Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Schiri, wir wissen, wer am Lautstärkeregler dreht

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Jacinda Arderns Rücktritt – Ist das Bekenntnis zur eigenen Schwäche der bessere Politikstil?

  2. Erreichen der Schuldengrenze – Wird die US-Regierung bald zahlungsunfähig?

  3. Fußball – Was bringen Schiedsrichteransagen über den Stadionlautsprecher?

1. Jacinda Arderns Rücktritt von ihrem Amt als Premierministerin zeugt von Mut – und innerer Stärke

Die Resignation sei die edelste unter allen Nationen, hat der große Spaßmacher Johann Nestroy einst behauptet. Heute hat die Politikerin Jacinda Ardern Menschen in aller Welt durch die Ankündigung ihres Rücktritts vom Amt der neuseeländischen Premierministerin verblüfft. Ihr Gehen begründete sie mit einer Verbrennungsmotoren-Metapher: Sie habe nicht mehr genug im Tank, um weiterzumachen. Sie hoffe, den Neuseeländern den Glauben gegeben zu haben, »dass man gütig, aber stark, empathisch und doch durchsetzungsfähig sein kann«, so die 42-Jährige in einer Rede.

»Wann hat der Rücktritt eines neuseeländischen Premiers jemals weltweit für Schlagzeilen gesorgt?«, fragt meine Kollegin Laura Höflinger in ihrem Porträt  der Politikerin. Die meisten Deutschen interessierten sich lange für Neuseeland wohl allein als Urlaubsziel. Das Land ist schön, seine fünf Millionen Einwohner gehören angeblich zu den glücklichsten Menschen der Welt. Seit Ardern vor fünf Jahren ihr Amt antrat, wurde sie von Politikerinnen und Politikern und allen möglichen anderen Menschen bewundert.

»Ardern war anders«, so die Kollegin. Bei ihrem Amtsantritt 2017 war Ardern 37 Jahre alt, eine der jüngsten Regierungschefinnen überhaupt. Ein Jahr später brachte sie im Amt ein Kind zur Welt, das hatte es zuvor nur in Pakistan gegeben. Sie nahm sechs Wochen Elternzeit, und als sie kurze Zeit darauf zu Besuch bei der Uno-Vollversammlung in New York war, kamen auch ihr Gatte und die drei Monate alte Tochter Neve mit. Mit drei Jahren unterbrach die Tochter mal einen Livestream der Mutter und Premierministerin – sie wollte noch nicht schlafen.

Sie habe lange geglaubt, nicht hart genug für die Politik zu sein, hat die Politikerin mal in einem Interview über die Zeit vor ihrem Amtsantritt gesagt. Auch als Premierministerin hat sie über die eigenen Ängste und Zweifel offen gesprochen. Ist ihr Rücktritt in einer Situation, in der ihre Wiederwahl offenbar gefährdet war, nun ein Zeichen der Schwäche? Entschieden nein, meint meine Kollegin Laura. »Ardern hat öffentlich eingestanden, nicht mehr genug Kraft für das Amt der Premierministerin zu haben«, sagt sie. »Dazu gehört in einer Zeit und in einer Branche, in der Leistung und Durchhaltewille als Tugenden gelten, einiges an Mut und innerer Stärke.«

2. Wegen des Erreichens der Schuldengrenze könnte der US-Regierung tatsächlich bald das Geld ausgehen – mit bösen Folgen

Selbst unerschütterlichen Bewunderern der US-amerikanischen Demokratie, zu denen ich mich zähle, kommt es mitunter so vor, als sei die Regierung in Washington regelmäßig von Zahlungsunfähigkeit bedroht. Die zuverlässig wiederkehrenden Drohungen mit Finanzblockaden im Politikbetrieb des Landes der Tapferen und Freien sind ein nerviges Ritual. Am heutigen Donnerstag dürfte eine Regierung in Washington mal wieder die sogenannte Schuldengrenze erreicht haben.

Nur eine wohl höchst ungewisse Einigung zwischen den Republikanern und Demokraten – genauer: ein Einverständnis der Republikaner, die Schuldengrenze zu erhöhen – könnte verhindern, dass die Regierung von Stund an keine Kredite mehr aufnehmen darf. Die amerikanische Finanzministerin Janet Yellen schlägt deshalb Alarm, dem Staat droht die Zahlungsunfähigkeit. Voraussichtlich Anfang Juni würde ihm das Geld ausgehen.

Yellen mahnt, ein Zahlungsausfall würde der Wirtschaft, den US-Bürgern und dem weltweiten Finanzsystem »irreparablen Schaden« zufügen. In der Vergangenheit habe bereits die Aussicht auf einen drohenden Zahlungsausfall böse Folgen gehabt.

Tatsächlich kam es in den vergangenen 20 Jahren wiederholt zum Streit um eine Erhöhung der Schuldengrenze und viermal sogar zu sogenannten Shutdowns. 2013 blockierten die Republikaner 16 Tage lang die Ausgaben der Regierung von Barack Obama, bis ein Staatsbankrott doch noch abgewendet wurde. Ökonomen schätzen den wirtschaftlichen Schaden allein dieser Blockade auf mindestens 24 Milliarden Dollar. Im Jahr 2018 kam es unter Präsident Donald Trump gleich zu drei Shutdowns.

Seit Anfang Januar haben die Republikaner im Abgeordnetenhaus eine dünne Mehrheit, mit der sie die Anhebung des Schuldenlimits verhindern könnten. Mein Kollege Malte Göbel schreibt, dass die Chancen für eine Einigung diesmal besonders schlecht seien, »weil die Radikalen in den Reihen der Republikaner besonders stark sind und es für republikanische Abgeordnete politisch gefährlich ist, einer Erhöhung des Schuldenlimits zuzustimmen«. Immerhin gebe es ein bisschen Hoffnung auf eine Lösung, bei der »die Demokraten im Repräsentantenhaus geschlossen für eine Anhebung stimmen – und dabei von einigen wenigen Republikanern unterstützt werden«.

3. Schiedsrichter können ihre Entscheidungen bald über die Stadionlautsprecher erklären – falls ihnen jemand zuhört

Die Arbeit von Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern im Sport hat viel mit der von Kulturkritikerinnen und Kulturkritikern gemein – unter anderem, dass es oft Streit um die Richtigkeit der gefällten Entscheidungen gibt. Als Kritiker kann und sollte man jedes Urteil gut und gründlich begründen, für Fußballschiedsrichter ist das bislang höchstens nach Spielende möglich. Nun erhofft sich das International Football Association Board Ifab mehr Transparenz, indem man Schiedsrichter ihre Entscheidungen per Mikrofon den Fans im Stadion und an den Fernsehern erklären lässt – über das heutzutage ohnehin vorhandene Headset.

Bei der Klub-WM in Marokko wird die neue Praxis ab 1. Februar ausprobiert, auch ein Einsatz bei der Frauen-WM, die vom 20. Juli an in Australien und Neuseeland stattfindet, ist denkbar. In der Bundesliga wird es den Mikrofon-Einsatz frühestens 2024 geben. Die Gespräche zwischen Schiedsrichter und Videoassistent bleiben geheim, nur das Ergebnis soll kurz erklärt werden. Ähnlich verfahren bereits Sportarten wie Eishockey, Baseball und Football. Dort erklären die Referees den Fans nach Aktivierung der entsprechenden Funktion und nach der Auswertung von Bildern, welche Entscheidung die letztlich gültige ist – meist in knappen, standardisierten Sätzen.

Im Fußball erfahren Fans in den Stadien bislang lediglich durch Hinweise auf den Videowänden, was überprüft wurde und wie das Ergebnis des Checks lautet – und regelmäßig gibt es Empörung und Protest.

Wird nun bald alles besser und entspannter im Stadion? »Der Videobeweis ist zum Lieblingsaufreger vieler Fans geworden«, sagt mein Kollege Peter Ahrens. Eingeführt, um den Fußball vermeintlich gerechter zu machen, habe er in erstaunlich vielen Fällen nur dazu beigetragen, dass die Diskussionen noch heftiger geworden sind als vorher. »Vielleicht hilft es ja, dass die Schiedsrichter in Zukunft über Mikro ihre Entscheidungen in Zweifelsfällen dem Publikum erläutern sollen.«

Die neue Regelung klinge erst mal gut, »aber es klang auch gut, als man den Videobeweis einführte«, so Peter. »Fußball ist ein Spiel, das sich nicht komplett vermessen lässt, es ist kein Spiel, das alle Entscheidungen objektiviert. Das wird sich wohl auch nicht ändern, wenn die Unparteiischen in Zukunft zum Mikrofon greifen dürfen. Und, ehrlich gesagt, das ist vermutlich auch ganz gut so.« Das Aufregen über den Fußball gehöre nämlich zu diesem Sport. »Wenn es das nicht mehr gibt, kann man den Fußball gleich komplett abschaffen.«

Podcast Cover

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Wie Russlands Angriffskrieg die Wissenschaft entzweit: Die Forschungswelt gleicht einer ehrgeizigen, aber freundschaftlich verbundenen Gruppe. Was passiert, wenn in diese internationale Clique ein brutaler Krieg platzt? 

  • Hilft Biden jetzt der Ukraine, die Krim zurückzuerobern? Die US-Regierung soll sich Berichten zufolge für Pläne aus Kiew erwärmen, verstärkt gegen die russischen Militärs auf der Krim vorzugehen. Was das für die Kampfpanzerfrage bedeuten würde – und für Kanzler Scholz .

  • Wie Russland seine Armee umbauen will – und was das für den Krieg bedeutet: Nach etlichen Pannen und Niederlagen im Krieg gegen die Ukraine will Russland sein Militär reformieren. Doch viele Probleme werden sich durch ein paar Veränderungen kaum lösen lassen .

  • Koalitions- und Oppositionspolitiker warnen Scholz vor Spaltung Europas: Der Bundestag debattiert intensiv über Panzerlieferungen für die Ukraine. Die Union wirft Olaf Scholz vor, unverantwortlich zu handeln. Auch aus der Koalition kommt Kritik. Die SPD spricht dagegen von »Radau« – es stünden »substanzielle Beschlüsse« bevor.

  • Warum nicht gleich Nuklearwaffen? Erst zögert die Bundesregierung mit Waffenlieferungen, dann können es offenbar nicht genug Panzer sein. Der deutschen Ukrainepolitik fehlen Maß und Mitte und eine klare Strategie .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Selbst für Gutverdiener wird Wohneigentum zunehmend unbezahlbar: Steigende Zinsen, hohe Baukosten, Inflation. Immer weniger Menschen können den Kauf einer Immobilie finanzieren. Laut einer aktuellen Studie stößt selbst das reichste Fünftel nun deutlich häufiger an seine Grenzen.

  • Schauspieler Julian Sands beim Wandern in den USA verschollen: Er ging in der Nähe von Los Angeles bei widrigen Wetterbedingungen wandern – doch der Brite kehrte nicht wie geplant zurück. Bei der Suche kommen nun Drohnen zum Einsatz.

  • Straße gesperrt – Australier fährt Umweg von 5000 Kilometern: Im Urlaub stellt Chris English fest, dass er nicht auf der geplanten Route zurückfahren kann – die Straße wurde von einer Flut zerstört. Dann fasst der Australier einen außergewöhnlichen Plan.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Späte Bescherung

Mein Kollege Markus Becker berichtet aus dem merkwürdigen europäischen Politikbiotop in Brüssel. Roberta Metsola versucht dort, sich im Korruptionsskandal im Europaparlament als Kämpferin für Integrität und Transparenz zu präsentieren. Doch aus einer auf der Website des Parlaments veröffentlichten Liste geht nun hervor, dass Metsola seit Anfang des vergangenen Jahres 142 Geschenke angenommen hat. 125 davon hat sie erst nachträglich gemeldet und damit die Regeln des Parlaments gebrochen.

Roberta Metsola

Roberta Metsola

Foto: Julien Warnand / EPA

Bei den von Metsola gemeldeten Präsenten handelt es sich hauptsächlich um Kleinigkeiten wie Schals, Vasen und Bücher. Nur eines soll einen Wert von 150 Euro übersteigen. Trotzdem sieht das Ganze nicht gut aus. Denn das EU-Parlament kämpft noch immer mit den Folgen des Korruptionsskandals, der Anfang Dezember mit Razzien, sechs Festnahmen und der Beschlagnahmung von rund 1,5 Millionen Euro Bargeld begann.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Der neue Sound aus dem Bendlerblock: feierlicher Amtsantritt für Boris Pistorius? Kaum Zeit. Nach Übernahme der Geschäfte holt den neuen Verteidigungsminister gleich die Panzerfrage ein. Und er schlägt einen anderen Ton an .

  • »Man kann nicht alles sanktionslos behaupten«: C. H. Beck arbeitet nicht mehr mit Hans-Georg Maaßen zusammen. Juraprofessor Stefan Huster hatte wegen des umstrittenen CDU-Politikers schon vorher mit dem juristischen Fachverlag gebrochen. Was hält er von dessen Sinneswandel? 

  • Abschied vom Unantastbaren: Dass Yann Sommer zum FC Bayern kommt, überrascht nicht – der Vertrag bis 2025 schon. Erstmals droht Stammtorhüter Manuel Neuer ein echter Konkurrenzkampf. Das Machtgefüge in der Mannschaft könnte sich verschieben .

  • »Nimm das auf, das gibt garantiert Stress«: Ein Mann tötet einen Hirsch mit dem Messer im Gartenteich und lässt sich dabei filmen. Tierquälerei? Macho-Gehabe? Hier spricht sein Anwalt .

Was heute weniger wichtig ist

Spendabler King: König Charles III., Chef der britischen Monarchie, will wegen der Lebenshaltungskostenkrise in Großbritannien Millionen an seine Untertaninnen und Untertanen abtreten. Es handelt sich um Gewinne aus Leasingverträgen für Offshore-Windparks. Die Einnahmen aus den Pachtverträgen sollten eigentlich helfen, die laufenden Kosten der königlichen Haushalte und Reisen zu begleichen, Charles will sie aber an die Allgemeinheit weitergeben. Ein Sprecher des Buckingham-Palastes sagte, dass der Schatzmeister von König Charles, der sogenannte Keeper of the Privy Purse, an den Premierminister und den Finanzminister geschrieben habe, »um den Wunsch des Königs zu teilen«.

Mini-Hohlspiegel

»Tatsächlich ist es Seetang, der da im Wasser landet. Den verarbeitet Jens Christian Moller zu einem Imitat der Meerestiere, das auch eingeschweißten Krabbenbrötchenfans schmecken soll.«
Aus der »Ostseezeitung«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich auf Netflix Edward Bergers Neuverfilmung des Erster-Weltkrieg-Romans »Im Westen nichts Neues« ansehen. Ich habe es selbst noch nicht gesehen, finde aber den Schauspieler Abrecht Schuch, der mitspielt, eigentlich immer sensationell gut. Der Film sei »eher ein tragisches Requiem als ein actiongeladenes Spektakel«, urteilt mein Kollege Oliver Kaever .

Szene aus der Neuverfilmung von »Im Westen nichts Neues«

Szene aus der Neuverfilmung von »Im Westen nichts Neues«

Foto: Reiner Bajo / Netflix

Heute wurde bekannt gegeben, dass Bergers Remake von »Im Westen nichts Neues« die Nominierungsliste bei den British Academy Film Awards anführt – in 14 Kategorien ist der Film für die wichtigste britische Filmauszeichnung nominiert. Am 24. Januar werden die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben. »Im Westen nichts Neues« steht in fünf Kategorien in der Vorauswahl.


Einen schönen Abend.

Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

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