Arno Frank

Die Lage am Abend Er sagt, sie sagt, versagt?

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Urteil gefallen: Sie oder er?

  2. Großbritannien feiert: Nostalgie oder Zukunft?

  3. Ukraine kämpft: Gewinnen oder bestehen?

1. Sie oder er?

Die #MeToo-Bewegung ist in der Krise, und vielleicht tut das der #MeToo-Bewegung mal ganz gut. Aus Krisen geht man bekanntlich stärker hervor, als man hineingetorkelt ist. Jedenfalls ist das Urteil im eigentümlich öffentlichen Prozess um gegenseitige Schadensersatzklagen zwischen dem populären Schauspieler Johnny Depp und der nicht ganz so populären Schauspielerin Amber Heard nun gesprochen worden. Zugunsten des Mannes.

Den Missbrauchsvorwürfen der Frau hat die Jury keinen Glauben schenken wollen, verurteilt wird sie wegen erwiesener Falschbehauptungen – aber auch Depp muss zwei Millionen Dollar zahlen, die von den ihm zustehenden 10,3 Millionen Dollar abgezogen werden. Es ist kompliziert, aber salomonisch.

Tatsächlich hat sich in den vergangenen Wochen das – wie üblich – spaltfreudige Publikum gespalten, in »Team Depp« (größer, laut) und »Team Heard« (kleiner, auch laut). Vielleicht ging es dabei weniger um Gerechtigkeit als um die Frage, wer vor Gericht das bessere Schauspiel hinlegt. Beide gehen, wie man so sagt, »beschädigt« aus dem Verfahren hervor. Heard mehr als Depp; sie hat mit ebenso misogynen wie anonymen Massen aus dem Internet ihre Bekanntschaft machen müssen.

Nicht leicht war es hingegen, dem Trauerspiel einer offenbar völlig verkorksten Ehe von einem neutralen Hügel aus beizuwohnen. Solche Hügel werden immer seltener. Sie sagt, er sagt. Dazwischen gibt es nichts mehr, nur die unendlich mühsamen Ebenen der Wahrheitsfindung. Wer sich auf keine Seite schlägt, wird von jeder Seite der jeweils anderen Seite zugeschlagen.

Womöglich hilft es, den Prozess nicht als Endspiel der #MeToo-Saga zu betrachten. Und auch nicht als Remake von »Szenen einer Ehe«. Sondern als Lehrstück darüber, dass, bis wir ein besseres Verfahren finden, auch über sexualisierte Gewalt vor Gericht geurteilt wird. Oder eben nicht.

2. Nostalgie oder Zukunft?

Heute und auch die kommenden Tage feiert Queen Elizabeth II., 96, ihr 70. Thronjubiläum mit Parade, Pipapo und Tschingderassabumm. Oder? Wir schalten rüber in den verdienstvollen Liveticker von Florian Pütz. Yep: »Jetzt macht es bumm, ja, und dann kracht’s. Das sind die 82 Salutschüsse!«, notiert er um 13.54 Uhr.

13 Premierminister und zwei Premierministerinnen hat sie kommen und gehen sehen, den aktuellen (Boris) nicht mitgerechnet, weil der noch nicht gegangen ist – womöglich ungehbar? Angeblich soll auch die exilierte US- beziehungsweise Netflix-Verwandtschaft (Meghan und Harry) anwesend sein, was nicht weiter verwundert, wo doch vermutlich die ganze Insel auf den Beinen ist. (Sehen Sie hier den Livestream.)

Die Ankunft der Queen in London war von Turbulenzen (in der Luft) geprägt, Turbulenzen (am Boden) soll es auch am Rande der Feierlichkeiten gegeben haben. Störer wurden in Gewahrsam genommen, Prinz Charles wurde auf dem (hohen) Ross gesichtet. Die Königin erklärte, sie schaue »mit Vertrauen und Zuversicht« in die Zukunft und erklärte mit der ihr eigenen Trockenheit, »solche festlichen Gelegenheiten« seien dazu angetan, »schöne Erinnerungen« zu erzeugen.

Und mit einem offiziellen Jubiläumsfoto, das Ranald Meckechnie im Windsor Castle von der Monarchin gemacht hat. Es könnte auch eine Postkarte von Oma sein, die sich hübsch gemacht hat. Die Königin sitzt kronenlos und adrett vor einem Fenster zur Vergangenheit – zu sehen sind grünes Gras, ein leicht bewölkter Himmel, ein Burgturm und, unscharf, eine Statue von Charles II. (1630–1685) aus dem Hause Stuart.

Früher wurden für solche offiziellen Porträts noch Leute wie Diego Velázquez (Habsburg, spanische Linie) oder wenigstens ein Joshua Reynolds (Hannover, britische Linie) engagiert. Heute tut’s ein Foto. Dem nostalgischen Taumel tut das keinen Abbruch.

3. Soll die Ukraine diesen Krieg gewinnen?

Die Frage stellte heute am Morgen nicht nur der Moderator des Deutschlandfunks der Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, diese Frage wird seltsamerweise gerade zum Dreh- und Angelpunkt deutscher Außenpolitik.

Also: »Frau Ministerin, soll die Ukraine diesen Krieg gewinnen?« Lambrecht meint, »wir« müssten dafür sorgen, dass die Ukraine in diesem Krieg »bestehen« könne. »Mit dem Ziel, dass die Ukraine gewinnt?« Lambrecht besteht darauf, dass die Ukraine »bestehen« können sollte. Drei weitere Male hakt der wackere Moderator nach , drei weitere Male drückt sich Lambrecht um das »gewinnen«. Was ist da los?

Bei »Markus Lanz« musste Markus Lanz gar nicht erst lange bohren, um der grünen Außenministerin Annalena Baerbock das Statement zu entlocken: »Sie«, die Russen, »wollen den Frieden in der Ukraine zerstören. Deswegen darf die Ukraine auf keinen Fall verlieren – das heißt: Die Ukraine muss gewinnen

Aber kann sie das, wo selbst die Führung in Kiew daran zweifelt, die Gebiete im Osten verteidigen, geschweige denn wieder zurückerobern zu können? Offenbar gehen, wie mein Kollege Severin Weiland neulich analysiert hat, die Meinungen auch in Berlin auseinander – und bewegen sich zwischen den Polen »Die Ukraine muss gewinnen« und »Die Ukraine muss bestehen«. Das mag mit einer drohenden Eskalation zu tun haben, aber auch mit diplomatischen Feinheiten – vermutlich eher weniger mit dem Parteibuch (SPD).

Apropos »Diplomatie« und »Feinheiten«: Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat sich über die jüngsten Ankündigungen, endlich »schwere« Waffensysteme zu liefern, erfreut gezeigt: »Endlich können wir dem Bundeskanzler Scholz von Herzen sagen: Danke!«

Uff.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • EU verzichtet auf Druck Ungarns auf Sanktionen gegen Patriarch Kirill: Der Weg für das sechste große EU-Sanktionspaket gegen Russland ist frei. In letzter Sekunde setzt allerdings ausrechnet Ungarn weitere Änderungen durch und sorgt dafür, dass eine prominente Person verschont bleibt.

  • Was würde Willy Brandt jetzt tun? 1972 traten die Ostverträge in Kraft. Hier streiten Politikerin Gesine Schwan und Historiker Jan C. Behrends darüber, wie Brandts Entspannungspolitik bis heute nachwirkt – und warum der SPD mehr Distanz zu Russland so schwerfällt .

  • Der Diplomat, der Putin kritisierte – und jetzt in Lebensgefahr schwebt: Seit der russische Botschaftsrat Boris Bondarew sich mit dem Kreml angelegt hat, fürchten Schweizer Sicherheitskräfte um sein Leben. Bei einem Treffen erzählt er, warum er Putin kritisierte – und sich so in Gefahr begab .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Höcke will auf Parteitag Einzelspitze durchsetzen: Auf dem Parteitag in Riesa plant Björn Höcke offenbar die Führung der AfD zu verändern. Der Thüringer Landeschef will laut einem Medienbericht dafür sorgen, dass es keine Doppelspitze wie bislang mehr gibt.

  • Bundesverfassungsgericht billigt Immobilienobergrenzen für Hartz-IV-Empfänger: Vorgaben für Hartz-IV-Empfänger zur maximalen Größe von Wohneigentum sind laut Bundesverfassungsgericht mit dem Grundgesetz vereinbar. Wenn Kinder ausziehen, kann das zum Problem werden.

  • Tanja Gönner wird erste Frau an der BDI-Spitze: Die frühere baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner wird neue Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Die 52-Jährige folgt auf Joachim Lang und ist die erste Frau in dieser Position.

  • Spritpreise steigen trotz Tankrabatt: Die Steuersenkung für Benzin und Diesel sollte Deutschlands Autofahrer entlasten, tatsächlich ziehen die Preise schon wieder an. ADAC und Kartellamt sind alarmiert – und wollen den Konzernen auf die Finger schauen.

  • Kühnert nennt Vonovia-Ankündigung »unverfroren«: Vonovia-Chef Buch will die Mieten deutlich erhöhen – wegen der steigenden Inflation. SPD-Generalsekretär Kühnert attackiert den Wohnungskonzern scharf und spricht von »grobem Unfug«.

Meine Lieblingsgeschichte heute...

…ist der Kommentar meines Kollegen Florian Gontek über eine E-Mail, die Elon Musk an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Tesla geschrieben hat: »Jeder bei Tesla muss mindestens 40 Stunden in der Woche im Büro verbringen«, heißt es in der Nachricht vom Dienstagabend: »Wenn jemand nicht erscheint, müssen wir davon ausgehen, dass diese Person das Unternehmen verlassen hat.« Genau, es geht ums Homeoffice.

Ich für meinen Teil habe nicht in der vergangenen Woche, sondern in den vergangenen zwölf Jahren exakt fünf Stunden »im Büro« verbracht. Hoffentlich geht meine Chefin nicht davon aus, dass ich »das Unternehmen verlassen« habe.

Elon Musk

Elon Musk

Foto:

Anglea Weiss / AFP

»Musk ist jemand«, schreibt mein Kollege, »der in vielen Dingen ein Seismograf unserer Zeit zu sein scheint. Was Arbeitskultur und Arbeitsmoral angeht, das zeigte sich in den vergangenen Jahren immer wieder, ist er ein Gestriger.« Unter Umständen ist Musk auch ein Übermorgiger, galt sein Treiben doch lange als absolute Avantgarde des globalen Spitzenkapitalismus.

Diese Avantgarde zeigt – und das zeigt auch Florian Gontek in seinem Kommentar – immer häufiger ihr wahres Gesicht. Musk als Ausbeuter, Musk als Hallodri, Musk möglicherweise auch als Fall für #MeToo. Das Grundwasser in Brandenburg, die Kurse von Twitter. Seine Beteiligung an der Gruselfirma Palantir. Sein noch gruseligeres Interesse an Schnittstellen zwischen Computer und Menschenhirn. Der Umstand, dass er seinen Sohn X Æ A-12 genannt hat (das aber nur verwendet, wenn er etwas ausgefressen hat: »X Æ A-12, so nicht!«, sonst ruft er ihn liebevoll und schlicht: X).

Einen vorgestrigen Fortschrittsskeptiker (wie mich) in seinem Homeoffice jedenfalls erinnert der Mann immer mehr an die Figur des Hugo Drax aus »Moonraker«. Der redet genauso.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Der Abgang der Shitstorm-Veteranin: Sheryl Sandberg ist eine der mächtigsten Frauen des Silicon Valley und Galionsfigur des Girlboss-Feminismus. Doch Facebooks Skandale sind auch ihre – nun geht die Managerin. Was plant sie als Nächstes?

  • »Oft haben wir nur rumgesessen und gestrickt«: In einem Göttinger Impfstützpunkt arbeiten zehn Verwaltungsangestellte, zehn Fachkräfte, ein Sanitäter, eine Ärztin und eine leitende Medizinerin – für nur wenige Spritzen pro Tag. Warum das alles? 

  • »Warum redet keiner mit mir?« Das Recherchekollektiv Forensic Architecture kritisiert den Polizeieinsatz am Wohnhaus des Attentäters von Hanau. Die Opferfamilien hoffen, mal wieder, auf Konsequenzen .

  • Wem das Ölembargo am meisten schadet: Bald darf kein Öl mehr aus Russland über den Seeweg in die EU kommen. Nach dem Sanktionsbeschluss kalkulieren Experten und Politiker, was stärker wirkt: geringere Einnahmen für Wladimir Putin oder höhere Preise in Europa .

Was heute weniger wichtig ist

  • Pelé, 81, emeritierter Fußballer von höheren Gnaden, ist nun auch unter die Autoren »offener Briefe« gegangen. In einem Schreiben auf seinem Instagram-Kanal hat die brasilianische Legende an Wladimir Putin geschrieben: »Stoppen Sie die Invasion. Es gibt absolut keine Rechtfertigung für diese anhaltende Gewalt.«

    Als er Putin in der Vergangenheit getroffen und ein Lächeln mit ihm ausgetauscht habe, begleitet von einem langen Händedruck, habe er nie gedacht, »dass wir eines Tages so gespalten sein würden, wie wir es jetzt sind«, schrieb Pelé. Es haftet diesen treuherzigen Zeilen etwas Rührendes an – allein die Vorstellung, der Kreml könne nun wirklich, weil doch Pelé geschrieben hat und der Händedruck damals so warm war…

    Aber so ist es vermutlich mit dem Sport, der sich das Völkerverbindende auf die Fahnen geschrieben hat. Er kann nicht anders, auch wenn es in allen seinen Disziplinen darum geht, sich gegenseitig »zu schlagen«. Aber nur symbolisch, sublimiert! Nicht in der wirklichen Tatsächlichkeit. Eben dort, in der Wirklichkeit, hat sich die ukrainische Nationalmannschaft mit einem Sieg gegen Schottland für die WM in Katar qualifiziert.

    Vielleicht wartet dort Pelé, mit ausgestreckter Hand und einem Lächeln.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Viele Menschen haben wegen der extrem steigenden Lebenshaltungskosten Angst, mit ihrem Geld über die Runden zu kommen.«

Cartoon des Tages: supergut verteidigen

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Exklusiv für unsere Abonnentinnen und Abonnenten wird Auslandsreporterin Susanne Koelbl ein neues digitales Talkformat im Livestream anbieten: »SPIEGEL Deep Dive«. Zum Gespräch geladen sind herausragende Historikerinnen, Denker und Diplomatinnen – mit ihren jeweiligen Standpunkten zum Ukrainekrieg.

Koelbls erster Gast am 7. Juni um 18 Uhr ist Liana Fix, Historikerin und Politikwissenschaftlerin. Die Osteuropaexpertin sagt: »Deutschland muss endlich Stärke zeigen!« Will sie, dass die Ukraine »gewinnt«, oder dass sie »besteht«? Haben Sie eigene Fragen? Können gestellt werden! Überdies verlosen wir zehn freie Zugänge. Interessenten schreiben an: info@events.spiegel.de . Einsendeschluss ist Freitag, 3. Juni, um 12 Uhr. Wer bereits Abonnent ist, kann sich hier anmelden .

Wenn das – noch! – nicht abendfüllend sein sollte, hier noch ein zusätzlicher Hinweis auf das jahrzehntefüllende Phänomen Kate Bush und einen ihrer Hits  von anno dunnemals (1985).

Denn ganz egal, ob man nun die vierte Staffel von »Stranger Things« guckt, das Gejubel bei Twitter oder den – zu Recht – etwas galligen Texte meines Kollegen Oliver Kaever zum Thema liest: »Running Up That Hill« it is.

Max (Sadie Sink) gemeinsam mit Dustin (Gaten Matarazzo)

Max (Sadie Sink) gemeinsam mit Dustin (Gaten Matarazzo)

Foto:

Courtesy of Netflix

Weshalb man die wunderbare Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte, sich heute mal wieder – oder erstmals – »Hounds Of Love« zu Gemüte zu führen. Es ist, hüstel, nicht schlecht.

Genau genommen ist es einer der Meilensteine der Achtzigerjahre, dem man die Achtzigerjahre auch anhört, aber nicht so, dass man als jemand, der die Achtzigerjahre erlebt hat, mit den Augen rollen und seufzen muss: »Ach Gottchen, die Achtzigerjahre, dieser Zombie unter den Dekaden, hört das denn nie auf?«

Ihr Geheimnis auf »Hounds Of Love« war nicht nur der Einsatz eines damals avancierten und sündhaft teuren Sample-Computer-Keyboard-Dingens namens Fairlight (Preise bis zu 100.000 Dollar nach damaliger Rechnung für etwas, das heute eine kostenlose App erledigt), also Vorsprung durch Technik. Ihr Geheimnis war auch, dass sie diese Technik in den Dienst ihrer Kunst stellte.

Empfohlen sei vor allem die »komplizierte« zweite Seite des Albums, inspiriert vom viktorianischen Dichter Alfred Tennyson, georgischem Folk, irischem Folk, »2001 – Odyssee im Weltraum«, Tiefseetauchgängen und den Hubschrauberklängen von Pink Floyds »The Wall«. Besser wurden sie nicht mehr, die Achtzigerjahre.

Besser als »Running Up That Hill«, die Single, ist ihre B-Seite. Weil da ein passendes Lied fehlte, komponierte sie kurzerhand »Under The Ivy« . Ganz einfach, am Klavier. Und das ist dann, die Jury tagt hinter verschlossenen Türen, der geheime Gipfel ihres gebirgigen Songwritings.

Tiefer, tiefer, irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht (go to sleep, little earth)!

Einen schönen Abend.

Herzlich
Ihr Arno Frank

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