Janko Tietz

Die Lage am Abend Money für die Heavy-Metal-Industrie

Janko Tietz
Von Janko Tietz, Ressortleiter Deutschland/Panorama

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Tariferhöhung für die 3,9 Millionen Metall- und Elektroarbeiter – ist das ein Geldsegen?

  2. Preise in Supermärkten – tricksen die Handelskonzerne, um Margen zu steigern?

  3. Steinmeier in New York – was sollte der Trip?

1. Kräftiger Schluck aus der Pulle, aber sie bleibt halb voll

Ich kann mich nicht erinnern, dass Tarifparteien nach einer Einigung in einem Tarifkonflikt hinterher gesagt haben: Das ging total easy über die Bühne, wir haben uns schnell geeinigt, allen war klar, welche Zahl am Ende auf dem Papier stehen sollte. Zur Folklore bei Tarifverhandlungen gehört stets, dass man später sagt, wie Spitz auf Knopf es stand und man gerade eben so an einem Streik vorbeigeschrammt ist. Man muss sich auf jeden Fall in der Nacht verständigen, damit es so wirkt, als habe man bis zum Äußersten gekämpft. Und es führt kein Weg dran vorbei, dass das Ergebnis hinterher an der jeweiligen Basis als absolut schmerzhaft verkauft wird und man noch nicht sagen kann, wie schlimm die Konsequenzen sein werden. Ohne diesen Dreiklang keine ordentliche Tarifverhandlung.

In meiner Zeit als Wirtschaftsredakteur habe ich mal an einem Tarifplanspiel teilgenommen. Dort erzählte man mir unter der Hand, dass die Beteiligten teilweise zwischendurch aufs Hotelzimmer gehen und schlafen und sich den Wecker für vier Uhr in der Früh stellen, um dann nach einem vorgetäuschten Verhandlungsmarathon erschöpft vor die Kameras zu treten. Einigen würde man sich in der Regel sehr viel früher.

Vielleicht war es auch diesmal so, als sich Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie sowie die IG Metall auf ein Ergebnis verständigten. Nach (angeblich) zwölf Stunden Verhandlungen und einem drohenden Abbruch einigten sich beide Parteien auf ein Tarifwerk. Für die 3,9 Millionen Beschäftigten der Branche sind Lohnsteigerungen von 5,2 Prozent zum Juni 2023 und noch mal 3,3 Prozent ab Mai 2024 bei einer Laufzeit von 24 Monaten vorgesehen. Dazu kommen steuerfreie Einmalzahlungen von insgesamt 3000 Euro.

Die Einigung sei an der »Nahtkante zur Eskalation des Konflikts« gelungen, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann erwartungsgemäß. Aus Sicht von Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf ist das Ergebnis ein »kräftiger Vorschuss« auf den künftigen Aufschwung, der Abschluss liege – wenig überraschend – weit über dem, was die Arbeitgeber eigentlich wollten und was die aktuelle Lage hergebe.

Mehr als acht Prozent mehr Lohn klingt natürlich erst mal viel. Zumal die IG Metall exakt acht Prozent gefordert hat. Haben sich die Arbeitgeber etwa über den Tisch ziehen lassen? Keineswegs. Die Forderung bezog sich nämlich auf ein Jahr. Nun bekommen die Metaller ab Juni 2023 »nur« 5,2 Prozent und im Jahr danach noch mal 3,3 Prozent – in Summe also wegen der zweijährigen Laufzeit etwa halb so viel, wie sie forderten. Letztlich liegt das Ergebnis deutlich unter der aktuellen Inflationsrate von rund zehn Prozent. Es bleibt bei einem Reallohnverlust. Ökonomen, die fürchteten, mit hohen Lohnabschlüssen würde eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt, können sich also wieder hinlegen.

2. Tageseinkauf zum Preis eines Wocheneinkaufs

Wer derzeit seine Kontostände regelmäßig prüft, wird feststellen, dass der Zeitpunkt, an dem am Ende vom Geld noch sehr viel Monat übrig ist, immer weiter nach vorn rückt. Hohe Heizkosten, hohe Spritkosten, hohe Kosten für Lebensmittel. In Summe ergibt das eine Inflationsrate von aktuell rund zehn Prozent, so hoch wie zuletzt in Westdeutschland 1951. Doch eine Analyse meiner Kollegin Nele Antonia Höfler zeigt zumindest für die Preise in den Supermärkten, dass man nicht alles auf Pandemie und Russlands Krieg gegen die Ukraine schieben kann. Manche Handelsketten versuchen auch, die Situation zu nutzen, um mehr Profite zu machen. (Mineralölkonzerne würden das natürlich nie tun.)

Bei Nahrungsmitteln verzeichnete das Statistische Bundesamt im Oktober einen Preisanstieg von mehr als 20 Prozent im Jahresvergleich. Vereinzelt fallen die Teuerungen deutlich höher aus. Zum Teil sind das aber »Mitnahmeeffekte«, wie es im Fachjargon heißt, wenn Unternehmen eigentlich die Preise wieder senken können, es aber nicht tun – schlicht, weil es trotzdem funktioniert. Die Leute haben sich an die hohen Preise gewöhnt und können auch kaum ausweichen, weil es woanders auch kaum billiger ist. Nele macht das an einem Beispiel sehr anschaulich: Als Russland im Februar in die Ukraine einmarschierte, schossen die Preise für Sonnenblumenöl am Weltmarkt in die Höhe. Inzwischen kann das Land wieder liefern, die Preise am globalen Markt sind gesunken und bewegen sich wieder etwa auf dem Niveau von Ende 2021. Doch während Sonnenblumenöl von Thomy im Dezember 2021 bei Rewe 2,29 Euro kostete, sind es aktuell 3,99 Euro.

Manchmal verlieren die Handelsriesen aber auch beim Pokerspiel: Bei Biomilch-Eigenmarken stieg der Preis im Juli auf 1,69 Euro. Konventionelle Milch verkauften die Discounter zeitgleich für 1,09 Euro. Dabei bekamen die Bauern von den Molkereien für Biomilch im Juli nur wenige Cent mehr als für konventionelle Milch. Konsumenten sind größere Preisdifferenzen zwischen Bio und nicht Bio gewohnt. Der Handel hoffte offenbar auf eine höhere Zahlungsbereitschaft, doch die Menschen waren dazu offenbar nicht bereit. Inzwischen ist der Preis für Biomilch in den Läden wieder gesunken. Hier funktionierte der Markt. Doch Bio zählt nicht zur Grundversorgung, man hat die Wahl. Solange die Preise bei konventionellen Lebensmitteln aber hoch bleiben, hat man sie nicht. Irgendwas muss man ja essen. Den Handel freut’s.

3. Er war schon mehrmals in New York

Aufmerksame Leserinnen und Leser der »Lage am Morgen« haben heute früh sicher das Selfie meines Kollegen Veit Medick entdeckt, welches er dem Lageristen (so werden hier intern die Autorinnen und Autoren genannt) Markus Feldenkirchen aus dem Flieger von Bundespräsident Steinmeier aufs Handy schickte. Steinmeier ist nach New York geflogen – und der einzige Journalist, der sich dafür interessierte, war Veit. Der Bundespräsident wurde für seine Verdienste um die transatlantischen Beziehungen mit dem Henry-Kissinger-Preis ausgezeichnet. Der SPD-Politiker nahm die Auszeichnung der Berliner American Academy am Mittwochabend in New York entgegen. Die frühere US-Außenministerin Condoleezza Rice hielt die Laudatio auf den 66-Jährigen. Auch der 99 Jahre alte Kissinger ehrte Steinmeier – wegen einer Coronainfektion allerdings per Videobotschaft.

Bei derselben Reise zeichnete Steinmeier auch den ehemaligen US-Botschafter in Deutschland, Phil Murphy, mit dem Bundesverdienstkreuz mit Stern aus. Der 65 Jahre alte Politiker der Demokraten bekam den Orden für sein langjähriges Engagement für die transatlantischen Beziehungen, sagte Steinmeier. »Einen verlässlicheren, kenntnisreicheren und charmanteren Partner als Sie kann sich Deutschland nicht wünschen.« Murphy war von 2009 bis 2013 US-Botschafter in Deutschland. Heute ist er Gouverneur des US-Bundesstaates New Jersey.

In seinem Text sinniert Veit, ob solche Reisen angesichts von Klimawandel und nötigem Kostenbewusstsein eigentlich noch zeitgemäß sind. Ein 48-stündiges »Hop-on, Hop-off« für ein bisschen Blech am Revers? Andererseits fragt Veit: »Darf man als Politiker jetzt nur noch reisen, wenn man alles ganz anders macht, wenn man ausbricht aus Altbewährtem? Muss es bei Besuchen immer zwingend einen konkreten Nutzen geben, ein Resultat, das sich messen lässt?«

Symbolik sei schon wichtig, resümiert Veit. Um politische Bindungen zu schaffen oder sie zu schützen. »Manchmal geht das über Trachten. Manchmal über Preisverleihungen.« Politisch war er dennoch ein wenig enttäuscht von der Reise – er hätte gern mehr darüber erfahren, wohin die USA nach den Kongresswahlen steuern. Dazu war der Trip schlicht zu kurz und die Auswahl von Steinmeiers Gesprächspartnern zu einseitig.

Podcast Cover
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Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Befreit und doch nicht frei: Auf ihrem Rückzug aus Cherson haben die Russen Busse, Krankenwagen und Computer mitgenommen und die Stromversorgung zerstört. Trotzdem atmen die Einwohner der Stadt auf. Manche aber vermissen die Besatzer .

  • Die Kinder vom Paulinenplatz: Ein Spielplatz in St. Pauli ist für ukrainische Jugendliche zur Heimat geworden. Dort verbringen sie ihre Tage, untergebracht sind sie in früheren Hotels. Die meisten wollen bleiben – obwohl viele hier keine Perspektive haben .

  • »Ich sehe keine Zukunft für Putin«: Wie gefährlich ist Russland – auch für Europa? Und wie ist die Lage in der Ukraine? Militärexperte Oberst Andreas Jödecke bei einer digitalen SPIEGEL-Veranstaltung mit Abonnenten.

  • Panzerhaubitzen wegen Ersatzteilmangels außer Gefecht: 14 deutsche Panzerhaubitzen wurden an die Ukraine geliefert, nun tauchen unerwartete Probleme auf: Nach SPIEGEL-Informationen gibt es einen eklatanten Mangel an Ersatzteilen. Wie es dazu kommen konnte.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Wie die Bundesregierung sich fotografisch in Szene setzen lässt – und was das kostet: Das Wirtschaftsministerium von Robert Habeck sucht Fotografen und ist bereit, sich die Bilder etwas kosten zu lassen. Die Ministerien handhaben das sehr unterschiedlich – ein Haus ist besonders sparsam.

  • US-Behörde gibt grünes Licht für Laborfleisch: Gibt es in den USA bald künstlich gezüchtetes Fleisch zu kaufen? Der US-Hersteller Upside Foods hat jetzt mit Hähnchen aus dem Bioreaktor einen ersten Erfolg erzielt.

  • Manchester United kündigt »angemessene Schritte« gegen Ronaldo an: Hat sich Cristiano Ronaldo mit einem TV-Interview und scharfer Kritik an seinem Arbeitgeber selbst geschadet? Sein Klub Manchester United will nun gegen ihn vorgehen – eine Trennung ist wahrscheinlich.

  • Feuerwehr rettet Wolf aus Gullischacht: Er machte durch Knurren auf sich aufmerksam: In Sachsen wurde ein Wolf aus einem rund zweieinhalb Meter tiefen Schacht geborgen. Noch ist unklar, wie es mit ihm weitergeht.

Meine Lieblingsgeschichte heute...

...steht im neuen SPIEGEL, der hier digital abgerufen werden kann oder ab morgen hoffentlich nicht lange im Handel liegt, weil Sie ihn kaufen. Geschrieben hat diese Geschichte meine Kollegin Beate Lakotta. Sie hat kein fröhliches Thema. Aber sie hat mich sehr berührt. Es geht um die Hilfe zur Selbsttötung, die der Bundestag demnächst neu regeln will. Beate, die sich schon häufig mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, beschreibt in ihrem sehr persönlichen, sehr nachdenklichen Beitrag das Dilemma einer Minderheit: jener Betroffenen, »deren Leiden nicht zu beheben ist«. Es sind Menschen, die an einer tödlichen Krankheit leiden, »am eigenen Verfall oder an dem Verlust dessen, was sie selbst als Lebenssinn oder Würde empfinden«. Was es bedeutet, wenn diese Menschen keine professionelle Hilfe finden, die sie in ihrem Vorhaben unterstützen, schildert Beate am Beispiel des Ehepaares Bernadette und Carsten Kaminski. Der Mann macht für seine schwer kranke Frau sogar einen Waffenschein, weil sie ihn darum bittet. Er sagt: »Es macht mich wütend, dass wir auf diesen Weg gezwungen wurden.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Der Zerstörer: In nur drei Wochen hat Elon Musk Twitter ins Chaos gestürzt: Werbekunden fliehen, Mitarbeiter meutern, 2023 droht ein Milliardenloch. Steht eine der wichtigsten Kommunikationsplattformen der westlichen Welt vor dem Aus? 

  • Gegen sie kam auch Trump nicht an: Nancy Pelosi prägte als Sprecherin des Repräsentantenhauses über Jahrzehnte die US-Politik. Auf ihre Nachfolger im neuen Kongress warten schwierige Aufgaben – und Joe Biden verliert eine wichtige Mitstreiterin .

  • »Wir sollten uns fragen: Hey Körper, was brauchst du von mir?«: Kriege und Katastrophen bestimmen die Nachrichten, viele Menschen sehnen sich nach Ruhe. Das ist Quatsch, sagt Anastasia Umrik. Was rät sie stattdessen? Ein etwas anderes Krisengespräch .

Was heute weniger wichtig ist

  • (H)Ausverkauf: Die Kinder von Donald Trump stoßen das Haus ihrer Mutter Ivana ab. Seit 1992 lebte sie in einer Stadtvilla im Herzen New Yorks. Dann kam es dort zu einem Unfall, in dessen Folge sie starb. Nun könnten Sie dort einziehen, falls es Ihrem Geschmack entspricht und Sie vielleicht auch wie die Metaller eine Gehaltserhöhung bekommen werden. »Prächtig und prunkvoll« – so bezeichnen die Makler diese Bleibe in New York City. Erbaut wurde sie im Jahre 1879. Gelistet ist das Haus mit einer Wohnfläche von 810 Quadratmetern zu einem Preis von 26,5 Millionen US-Dollar – 8,5 Millionen US-Doller mehr, als es eigentlich wert sein soll. Eric Trump hat eine Erklärung dafür: »Meine Mutter hat dieses Haus wahnsinnig geliebt.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Und auch Bundeswirtschaftsminister Robert Hacke scheint von der Erzählung einer klimaneutralen WM wenig überzeugt.«

Cartoon des Tages: Jubel?

Illustration: Chappatte

Und am Wochenende?

Könnten Sie das neue Album  »HOME.S.« des schwedischen Jazzpianisten Esbjörn Svensson in Dauerschleife hören. Es ist gestern erschienen, betörend schön und wohl sein letzter Nachlass. Der Musiker kam 2008 auf tragische Weise bei einem Tauchunfall in den Schären seiner Heimat ums Leben. Sein plötzlicher Tod im Alter von nur 44 Jahren riss eine ganze Musikergeneration in tiefe Trauer. Svensson und sein Trio e.s.t. hatten den Jazz, der für viele bis dahin als angestaubte Altherrenmusik galt, in einen zeitgemäßen Sound übersetzt, der auch 25-Jährige begeisterte. Sein Jazz war Pop. Kurz vor seinem Tod spielte er ausschließlich Soloaufnahmen ein, seine Witwe Eva Svensson entdeckte sie erst jetzt auf einer Festplatte seines Computers. Alles Balladen, neun Stücke, alle mit griechischen Buchstaben nummeriert. »Sie zeigen noch einmal den Pianisten Svensson in seiner ganzen Schönheit«, schreibt mein Kollege Tobias Rapp.  »Die großen Bögen, die an Keith Jarrett erinnern und an Bill Evans. Die statischen Passagen, die an Johann Sebastian Bach erinnern, Svenssons erste musikalische Liebe.«

Erschienen ist das Album beim deutschen Label ACT (hier  können Sie das erste Stück »Alpha« hören), das Ende vergangener Woche sein 30-jähriges Jubiläum in der Philharmonie in Berlin feierte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war gekommen und klatschte konsequent asynchron auf 1 und 3, während seine Frau Elke Büdenbender mit mehr Taktgefühl stets richtig auf 2 und 4 klatschte. Eine ganze Riege von Künstlerinnen und Künstlern, die bei ACT unter Vertrag sind, war da und feierte den Gründer Siggi Loch. Es war ein Fest für den Jazz. Wer fehlte? Esbjörn Svensson. Und das nicht nur in Berlin.

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Einen vergnüglichen Abend wünsche ich Ihnen und ein wunderbares Wochenende. Herzlich
Ihr Janko Tietz

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