Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Haben auch Sie Ihr Kind heute besonders fest gedrückt?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Illerkirchberg unter Schock – warum sticht ein Mann auf Schulkinder ein?

  2. Maskenfrei in Bus und Bahn – pfeift Markus Söder auf den Rat der Medizin?

  3. Nach dem Bierhoff-Aus – und was wird aus Hansi Flick?

1. Die Wahnsinnstat von Illerkirchberg

Was bewegt einen Mann, zwei Mädchen im Alter von 13 und 14 Jahren auf ihrem Schulweg mit dem Messer anzugreifen, auf sie einzustechen, sie so zu verletzten, dass ein Mädchen wenig später stirbt und das andere schwer verletzt im Krankenhaus liegt? Diese Frage beschäftigt nach der Gewalttat in Illerkirchberg in Baden-Württemberg heute viele Menschen im Land. Haben auch Sie Ihr Kind heute früh besonders fest gedrückt, als es das Haus verlassen hat?

Viele Umstände der Tat liegen auch am Tag danach noch im Dunkeln. Doch die Behörden haben inzwischen einige Informationen über den Verdächtigten, einen 27 Jahre alten Mann aus Eritrea, der nahe dem Tatort offenbar in einer Flüchtlingsunterkunft lebt.

Der mutmaßliche Täter sei mit erheblichen Verletzungen operiert worden und befinde sich unter polizeilicher Bewachung im Krankenhaus, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Ein Polizeisprecher hatte zuvor gesagt, der Mann habe sich vermutlich mit dem Messer selbst verletzt.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Tatverdächtigen Haftbefehl wegen Mordes und versuchten Mordes erlassen. Sie prüft auch, ob es Anhaltspunkte für verminderte oder ausgeschlossene Schuldfähigkeit gibt. Das würde gegebenenfalls eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik nach sich ziehen. Ein psychiatrisches Kurzgutachten dazu ist in Auftrag gegeben.

Der mutmaßliche Täter ist den Behörden zufolge bislang nicht durch Gewaltdelikte aufgefallen. Er sei lediglich einmal beim Schwarzfahren erwischt worden.

Wie gehen die Menschen in Illerkirchberg mit der Schreckenstat um? Entsetzen und Fassungslosigkeit dürften in der 5000-Einwohner-Gemeinde groß sein. Viele haben bereits Blumen und Kerzen am Tatort aufgestellt, ein düsterer, unbeleuchteter Durchgangsweg. Bis zur erleuchteten Bushaltestelle an der Hauptstraße hätten die beiden Mädchen gestern gegen 7.30 Uhr nur noch 50 Meter zu gehen gehabt, um dann mit Bus in ihre Schule nach Ulm zu fahren.

Mein Kollege Rüdiger Bäßler war heute vor Ort ; er sprach mit dem parteilosen Bürgermeister Markus Häußler, der sagt, dass Männer aus Eritrea schon mehrere Jahre in dem Haus lebten, vor dem die Mädchen erstochen wurden. Bislang »herrschte dort eine gute soziale Kontrolle«, so der Bürgermeister.

2. Lappen weg in Bus und Bahn

Bayern schafft als eines der ersten Bundesländer die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr ab. Ab dem kommenden Wochenende soll es für Busse und Bahnen nur noch eine »Empfehlung« zum Tragen einer Maske geben. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist nach seiner mentalen Reise von Team Vorsicht über Team Augenmaß nun also im Team Freiheit angelangt, womit er seine Anpassungsfähigkeit an wechselnde Umfragen ein weiteres Mal erfolgreich unter Beweis stellt.

Das Gegenbeispiel trotziger Beharrlichkeit liefert Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Er hatte gestern an die Bundesländer appelliert, die Maskenpflicht im Nahverkehr beizubehalten. Er kann sich dabei auf eine robuste Zahl medizinischer Studien stützen, die vermutlich neben seinem Bett auf dem Nachttisch liegen.

Im Politischen jedoch scheint Lauterbach eine weitere Niederlage zu kassieren. Söder quält ihn mit Äußerungen aus der bayerischen Landesregierung, wonach die Maskenpflicht »aufgrund der aktuellen stabilen Infektionslage« nicht mehr angemessen sei. Wie Bayern will jetzt auch Sachsen-Anhalt die Maskenpflicht auslaufen lassen, und zwar wohl schon vor dem Wochenende. Auch Schleswig-Holstein will lockern. Länder wie Thüringen und Hessen würden die Pflicht gerne verlängern, merkten aber an, dass das schwierig sei, wenn andere sie abschafften.

So werden sich Zugreisende im deutschen Nahverkehr demnächst, je nach Bundesland, die Masken auf- oder absetzen. Aber, hey, dafür gibt es ja bald ein bundesweit einheitliches Nahverkehrsticket.

Man könnte die Maske allerdings auch einfach freiwillig tragen. Darauf macht mein Kollege Julian Aé in seinem Kommentar aufmerksam . Die Maske sei zum Symbol der Spaltung geworden. Nun, ohne Zwang, könne sie ein Zeichen der »Höflichkeit und Rücksichtnahme« werden.

3. Das Bierhoff-Beben und die Folgen

Oliver Bierhoff ist weg – geht nun auch Hansi Flick? Der Trainer der in Katar gescheiterten deutschen Fußballnationalmannschaft hat heute jedenfalls mit großem Bedauern auf das Aus für den DFB-Direktor reagiert: »Meinem Trainerteam und mir fällt im Moment die Vorstellung schwer, wie die durch Olivers Ausscheiden entstehende Lücke fachlich und menschlich geschlossen werden kann«, hieß es in einer Mitteilung. Flick dankte Bierhoff für die lange Zusammenarbeit. »Für mich persönlich war Oliver innerhalb des Teams mein erster Ansprechpartner und Freund. Wir hatten als gemeinsames Ziel das Projekt EM 2024 in Deutschland.« (Hier mehr zu den Hintergründen des Bierhoff-Rückzugs .)

Morgen soll es zu einem Treffen zwischen Flick, DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke kommen. Bislang hatte Flick betont, er wolle weitermachen. Doch dass er den Abschied nicht scheut, wenn ihm etwas nicht passt, hat er beim FC Bayern München bereits bewiesen.

Zunächst braucht der deutsche Fußball aber einen Nachfolger für Bierhoff. Mein Kollege Felix Dachsel schreibt in seiner WM-Mini-Kolumne, dass es dafür eigentlich nur einen Kandidaten geben kann:

»Im deutschen Fußball wird früher oder später über Matthias Sammer geredet, es ist jetzt wieder so weit. Sie haben das neueste Gerücht sicher gehört. Matthias Sammer ist für mich der Mann der ›Galligkeit‹. Vor zehn Jahren, da war er Sportvorstand in München, schimpfte er nach Abpfiff mal, die Mannschaft sei nicht ›gallig‹ genug gewesen. Da hatten die Bayern gerade das neunte Mal in Folge gewonnen.

Ich habe im Lexikon nachgeschaut, was dieses Wort eigentlich bedeutet, und stieß auf einen Beispielsatz, der eigentlich keine Fragen mehr offen lässt: ›Durch unsauberes Ausweiden war der Truthahn gallig und ungenießbar‹. Okay, Herr Sammer, übernehmen Sie. Das klingt doch ausgesprochen köstlich.«

Podcast Cover

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

  • Angriff mit der Wunderdrohne – oder dem Museumsstück? Die Ukraine hat russische Militärflugplätze mit Drohnen angegriffen. Russland hat offenbar ein massives Problem mit der Flugabwehr. Was bisher bekannt ist .

  • Wie Späher die Nachschublinien der Russen auskundschaften: Charkiw und Cherson haben die Ukrainer zurückerobert – und jetzt stoßen sie weiter vor. Sie wollen die Versorgung der Russen in den Donbass kappen. Ukrainische Späher haben dabei eine wichtige Funktion .

  • »Das Risiko eines Tankerunglücks ist so groß wie lange nicht«: Mit einer »Schattenflotte« aus alten Tankern will Russland den Ölpreisdeckel des Westens umgehen. Das könnte gefährlich werden, sagt der Experte Adnan Vatansever. Er warnt vor weiteren Risiken .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Der Black-Friday-Schmu

Die inzwischen auch in Deutschland übliche »Black Friday«-Rabattschlacht zum Auftakt des Weihnachtsgeschäfts ist in Wahrheit oft nur Nepp und Dummenfang. Zu diesem Ergebnis kommen meine Kollegen Holger Dambeck und Simon Uhl, nachdem sie die Preisverläufe der wichtigsten 1000 Produkte auf dem Vergleichsportal billiger.de analysiert haben . Mehr als ein Drittel der Produkte waren demnach am angeblichen Schnäppchentag sogar teurer als im Vormonat.

Hier einige Beispiele: Der Staubsauger V12 Slim Absolute von Dyson kostete am sogenannten Black Friday statt 567 Euro plötzlich 609 Euro, also 7,5 Prozent mehr. Apples AirPods Pro mit MagSafe Ladecase verteuerten sich um 3,1 Prozent. Ein Lacoste-Parfum zog um 25,7 Prozent an. Und für 500 Gramm Kaffee Jacobs Krönung waren am Black Friday sogar 29,3 Prozent mehr fällig.

»Es bestätigt sich die Vermutung, dass vor den Rabatt-Tagen die Preise anziehen«, sagte Thilo Gans, Geschäftsführer von billiger.de, meinen Kollegen. Irgendwie auch logisch: Warum sollten Händler ihre beliebtesten Produkte ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit verschleudern, wenn die Nachfrage besonders hoch ist?

Wann aber ist ein guter Zeitpunkt, um Geschenke einzukaufen? Für einige Produkte sind die Preise nach dem Black Friday tatsächlich wieder etwas gesunken. Doch wer beim Weihnachtsshopping wirklich sparen möchte, wartet wohl besser noch länger ab – bis nach Weihnachten.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Warum es in Kentucky Fleisch vom Himmel regnete: Es sah aus wie Rind – aber was da 1876 wirklich über einer Farm in Kentucky niederging, gab Fachleuten jahrzehntelang Rätsel auf. Die Lösung ist unappetitlich .

  • Für wen das Erben von Immobilien jetzt teurer wird: Eine Änderung im Steuerrecht führt dazu, dass es 2023 teuer werden kann, eine Immobilie zu erben. Die Eigentümerlobby schlägt Alarm, doch Steuerexperten beschwichtigen. Was Eigentümer jetzt wissen müssen .

  • »Dies ist Äthiopiens letzte Chance«: In Tigray gilt ein Waffenstillstand – doch noch immer plündern und morden dort eritreische Kräfte, die Hungernden warten auf Hilfslieferungen. Äthiopien-Experte Alex de Waal ist dennoch vorsichtig optimistisch .

  • Der Mann mit dem Glaubwürdigkeitsproblem: Finanzminister Christian Lindner fragt sich, wie er in der Ampelkoalition erfolgreicher sein könnte? Er sollte es mal mit solider Finanzpolitik versuchen .

Was heute weniger wichtig ist

Feministin: Billie Eilish, 20, freut sich über den wachsenden Erfolg von Frauen, auch im Musikgeschäft. »Das ist völlig unglaublich für mich, zu sehen, denn das ist nicht immer so gewesen«, sagte die US-Sängerin der BBC. Über sich selbst sagte Eilish, sie fühle sich oft am mächtigsten, wenn sie sich eher maskulin gebe. Lange Zeit habe sie damit gerungen, mittlerweile könne sie jedoch auch Kraft aus ihrer femininen Seite ziehen. Eilish hatte als 17-Jährige mit ihrem Debütalbum die Charts gestürmt. Dieses Jahr gewann sie mit ihrem Song »No Time to Die« für den jüngsten Bond-Film den Oscar.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Das Bundesverfassungsgericht hat entscheiden, dass Deutschlands Beteiligung am milliardenschweren Corona-Aufbaufonds der EU rechtens ist.«

Cartoon des Tages: Covid-19 steckt immer noch voller Rätsel

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Die Coronapause der Theater ist vorbei, trotzdem bleiben in vielen Häusern die Ränge oft leer. Das gelte »besonders für jene Theater, die von den Fachjournalisten zu den bedeutendsten im deutschen Kulturraum gekürt wurden«, sagt der Regisseur Matthias Hartmann. »Als bestünde da ein kausaler Zusammenhang.«

Für den SPIEGEL hat Hartmann eine bitterböse Abrechnung mit Theatermachern geschrieben , die das gemeine Publikum schon lange als überflüssig empfänden, als Spießbürger, die sich nicht am progressiven inhaltlichen und ästhetischen Diskurs unserer Zeit beteiligen wollten. »Das Publikum wird nicht gebraucht. In seiner Launenhaftigkeit gefährdet es die Bedeutungsschürfung.«

Die Theaterkrise hält Hartmann deshalb für ein hausgemachtes Problem: »Shakespeare und Molière, die Theatergiganten, haben so lange an den Pointen raffiniert, bis die Menschen im Zuschauerraum während der Vorstellung aufhörten zu quatschen, herumzulaufen oder zu essen. Sie wussten, was sie taten. Auch deswegen waren sie die größten Theaterkünstler aller Zeiten. Ich behaupte allerdings, dass es im deutschen Kulturraum nur wenig Regisseure gibt, die schlicht das technische Können besitzen, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln. Das Theater heute ist wahrscheinlich das bestbezahlte Dilettantenversteck auf der ganzen Welt.«

Geben Sie Hartmann recht? Wann waren Sie das letzte Mal im Theater? Und soll es wirklich Ihr letztes Mal gewesen sein? Schreiben Sie mir gerne: alexander.neubacher@spiegel.de 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

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