Elke Schmitter

Die Lage am Abend Ihr Kinderlein kommet. Aber bitte nicht sofort. Und nicht alle auf einmal.

Elke Schmitter
Von Elke Schmitter, Autorin im Kulturressort
Von Elke Schmitter, Autorin im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Impfen für Kinder – was um Himmels willen bringen Termine ohne Vakzinen?

  2. Sanktionen – wie leer ist der Himmel über Belarus?

  3. Anhörung über Ufos im Kongress – wie voll ist der Himmel über den USA?

1. Ab dem 7. Juni: Impftermine auch für Kinder (zumindest theoretisch)

Noch ist zwar kein Coronaimpfstoff für Kinder ab zwölf zugelassen, doch das dürfte sich bald ändern: Eine entsprechende Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur Ema wird für die kommenden Tage erwartet, womöglich schon am Freitag.

Vor diesem Hintergrund haben Bund und Länder bei ihrem Impfgipfel vereinbart, dass sich Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren mit dem Ende der Impfpriorisierung – derzeit für den 7. Juni vorgesehen – auch um Impftermine bemühen können. Das geht aus dem Beschlusspapier zu dem Treffen hervor.

Klingt eigentlich gut, hat aber einen Haken: Mit der Entscheidung, die Impfkampagne weiter zu öffnen, wächst die Gruppe der potenziellen Impflinge um mehrere Millionen Personen. Mehr Impfstoff wird es jedoch nicht geben. Aufgrund dieser begrenzten Verfügbarkeit bedeute die Neuerung nicht, dass es für die Gruppe der Kinder und Jugendlichen kurzfristig Termine geben werde, heißt es in dem Beschluss von Bund und Ländern. Die Länder könnten allerdings darüber hinaus Angebote in Impfzentren oder spezifische Programme für diese Altersgruppe auflegen.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller – derzeit Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz – warnte vor zu hohen Erwartungen. »Wir haben dafür keine zusätzlichen Impfstoffe«, sagte der SPD-Politiker. Es werde daher keine eigene Impfkampagne für Kinder und Jugendliche ab zwölf geben.

2. Sanktionen gegen Belarus: Die EU findet sich, über den Wolken, bemerkenswert schnell zusammen

Die letzte Diktatur Europas heißt der 9,5-Millionen-Einwohner-Staat zwischen Polen und Russland oft – was klingt, als gäbe es nur lupenreine Demokratien auf unserem kleinen Kontinent. Ein wenig von der Energie, die Bundesaußenminister Heiko Maas und die EU derzeit an den Tag legen, um den Autokraten Alexander Lukaschenko zu beeinflussen, vermisse ich gelegentlich im Umgang mit Ungarn oder auch Polen. Zumal die Möglichkeiten bei Belarus überschaubar sind, denn Russland gleicht gern aus, was Europa anrichtet – solange Lukaschenko die demokratische Opposition nur erfolgreich niederhält.

Immerhin: Maas spricht von einer »großen und langen Sanktionsspirale«, zunächst geht es um die Wirtschaft. Und um den Luftverkehr: Maschinen aus Belarus sollen auf EU-Flughäfen nicht mehr landen dürfen.

Hilft das der Opposition? »Ob sich an den Verhältnissen in Belarus etwas ändert«, sagt mein Kollege Markus Becker aus Brüssel in deprimierender Klarheit, »entscheidet sich in Moskau. Allerdings geht es der EU auch um mehr als nur Belarus: Eine harte Reaktion auf die Flugzeugkaperung soll nicht zuletzt andere Autokraten von ähnlichen Aktionen abschrecken.«

3. Der US-Kongress lässt sich über Ufos unterrichten: Man weiß ja nie

Zu den Selbstverständlichkeiten meiner Generation gehört die gefühlte Überzeugung, dass die Religion an Macht verliert. In Europa, dank der Aufklärung, sowieso, und der Rest der Welt (denn der Eurozentrismus gehört ja auch zu den Selbstverständlichkeiten) zieht schon irgendwann nach… Seit gut 20 Jahren ist diese Überzeugung in den Bereich des schönen Glaubens verwiesen; weltweit wird die Religion, zumindest politisch, immer wichtiger – zumal in ihrer fundamentalistischen Variante.

Zu den Taliban-Erscheinungen des Aberglaubens zählten für mich immer die Ufos: »Unidentifizierte Flugobjekte«, die auf intelligentes Leben außerhalb der Erde verweisen sollen. Es ist ja schon auf der Erde so schwer zu finden.

Der US-Kongress lässt sich aber nun im Juni von Ufos offiziell berichten. Das hatte noch die Trump-Regierung, in ihrer bekannten Weisheit, verfügt. »Werden die USA einräumen, dass Außerirdische regelmäßig in ihren Luftraum eindringen? Das wohl kaum«, so mein Kollege Marco Evers, Redakteur im Wissenschaftsressort. »Aber wenn die es nicht sind, wer dann?«

Der Himmel über Amerika sei ein Mysterium, und zwar schon lange: »Mehr als 12.000 Ufo-Sichtungen hat das Pentagon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren analysiert, fast alle erwiesen sich als Illusionen oder Betrügereien. Für 701 Vorfälle aber fand sich bei aller Mühe keine Erklärung. Auch deshalb glaubt fast die Hälfe der US-Amerikaner weiterhin daran, dass Aliens auf der Erde ein und aus gehen. Für sie werden anstehenden Enthüllungen eine Offenbarung sein – oder eine furchtbare Enttäuschung. Die man, schon klar, der verlogenen Biden-Regierung anlasten wird.«

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

  • »The Me You Can't See« heißt die Dokuserie von Prinz Harry und Oprah Winfrey, die großes Aufsehen erregte, weil der britische Prinz dort zum Auftakt von seinem Unglück als Sohn und Enkel sprach. Normalerweise wird der Titel übersetzt als »Das Ich, das du nicht sehen kannst«, es scheint aber eher um das Prinzip »Zeige deine Wunde« zu gehen. Meine Kollegin Elisa von Hof hat das ziemlich überzeugt. Der 36-jährige Royal und das 67-jährige Gesamtkunstwerk Oprah Winfrey machen beflügelt weiter. Die inneren Aliens werden herausgelockt und mit Experten besprochen. Ob es so insgesamt mehr oder weniger werden, muss sich noch zeigen.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Während Bruder Francisco bald zu den vielen gescheiterten Eigentürmern des schillernden Millionengrabs FC Valencia gehörte, bestritt Fernando die Übernahme von Villarreal quasi aus der Portokasse.«

Cartoon des Tages: Neue Chancen

Foto:

plassmann / Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Großes Leben, schmale Sätze: Die Schriftstellerin Ulrike Edschmid hat die sehr besondere Gabe, Resonanzräume zu schaffen. In denen man hört und sieht, ahnt und fühlt, was sie nicht schreibt. Ihre Romane – alle kurz, ohne bündig zu sein – erzählen von Menschen, die nicht geradeaus gehen können. Weil der Krieg, die Gedanken, die Armut, der Zufall oder die Liebe ihnen den Weg verstellen. Und die das Stolpern und das Weitergehen üben müssen, bis es ihnen, nicht selten mit Anmut, gelingt.

In ihrem neuen Buch gehen die Wege von London nach Berlin, von Frankfurt am Main nach Spanien und Portugal, schließlich in ein verlassenes Getto in Polen. Der europäische Anarchismus, die Lage der Gastarbeiter in der alten Bundesrepublik, Shakespeare und die britische Unterwelt: All das und noch mehr verschlingt, vertäut, verknotet sich in der Geschichte ihres Helden. Und lässt doch Luft, auf poetische Weise. – Ein paar gute Stunden sind damit gewiss. 


Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend
Elke Schmitter

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.