, hilf mir!«, fleht Mufasa, der sich den Steilhang emporschleppt. Statt ihn zu retten, rammt Scar seine Krallen in Mufasas Pranken und zischt ein gehässiges »Lang lebe der König!«. Mufasa stürzt hinab, die Gnus trampeln ihn nieder, am Königsfelsen beginnt der Hyänen-Faschismus.

Nur unwesentlich weniger dramatisch erscheint mir der Bruderzwist im britischen Königshaus, jedenfalls nach der Lektüre der Geschichte meiner Kollegin Patricia Dreyer über die Prinzen William und Harry , auch wenn beide quicklebendig sind. Die Mutter der beiden, die »Königin der Herzen«, wäre am Donnerstag 60 Jahre alt geworden, ihre Söhne enthüllen deshalb eine Diana-Statue. »Diese Veranstaltung hätte wohl kaum überdurchschnittliches Interesse gefunden, wenn die Söhne nicht aufs Übelste zerstritten wären«, schreibt Patricia.

Lange schienen William und Harry unzertrennlich, nicht nur Brüder, sondern best buddies. Die britische Presse machte sie und ihre Frauen Kate und Meghan zu den neuen »Fab Four«. »Für die Medien war das hippe Glück im Hause Windsor ein Volltreffer«, schreibt Patricia. »Was könnte sich nach vielen bleiernen Jahren im Königshaus besser verkaufen als das Doppel-Happy-End für Dianas Söhne? Zynische Antwort: das genaue Gegenteil.« Die Fangemeinde der Royals sei mittlerweile gespalten in ein »Team Cambridge« und ein »Team Sussex«. »Die einen sitzen mehrheitlich in Großbritannien, die anderen in Amerika. Auf Twitter sind alle.« Es gibt Rassismus- und Mobbing-Vorwürfe. Der gemeinsame Auftritt jedoch könnte beide Lager hoffen lassen auf ein bisschen Hakuna Matata. Hauptsache, Elton John liefert nicht den Soundtrack.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »So steht es in einem Papier, über das die Intendantinnen und Intendanten der ARD bei einer zweitätigen Sitzung vorige Woche in Mainz berieten.«

Cartoon des Tages: Morgens, halb zehn in Deutschland - Humor im SoWi-Kurs

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meiner Kollegin Hannah Pilarczyk folgen und die Serie »It’s a Sin« anfangen zu gucken. »Es ist eine Serie über die Aids-Katastrophe, die nie in der Verzweiflung versinkt, sondern die Lebenslust auch in den grimmigsten Momenten verteidigt«, sagt Hannah. »Für die, die Verheerungen von Aids in den Achtzigern noch miterlebt haben, dürfte der trotzig-kämpferische Tonfall eine Erleichterung sein: Hier werden keine Traumata reproduziert. Und für die, die von der Aids-Pandemie nur eine sehr ungefähre Vorstellung haben, dürfte ›It’s a Sin‹ die perfekte Heranführung an diese so dunkle Zeit sein.« (Hier die Rezension, die Serie selbst ist seit dem 20. Juni via Amazon auf Starzplay verfügbar.)

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Diana wäre »heute« 60 Jahre alt geworden, also am Mittwoch, 30. Juni. Es ist aber der Donnerstag, 1. Juli 2021. Wir haben das nachträglich korrigiert.

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