Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Lässt Trump sich ruhig stellen?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona-Zahlen - Warum hat die Inzidenz-Woche in Hamburg nur sechs Tage?

  2. Mute der Verzweiflung - Brauchen die USA einen Stumm-Schalter für Trump?

  3. Genug gelüftet - Wie schneiden deutsche Schüler bei Pisa ab?

1. Wo die Corona-Woche nur sechs Tage hat

Diese Eleganz, diese Klarheit, diese Raffinesse - der nüchternste Naturwissenschaftler kann ins Schwärmen geraten, wenn er über die Mathematik spricht. Das gilt auch für den wohl nüchternsten Naturwissenschaftler in unserer Redaktion, meinen Kollegen Holger Dambeck, studierter Physiker und Mathe-Experte. Er bekommt leuchtende Augen nach der Lektüre mathematischer Beweise, so sieht Liebe aus.

Wer Holger fluchen hören will, muss ihn nach den Corona-Zahlen des Robert Koch-Instituts fragen, die er zusammen mit Theresa Palm und Philip Seibt aus unserem Datenteam ausgewertet hat. Ihre Analyse  der sogenannten 7-Tage-Inzidenz zeigt: Mindestens 30 Prozent der Angaben beruhen auf unvollständigen Daten und sind damit zu niedrig. Diese fehlerhafte Größe entscheidet aber darüber, wie stark das öffentliche Leben eingeschränkt wird. "Das Meldeverfahren produziert zwangsläufig falsche Daten", sagt Holger.

Es läuft so: Hat ein Labor einen positiven Test gemacht, schickt es das Ergebnis ans örtliche Gesundheitsamt, oft noch per Fax. Dort tippt jemand die Angaben in den Computer. Diese Meldung geht dann an eine Landesbehörde, dort bündeln Mitarbeiter die Informationen und leiten sie schließlich weiter ans RKI. Dummerweise machen manche Ämter früher Feierabend als andere, in Niedersachsen zum Beispiel ist um 16 Uhr Schluss. "Manche Ämter übermitteln morgens, manche mittags, manche abends", sagt Holger. "So kommt für Hamburg nur eine 6-Tage-Inzidenz zustande, für Berlin eine für 6,5-Tage." Das RKI kenne die Mängel, stelle sich aber stur und trage etwa bei fehlenden Daten einfach eine 0 ein. Klingt nicht nach mathematischer Eleganz, Klarheit und Raffinesse.

2. So stumm kommen sie nicht mehr zusammen

Wenigstens zwölf ruhige Minuten soll Joe Biden bekommen bei der TV-Debatte mit Donald Trump heute Nacht: In sechs Themenblöcke gliedert sich das Rededuell (Coronakrise, Klimawandel, Familie, Ethnien in Amerika, Innere Sicherheit, Führungsverständnis), und zu Beginn jedes Themenblocks bekommt jeder Kandidat zwei Minuten für ein Statement, in denen das Mikrofon seines Kontrahenten stumm geschaltet wird. Die Organisatoren hatten die Regeln angepasst, nachdem die erste TV-Debatte im Chaos endete, weil Trump seinem Widersacher immer wieder ins Wort fiel. (Hier finden Sie einen Überblick zur "Debatte mit Aus-Knopf", wie meine Kollegin Valerie Höhne es nennt.)

Einen Stummschaltknopf für Trump - vielleicht sehnen sich danach bald weite Teile der USA, vielleicht auch prominente Republikaner. Denn selbst wenn die Amerikaner den Präsidenten klar abwählen sollten und ein friedlicher Übergang zu einer Biden-Regierung gelänge - die Trumps und Trumpisten werden wohl eher kein Schweigegelübde ablegen oder ihre Twitter-Zugänge deaktivieren. Wie Trump-Tochter Ivanka und Sohn Donald Junior ihre eigenen politischen Karrieren vorantreiben, beschrieb mein Kollege René Pfister erst kürzlich: In der Familie sei "ein Machtkampf über die Frage ausgebrochen, wer das politische Vermächtnis des Vaters übernehmen soll". (Die ganze Geschichte lesen Sie hier. )

Trump dürfte seine Anhänger auch nach dem Ende seiner Amtszeit aufhetzen und mobilisieren - er bleibt ein politischer Faktor. Sicher wären ein Präsident Biden und eine Vizepräsidentin Harris seine Hauptziele, aber sein Zorn könnte sich auch gegen vermeintlich abtrünnige Republikaner richten. Will die Partei die Trumpisten nicht als Wähler verlieren, wird sie sich hüten, allzu klar auf Distanz zu ihm zu gehen. Stumm schalten können sie Trump eben nicht.

3. Pisa ohne Schock

Wenn die Deutschen über ihre Schulen reden, geht es gerade sehr häufig darum, wie mehr Luft in die Klassen kommt, aber selten darum, wie Wissen in die Köpfe gelangt. Meine Kollegin Silke Fokken hat sich nun mit den Ergebnissen der jüngsten Pisa-Studie befasst. Dieses Mal ging es nicht nur um Lesen, Mathe und Naturwissenschaften, sondern auch um "globale Kompetenz". "Es gibt kein Schulfach, das so heißt", schreibt Silke, doch Schülerinnen und Schüler "müssen sich in einer stark vernetzten, Grenzen übergreifenden Welt zurechtfinden".

Der Studie zufolge trauen sich die 15-Jährigen aus Deutschland eher zu, lokale und globale Probleme einzuschätzen und sich eine Meinung zu bilden, als Gleichaltrige in vielen anderen Ländern. "Mehr als vier Fünftel der befragten Schüler sind sich Problemen wie Klimawandel, globale Erwärmung, Gleichstellung von Frauen und Männern, Migration, Unterernährung sowie Ursachen von Armut sehr bewusst", berichtet Silke. Die Daten wurden erhoben, bevor die Fridays for Future-Bewegung für Furore sorgte und die Corona-Pandemie begann.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Islamistischer Anschlag in Dresden - Behörden verteidigen Vorgehen: Noch am Tag der Tat wurde der mutmaßliche Dresdner Angreifer überwacht. Die Sicherheitsbehörden haben sich gegen Kritik an ihrer Arbeit gewehrt.

  • Oberstes Gericht erklärt Ausnahme im Abtreibungsrecht für verfassungswidrig: Das strenge Abtreibungsrecht in Polen erlaubt Schwangerschaftsabbrüche unter anderem, wenn das ungeborene Kind schwere Fehlbildungen aufweist. Diese Ausnahme hat das Verfassungsgericht nun gekippt.

  • Justizausschuss billigt Nominierung von Barrett für Supreme Court: Der Weg ist frei für die Abstimmung im US-Senat: Der Justizausschuss der Kongresskammer hat die Nominierung von Amy Coney Barrett für das Oberste Gericht bestätigt. Ein Boykott der Demokraten blieb wirkungslos.

  • Lauterbach fordert Ärztekammer-Präsident zum Rücktritt auf: Der Präsident der deutschen Ärztekammer bezeichnet die Maskenpflicht in einer Talkshow als "Vermummungsgebot". SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach findet das nicht haltbar - und fordert seinen Rücktritt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

Nicht gut aufs Kapitol zu sprechen

Nicht gut aufs Kapitol zu sprechen

Foto: Rich Fury/ Getty Images

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Mittelständern droht massiver Jobverlust"

Cartoon des Tages: Alles wieder gut in Berchtesgaden

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie eine neue, furiose Serie anfangen zu gucken, die mein Kollege Wolfgang Höbel empfiehlt: Die Drehbuchautorin und Schauspielerin Michaela Coel spielt in "I May Destroy You" eine Schriftstellerin namens Arabella. Eines Abends tritt Arabella auf einem Literaturfest ans Mikrofon und berichtet, dass sie vor ein paar Tagen missbraucht worden sei - von einem Mann im Saal, den sie wütend als Täter outet. Panisch flüchtet der Kerl, während das Publikum ihn filmt und ausbuht.

Michaela Coel als Arabella

Michaela Coel als Arabella

Foto: HBO / Sky

"In pointierten, genau beobachteten Szenen erweist sich Coels Serie als herausragendes Epos über die Sitten und Beischlafgebräuche unserer Zeit", findet Wolfgang. "Angetrieben wird die Serie von der phänomenalen Intensität, der Komik und der Verletzlichkeit der Darstellerin Coel - und von Arabellas Anstrengungen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen." (Abrufbar bei Sky , mehr über die Serie lesen Sie hier.)

Ihnen einen schönen Abend. Bis morgen, herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

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